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Geschichte der modernen griechischen Musik - Von der Antike bis heute

  2.832 Wörter 10 Minuten
2017-07-28 2017-07-28 28.07.2017 533 × gelesen

Das Ziel dieses kurzen Artikels ist sicherlich hoch angesetzt. Anvisiert ist einerseits das breite Spektrum der griechischen musikalischen Tradition, das als Inspirationsbasis für die Musik der heutigen griechischen Komponisten ernster Musik zur Verfügung steht, zu ergründen. Andererseits wird anhand von Beispielen genau diese Beziehung deutlich gemacht. Wie ist die Entwicklung griechischer Musik seit der Antike bis heute verlaufen? Was, wer und in welcher Weise hat dazu beigetragen? Wie nutzen heutige Komponisten dieses Gedankengut für sich in ihren Kompositionen? Das sind einige der Fragen, denen dieser Artikel nachgeht. 

Antikes Griechenland (ab dem 5. Jh. v. Chr.)

Die Reise muss natürlich in der griechischen Antike beginnen. In dieser Zeit der klassischen Antike in Griechenland (500 v.Chr. bis ca. 330 v.Chr.) hat man bei jeder Gelegenheit musiziert: in den Schulen (Ausbildung), bei den Symposien, den Festen, den Zeremonien und bei den Wettbewerben und natürlich auch im Theater (Tragödien und Komödien). Uns ist leider nur weniges und spärliches Material überliefert worden, so dass wir eigentlich nur in groben Maßen und mit eigener Vorstellungskraft diese Musik rekonstruieren können. 

Die theoretische Abhandlungen, die uns zum Verständnis dieser Musik verhelfen, stammen von zwei Gelehrten: Pythagoras (6. Jh. v. Chr.) und Aristoxenos von Tarent (4. Jh. v. Chr.). Pythagoras, der Ur-Musiktheoretiker der abendländischen Musik, teilte das Monochord in seinen Teiltönen (heute Flageolett-Töne eines Saiteninstrumentes) und entwickelte somit die so genannte pythagoreische Stimmung. Das war eine auf Quinten, Quarten und Oktaven basierende Stimmung. Durch die Naturtonreihe, d.h. durch den von Natur aus teilbarer Klang einer Saite, konnte Pythagoras die Anordnung der Tonhöhen und somit die Urharmonie bestimmen. Aristoxenos von Tarent fügte später Begriffe dazu, die uns bis heute noch im musikalischen Alltag begleiten: das Intervall, das Tonsystem, den Ton (Viertel-, Drittel-, Halb- und Ganzton), das diatonische, chromatische und enharmonische Tongeschlecht, die Dauer, den Rhythmus. Damit prägte er wesentlich die spätere Musikterminologie in der Spätantike und durch das Mittelalter auch noch bis in die heutige Zeit. 

Im griechischen Raum erklangen damals hauptsächlich zwei Arten von Instrumenten: die Saiteninstrumente und die Blasinstrumente. Bekannte Vertreter davon sind die Lyra und der Aulos. Die Lyra ist das dem Gott Apollon zugeordnetes Instrument. Das leise, u-förmige Instrument harmonischer Natur hatte 3 bis 12 gespannte Saiten. Man spielte es bei den ernsten Angelegenheiten der griechischen Kultur. Der Aulos galt andererseits als das Dionysos-Instrument. Dieses doppelröhrige Instrument war laut und rhythmisch. Es besaß ein Rohr für den Orgelpunkt und eines für die Melodie. Normalerweise wurde der Aulos in Begleitung einer Trommel bei eher heiteren sozialen Versammlungen gespielt.

Aber wie haben die Antike-Griechen notiert? Es gab ein Notationssystem, das auf die Verwendung von Buchstaben und Zeichen basierte. Die Buchstaben markierten die Tonhöhen, die Zeichen – etwa Kombinationen aus Punkten und Strichen – den Rhythmus. Dokumente von dieser Praxis kann man im archäologischen Museum in Delphi betrachten. Es sind „Steinpartituren“, also Stelen mit eingemeißelten Text und Musiknotation, dem Gott Apollon gewidmet. Es gibt zahlreiche Versuche, diese Musik zu rekonstruieren, die teils auch am Markt erhältlich sind. Ob sie genau stimmen, weiß leider keiner. 

Byzanz (395 n. Chr. – 1453)

Nach der Zeit der antiken griechischen Musik folgte eine Zeitspanne, in der die musikalische Praxis je nach Gegebenheiten leicht angepasst werden musste. Das römische Reich und die Verbreitung der christlichen Religion waren zwei Faktoren, die diese Musikpraxis sicherlich beeinflusst haben. Allerdings ist über die Veränderungen nichts bekannt. Bis die christliche Religion im 4. Jahrhundert offiziell vom römischen Reich akzeptiert worden ist und bis zur Entwicklung des Gregorianischen Liedes im 6. Jahrhundert herrschte offensichtlich eine gewisse „Einigkeit“ darüber, wie man singen und musizieren konnte. Es gab geografisch gesehen je nach Region und Kloster unterschiedliche Subkulturen, die allerdings gut miteinander auskamen, zumal noch keine offizielle „Linie“ gegeben war. 

Das endete spätestens im Jahr 1054. Während des Schisma (=griechisch für Spaltung) trennten sich die Kirchen des Westens und des Ostens aus machtorientierten Gründen. Damit endete auch das „gemeinsame Musizieren“ und jede hat sich für eine Richtung entschieden. Im Abendland entwickelte man mithilfe der antiken Tonleitern von Pythagoras und Aristoxenos die Kirchenmodi woraus die Polyphonie entstand. Im Morgenland und aus dem selben Kulturgut, ist man bei der Einstimmigkeit mit Musikbegriffen wie Oktoichos (=die acht Kirchenmodi), Tropario und Monodie geblieben. Für Griechenland ist die byzantinische Musik von großer Bedeutung. Durch sie können wir behaupten, dass musikalisch antikes griechisches Kulturgut in der christlich-orthodoxen Kirchentradition durch die Jahrhunderte überlebte. Wie konnte das geschehen?

Ein Schlüsselwort in dieser These heißt „Melisma“, ein griechisches Wort für Melodien kirchlicher Natur. Was mit dem Aulos geschah, geschieht auch mit den byzantinischen Chören. Sie teilen sich in das „Ison“ (=Orgelpunkt) und das Melisma. Melismata sind singbare und ausgearbeitete Melodielinien, die über veränderbare Orgelpunkte laufen und auf eine Weiterentwicklung der antiken Tonleitern zurückzuführen sind. Notiert hat man sie schon in der byzantinischen Tradition durch „Neumata“ über dem kirchlichen Text. Würdige Vertreter dieser Musik sind, um einige zu nennen, Gregor von Nazianz (329 – 390 n. Chr), Johannes Damaskinos (650 – 754 n.Chr) und Ioannis Koukouzelis (ca. 1280 – 1360). 

Natürlich kann man nicht behaupten, dass byzantinische Musik gleich wie antike griechische Musik klingt. Der Stil der Musik wurde stark den liturgischen Notwendigkeiten angepasst und natürlich weiterentwickelt. Es ist aber nützlich, über die Beziehung dieser beiden Musikarten zu wissen.

Einzug der westlichen Musikkultur in Griechenland über die ionischen Inseln (1733 – Ende des 19. Jh.)

Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch die Osmanen gehörte der größte Teil des griechischen Sprachraums vierhundert Jahre lang zum Osmanischen Reich. Alles was es an griechischer Kultur gab, war verboten, darunter auch die Religion und die Musik. Insofern hat das Land die Zeit der Renaissance, der Aufklärung und der Romantik verpasst, Zeiten wo die westlich-europäische Musik in ihrer Entwicklung fortschreiten konnte. All das spiegelt sich heute noch in der Musiktradition Griechenlands. Die Griechen, verspätet und musikalisch überholt, hassten und liebten ihre eigene musikalische Identität. 

Allerdings waren nicht alle Eroberer Griechenlands so streng wie die Osmanen. Im Gebiet der westlichen ionischen Inseln, genau gesehen auf Korfu, konnte die Musik kräftige Unterstützung bekommen. Es war die Zeit der venezianischen Besatzung (Venezianerherrschaft von 1386 bis 1797), das einzige Gebiet, dass von den Osmanen nie wirklich erobert worden ist.  Dort fand ein reger Austausch zwischen Musikern statt. Verreiste Musiker blieben auf Korfu und arbeiteten entweder im dort 1733 errichteten Opernhaus „San Giacomo“ oder erteilten Musikunterricht an Interessierte. Einer von ihnen war Stefanos Pogiagos, der 1791 als erster griechischer Komponist seine Oper auf Korfu vorstellen konnte. Ein Schüler von Pogiagos war der Komponist und Musikpädagoge Nikolaos Mantzaros (1795-1872). Nach seiner Bekanntschaft mit dem Dichter Dionysios Solomos (1798 – 1857) komponierte er seinen Hymnus an die Freiheit, der dann von König Georg I. zur griechische Nationalhymne erklärt wurde. Am Ende des 19. Jahrhunderts konnte die erste griechische musikalische Bewegung gegründet werden: die ionische Schule für Musik (Επτανησιακή Σχολή).

Viele griechische Musiker, die ihre Erstausbildung und Musikpraxis im Ausland gewonnen hatten, kehrten nach Griechenland zurück, um ihr Wissen zu vermitteln. So geschah es, dass auch in Athen, am Ende des 19. Jh., die Möglichkeit entstand, sich musikalisch ausbilden zu lassen. Die Entwicklung einer solchen Ausbildung wurde nicht zuletzt durch die Einführung des Klaviers und des Klavierrepertoires durch König Otto, dem ersten König des Landes (1832 – 1862), möglich. Einer der wichtigsten Komponisten, der kurz darauf Kariere machte, wird uns im kommenden Kapitel beschäftigen.

Manolis Kalomiris (1883 Smyrne – 1962 Athen)

Die erste wichtige musikalische Persönlichkeit der neuen Zeit Griechenlands, die wesentlich zum Wiederaufbau des musikalischen Lebens im Lande beigesteuert hat, war Manolis Kalomiris. Er war Gründer der griechischen Nationalschule als Teil der übrigen europäischen Nationalschulen, die im Gegensatz zur deutsch-französisch-italienischen Herrschaft der klassisch-romantischen Zeit, Chancen in den volkseigenen Melodien und Rhythmen des jeweiligen Landes sahen. Beispiele u.v.a. sind Tschaikowski in Russland und Béla Bartók in Ungarn. 

Kalomiris studierte in Athen, Konstantinopel und von 1901 bis 1906 in Wien und brachte die gesamte zentraleuropäische musikalische Entwicklung unmittelbar danach nach Athen. Seine Pläne und Visionen waren so stark aufgeladen, dass er aus eigener Überzeugung vieles in Athen bewegen und auf die Beine stellen konnte. 1919 gründete er das Griechische Konservatorium, anschließend das Nationale Konservatorium in Athen. 1931 war er Mitglied des neu gegründeten griechischen Komponistenverbandes, zu dessen Präsidenten er 1947 gewählt wurde. 1950 wurde er Präsident der Nationaloper. 

Kalomiris komponierte fünf Opern, drei Sinfonien, ein Klavier- und ein Violinkonzert, kammermusikalische Werke, Klavierstücke und zahlreiche Lieder. Er veröffentlichte auch mehrere musikpädagogische Schriften, die immer noch in den Konservatorien gelehrt werden; z.B. sein „Θέματα Αρμονίας“ ist ein Lehrwerk im Tonsatzstudium. 

Nikos Skalkottas (1904 Chalkida – 1949 Athen)

Nikos Skalkottas ist, meiner Meinung nach, eine wichtige Station auf dem Weg zur modernen griechischen Musik unserer Zeit, nicht zuletzt weil er der erste wirklich moderne griechische Komponist war. Skalkottas Geschichte ist allerdings, privat und gesellschaftlich gesehen, eine traurige. Ein hingerissener Komponist, der in Athen lebend als Orchestermusiker sein Brot verdienen musste und als Komponist in der damaligen Zeit keine Annerkennung fand. 

Skalkottas stammte aus einer Musikerfamilie und studierte in Athen und in Berlin unter anderen bei Arnold Schönberg. Schönberg erwähnt in seinen Schriften, dass Skalkottas neben Alban Berg und Anton Webern sehr begabt war. Der Schüler fühlte sich sehr inspiriert von den Lektionen des Lehrers und hat in seinem Musikstil den schönbergischen Duktus integriert. Er modifizierte die Zwölftontechnik und mischte sie mit Volksmusik seines Landes, außerdem hat er atonal und tonal komponiert. Was er allerdings dem damaligen griechischen Ohr anbot, war überhaupt nicht populär. Dem Land fehlte die gesamte musikalische Entwicklung der letzten 500 Jahre, so dass die Griechen auf Zwölftonmusik überhaupt nicht vorbereitet waren. Das momentan bekannteste Werk Skalkottas bleiben die tonalen 36 griechischen Tänze. 

Eine aus finanzieller Not verlassene Familie in Berlin, die auch daraus resultierende Unmöglichkeit, seine Kariere in Berlin fortzusetzen, die notgedrungene Rückkehr in die Heimat und die weitere kompositorische Arbeit in Athen als völlig Unbekannter (seine meisten Werke wurden erst nach seinem Tod entdeckt, viele blieben bis heute immer noch ungespielt), ließen ihn an sich selbst zweifeln. Skalkottas bleibt allerdings in den Herzen der griechischen Musiker als ein ehrenhafter und mutiger Mitstreiter.

Apollon oder Dionysos? Zwei grundlegend unterschiedliche Musikphilosophien in der heutigen Zeit

Ich möchte an dieser Stelle eine Metapher wagen. Ausgehend von der Antike könnte man sagen, dass griechische Musik entweder apollinischer oder dionysischer Natur ist. Alles was hauptsächlich mit geistigem Kalkül entsteht, ist dem Apollon zuzuordnen. Alles was mit Emotion entsteht, dem Dionysos. Natürlich gibt es bei der realen Musik nie eine pure Form, allerdings ist die Orientierung öfter sehr klar und nachvollziehbar. Jetzt möchte ich im Zuge dessen zwei Komponisten vorstellen, die eine wichtige Rolle im Musikleben des Landes spielten. Der erste verkörpert das Dionysische, der zweite das Apollinische. 

Jani Christou (1926 Heliopolis – 1970 Athen) – das Dionysische

Der Komponist und Musikphilosoph Jani Christou ist in Heliopolis bei Kairo geboren. Als Sohn eines Fabrikbesitzers brauchte sich Christou während seines Lebens nicht um das Finanzielle zu kümmern. Nach hervorragendem Studium bei Bachauer (Klavier), Wittgenstein und Russell (Philosophie), Redlich (Tonsatz), Jung (Psychologie) und Lavagnino (Instrumentation) konnte Christou sich für das Komponieren bestens vorereitet sehen. Während seines Lebens auf Chios skizzierte er mehrere Stücke, die sein früher Tod mit 44 Jahren nach einem Autounfall leider unvollständig ließ. 

Sein Werk ist vom philosophischen Fühlen mit mythischen, psychologischen, literarischen und spirituellen Elementen durchdrungen. In seiner ersten Kompositionsphase komponierte er atonal, allerdings ist Christou hauptsächlich wegen der zweiten Phase seiner Kompositionen bekannt. Da erforschte er den Bereich außerhalb des Musikalischen. In einer Mischung aus Musik, Schauspiel und Alltagssituationen versuchte er seine Werke als Mittel zum Ausdruck von gesellschaftlich unterdrückten Emotionen zu verwenden: Hysterie, alogische Reaktionen, Mystik. 

Als Beispiel dafür möchte ich sein Oratorium „Mysterion“ für Erzähler, drei Chöre, Tonband und Orchester anführen. Im Werk geht es um die Reise der jüngst verstorbenen Seelen durch die ägyptische Unterwelt auf dem Wagen von Afu-Ra. Christou benennt in seiner Musikphilosophie das Spielen z.B. einer Geige mit dem Wort „Praxis“ und diese „Praxis“ stellt normalerweise dar, was zu tun ist: Geige spielen. Als „Metapraxis“ werden alle diese Aktionen gemeint, die nicht zum normalen musikalischen Behaviorismus gehören. In diesen Fällen agiert der Geiger außerhalb der von ihm erwarteten Haltung, d.h. er könnte schreien, seinen Platz verlassen, etc. In den zwölf Kammern der ägyptischen Unterwelt kann man ein Arsenal an menschlichen Reaktionen und psychologischen Zuständen erleben. All das soll aus ganz normalen Profimusikern entstehen, die auf dieser eigenartigen Reise mitunter ein gutes Stückchen von sich selbst Preis geben sollten, wenn sie dem Werk gerecht werden wollen. 

Ferner ist die von ihm „Synthetische Notation“ benannte Notation eine Weiterentwicklung der herkömmlichen Notation. Zusätzlich zum normalen Notentext werden Zeichen und Symbole eingesetzt, die durch eine sekundenartige Einteilung der Partitur all das darstellen sollen, was sonst musikalisch nicht zu notieren wäre. So bekommen die späteren Partituren von Christou eine zusätzliche künstlerische Qualität, im Sinne eines graphischen Kunstwerkes. 

Iannis Xenakis (Br ila 1922 – Paris 2001) – das Apollinische

Ich vermute, dass meine Behauptung kühn ist, Christou mit Dionysos und Xenakis mit Apollon in Verbindung zu bringen. Allerdings scheint Apollon als Gott des Geistes dem griechischen Komponisten und Architekten wirklich nah zu sein. In Athen als Ingenieur ausgebildet, kämpfte Xenakis gegen die Nazis und nahm außerdem am nachfolgenden Bürgerkrieg teil. Er wurde festgenommen und zum Tode verurteilt und floh dann nach Paris, wo er bis zum Ende seines Lebens wohnte.  Kurz nach seiner Ankunft in Paris lernte er den bekannten französischen Architekten Le Corbusier kennen, bei dem er sechzehn Jahre als Assistent arbeitete. Er entwarf Pläne für Häuser, Kirchen und Stadien. Gleichzeitig nahm Xenakis kompositorischen Unterricht bei Honegger, Milhaud und Messiaen auf. Seinen internationalen Durchbruch erreichte er im Jahr 1955, bei den Donaueschinger Musiktagen, nach der Uraufführung seines Stückes für einundsechzig Musiker „Matastaseis“. 

Das Besondere bei der Musik von Xenakis ist, dass sie nicht auf musikalischem Gedankengut basiert. Ihn interessierten mathematische, geometrische, architektonische und philosophische Prinzipien bei der Komposition. Wahrscheinlichkeits-, Menge- und Chaostheorien waren Ausgangspunkte für Musikstücke, die die Musikwelt nachhaltig beeinflusst haben. Das Lyrische spielt überhaupt keine Rolle in der Musik von Xenakis, man könnte ihn als „herben” Komponisten bezeichnen. 

Zurück zu „Metastaseis“, weil dieses Stück gut seine Arbeitsweise beschreibt . Als Le Corbusier ihn mit dem Entwurf des Phillips-Pavillons der Brüsseler Weltausstellung 1958 beauftragte, entwarf er ihn nach hyperbolischen Kurven. Wir wissen nicht genau, was zuerst in seiner Vorstellung geboren worden ist, der Pavillon oder das Musikstück? Wie es auch immer sei, beide „Werke“ basieren auf derselben Idee. Die Musik materialisiert sich im Raum, das Gebäude kann man von außen bestaunen und im Konzertsaal quasi belauschen. Während sich die meisten Kompositionsideen in einem gewissen zeitlichen Rahmen, markiert durch die Taktart und das Tempo, entwickeln, arbeitet Xenakis in „Metastaseis“ analog zu Maß und Energie mit dem Register, der Dichte und der Intensität. Naturwissenschaftliche Gesetze und Theoreme plus das Bewusstsein der griechischen Antike und Kenntnis ihrer Schriften waren stets zwei unerschöpfliche Inspirationsquellen seiner Werke.

Moderne griechische Komponisten unserer Zeit

Beide im Vorausgegangenen vorgestellte Komponisten genießen einen Status in der heutigen griechischen Musikszene. Christou, weil er die Grenzen des bis dato Musikalischen im griechischem Alltag durchbrach; Xenakis, weil er außer Mikis Theodorakis der einzige griechischer Komponist ist, der weltweit eine nie dagewesene Annerkennung genießen darf. Es wäre allerdings ungerecht, wenn man behaupten würde, das wäre alles, was die moderne griechische Musik anzubieten hätte! Es gibt eine Reihe erfolgreicher und bekannter griechischer Komponisten mit unterschiedlichen Biographien und Interessen, die in der internationalen Musikszene heutzutage unterwegs sind. Der letzte Abschnitt dieses Artikels ist ihnen gewidmet, damit der interessierte Leser einen besseren Eindruck von der Vielfalt der musikalischen Ansätze bekommen kann. Ich entschuldige mich allerdings schon jetzt bei allen Kollegen, deren Namen hier nicht erscheinen konnte und verweise auf weiterer Suche, da der Horizont der griechischen Kreation größer als die Möglichkeiten dieses Artikels ist.

Michalis Adamis (1929), in Athen lebend, ist ein Komponist, der zeitgenössische Tendenzen mit byzantinischer Tradition sehr gut zu verbinden vermag. George Aperghis (1945), heute in Paris lebend, ist das griechische Pendant zum Kagelschen Musiktheater, allerdings mit absurderem Charakter. Theodore Antoniou (1935), heute in Athen lebend und Vorsitzender des griechischen Komponistenverbandes, ist ein Komponist, der sich zwischen Atonalität und Folklorismus bewegt. Giorgos Koumentakis (1959), heute auf der Insel Tinos lebend und musikalischer Leiter der Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele 2004 in Athen, erforscht gerade die unentdeckten musikalischen Möglichkeiten der griechischen traditionellen Musik in seinen Werken. Giorgos Kouroupos (1942), in Athen lebend und bis vor kurzem künstlerischer Leiter des Orchesters der Farben in Athen (leider der aktuellen finanziellen Krise zum Opfer gefallen), ist ein Komponist, der seine Inspiration in der traditionellen Musik und den modernen Spieltechniken findet. Dimitri Terzakis (1938), in Leipzig lebend, lotet die mikrotonalen Tonräume der griechisch-orthodoxen Musiktradition in Kombination mit der griechischen Antike aus. 

Zum Abschluss  

Ich hoffe, mit diesem Artikel dem Ursprung und den Quellen der modernen griechischen musikalischen Kreation ansatzweise nachgegangen zu sein. Vieles, was dieses musikalisches Volk anzubieten hat, basiert auf seiner langjährigen Geschichte am südöstlichen Fuß von Europa, zwischen antikem Griechenland, mittelalterlichem Byzanz und griechischer Neuzeit. Allerdings malt die Offenheit der neueren griechischen Komponisten, die teils im Ausland zusätzliche Impulse aufgenommen haben, momentan ein vielseitiges und buntes Bild im aktuellen griechischen musikalischen Canvas. Es ist an der Zeit, ihn zu entdecken, ihn zu genießen und auf ihn aufmerksam weiter zu beobachten. 

Leipzig, im März 2012

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