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Manos Hadjidakis - Der andere Grieche

2016-08-19 2016-08-19 19.08.2016 437 × gelesen 3 Minuten

Spricht man von der heutigen griechischen Volks-musik, so geht immer zuerst die Rede von Mikis Theodorakis. Und doch war es sein Kollege, Rivale, Partner, Freund (?), Manos Hadjidakis, der dieser Musik mit seiner Partitur zum Film von Jules Dassin mit der am 6. März 1994 verstorbenen Melina Mercouri: „Sonntags nie“ und dem zum Weltschlager gewordenen: „Ein Schiff wird kommen...“ den Weg geebnet hat.
Manos Hadjidakis (ausgespr. Chatzidakis) und Theodorakis sind gleichaltrig. Beide sind 1925 geboren, Hadjidakis am 26.10. in Athen selbst.
Er stammt aus dem bürgerlichen Lager und widmete sich früh der Musik. Er wurde sehr schnell einer der führenden griechischen Komponisten. Seine Klaviermusik wurde sofort als avantgardistisch eingestuft. Ein schönes Beispiel für ihre Qualität liefert das Werk „Pour un petit coquillage blanc“ (Aufnahme mit Elena Mouzalas, Pavane).
Hadjidakis bestätigte sich als ein wichtiger Initiator in Griechenland. So steht er mit Dora Stratou und Rallou Manou an der Wiege des „Elliniko Chorodrama“, des bedeutendsten und profiliertesten Tanzensembles Griechenlands. Theodorakis schreibt dafür ein Ballett unter dem Titel „Orpheus und Eurydike“, das im Mai 1952 unter der Leitung von Hadjidakis in Mykene erfolgreich aufgeführt wird. Hadjidakis gilt auch als Gründer der Abteilung für klassische Musik am Nationalen Rundfunk Athen.
In der Zeit des Umbruchs nach dem leidvollen Bürgerkrieg, Anfang der 50er Jahre, setzt in Griechenland eine Rückbesinnung auf die authentischen Werte der griechischen Musik, auch des Rembetiko, ein: Die junge Generation der Komponisten erkennt die Werte der verpönten Musik und eignet sie sich an. Manos Hadjidakis ebnet ihr, wie gesagt, dank der Filmmusik zu „Pote tin Kyriaki“ (Sonntags nie, 1960), die einen „Oscar“ erhält, den Weg zum internationalen Ruhm. Der Westen entdeckt die Bouzouki und identifiziert sie mit der griechischen Musik schlechthin: So beginnt ein neues Mißverständnis, das zum Teil heute noch anhält.

Der „Epitafios“-Streit
Anfang der 60er Jahre wuchsen die sozialen Spannungen in Griechenland. „Epitafios“ von Theodorakis, auf die erschütternden Texte von Yannis Ritsos, wurde zum Fanal einer Hoffnung. Mikis hatte Hadjidakis die Lieder, die er in Paris komponiert hatte, geschickt, und dieser hat eine Schallplattenaufnahme davon gemacht. Als Interpretin hat er dafür die damals blutjunge Nana Mouskouri gewählt, die mit ihrer elegischen, „süßen“ Stimme, begleitet von Gitarre, Cello, Baß und Xylophon eine lyrische Fassung bietet, „ein Epithalamos, die Klage einer Schwester über den Bruder, einer Liebenden über den Geliebten, eher denn die Klage einer Mutter über ihren Sohn.“ (Theodorakis: Pour une musique grecque, S.179). Für Nana Mouskouri wurde Hadjidakis, der so am Anfang ihrer Karriere stand, später der Komponist schlechthin („Weiße Rosen aus Athen“).
Die „Epitafios“-Aufnahme hatte einen unbeschreiblichen Erfolg. In einem Monat war sie ausverkauft. Theodorakis aber war mit dem Ergebnis unzufrieden. Für ihn fehlte der Aufnahme das Eigentliche, das Wesentliche, das „Griechische“...
So beschloß er, eine eigene Schallplatte zu machen und stellte dafür selbst ein Orchester zusammen. Er wählte als Soloinstrument die Bouzouki, das Instrument des Lumpen-proletariats, und verpflichtete Grigoris Bithikotsis als Sänger.
Die Darbietung wurde eine Sensation: „War der erste >Epitafios< lyrisch und hochzeitlich, so ist der zweite für die Märkte und Straßen, wo der junge Mann lebte und liebte, bevor er eine Kugel ins Herz bekam und starb.“ (Theodorakis in der Zeitung Avgi vom 6., 7. und 8.10.1960).
Griechenland wird durch die leidenschaftlichen Diskussionen um „Epitafios“, an denen sich Musikkritiker, Schriftsteller, Journalisten beteiligen, in zwei Lager gespalten: auf der einen Seite, die Bourgeoisie, die feine Gesellschaft, die Partei für Hadjidakis ergreift, auf der anderen, die Jugend und die Arbeiterklasse, die sich ebenso leidenschaftlich auf die Seite von Theodorakis stellen. Diese Auseinandersetzung zwischen „Hadjidakikos“ und „Theodorakikos“ offenbarte nicht nur einen Konflikt zwischen den Generationen und den sozialen Gesellschaftsschichten, sondern war vor allem beispielhaft für den politischen Konflikt in Griechenland, für den sie die Funktion eines Katalysators ausübt.
Theodorakis und Hadjidakis führten ihre Zusammenarbeit, trotz dieser Auseinander-setzungen fort. Hadjidakis ist in Rom dabei, als Theodorakis’ Ballet „Carnaval“ 1963 aufgeführt wird, und zu „Maghiki Poli“ (Verzauberte Stadt) tragen sowohl Theodorakis als Hadjidakis Musik bei.

Ein vielseitiger Musiker
Hadjidakis schrieb in diesen Jahren die Musik für Dutzende von griechischen und internationalen Filmen, deren bedeutendsten die für „Aliki My Love“, „America, America“ von Kazan, „In the Cool of the Day“, und „Nine Miles to Noon“ (1963), sowie „Topkapi“ (1964) und „Sweet Movie“ (1974) sind.
Eine ganze Reihe von Liederzyklen entstehen, die es vom Erfolg her nicht ganz mit denen von Theodorakis aufnehmen können, die aber von großer Bedeutung für die Entwicklung der griechischen Musik sind, da sie, ebenso wie die von Theodorakis, auf die Texte großer Autoren zurückgreifen und diese durch die Musik dem Volke nahe bringen. Erwähnt seien hier: „Duo Nautika tragoudia“ (1947), „O Kyklos tou C.N.S.“ (1954), „O Kapetan Michalis“ (1966), „Lorca: Matomenos Gamos“ und „Kambanellis: Paramythi choris Onoma“ (1957)
Hadjidakis’ Rolle während der Obristen-Diktatur ist nicht gerade ein Ruhmesblatt seines Lebens. Dazu Melina Mercouri: „Es ist bitter, wenn eine alte Freundschaft auseinandergeht. Ich weiß nicht, wann Manos den Mut verlor. Keiner von uns war so empört, so zornig wie er, als die Diktatur unser Land ergriff.(...) Einige Zeit später traute ich meinen Augen nicht, als ich in einer Zeitung ein Interview fand, in dem Manos dem Reporter gegenüber meine gegen die Junta gerichtete Tätigkeit kritisierte. Bald darauf kehrte er nach Griechenland zurück. Als ich dann eines Tages eine Aufnahme von Manos zusammen mit Obrist Makarezos sah, wollte es mir fast das Herz brechen.“ (Mercouri: Ich bin als Griechin geboren, Rowohlt, S.168).
Später sollte sich Hadjidakis dann doch noch radikal gegen das Regime der Obristen aussprechen. Seine Haltung wurde ihm nachher nicht weiter verübelt.
Nach dem Sturz der Diktatur und der Rückkehr an die Macht von Karamanlis, übertrug ihm dieser das Staatsorchester, das Rundfunkorchester und den Chor.

In späteren Jahren bestätigt sich Hadjidakis auch international als Dirigent.
An der Brüsseler Monnaie leitete er eine sehr kontroversierte „Traviata“ mit einer Choreographie von Maurice Béjart. Derselbe Béjart übernahm für sein herrliches Ballet „Thalassa, Mare Nostrum“ sowohl Musik von Hadjidakis als auch von Theodorakis.
Hadjidakis’ Tätigkeit als Orchesterleiter war zu Beginn sehr anregend für die griechische Musikszene, doch dann ging der Komponist einer seiner Neigungen nach, der zu einem gewissen Phlegma, was ihm dann wieder übelgenommen wurde.
In den letzten Jahren war er sehr von seiner Lungenkrankheit geplagt. Am Mittwoch, den 15. Juni 1994, starb er an einem akuten Lungenoedem. Staatspräsident Karamanlis und Ministerpräsident Papandreou beklagten seinen Tod als einen großen Verlust für Griechenland.
Zu Hadjidakis’ bedeutendsten Interpreten zählen: Nana Mouskouri, Maria Farantouri, Agnes Baltsa („Garifallo st’afti“, „O tachidromos“), Lakis Pappas, Georges Moustaki („Pornographie“, „Le Chant du Cygne“) und die in Luxemburg lebende Anastassia Tsoutsou, die soeben in Athen eine Doppel-CD mit Liedern von Hadjidakis aufgenommen hat.


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