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Der Philhellenismus der Neuzeit

  2.310 Wörter 8 Minuten
2017-06-24 2017-06-24 24.06.2017 249 × gelesen

Die Entdeckung Pompejis und der Beginn der Antikenbegeisterung in Europa

Im Jahrhundert der Aufklärung hatte man durch ausgedehnte Grabungen in Unteritalien die Antike entdeckt und sie eingelassen in das Leben und Denken der Zeit. Hauptsächlich manifestierte sich die Antikenbegeisterung an der Freilegung der Städte Pompeji und Herculaneum in Unteritalien. Expeditionen, die vor allem der König auf Sizilien eingeleitet hatte. Die Bedeutung der entdeckten Artefakte und auch die Freilegung der Ruinen sind für die mentalgeschichtliche Entwicklung Europas kaum ausreichend zu würdigen. 

Einen direkten Hinweise auf den manierierten Umgang des Adels und des gehobenen Bürgertums mit der Antike, der die Artefakte auf die Funktion des dekorativen Interieurs reduzierte, veranschaulicht dabei ein Gemälde Johann Zoffany (1733 – 1810): Es porträtiert einen der berühmtesten Sammler seiner Zeit: Charley Townley (1737 – 1805). 

Ein äußerst kapriziöser Zeitgenosse, der gleichfalls vorbildhaft für die Zeit steht, ist der sehr bekannte Lord Hamilton, der Botschafter im Königreich Neapel war, und für den diese Entdeckungen vor allem eine Quelle auch des leichten Gelderwerbs darstellten. Antiken waren, bei aller Wertschätzung, für den englischen Edelmann auch immer ein Mittel um sich einen aufwändigen Lebensstandard zu finanzieren. Er veräußerte die antiken Vasen, die den Grundstock der Antikensammlung des British Museum bildeten, vor allem um seiner wahren Leidenschaft nachgehen zu können: Der Geologie und Gesteinskunde. Auch diese Funde gingen an das britische Museum und  bildeten den Grundstock der naturwissenschaftlichen Sammlungen in diesem Haus. 

Besonders dieses schnelle Veräußern ist typisch für die Zeit und ein Parameter, um die Wertigkeit der Antike im zeitgenössischen Umfeld des 18. und 19. Jahrhunderts zu erfassen. Darüber hinaus waren die antiken Funde jeglicher Art Vorbilder und sie lieferten Vorlagen für eine direkte, wie auch gebrochene als auch durch den Empfänger veränderte Rezeption. Sie waren nicht auf bestimmte Artefaktgruppen beschränkt, so wie sie auch nicht auf bestimmte Personengruppen beschränkt blieb. Exklusivität war nicht exklusiv für wenige, sondern eine Exklusivität, die jeder nach seinen Möglichkeiten zu erstehen suchte. Manche erwarben originale Kunstgegenstände der Antike und manche zeitgenössische Imitate, wie z. B. von der Manufaktur Wedgwood produziert wurden.

Antike war begehrt für jeden nach seiner Art. 

Die Entdeckungen der Funde und in der Folge auch das erste archivarische Sammeln und davon ausgehend die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit DER ANTIKE veränderte das Gesicht Europas nachhaltig und prägte seine kulturelle Entwicklung in mannigfaltiger Form. Europas Kultur der Neuzeit ist kaum denkbar und nicht erklärbar ohne diese Entdeckungen der Antiken. 

Allerdings kristallisiert sich oft ein etwas einseitiges Bild und man hat leicht den Eindruck, dass Antikenbegeisterung ein einseitiger, geradezu einmaliger und vor allem linearer Prozess war, der direkt von Pompeji und Herculaneum ausgeht und wie ein Strahl Europa erfasst. Es scheint oft so, auch in der Auseinandersetzung mit der Rezeption, als wäre diese Antike, wie immer man sie auch verstand, erst in Europa und erst durch die Adeligen verbreitet worden. Und weiter entsteht auch der Eindruck, als führte die Entdeckung der Städte in Unteritalien zu dieser mentalen Bewegung auf dem alten Kontinent. 

Das greift in der Tat zu kurz und zeichnet auch kein vollständiges Bild der Entwicklung. Es verkennt Ursache und Wirkung und erklärt auch nicht die Stellung der Levante und die Einstellung zur Levante im 18. Jahrhundert.

Tatsache ist, dass Europa im ausgehenden 18. Jh. begierig und äußerst interessiert war an Fremdem. Und wie sich zeigt, gab es eine Faszination des Fremden, und an der fremden wahrnehmbaren Welt und auch des ideellen Umfeldes durch die Kunst, die in der direkten Umsetzung das Sprachrohr und der Vermittler ist. Und so wundert es nicht, dass es natürlich mehrere Strömungen gab, die letztlich auf Europa einwirkten. Erst im Zusammenspiel dieser oft auch antagonistischen Kräfte erklärt sich die Stellung und Haltung Europas gegenüber der Levante, also Griechenlands, und erst dadurch erklärt sich der moderne Philhellenismus. 

Die Entdeckung des Orients

Parallele Entwicklung, die bislang wenig beachtet wurde, ist die Entdeckung des Orients. Sie erschien im 19. Jahrhundert als ebenso zentrales Ereignis wie auch die Entdeckung der Antike, obgleich der Orient in diesem Fall nicht Teil der Vergangenheit war, sondern ein Einfluss, dem Europa direkt ausgesetzt war. Der entscheidende Anstoß zur Erforschung des Orients war, so paradox dies erscheinen mag, die Auseinandersetzung mit Spanien, das Victor Hugo zufolge damals „halb afrikanisch“ war. Eine Reise auf die iberische Halbinsel stellte im Zeitalter der Romantik ein riskantes Unternehmen dar. 

Der Orient, dem auch das Osmanische Reich zugesprochen wird, war durchaus eine Quelle der Inspiration in der Malerei und auch in der Dichtkunst. Lord Byron macht das maurische Spanien zum Schauplatz seiner Ritter von Harolds Pilgerfahrt und des Don Juan. Auch Heinrich Heine wurde durch seinen Besuch in Spanien zum Drama Almansor inspiriert, eine leidenschaftliche Anklage der Inquisition.

In der Malerei sei Alfred Dehodencq erwähnt, der König Boablis Abschied von Granada. Stark expressiv und zutiefst emotional wird der letzte Herrscher von Granada bei seinem Abschied dargestellt. Es ist nichts Königliches an ihm, nichts Erhabenes. Es spiegelt sich das Thema des Orientalismus wieder. Hingabe an das Schicksal und demütige Annahme seiner Grausamkeit. Das war in den Augen der Europäer der Orient.

Maler wie Joseph Philibert Girault des Prangèy erstellten in monatelanger Arbeit Dokumentationen mit dem Titel Die arabischen Monumente von Cordoba, Sevilla und Granada.

Neben dem Orientalismus, begann auch das Interesse an der altägyptischen Kultur. Anlass waren hier die Feldzüge Napoleons. Die Kostbarkeiten, die der Kaiser dort vorfand, schickte er nach Frankreich und gestaltete den Louvre zum Museum.

Die Umsetzung der ägyptischen Elemente in die Formensprache europäischer Kunst zeigt sich am Bühnenbild zu Mozarts Zauberflöte von Karl Friedrich Schinkel, Der Portikus am Palast der Königin der Nacht. 

Daneben entstehen auch Turquerien. 

Zu sehen in einer Abbildung von Jithou d. Jüngere, Toilette der Sultanin. Es wurde 1783 gefertigt. Es handelt sich um Porzellan der Sèvres-Manufaktur nach einer Gobelin-Vorlage von van Loo. Das Bild stammt aus der Sammlung des Künstlers, die unter der Zusammenfassung „Türkische Kostüme“ bekannt ist.

Wie nachhaltig der Orientalismus gewirkt hat und eine Quelle der Inspiration war, sieht man an einem Spätwerk von August Renoir, Pariserinnen im algerischen Kostüm (auch bekannt unter Haremsinterieure auf dem Montmartre 1872). 

Eindrücklich zeigen sich an diesen Bildern die Verklärung und das „Abgerückte“ in der Wahrnehmung dieser fremden Welt durch den europäischen Betrachter. Die fehlende zeitliche Distanz wird ersetzt durch eine scheinbare emotionale Distanz, die sich äußert in einem verklärt- romantischen Blick, der es erlaubt, ein hierarchisches Eurozentriertes Betrachten aufrecht zu erhalten. 

Und es begegnet der Orient dem Betrachter schleierhaft fremd, geradezu entrückt. Die fehlende zeitliche Distanz wird ersetzt durch eine scheinbare emotionale Distanz, die sich äußert in einem verklärt-romantischen Blick, der es erlaubt, ein hierarchisches, eurozentriertes Betrachten aufrecht zu erhalten. Und so war die Bewertung des Orients eine ganz andere. Der Orient und auch der Islam mögen inspirierend gewirkt haben auf die Kunst; in der Wertschätzung der Europäer waren sie nicht zu spüren, ganz im Gegenteil, es war die Fremdartigkeit der Religion, die auch als Bedrohung angesehen wurde. Orientbilder waren immer geprägt von einer Ambivalenz in der Wahrnehmung der Europäer. Geprägt auch von der Angst gegenüber der islamischen Zivilisation. Orientalismus war auch der Versuch, mit der eigenen Angst gegenüber dem bedrohenden Fremden umzugehen.

Und stellt man die Antike und den Orientalismus als zwei Zeitströmungen nebeneinander, definieren sich unterschiedliche Ebenen der Identifikation mit einer Kultur und der Separation gegenüber einer Kultur, die für das europäische Bewusstsein auch heute noch von enormer Tragweite sind. 

Zwischen diesen beiden Polen ist emotional und geographisch die Entdeckung des griechischen Archipels anzusiedeln und durch diese beiden Elemente ist auch der Philhellenismus geprägt, vielleicht sogar bis in die Neuzeit hinein.

Die Entdeckung der Levante und  der Beginn des Philhellenismus 

Geographisch, historisch und mental liegt die Levante an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Zwischen der Bewunderung für die Antike und der angstvollen Faszination des Orients. Nur so erklärt sich, dass die Darstellung der Bewohner der Levante in der Malerei erinnern an die Darstellungen des Orients.

In dem Gemälde „Szenen aus den Massakern von Scio“ von Eugen Delacroix (1824), offenbaren sich ein expressiver Ausdruck, ein Habitus und auch eine Einbettung der Szene in einen szenischen Hintergrund, die an Bilder aus dem Orient erinnern. Sie zeigen das Schicksal, seine Unabwendbarkeit, sein Grauen und Entsetzen, dem die Nachfahren der antiken Griechen ausgesetzt waren. Formelhaft begegnet einem der Orient. Ob der Maler überhaupt eine realistische Wiedergabe wollte sei dahingestellt.

Aber der Ursprung war ein anderer. Parallel zur Entdeckung der Antike in Italien und der Reisen in den Orient wurde auch der griechische Archipel archäologisch erkundet. Die Entdeckung Griechenlands entspringt grundsätzlich derselben aufklärerischen Gesinnung und findet auch zur selben Zeit statt, wie die Entdeckung Pompejis und Herculaneums. 

Dokumentiert werden die Entdeckungen der Levante z. B. von Julien David le Roy 1754. Er verfasste „Die Ruinen der schönsten Monumente Griechenlands“.

1788 erschien „Die Griechenlandreise des jungen Anacharis“ des Abbé Barthélem. 

Ebenso relevant waren die Werke „Das schöne Griechenland“ von Nicolas Lancrets (1740) und die „Pittoreske Reise in Griechenland“ des Comte Choisseul-Goifier (1782 – 1822). 

In der Folge wurde 1829 eine wissenschaftliche Expedition nach Morea durchgeführt, welche seitens des französischen Außenministeriums gefördert wurde und sich u.a. mit der Naturkunde, Architektur und dem kulturellen Erbe befassen sollte. Sie gab erste, aber sehr wichtige Einblicke in die Landschaften der Levante, die in der Antike als das Land der griechischen Kultur bezeichnet wurde. Allerdings ohne dass diese Stichwerke, die sich der griechischen Werke annahmen, die kanonische Form der Dokumentation der Werke Johann Winkelmanns erlangten. 

Die Antikenbegeisterung nimmt in Griechenland davon ausgehend dieselben Formen an, die wir inzwischen aus Italien kennen. Man entdeckt die Dinge und will sie haben. So werden mit dem Einverständnis der örtlichen Verwaltungen ganze Tempel verschifft, Plastiken aus dem Kontext gehauen, auf Schiffe geladen und nach Europa gebracht. 

Die Frage ist, ist das schon Philhellenismus? 

Philhellenismus der Moderne umschreibt etwas, das in einem Zitat von Winkelmann zusammengefasst ist, der sagte, die Kunst Griechenlands sei einem freien Volk entsprungen und der hohe Stellenwert, den die Kunst gehabt habe, sei auch durch die Freiheit bedingt, und somit sei es durchaus notwendig, den Nachkommen des Perikles eben diese Freiheit wieder zu schenken. 

Letztlich war die Unterstützung der Bewohner Griechenlands bei der Rückgewinnung ihrer Freiheit eine Referenz an die Vorfahren. Und somit ist Philhellenismus getrennt zu sehen von Antikenbegeisterung, zwar eine mentale Strömung, die aber in ein Politikum mündete. Legitimiert durch das antike Erbe war der Philhellenismus zugleich eine Ablehnung des Osmanischen Reiches. 

Die Entdeckung der Antiken in der Levante war so gesehen nur ein Einstieg in die Erkundung eines Landes, das in sich fremd war und das vor allem aus politischen Gründen interessant war. 

In der logischen Fortsetzung wurde der Begriff Philhellenismus in den Jahren des griechischen Freiheitskampfes geprägt und bezeichnet die vielfältigen Bemühungen von Nichtgriechen, den Hellenen in ihrem Kampf gegen das osmanische Reich beizustehen. Er wurde darüber hinaus vielfach, vor allem von Griechen, dazu verwendet, eine allgemeine Sympathie für ihr Land und Volk zu definieren. Die zugrunde liegende Wortschöpfung geht auf Herodot zurück und seither hat es immer wieder Herrscher, Künstler, Politiker und Bürger gegeben, denen man eine besondere Neigung zum Griechischen nachsagte. Diese Haltung führte beispielsweise dazu, dass man, um die Freiheitsbewegung in Griechenland zu unterstützen, Aufführungen inszenierte. Sie orientierten sich an den Phasen des griechischen Aufstandes und setzten sie in Szene. Ein Teil der Einnahmen, so heißt es, kam dem Wiederaufbau des Landes zugute.

Im Gegensatz zur Antikenbegeisterung, die durch die edlen Funde aus Pompeji ausgelöst wurde, waren die Unterstützung der Griechen und später auch die Unterstützung des Freiheitskampfes ein globales Phänomen, eine politische Zeiterscheinung. Wichtiger aber: Sie ergriff alle sozialen Schichten. 

Eine Lithographie von Nicolas-Toussaint Charlet illustriert, wie französische Arbeiter zugunsten der Griechen spenden. 

Das Gegenstück ist eine Lithographie von Mademoiselle Fromentin, die Adelige zeigt, die gleichfalls für die Sache der Griechen sammeln. Zu sehen das Büro der Philhellenen in Paris. 

Im Hintergrund hängt eine Kopie des Bildes “Leonidas” von Jean-Louis Davis. Der ikonographische Hinweis, den Mademoiselle Fromentin mit diesem Bild gab, ist alles andere als beiläufig. 

Beim Publikum der Restaurationszeit waren ähnliche Emotionen geweckt wie im Jahr 1789, als französische Damen ihren Schmuck für die Revolution gaben. 

Die Gleichsetzung wird eben durch das Bild von David betont, dessen Werke in der ersten Ausstellung „für die Griechen“ 1826 in der Galerie Leprun gezeigt wurden.

Madame Fromentin verband daher Liberalismus und Philhellenismus, um ein breites Publikum anzusprechen. Die starke Unterstützung ermisst man daran, dass Künstler wie Victor Hugo diese Bewegung förderten.

In einem zeitgenössischen Aufruf heißt es: „Werden Sie es wert, sei es auch mit einer bescheidenen Gabe, zu den Förderern Griechenlands, d.h. zu den Wohltätern der Kultur und der Menschheit zu zählen.“ 

Antikenbegeisterung und Philhellenismus sind Begriffe, die nur wenig miteinander gemein haben. Antikenbegeisterung zeugt von der Verklärung der Kultur der Antike. Philhellenismus ist ein Begriff der Neuzeit, der im damaligen Jetzt und Hier seine Wurzeln hatte, keine Ableitung oder Weiterführung der antik-historischen Begriffsbedeutung. 

Er war durchdrungen vom Mitleid für die armen Bewohner der Levante. 

Er war verklärt von der Hingabe an eine Revolution für eine gerechte Sache. 

Wie getrennt die Dinge sind, die einzig zeitlich in einer Kohärenz stehen, zeigen die Zitate von zwei Griechen, die den Blick von innen auf die Sache lenken. 

Einerseits von Joannis Kapodistrias. Er war Präsident des griechischen Staates in der Übergangszeit vor der bayrischen Regentschaft und späterer Generaldirektor des Antikendienstes.

„Ferner höre ich, dass Sie hellenisch (altgriechisch) verstehen, das Altertum lieben und sich damit beschäftigen. Das sind irrige Ideen, welche Sie aufgeben müssen. Sie beurteilen, wie die meisten Leute, die Alten ganz falsch. Es waren unruhige Köpfe, von denen wir Neugriechen nichts Praktisches lernen können.“

Auch in der grundsätzlichen Frage, welche Rolle die Antike im neuen Staat spielen sollte, herrschte keine Einigkeit. Die Antikenbegeisterung wurde nicht von allen Griechen geteilt. 

Sehr eindrücklich zeigt sich die Bewertung auch an dem überlieferten Zitat von Andreas Mustoxidis, dem berühmten Altertumsforscher und Mitbegründer des Instituto di Correspondenza Archaeologia in Rom, und erstem Direktor des Museums von Aigina. 

„Der Teufel hole die Türken, dass sie in Athen noch einen Stein auf dem anderen gelassen haben; dann würde man doch nicht immer von den alten Erinnerungen hören müssen“