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Mikis Theodorakis, Immer wieder Musik ...

2016-08-19 2016-08-19 19.08.2016 393 × gelesen 3 Minuten

Mikis Theodorakis dürfte der zeitgenössische Komponist sein, der über das weltweit größte und breit gefächertste Publikum verfügt: ein einzigartiges Phänomen im Musikleben unserer Zeit. Zwei wesentliche Gründe für seine Popularität sind seine außergewöhnliche melodische Begabung und die erstaunliche Bandbreite seines Schaffens. Sein Werk umfasst neben etwa 1.000 Liedern über 100 größere Kompositionen, darunter Kammer-, Ballett-, Theater- und Filmmusik sowie Sinfonien und Opern, die von so berühmten Dirigenten wie Thomas Beecham, Dimitris Chorafas, Charles Dutoit, Herbert Kegel, Dimitri Kitajenko, Zubin Mehta aufgeführt wurden und nach wie vor ihren Platz im Konzertleben haben.
Theodorakis offenbart sich in seinem Schaffen wie in seinem Denken als äußerst kosmopolitischer Künstler – trotz des ausgeprägt „griechischen“ Elements in seiner Musik, die von byzantinischen, demotischen und kretischen Einflüssen geprägt ist. Unter den von ihm favorisierten Textdichter finden sich internationale Autoren wie Federico García Lorca, Brendan Behan, Pablo Neruda, Martin Walser und viele andere. Zu seinem vielschichtigen OEuvre gehören die Musiken zu zahlreichen Filmen (darunter Honeymoon von Michael Powell, Phädra von Jules Dassin, Five Miles To Midnight von Anatole Litvak, Zorbas von Michalis Cacojannis, Z von Costa Gavras und Serpico von Sidney Lumet). Einzigartige Bedeutung kommt natürlich seinen Liedern zu, die in den letzten vierzig Jahren von zahlreichen und sehr unterschiedlichen Interpreten gesungen worden sind; genannt seien hier Agnes Baltsa, die Beatles, Dalida, Maria Farantouri, Mary Hopkin, Liesbeth List, Maria del Mar Bonet, Marino Marini, Milva, Mouloudji, Georges Moustaki, Nana Mouskouri, Edith Piaf und Herman van Veen.
Theodorakis’ Diskographie umfasst etwa 300 Platten- bzw. CD-Veröffentlichungen, die ausschließlich seinen eigenen Liedern und Werken gewidmet sind. In Youtube kursieren derzeit über 2.400 Videos mit seiner Musik, die Google-Suche zu seinem Namen ergibt über 400.000 Einträge. Wie kam es dazu, dass Theodorakis, ursprünglich ein klassischer Komponist, eine so einzigartige Popularität erlangen konnte?

Lehrjahre und Aufstieg eines Komponisten (1943-1959)
Ab Anfang der 40er Jahre war das Streben des damals erst fünfzehnjährigen Mikis Theodorakis auf ein einziges Ziel hin ausgerichtet: Komponist zu werden. Selbst die Erfahrung von Krieg (1941 bis 1944), Bürgerkrieg (1944 bis 1949), Gefängnis und Verbannung (wiederholt zwischen 1946 und 1949) und die Zwangsrekrutierung zu Beginn der 50er Jahre brachten ihn nicht von diesem Vorhaben ab. Theodorakis’ Biografie ist die eines Musikbesessenen, der – gleich unter welchen Umständen – immerzu Musik las und komponierte. Sein Kompositions-studium in Athen bei Filoktitis Ikonomidis schloss er mit Auszeichnung ab; seine sinfonischen und kammermusikalischen Werke wurden seit Anfang der 50er Jahre regelmäßig in Griechenland und ab 1953 auch im Ausland aufgeführt. Im Jahr 1954 erhielt er ein Stipendium für ein Zusatzstudium am Pariser Konservatorium bei Olivier Messiaen (Komposition) und Eugene Bigot (Dirigat), das er ebenfalls sehr erfolgreich beendete (1958).
Fast alle zwischen 1948 und 1960 entstandenen kammermusikalischen und sinfonischen Werke (darunter das Ballett Griechischer Karneval, die erste Sinfonie und das erste Klavierkonzert Helikon) wurden vom Staatlichen Orchester Athen sowie von anderen großen Orchestern in Paris, London, Straßburg und Rom aufgeführt. Im Jahr 1957 verlieh ihm eine internationale Jury unter Leitung von Dmitri Schostakowitsch und Hanns Eisler in Moskau den Ersten Preis für Komposition für seine 1. Suite; 240 Komponisten aus aller Welt hatten bei diesem Wettbewerb ihre Werke eingereicht. 1958 begrüßte „Le Figaro“ Theodorakis als den „neuen Strawinsky“, und Benjamin Britten bezeichnete ihn in mehreren Interviews als einen der talentiertesten neuen Komponisten Europas. Im Jahr 1959 wurde Theodorakis auf einen Vorschlag von Darius Milhaud hin mit dem Copley-Prize als bester europäischer Komponist des Jahres geehrt.
Der internationale Durchbruch gelang ihm schließlich mit seiner Musik zum Ballett Les Amants de Teruel (1958, Theater Sarah Bernhardt Paris, Regie: Raymond Rouleau, Hauptrolle: Ludmilla Tscherina) sowie mit dem großen Erfolg des Balletts Antigone (1959, Covent Garden London, Choreographie: John Cranko, Bühnenbild: Rufino Tamayo, Hauptrollen: Svetlana Beriosova, Donald Macleray, Leslie Edwards, Rudolf Nurejew), das über 100 Aufführungen erlebte und 1961 auch vom Stuttgarter Ballett ins Repertoire aufgenommen wurde.

Die Welt des Volkslieds (1960-1979)
1960 brach Theodorakis scheinbar plötzlich seine Karriere als sinfonischer Komponist ab, zog von Paris nach Athen und beschäftigte sich zwanzig Jahre lang ausschließlich mit dem, was er „zeitgenössisches Volkslied“ nannte. Für Theodorakis war dies zugleich ein Bekenntnis zu seiner Herkunft: Griechenland, Kreta und das hellenistische Kleinasien. Sein Werk der Jahrzehnte bis 1960, das ihm den Nimbus eines aufsteigenden Shootingstars im Reich der klassischen Musik eingebracht hatte, negierte er in dieser Zeit und entwickelte eine „Ästhetik des Dialogs“, die auf der Verschmelzung von Dichtung, Lied und sozialem Engagement beruhte. Dieses ästhetische Konzept schlug sich in der Komposition vieler Lieder und großer Oratorien nieder und entwickelte eine solche Durchschlagskraft, dass dadurch in Griechenland Anfang der 60er Jahre eine kulturelle Revolution ausgelöst wurde. 1967, nach dem Militärputsch, wurde das Spielen und Hören der Musik von Theodorakis per Gesetz verboten. Er selbst konnte vier Monate in der Illegalität Widerstand leisten, wurde dann jedoch verhaftet, gefoltert und eingesperrt. Bis zu seiner Abschiebung 1970 nach Paris musste der Komponist erneut Hausarrest, Verbannung und einen weiteren Gefängnisaufenthalt überstehen. Kaum wieder in Freiheit, begann er eine weltweite Tournee mit seiner Musik als Ausdruck seines Protests gegen die Militärdiktatur, die erst 1974 mit dem Fall der Junta zu Ende ging. Theodorakis kehrte sofort nach Athen zurück und versuchte – allerdings ohne Erfolg –, an die kulturelle Bewegung der Jahre vor 1967 anzuknüpfen.

Rückkehr zur Sinfonik, Entdeckung der Oper (ab 1980)
1980 ging Theodorakis zurück ins „selbst gewählte Exil“ nach Paris, nachdem er während und nach der Zeit der Junta künstlerische und politische Desillusionen hatte erfahren müssen. Er wandte sich abermals dem sinfonischen Schaffen zu, nahm den kompositorischen Faden aus der Zeit vor 1960 wieder auf, bearbeitete eine Reihe seiner früheren Werke neu und schuf mehrere Sinfonien, Chorwerke und Oratorien sowie die Opern Die Metamorphosen des Dionysos (1984 bis 1986), Medea (1988/90), Elektra (1992/93), Antigone (1994 bis 1996) und Lysistrata (2000/01). In ihnen strebt er eine Verbindung zwischen dem charakteristisch griechischen Klang und volksliedhafter Melodik mit der westeuropäischen Musiktradition an. Mit der „lyrischen Tragödie“, wie er seine Opern nennt, scheint Theodorakis das Genre gefunden zu haben, das seiner kompositorischen Mentalität – der des Melodikers und Sinfonikers – am nächsten kommt.
Bis er 1998 aus gesundheitlichen Gründen seine Dirigiertätigkeit einstellen musste, gab Theodorakis weltweit Konzerte mit seinen Liedern, Oratorien und sinfonischen Werken. Er nahm seine Opern und viele andere Werke selbst auf und beschäftigt sich in den letzten Jahren mit der Edition seines Gesamtschaffens. Es gelang Theodorakis, allen extremen Herausforderungen des Schicksals trotzend, sowohl im Bereich der Volksmusik als auch in dem der sinfonischen Musik ein unvergleichliches OEuvre zu schaffen, das weltweit Millionen Menschen begeistert, inspiriert, motiviert. Seine Biographie und sein Werk sind in der Kultur- und Musikgeschichte unserer Zeit ohne Zweifel einzigartig.


Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis. Ein Leben in Bildern
160 Seiten, ca. 300 Abbildungen
mit 1 DVD und 2 CDs
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7957-0713-2
www. schott-music.com

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