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Interview mit PETROS MARKARIS, Schriftsteller

  601 Wörter 2 Minuten
2016-08-19 2017-05-01 19.08.2016 657 × gelesen

"Ich bin selbst ein eifriger Krimileser, ich finde sie spannend. Es ist ein Wunder, dass ich so spät damit angefangen habe, Krimis zu schreiben", sagt Petros Markaris, Schöpfer der literarischen Figur des in Athen ermittelnden griechischen Kommissars Kostas Charitos, bei einem Gespräch anlässlich der Vorstellung seines neuen Buchs "Live!" in Stuttgart (17.03.04).

Allerdings geht es Markaris beim Schreiben nicht um den vordergründigen Kriminalfall und dessen puzzleartige Lösung. Markaris: "Warum tötet jemand? Ob es um Verbrechen aus persönlichen Gründen wie Eifersucht oder Habgier geht, um Wirtschaftsdelikte, Machtmissbrauch oder Terror, die Motive sind stets eingebettet in ein soziales oder politisches Umfeld." Und so benutzt Markaris den Krimi, um die "soziale Wirklichkeit" in Griechenland und speziell in Athen aufzuzeigen.

"Griechenland befindet sich in einer interessanten Übergangsperiode. Geografisch auf dem Balkan gelegen, gehört es zu Europa. Doch es agiert noch nicht wie ein europäisches Land, ist jedoch auf einem guten Weg", erklärt der Autor. "Hellas Channel", "Nachtfalter" und "Live!" zeigen ein Griechenland jenseits der touristischen Hochglanzprospekte und Athen als lebendige Metropole, in der es Korruption und Rassismus, Müllberge und Staus gibt. Eine kritische Einstellung zu den Medien zieht sich wie ein roter Faden durch die drei Bücher: "Das Fernsehen in Griechenland ist wirklich sehr schlimm. Es geht nur um Einschaltquoten. Alle schimpfen darüber, aber alle schauen die Sendungen an." In seinem Buch "Live!" rechnet Markaris mit der "Generation des Polytechnikums" ab. Mit zwei kleineren Pausen haben die erst kürzlich abgewählten Sozialisten Griechenland mehr als 20 Jahre lang regiert. Markaris: "Das war zunächst gut, dann erträglich und zuletzt schlimm." Seinen großen Erfolg in Deutschland und auch in der Schweiz erklärt sich Markaris damit, dass die Leser das soziale Milieu eines europäischen Landes kennen lernen, das anders ist als ihr Land.

Mit Kommissar Kostas Charitos hat Markaris eigentlich "etwas Unmögliches" geschaffen - nämlich einen Polizisten, der den Griechen sympathisch ist. "Sie lieben ihn", meint Markaris. Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass Charitos ein eher mäßig gebildeter Alltagsheld ist, der zwar am Ende immer die Mörder fängt, aber am System nichts ändern kann. Die Figur des Kommissars sei rein fiktiv, erklärt der Autor, lediglich in den humoristischen Äußerungen über Athen schimmerten eigene Züge durch. Das Verhältnis zwischen Charitos und seiner Tochter Katerina ähnle allerdings sehr dem zu seiner eigenen 24-jährigen Tochter Josephine, gibt Markaris zu. Adriani, die Ehefrau von Charitos, habe deutliche Ähnlichkeiten mit seiner Mutter. Und die Leibspeise des Kommissars, gefüllte Tomaten, gehe auf ein altes Familienrezept zurück.

Die Handlungen seiner Krimis gründen, so Markaris, auf Wahrheiten: "Ich lasse mir Geschichten erzählen. Die in meinem jüngsten Buch geschilderte Maklersache hat eine Freundin von mir so erlebt." Was aus einem interessanten Ausgangspunkt schließlich wird, das entwickle sich erst beim Schreiben. "Der Kommissar begibt sich zum Tatort - und ich folge dem Kommissar", sagt Markaris. Akribisch schildert er die Spurensuche im "Betonmeer" Athen, er beschreibt detailliert die einzelnen Stadtviertel und die von Autos verstopften Straßen, so dass der Leser anhand eines Stadtplans problemlos folgen kann. "Die Athener hassen ihre Wohnungen, sie leben draußen und sind ständig unterwegs", sagt Markaris.

Weil sich seine Bücher, an denen er wie ein "Kleinunternehmer täglich von 10 bis 14 Uhr und von 16 bis 20 Uhr schreibt", manchmal anders entwickeln als geplant, will er über den nächsten, den vierten Fall für Kostas Charitos nichts verraten. Eine Geschichte habe er bereits im Kopf. "Es wird eine Überraschung geben", meint Markaris. Mit dem Schreiben will er nach den olympischen Spielen in Athen beginnen: "Ich brauche etwa sechs Monate, das heißt, dass das Buch Mitte Februar/Anfang März 2005 fertig sein wird." Die deutschen Leser werden sich allerdings bis die Übersetzung vorliegt noch etwas länger gedulden müssen.