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Interview mit GIORGOS HOULIARAS, Professor & Bildhauer

2017-05-01 2017-05-01 01.05.2017 346 × gelesen 5 Minuten

Ein Porträt des Bildhauers Giorgos Houliaras, Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Athen. Giorgos Houliaras wurde 1949 in der epirotischen Stadt Ioannina geboren, wo er auch mit seinen beiden Geschwistern aufwuchs.

C. Bauer: Giorgo, deine Heimat Epirus ist berühmt für seine Steinbaumeister. Hatte das einen Einfluss auf deinen Entschluss, Bildhauer zu werden?
G. Houliaras: Es war vor allem die Form der Berge in Epirus, die mich sehr faszinierte. Natürlich auch die Steinbauten, aber Ioannina ist ja ebenso bekannt für seine Silberschmiede. Mein Vater hatte ein Geschäft am Markt von Ioannina und als Kind habe ich oft die Schönheit und Qualität der Silberarbeiten bewundert, die dort in den Schaufenstern zu sehen waren. Die ganze Atmosphäre und die Landschaft dort haben etwas Skulpturales. Deshalb habe ich meine Skulptur, die am See von Ioannina aufgestellt ist, den Bergen meiner Heimat gewidmet, weil sie mir wie eine Art Modell waren, das mich sehr inspirierte. Damals, als Kind, war mir das alles natürlich noch nicht bewusst. Aber wenn jetzt ich daran zurückdenke, glaube ich, dass dies sicher dazu beigetragen hat, dass ich Bildhauer wurde.

Von 1965 bis 1970 studierte G. Houliaras an der Kunstakademie Athen.
Über diese Zeit erzählt er: “In meiner Heimatstadt ist die antike griechische Kultur weniger präsent, sie ist viel stärker geprägt von der byzantinischen Zeit. Die Atmosphäre erinnert mehr an Konstantinopel. Da Ioannina ziemlich nördlich liegt, ist die Stadt dunkler, das Licht hat nicht diese Helligkeit wie in Athen. So war es für mich, aus dem Norden kommend, zunächst überraschend, dieses Licht und natürlich auch die antiken Skulpturen hier zu sehen. Als ich nach Athen kam, war ich mir noch nicht sicher, was genau ich machen wollte. Ich erinnere mich, wie ich an die Kunstakademie kam, die damals neben dem Archäologischen Museum lag. Als ich dann dort die antiken Skulpturen sah, wusste ich, dass ich Bildhauer werden will. Es war vor allem eine Skulptur, ein Kopf aus Stein, die es mir angetan hatte, die mich fesselte und nicht wieder losließ. Das war der Anfang.“
Nach seinem Kunststudium in Athen verbrachte Giorgos Houliaras mehrere Jahre im Ausland. 1974 - 75 studierte er am West Surrey College of Art Bildhauerei und Keramik, von 1975 - 77 an der Ecole des Beaux Arts und an der Ecole Superieure des Arts et Metiers in Paris. Seitdem lebt er mit seiner Frau, der deutschen Malerin Elke Lagansky, und ihrer gemeinsamen Tochter in Athen.

C. Bauer: Hier in Athen arbeitest du sozusagen im Angesicht der größten Meisterwerke, die die Menschheit im Bereich der Skulptur geschaffen hat. Ist diese Größe nicht manchmal erdrückend oder ist sie eher ein Ansporn?
G. Houliaras: Deprimierend ist es nicht, wir arbeiten heute ja ganz anders. Und doch, die Schönheit zählt immer noch, das sieht man ja an dem Rummel, der um die Models veranstaltet wird. Überall im Leben ist die Schönheit wichtig. 

C. Bauer: Glaubst du, dass die alten Griechen einen andere, umfassendere Vorstellung hatten von dem Begriff Schönheit?
G. Houliaras: Das ist schwer zu sagen, wir wissen es ja nicht so genau. Aber ich glaube, Schönheit ist immer Schönheit. Vielleicht gab es jedoch ein Bewusstsein von der Vergänglichkeit der Schönheit, denn die Skulpturen der Klassik haben immer auch einen Schatten. Die Skulpturen vom Tempel in Epidavros haben einen wirklich tragischen Zug, auch die Skulpturen vom Parthenon haben bei all ihrer Schönheit in der Tiefe etwas Tragisches, das man im Hellenismus nicht mehr findet. Es ist wie ein Hauch von Tod, als ob du beim Anblick einer schönen jungen Frau plötzlich daran denkst, dass sie eines Tages alt sein wird. Das steckt in den Skulpturen, in der Art wie sie den Kopf tragen, in ihrer Haltung. Und irgendwie fühlt man, es ist doch schade, dass wir heute weit entfernt sind von dieser Großartigkeit. Dafür gibt es heute neue Herausforderungen, neue Möglichkeiten. Aber auch neue Probleme.

C. Bauer: Was meinst du mit den Herausforderungen und Chancen, vor denen die heutigen Künstler stehen?
G. Houliaras: Das Charakteristische unserer Epoche liegt für mich in der Auflösung von Grenzen. In unserer Zeit nimmt jede Kunstgattung Elemente der anderen Kunstgattungen in sich auf, die Grenzen sind nicht mehr so strikt. In der Landart beispielsweise sind die Übergänge zwischen Architektur und Skulptur fließend. Das Guggenheim-Museum von Bilbao hat fast mehr Elemente der Skulptur als Elemente der Architektur. Und nicht nur in der Kunst, auch sonst im Leben ist die Frage nach den Grenzen typisch. Alles ist in Bewegung, im Bereich der Gesellschaft, der Ethik. Was ist heute ein Mann, was ist eine Frau, die Grenzen sind offen. Auf der einen Seite kann es eine ungeheure Bereicherung sein, wenn die Architektur Elemente der Skulptur in sich aufnimmt und umgekehrt. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie weit man gehen kann, ohne dass das Charakteristische der einzelnen Gattungen verloren geht, die jeder Gattung eigene Energie, ihre Form, ihre Art, den Raum zu gestalten. Auch beim Jüdischen Museum von Berlin sieht man diese fließenden Übergänge. Die Architektur des Museums trägt viele Elemente der Skulptur in sich, die Labyrinthskulptur im Garten dahinter beinhaltet  viele architektonische Elemente. 

C. Bauer: Die Architektur des Jüdischen Museums in Berlin ist sehr beeindruckend, aber ihre Dominanz hat die Einrichtung des Museum ja ziemlich erschwert...
G. Houliaras:  Da siehst du genau, was ich mit dem Problem der Grenzen meine. Man denkt oft nicht darüber nach, will Eindruck erwecken und übersieht, dass gewisse Grenzen oder Gesetzmäßigkeiten respektiert werden müssen, ein Gesetz der Architektur ist es zum Beispiel, dass sie einem Zweck dient, sich ihm zur Verfügung stellt.

Nach seiner langjährigen, sehr erfolgreichen und enorm produktiven Tätigkeit als freier Bildhauer - in fast jeder griechischen Stadt sind Werke von ihm zu sehen - übernahm  Houliaras 2001 eine Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie Athen, dem “Nabel“ der zeitgenössischen griechischen Kunst. Doch bereits vorher hatte er sich sehr engagiert bei der Förderung junger Künstler, die es sehr schätzten, dass er sie an seiner langjährigen Erfahrung teilhaben ließ und mit Rat und Tat unterstützte.
Für einige Jahre übernahm Giorgos Houliaras das Amt des Stellvertretenden Rektors der Athener Kunstakademie und war dadurch hautnah verbunden mit den Herausforderungen, Aufgaben und Problemen, die heute Künstler und die, die es werden wollen, beschäftigen. Inzwischen hat er dieses mit vielen administrativen Aufgaben verbundene Amt abgegeben um sich wieder mehr seiner eigenen Arbeit zuwenden zu können.

C. Bauer: Für deine Werke bevorzugst du Stein, oft Marmor, und Metall.
G. Houliaras: Der Stein und das Metall sind beides schwer zu bearbeitende, aber sehr langlebige Materialien, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften besitzen. Mit Metall kannst du elegante Formen schaffen, die in Stein einfach nur lächerlich wirken würden. Die Bearbeitung beider Materialien braucht viel Zeit. Darüber zu reden ist aber nicht sehr modern heute, man diskutiert eher über Videos und solche Dinge.

C. Bauer: Wie sehen das deine Studenten? Bevorzugen sie es auch, Videos zu drehen?
G. Houliaras: Das ist ein Problem mancher Studenten. Wir haben natürlich alle Möglichkeiten, auch mit Videos zu arbeiten. Aber viele Studenten betrachten das mit einer gewissen Skepsis. Sie ziehen es vor, mit Modellen zu arbeiten und wollen genau wissen, was zu tun ist. Sie fühlen, dass all dies, was auf dem Kunstmarkt außen passiert, ein bisschen “Blowing in the wind“, nicht wahr und real ist, abgesehen davon, dass man ein Video nicht so gut auf einen öffentlichen Platz stellen kann wie eine Skulptur. Auf der anderen Seite wollen sie natürlich Karriere machen und da muss man ihnen sagen, was die Kunstszene heute will. In unserem Bereich sind es die Direktoren der Museen, die Sammler und die Kritiker, die das Sagen haben, sie bestimmen, was Kunst ist und geben für die Künstler die Richtung an. In anderen Bereichen der Kunst, wie etwa beim Theater oder Film oder auch der Literatur bestimmt das Publikum durch sein Erscheinen oder Ausbleiben mehr mit.

An der Kunstakademie von Athen gibt es seit dem 19. Jahrhundert die Tradition, von jedem Abgänger eine Arbeit zu behalten. Von den Malern ein Bild, von den Bildhauern eine Skulptur. Dafür gibt es riesige Räume. Aber in den letzten zehn Jahren hat es sich so entwickelt, dass wir für jede Skulptur einen eigenen Raum brauchen, weil sie so riesig sind. Dazu kommt, dass viele mit weggeworfenen Materialien wie Zigarettenkippen und Zeitungspapier arbeiten. Sie sagen, dass man in der Zukunft keinen Wert legen wird auf das Material.

C. Bauer: Also denkt man nicht mehr, dass ein Kunstwerk für Jahrhunderte Bestand haben sollte?
G. Houliaras: Genau. Aber große Kunst wird für die Zukunft gemacht. In allen Perioden der Zivilisation wurde Wert gelegt auf das Material, das ist sicher ein Grund weshalb die alten Griechen Marmor wählten. Aber vielleicht sind heute viele Künstler skeptisch, ob wir und unser Planet noch eine Zukunft haben über die nächsten hundert Jahre hinaus. Aber wir “alten“ Künstler kommen aus einer  anderen Schule, wir wollen etwas machen, das stark im Raum ist. 

C. Bauer: So wie deine „Nike“...
G. Houliaras: Ich weiß nicht. Während ich diese Skulpturen schaffe, bin ich mir immer sicher, danach weiß ich es nicht mehr. Darüber mag die Zukunft urteilen, das kümmert mich nicht.

C. Bauer: Glaubst du, dass ein Kunstwerk den Menschen, der es betrachtet, ändern kann?
G. Houliaras: Ich denke, dass großen Kunstwerken eine Art von Energie innewohnt, die der Künstler ihr gegeben hat. Und selbst nach hundert Jahren nimmst du als Betrachter diese Energie auf. Das ist für mich ein Kriterium, ob es sich wirklich um ein Kunstwerk handelt. Und diese Energie steckt selbst im kleinsten Teil des Werkes, das zeigen die Funde von antiken Skulpturenresten. Selbst wenn nur Fragmente wie ein Fuß gefunden werden, strahlen sie diese Energie aus. Ich frage mich, ob das bei unseren modernen Kunstwerken auch so sein wird. Wir machen viele nette Dinge heute, aber sie haben diese Energie verloren. Was werden die Tafelanschriebe eines Beuys nach zweihundert Jahren bedeuten? Die modernen Menschen, die Beuys mögen, denken vielleicht anders, finden vielleicht andere Qualitäten darin, aber auch sie können diese Fragen nicht beantworten. Man kann gut darüber reden und diskutieren, aber ich weiß nicht, ob wir einen wirkliche Fortschritt in der Kunst haben. Von Künstlern wird heute erwartet, dass sie Neues bringen, Erfindungen machen. Ich sehe es eher so, dass jeder Künstler sein Leben, seine Welt und seine Zeit als ein Wunder erlebt und seine Sicht der Welt zum Ausdruck bringt auf seine ganz eigene Weise. So hat Giacometti die Welt auf seine ganz eigene Art gesehen und dargestellt. Er war kein Erfinder oder Entdecker von Neuem, aber er hat die Welt mit seinen Werken reicher gemacht und etwas geschaffen, dass ohne ihn nicht da wäre.

C. Bauer: Vielen Dank für das Gespräch.

Von Giorgos Houliaras waren viele Einzelausstellungen zu sehen - zuletzt in Athen und in Ioannina -, außerdem nahm er an zahlreichen Gruppenausstellungen und Symposien teil, unter anderem in Paris, Bukarest, Budapest, Athen, Thessaloniki, Ioannina, Kalamata, Konitsa, Larissa, Patras. Skulpturen von Giorgos Houliaras sind in fast jeder größeren Stadt Griechenlands zu sehen. Zurzeit arbeitet Giorgos Houliaras an einer begehbaren Skulptur in der Mitte Athens, vor dem Caravelle-Hotel, die dieser verkehrsreichen Ecke einen ganz neuen Reit verleihen wird.

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