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Konstantia Gourzi - “Musik zum Atmen bringen“

  1.014 Wörter 4 Minuten
2017-04-30 2017-04-30 30.04.2017 473 × gelesen

Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ op. 21 kombiniert mit auf dem Klavier gespielten Jazz-Improvisationen, die an Musik von Chick Corea erinnern, und den Folk Songs von Luciano Berio - unter der Leitung von Konstantia Gourzi virtuos interpretiert von der Mezzo-Sopranistin Stella Doufexis sowie dem Ensemble „opus21musikplus“ und der Pianistin Maria Baptist: Neu entdecken lassen sich die beiden Schönberg- und Berio-Werke auf einer im September erscheinenden CD.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Kombination mit Jazz Interludes von Maria Baptist hatte die aus Griechenland stammende Komponistin und Dirigentin Konstantia Gourzi, um dem, wie sie selbst sagt, „schweren Schönberg einen leichten Charakter“ zu geben. Gourzi, die in Athen und Berlin Klavier, Komposition und Dirigieren studierte, ist seit 2002 als Professorin an der Hochschule für Musik und Theater München für den Aufbau und die künstlerische Leitung des von ihr gegründeten „ensemble oktopus für musik der moderne“ verantwortlich ist. „Der dichte Ablauf der Komposition von Schönberg schien mir zu intensiv. Zwischen den drei Teilen benötigte ich Zeit, eine Atempause, um den nächsten Teil wirklich hören zu können“, erklärt Gourzi, die sich mit beiden Stücken seit vielen Jahren beschäftigt hat. Schönberg schrieb „Pierrot lunaire“, ein Melodram für Sprechstimme und acht Instrumente, im März/Juni 1912, kurz vor der Entwicklung der Zwölftonmusik, und wählte 21 Gedichte aus einem Zyklus des französischen Dichters Albert Giraud in der deutschen Übersetzung von Otto Erich Hartleben aus. Die 1964 entstandenen „Folk Songs“ sind eine Melodiensammlung aus verschiedenen Quellen unterschiedlicher Epochen und Länder, ausgewählt, vertont und arrangiert durch Berio. „Ich denke, ohne diese Stücke würde in der Musikliteratur etwas sehr Wesentliches fehlen. Zwischen beiden existiert ein höchst lebendiger musikalischer Spannungsbogen“, sagt Gourzi. Um dem Phänomen der Dichte in „Pierrot lunaire“ auf die Spur zu kommen, versuchte die Komponistin und Dirigentin, das Stück am Klavier ohne angegebenen Rhythmus und Dynamik zu spielen, und sie begann über die Themen zu improvisieren: „Ich war erstaunt, wie seine Akkorde - in einem langsamen Tempo gespielt - mich deutlich an Jazz-Akkorde erinnerten.“

Gourzi gewann die Jazzpianistin Maria Baptist, die, begeistert von der Musik, die gesamte recht schwierige Klavier-Partie einstudierte, „um mit ihren von Schönberg inspirierten Improvisationen, die zwischen die einzelnen Teile des Stückes geschoben wurden, die zeitlichen Erfahrungen der Komposition zu verändern“. Das Ensemble „opus21musikplus“, mit dem Gourzi die ungewöhnliche Musik-Kombination nicht nur auf CD einspielte, sondern auch live aufführte, besteht aus Musikern unterschiedlicher Nationen, mit denen die Dirigentin und Komponistin seit langem in München, Berlin, Tel Aviv und Athen zusammenarbeitet. „Sie haben die gleiche Herzfrequenz wie ich und wollen Musik auf höchstem Niveau aufführen“, sagt Gourzi. Bei der Schönberg/Berio-CD wirkten neben der Pianistin Maria Baptist als Instrumentalisten der Flötist Bruno Jouard, die Klarinettistin Dörte Sehrer, die Geigerin Lisa Schatzmann, der Bratscher Nils Mönkemeyer, der Cellist Benjamin Santora, die Harfenistin Helen Radice sowie die Percussionisten Philipp Junk und Alex Glöggler mit. Das „plus“ im Namen ist dabei Programm: „Mehr als das Werk. Mehr als das Jahrhundert. Viel mehr als Musik“, heißt es im CD-Booklet. Das Ensemble will, so heißt es weiter, Musik mit anderen Kunstformen kombinieren und zu einem neuen Gesamtkunstwerk verbinden: „Mit Lichtdesign, Performance und Installation. Mit Text, Theater und Tanz.“ Das CD-Projekt ist dabei erst der Anfang, erklärt Konstantia Gourzi, die für die Neue Musik eine neue Form der Präsentation will: „Zeitgemäß, voller Sinnenfreude und Fantasie“. So konzipiert und realisiert sie seit mehr als zwei Jahren unter anderem in Kooperation mit der Deutschen Guggenheim in Berlin musikalische Performances in Ausstellungen, in München fanden 2003 und 2004 ihre Konzerte unter den Titeln „Musik und Skulptur“ und „Musik und Licht“ statt.

Weitere Projekte hat Gourzi zusammen mit „opus21musikplus“ in Planung. „Musik muss zum Atmen gebracht werden“, meint Gourzi. Seit Jahren gilt ihr Augenmerk der zeitgenössischen Musik. Bereits mit dem von ihr 1991 gegründeten Ensembles „attacca berlin“ führte sie hauptsächlich Musik des 20. Jahrhunderts auf, 1999 übernahm sie die künstlerische Leitung des Ensembles „echo“ an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. 2003 brachte sie für die Berliner Staatsoper Unter den Linden „Philemon und Baucis“ zur Aufführung, wobei sie Joseph Haydns fragmentarisches Werk durch eigene Komposition vervollständigte und in ein neues Konzept fasste, im Januar 2006 führte das Münchener Kammerorchester ihre Gedichte zu Prometheus auf, die zwischen Sätzen aus Beethovens „Prometheus“ erklangen. „Ich kann nicht als Mensch von heute die Tradition pflegen und nicht wissen, was heute geschaffen wird“, erklärt sie. Doch Konstantia Gourzi, die regelmäßig mit weltweit renommierten Orchestern zusammenarbeitet, dirigiert auch Verdis „La Traviata“ - im Jahre 2002 übrigens als erste Frau in der Staatsoper von Athen. Oder sie komponiert und dirigiert Filmmusik - wie jüngst für den von ARTE, BR und SWR unterstützten Kinofilm „Warchild“ von Chistian Wagner. Der vom Münchner Hochschulensemble „oktopus“, das im Februar 2003 von Gourzi gegründet und seither geleitet wird, eingespielte Soundtrack wird ebenfalls im September auf CD herauskommen. „Beim Kompositionsstudium lernt man, dass man keine Melodien schreibt, keine Dur-Akkorde. Filmmusik kann man so allerdings nicht komponieren“, erklärt Gourzi. Dabei muss man den Bildern folgen, versuchen, sie darzustellen und Spannung zu erzeugen. Nachdem es aus einer gewissen Unsicherheit heraus in der Vergangenheit große Lücken in ihrem kompositorischen Schaffen gegeben hat, komponiert sie heute immer mehr.

Und das hat nicht nur mit einem schweren Autounfall und den damit verbundenen vorübergehenden körperlichen Beeinträchtigungen zu tun, wie Gourzi erklärt. Beim Komponieren sieht sie sich vor die Herausforderung gestellt, wie sie, unabhängig von dem, was sie beim Studium gelernt hat, auf ihre von Melodie und Rhythmus geprägten Wurzeln aufbauen kann. „Dirigieren ist mit viel Energie und Kraft verbunden. Komponieren ist das völlige Gegenteil dazu. Wo es hingehen wird, weiß ich nicht“, ergänzt Gourzi, deren erste Orchester-Komposition „Mykene“ im Jahre 2002 unter ihrer eigenen Leitung vom Orchester des Hessischen Rundfunks in Frankfurt uraufgeführt wurde; ihr erstes Streichquartett „Israel“ erklang erstmals 2004 in Tel Aviv. Die Uraufführung ihres zweiten Streichquartetts ist am 10. November 2007 in Kassel bei den „Kasseler Musiktagen“ geplant. Nach 20-jähriger Tätigkeit in Deutschland bezeichnet sie sich selbst als glücklich.

„Ich empfinde es als Privileg, frei denken und auch abseits der Konventionen arbeiten zu können“, stellt Gourzi fest, die mit ihrem Mann in München lebt. Und was vermisst sie als Griechin in Deutschland: „Die Natur, das Meer und den kontinuierlich blauen Himmel“, sagt Gourzi.

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