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53. Internationales Filmfestival Thessaloniki, 02.11.-11.11.2012

  1.458 Wörter 5 Minuten
2017-04-23 2017-04-23 23.04.2017 258 × gelesen

Unbeeindruckt von Sparmaßnahmen und Generalstreik hat das Internationale Filmfestival von Thessaloniki seine eigenen Kreise durch das internationale unabhängige Kino gezogen und damit seine unangefochtene Stellung innerhalb der griechischen Kulturlandschaft einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Zu Tausenden und Abertausenden strömten während des zehntägigen Events die kinobegeisterten Bürger Thessalonikis in die Festivalvorführungen und zollten damit Direktor Eipides und seinem Team die denkbar beste Anerkennung für ein sehr ambitioniertes und vielfältiges Filmprogramm.

Derweil in Athen wieder einmal das Schicksal Griechenlands auf dem Spiel stand und im griechischen Parlament tagelang vehement über das neueste, 13,5 Milliarden Euro schwere Sparpaket debattiert wurde, nahmen sich in Thessaloniki viele Menschen zumindest vorübergehend eine Auszeit von der Krise, traten bei herrlichem Sonnenwetter aus ihren grauen Alltagswolken heraus und „flüchteten“ gleich scharenweise in die dunklen Festivalkinos im Lichtspieltheater Olympion und am Hafengelände der nordgriechischen Metropole. Mit einer Publikumsauslastung, die an die 90 % heranreichte, verzeichnete das vom 2. bis 11.11.2012 andauernde 53. Filmfestival Thessaloniki einen überwältigenden Erfolg und konnte seinem Ruf als eines der weltweit wichtigsten Foren des internationalen unabhängigen Films wieder einmal gerecht werden. In der wichtigsten Festivalsektion, dem Internationalen Wettbewerb, seit jeher ein Sammelbecken für die Entdeckung von Filmtalenten aus der ganzen Welt, konkurrierten 15 erste und zweite Spielfilme junger Filmschaffender aus 14 Ländern um die in diesem Jahr erstmals rein symbolischen, d. h. nicht mit einem Geldbetrag dotierten Festivalpreise. Trotzdem war die vom deutschen Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser angeführte Jury von der Qualität der Wettbewerbsbeiträge dermaßen beeindruckt, dass sie sich veranlasst sah, gleich 9 der 15 Filme mit Preisen oder zumindest lobenden Erwähnungen auszuzeichnen. Der in diesem Jahr im Andenken an den im Januar tödlich verunglückten griechischen Regisseur um den Zusatz „Theodoros Angelopoulos“ erweiterte Hauptpreis des Festivals wurde schließlich dem Piratendrama „Kapringen“ (A Hijacking) des dänischen Filmemachers Tobias Lindholm verliehen.

Goldener Alexander für dänisches Piratendrama
Die vermeintlich letzte Dienstfahrt des Schiffskochs Mikkel endet abrupt, als somalische Piraten auf hoher See den dänischen Frachter entern, auf dem er arbeitet. Die Piraten verlangen vom Reeder 15 Millionen Dollar Lösegeld. Erst wenn sie das Geld haben, werden sie das Schiff wieder freigeben. „A Hijacking“ ist ein packend erzähltes Drama, das, auf eine gründliche Recherche aufbauend und den Prinzipien der Dogma 95-Bewegung folgend, allergrößten Wert auf Authentizität legt. Selten ist die psychische Extremsituation einer Schiffsentführung so fesselnd und schonungslos realitätsnah dargestellt worden wie im zweiten Spielfilm von Tobias Lindholm, der in Thessaloniki auch von der Jury des Internationalen Verbands der Filmkritik FIPRESCI als bester Wettbewerbsfilm ausgezeichnet wurde.
Der Silberne Alexander (Spezialpreis der Jury) ging völlig zu Recht an die türkisch-deutsche Koproduktion „Küf“ (Mold) des türkischen Filmemachers Ali Aydin. Der bereits in Venedig als bester Debütregisseur ausgezeichnete Aydin schildert in seinem Erstling in eindrucksvollen Bildern den einsamen, aber hartnäckigen Kampf eines Eisenbahnarbeiters um Gerechtigkeit für seinen einst in einem Istanbuler Gefängnis spurlos verschwundenen Sohn.
Den Bronzenen Alexander für Originalität und Innovation vergab die Jury an den israelischen Beitrag „Epilog“ von Amir Manor. Mit großem Einfühlungsvermögen rückt der Film die Generation der heute hochbetagten, aber nach wie vor einem altmodischen Idealismus anhängenden Pioniere des Staates Israel in den Vordergrund, die sich in dessen gegenwärtiger, materialistisch geprägter Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden. „Epilog“ wurde zudem mit dem Preis für die Beste Regie, dem vom Fernsehsender Vouli gestifteten Preis „Menschliche Werte“ und einem der insgesamt vier von der Brauerei Fischer ausgelobten Publikumspreise ausgezeichnet.

Griechische Filme am Puls der Krise
Von den auf dem Festival gezeigten insgesamt 14 neuen griechischen Produktionen vermochte „To agori pou troi to fagito tou pouliou“ (Boy eating the bird’s food) am meisten zu überzeugen. Ektoras Lygizos‘ Filmdebüt ist das verstörende Psychogramm eines von jedem sozialen Kontext losgelösten, in völliger Einsamkeit im krisengebeutelten Athen dahinfristenden jungen Mannes, dessen ganzer Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, sein Grundbedürfnis nach Nahrungsaufnahme zu befriedigen. Dafür vergreift er sich nicht nur am Futter seines Kanarienvogels, sondern schreckt sogar nicht davor zurück, sein „in Eigenregie“ produziertes Sperma zu verspeisen. Die hervorragende schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Jannis Papadopoulos, die nach Karlovy Vary im Sommer nun auch beim Festival von Thessaloniki mit dem Preis für den Besten männlichen Darsteller belohnt wurde, täuscht trotzdem nicht über die mitunter eklatanten Schwächen des Drehbuchs hinweg.
Auch der zweite griechische Wettbewerbsfilm, Ilias Yannakakis‘ in Schwarz-Weiß gedrehter „Chara“ (Joy) lässt die Zuschauer bewusst über die Motivation des Handelns seiner Hauptfigur im Unklaren. Chara, eine Frau in den 40ern betritt den Kreißsaal eines Krankenhauses und verlässt ihn kurz darauf unbemerkt mit einem Baby im Arm, dessen sie sich in der Folge mit großer mütterlicher Hingabe annimmt. Um das Kind zu schützen, verübt sie sogar einen Mord. Als die vermeintliche Kindesentführerin kurz darauf in Untersuchungshaft gerät und sich mit dem Hass und der Verachtung der öffentlichen Meinung konfrontiert sieht, zieht sie sich ins Schweigen zurück. Auch hier spielt sich das Geschehen vor dem Hintergrund der Krise ab. Auch hier haben wir es mit einer vereinsamten, widersprüchlichen Persönlichkeit zu tun, die den Zuschauer vor Rätsel stellt, auf die er bis zum Schluss keine Lösung findet. Auch hier, schließlich, wird der Film vor allem durch die herausragende schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin getragen, die dem gerade im zweiten Teil sehr konventionell inszenierten Film Glanz verleiht. Amalia Moutoussi wäre auf jeden Fall eine ebenso würdige Preisträgerin wie die von der Jury als Beste weibliche Darstellerin gekürte polnische Schauspielerin Julia Kijowska (für ihre Rolle im Film „Loving“) gewesen.
Den Publikumspreis für einen Film des griechischen Programms gewann indes die britisch-griechische Komödie „Papadopoulos & Sons“, der erste Spielfilm des zyprisch-britischen Regisseurs Markos Markou. In seinem vollständig in England angesiedelten Film setzt der Regisseur der ökonomischen Krise die Idee der „Familiensolidarität“ entgegen.

Hommagen an bedeutende Filmemacher
Die eigentlichen Highlights des Festivals lieferte freilich auch in diesem Jahr nicht das vergleichsweise magere Panorama des griechischen Films, sondern die internationalen Sparten „Open Horizons“ und der „Balkan Survey“, die neben einem Überblick über das aktuelle unabhängige Filmschaffen dieses Mal auch mit umfassenden Hommagen an vier der wichtigsten Vertreter des internationalen Autorenkinos aufwarteten. Die Werkschauen von Aki Kaurismäki, Bahman Ghobadi, Cristian Mungiu und Andreas Dresen, die sich sämtlich in Thessaloniki einfanden, entpuppten sich denn auch als regelrechte Publikumsmagnete. Auch der bekannte französisch-griechische Regisseur Constantin Costa-Gavras gab sich in Thessaloniki ein Stelldichein, und zwar in doppelter Funktion: Zum einen präsentierte er seinen neuesten Film „Le Capital“, einen Thriller über die dunklen Machenschaften des internationalen Finanzkapitals; zum anderen begab er sich nach Thessaloniki, um in seiner Eigenschaft als amtierender Präsident der Französischen Kinemathek der öffentlichen Eröffnung der Kinemathek von Thessaloniki beizuwohnen, die von ihrem Sitz im Filmmuseum am Hafen aus seit diesem Monat mit ambitionierten Filmreihen zur Kinogeschichte, mit Hommagen und Retrospektiven, aber auch mit Kinderprogrammen die festivalfreie Zeit in Thessaloniki überbrücken wird. Das Filmarchiv, ein lang gehegter Traum des Festivaldirektors Dimitris Eipides, stellt gewissermaßen das Vermächtnis des Festivals an die Stadt Thessaloniki dar.

Der große Abwesende
Über die Eröffnung der Kinemathek hätte sich mit Sicherheit auch der im Januar dieses Jahres jäh aus dem Leben gerissene Regisseur Theo Angelopoulos gefreut. Schon zu seinen Lebzeiten war Angelopoulos aufs Engste mit dem Filmfestival von Thessaloniki verbunden; so spürbar wie in seinem Todesjahr war jedoch seine „Präsenz“ auf einem Festival noch nie. Die Organisatoren ehrten ihn mit einer kleinen Hommage, die mit „Die Wanderschauspieler“, „Reise nach Kythera“ und „Landschaft im Nebel“ drei Meilensteine seines Werks umfasste. Außerdem fand im Megaro Mousikis von Thessaloniki ein Konzert mit der von Eleni Karaindrou komponierten Musik seiner letzten 8 Filme statt, bei dem die Komponistin selbst, aber auch die griechische Sängerin Dimitra Galani mitwirkten. Ferner wurde eine Gesprächsrunde ausgerichtet, an der viele enge Mitarbeiter und Weggefährten des großen Filmpoeten teilnahmen. Schließlich wurde der Hauptpreis des Festivals, der Goldene Alexander, neuerdings nach ihm benannt und am letzten Samstag auf der diesjährigen Preisverleihung von seiner Lebensgefährtin und Produzentin vieler seiner Filme Phoebe Oikonomopoulou-Angelopoulou verliehen.

Festivalziele erreicht
Alles in allem konnte das diesjährige Festival mit seinem 150 Filme aus 54 Ländern umfassenden Programm seine selbstgesteckten Ziele erreichen und seiner langen Geschichte ein weiteres Erfolgskapitel hinzufügen. Das Budget belief sich heuer auf 1,6 Millionen Euro (unvorstellbar heutzutage, dass seine Jubiläumsausgabe zu seinem 50. Geburtstag vor gerade einmal 3 Jahren mehr als das Vierfache gekostet hat!), wobei, worauf Festivaldirektor Eipides mit einigem Stolz verwies, es zu mehr als 70 % von europäischen Mitteln bestritten wurde. Entsprechend zufrieden präsentierte sich Eipides auf der schlicht gehaltenen Abschlussveranstaltung im vollbesetzten Olympion Filmtheater. In seinem Fazit betonte er vor allem die moralische Dimension des Festivals, das in Zeiten von Angst und Verunsicherung dem Bedürfnis nach Kreativität und Kommunikation ein hervorragendes Forum biete. „Protagonist des 53. Festivals war der Mensch, in unkonventionellen und enthüllenden Filmen, die inspirieren und uns die Kraft verleihen, auf ein besseres Morgen zu hoffen.“
Noch bis kurz vor Weihnachten begibt sich das Festival auf eine Tour durch die griechische Provinz. In vielen griechischen Städten und Orten, von Samothraki über Florina bis hinunter ins kretische Rethymnon, wird eine Auswahl des diesjährigen Festivalprogramms vorgeführt.

(Weitere Informationen zum Filmfestival Thessaloniki unter www.filmfestival.gr)

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