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Deutsch-Griechisches Theater - Sophokles „Ödipus auf Kolonos“

  1.684 Wörter 6 Minuten
2017-04-23 2017-08-05 23.04.2017 772 × gelesen

Sophokles’ „Ödipus auf Kolonos“ vom Deutsch-Griechischen Theater in der Studiobühne Köln aufgeführt. Die Inszenierung von Kostas Papakostopoulos beeindruckt durch originelle Einfälle, aktuelle politische Bezüge und hervorragende schauspielerische Leistungen.

Ein Theatererlebnis der besonderen Art präsentierte das Deutsch-Griechische Theater mit der dreimaligen Aufführung von Sophokles’ „Ödipus auf Kolonos“ am 13., 17. und 18. Oktober 2006 im Theatersaal der Studiobühne Köln (fest vereinbart sind drei weitere Aufführungen im Januar des folgenden Jahres).

In Fachkreisen gilt das letzte Stück des großen griechischen Tragikers auf Grund seiner durchaus vorhandenen Langatmigkeiten und dramaturgischen Mängel, aber auch seiner wenig attraktiven Thematik um Altern und Tod als schwer inszenierbar, so dass es überaus selten auf den Spielplänen nationaler wie internationaler Bühnen auftaucht. Umso höher ist vor diesem Hintergrund der Mut des Regisseurs Kostas Papakostopoulos und des Deutsch-Griechischen Theaters einzuschätzen, sich auf diesen schwierigen Stoff einzulassen. Andererseits hat Papakostopoulos im letzten Jahr anlässlich des 15jährigen Bestehens des Deutsch-Griechischen Theaters mit „König Ödipus“ schon ein weiteres Werk von Sophokles erfolgreich inszeniert, so dass es in seinen Augen als konsequent erschien, sich nun auch mit dem Ende des tragischen Helden par excellence auseinanderzusetzen.

Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung hätte kaum überzeugender ausfallen können. Eine Voraussetzung für die gelungene Inszenierung bestand zunächst einmal darin, dass Papakostopoulos auf eine völlig neue Übersetzung der antiken Vorlage zurückgreifen konnte, für die Peter Krumme verantwortlich zeichnet. Durch kluge Kürzung dieses Textes und den Einbau von Passagen aus Samuel Becketts „Das letzte Band“ schuf sich Papakostopoulos eine Grundlage, mit der er und sein Ensemble gut arbeiten konnten. Die intelligente Bearbeitung - Modifizierung wie Straffung - des Textes der klassischen Tragödie war nicht unerheblich dafür verantwortlich, dass die Aufführung eigentlich zu keinem Augenblick die gerade bei diesem umfangreichsten aller Sophokleischen Werke vielleicht sogar erwarteten Längen aufweist. Ein Übriges tun die zahlreichen, mit einem gehörigen Schuss Ironie vorgetragenen Anspielungen auf aktuelle politische Bezüge: so tritt uns etwa Theseus, der König von Athen, bei dem Ödipus um Asyl nachfragt, in Papakostopoulos’ Inszenierung als Frau (gespielt von Tanja Gottschalk) entgegen; da drängen sich Vergleiche zu den sich „großmännisch“ gebärenden Politikerinnen unserer Zeit, man denke etwa an Condoleezza Rice oder auch Angela Merkel, unweigerlich auf.

Tanja Gottschalk überzeugt und erheitert aber auch in der Rolle der vielleicht einen Hauch zu schrill geratenen Ismene, die plötzlich aus ihrem eher modern anmutenden - ja, warum denn auch nicht? - Singleleben auftaucht, um ihrem blinden Vater Ödipus (Stefan Kleinert) wie beiläufig vom Bruderkampf seiner Söhne Eteokles und Polyneikes (Nikos Goudanakis) um die Macht in Theben zu berichten. Die nächste Szene, in der sie aufgeregt nach ihrem verloren gegangenen Ohrring sucht („Papa, hast du meinen Ohrring gesehen?“), mag zwar angesichts der epischen Familientragik, die auf der Bühne ausgebreitet wird, befremdlich, ja vielleicht sogar albern wirken, was jedoch schwerer ins Gewicht fällt, ist die weitestgehend positive Resonanz des Publikums auf solcherlei überraschende Konventionsbrüche - und über fehlende Lacher konnte sich die Ohrringszene wahrlich nicht beklagen.

Papakostopoulos geizt nicht mit originellen Einfällen. Doch nicht die Verfremdung oder Dekonstruktion der literarischen Vorlage war hierbei leitendes Motiv, sondern die Absicht, den Beweis zu erbringen, dass antike Tragödien bei aller Ernsthaftigkeit der Umsetzung der ihnen anhaftenden existentiellen menschlichen Fragen unterhaltsam sein können.
Den Gegenentwurf zur flippigen Ismene, die dem Geschehen schon bald wieder den Rücken kehrt (die Suche nach dem Ohrring muss ja weitergehen - sie könnte ihn ja im Badezimmer oder beim Tanzen verloren haben!), liefert uns Papakostopoulos mit ihrer Schwester Antigone (Tonia Adrianaki), die in ihrer treuen Ergebenheit an den Vater nicht so recht aufgehen will. Im Gegenteil: mehr noch als Ödipus, auf den trotz seines schrecklichen Schicksals, Vatermörder und Muttergatte in Einem zu sein, am Ende immerhin die Aussöhnung mit den Göttern und die innere Ruhe wartet, ist sie die tragische Figur dieser Inszenierung. Sie ist diejenige, die sich des väterlichen Schicksals aufopferungsvoll angenommen hat, Ödipus’ Stütze und Augenlicht zugleich. Eigene Wünsche und Bedürfnisse - undenkbar; nein, Antigone fügt sich mit einer Bereitwilligkeit und Selbstverständlichkeit in die Rolle der umsorgenden Tochter ein, dass man geneigt ist, auch ihr Schicksal als gottgegeben und alternativlos anzusehen. Glücklich ist sie dabei allerdings nicht. Einzig als ihre schräge, aber ihr eigenes Leben offensichtlich lebende Schwester Ismene auftritt, sieht man, wie sich die ansonsten von gleichgültig bis getrübt hin und her schwankende Miene Antigones plötzlich aufhellt. Wie ihre Augen ob der Ahnung, dass es doch anders geht (Ismene lebt es ja vor), zu tanzen beginnen (großartig das Augen- und Mienenspiel Tonia Adrinakis!). Doch es bleibt nur ein Intermezzo. Und um ihre Tragik noch zu vervollkommnen, lässt sie Papakostopoulos in Abwandlung zu Sophokles auch noch von ihrem Onkel Kreon (wunderbar: Thomas Franke) vergewaltigen.

Dass die Inszenierung von Papakastopoulos gelingen konnte, ist allerdings nicht nur seinen eigenen Einfällen und Regienanweisungen geschuldet. Er konnte sich überdies auf ein überaus diszipliniert arbeitendes Ensemble verlassen, das darüber hinaus jede sich bietende Möglichkeit nutzte um zu brillieren. Ein wahres Glanzstück legte Stefan Kleinert mit der Interpretation des Ödipus hin. Aber auch Tonja Adrianaki, Thomas Franke, Tanja Gottschalk und Nikos Goudanakis wussten zu gefallen.
„Ödipus auf Kolonos“ in der Inszenierung von Kostas Papakostopoulos ist der eindrucksvolle Beweis für die ungeminderte Aktualität und den hohen Unterhaltungswert des antiken Theaters. Bleibt zu hoffen, dass es dem Deutsch-Griechischen Theater vergönnt sein wird, dieses Stück auch außerhalb von Köln präsentieren zu können. Verdient hätte es diese Inszenierung allemal.

„Ödipus auf Kolonos“
von Sophokles
Neu übersetzt von Peter Krumme
In einer Bearbeitung von Kostas Papakostopoulos

Eine Uraufführung des Deutsch-Griechischen Theaters in Koproduktion
mit der Studiobühne Köln
Premiere: 13. Oktober 2006, Studiobühne Köln
Weitere Aufführungen: drei Aufführungen im Januar 2007
(genaue Daten bitte www.dgt-koeln.de entnehmen)

Regie: Kostas Papakostopoulos
Bühnenbild & Kostüme: Zezo Dinekov
Musikkomposition & Choreinstudierung: Herbert Mitschke
Dramaturgie: Patrick Neveling
Dramaturgieassistenz: Florian Meyer

Regieassistentin: Eleni Katsaouni-Zoch
Regiepraktikantin: Anniki Nugis
Licht: Jürgen Zoch
Technik: Stephan Schmidt
Grafik-Design: Andreas Tsortanidis
Souffleuse: Aliki Nalbantis

Ödipus: Stefan Kleinert
Antigone: Tonia Adrianaki
Athener: Thomas Franke
Chor: Thomas Franke, Tanja Gottschalk, Nikos Goudanakis
Ismene: Tanja Gottschalk
Theseus: Tanja Gottschalk
Kreon: Thomas Franke
Polyneikes: Nikos Goudanakis

Die literarische Vorlage
Sophokles’ „Ödipus auf Kolonos“
Verbannt aus Theben, gelangt der alte, blinde, zum Bettler gewordene Ödipus in Begleitung seiner Tochter Antigone nach Kolonos. Dort, in dem ländlichen Vorort Athens, sucht er Zuflucht an einem Altar, wo er auf Theseus, König von Athen, wartet, um von ihm Asyl zu erbitten. Theseus gewährt ihm diesen Wunsch und bietet dem Fremden Schutz und bequemere Unterkunft an. Ödipus Töchter Antigone und Ismene sind fürsorglich beim Vater, während seine Söhne Eteokles und Polyneikes sowie deren Onkel Kreon in Theben Machtkämpfe ausfechten und Ödipus jeweils eigennützig zur Rückkehr und zu politischer Parteinahme zu bewegen versuchen. Ödipus aber verkündet, bis zu seinem Tod in Kolonos bleiben zu wollen, und gibt seinen Schutz spendenden Segen, den er den streitenden Parteien in Theben verweigert hat, den Athenern, die für Pflege der Gastfreundschaft, Achtung der Götter und Rechtssicherheit stehen.
„Ödipus epi Kolono ", entstanden 406/405 v. Chr., ist das letzte und mit mehr als 1770 Versen längste Werk von Sophokles.

STECKBRIEF DEUTSCH-GRIECHISCHES THEATER:

1. Geschichte des DGT:
Das Deutsch Griechische Theater e. V. ist 1990 von dem Regisseur Kostas Papakostopoulos als gemeinnütziger Verein gegründet worden. Der frühere Mitarbeiter von Dimiter Gotscheff am Schauspielhaus Köln und Frank Castorf an der Volksbühne Berlin hat die zu Beginn deutsch-griechische Theatergruppe in den darauf folgenden Jahren zu einer multinationalen Künstlerinitiative ausgebaut. Mit Bearbeitungen klassischer Theaterstoffe wie auch mit Inszenierungen der Stücke neuer griechischer Autoren ist das DGT zu einem festen Bestandteil der freien Theaterszene in Köln und Nordrhein-Westfalen geworden. Die Theaterprojekte werden in deutscher Sprache aufgeführt.
Das DGT ist als ein Theater ohne festes Haus konzipiert. Die Produktionen werden auf Bühnen gespielt, die dem Charakter der Inszenierungen entsprechen. In der Vergangenheit waren dies in Köln u.a.: Schauspiel Köln, Freies Werkstatt-Theater, Comedia Colonia, Urania Schauspiel, Freie Kammerspiele Köln, Mediapark, Bahnhof Deutz, Lutherkirche. Darüber hinaus schlägt das DGT mit regelmäßigen Kooperationen und Koproduktionen mit städtischen Bühnen (u.a. Schauspiel Köln, Schauspielhaus Düsseldorf, Theater im Pfalzbau Ludwigshafen) eine Brücke zwischen der freien Theaterszene und den Stadttheatern und spricht neben dem Publikum der Freien Bühnen auch die Besucher der großen städtischen Häuser an.
Die Inszenierungen des Deutsch-Griechischen Theaters sind in den vergangenen Jahren mehrfach für Theaterpreise (Kölner Theaterpreis, Theaterzwang) nominiert worden und zu verschiedenen Festivals (Politik im Freien Theater, veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung; Griechische Kulturtage in der BRD, veranstaltet vom Kultusministerium Griechenland) eingeladen worden.
Das DGT hat in folgenden Städten gastiert: Amsterdam, Berlin, Bonn, Bremen, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Frankfurt, Hamburg, Ludwigshafen, Lüdenscheid, Mannheim, München, Nijmwegen, Nürnberg, Paderborn, Schwetzingen, Siegen, Solingen, Siegen, Stuttgart, Velbert, Würzburg.

2. Ziele des DGT:
Das Deutsch Griechische Theater (DGT) versteht die antike Mythologie und das antike Drama als das Fundament des gemeinsamen abendländisch-humanistischen Kulturerbes. In seiner nunmehr fünfzehn Jahre währenden Arbeit hat das DGT über die Auseinandersetzung mit den Stoffen des antiken Theaters eine innovative Theaterästhetik entwickelt. Es greift die darin angelegten Fragen gesellschaftlicher und politischer Ordnung auf, formuliert sie um und sucht nach ihrer Aktualität in der Gegenwart. Zudem spannt das DGT mit Inszenierungen von jüngeren Adaptionen antiker Stoffe und Werken griechischer Gegenwartsautoren einen Bogen zum zeitgenössischen Theater und zeichnet so das Bild eines Europas zwischen Tradition und Moderne. Mit seiner Arbeit möchte das DGT ein Forum für die künstlerische und kulturelle Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft bieten.

3. Inszenierungen des DGT:
"Plutos" von Aristophanes (1990), "Die Weibervolksversammlung" von Aristophanes (1991), "Philoktet" von Heiner Müller (1992), "Der Ehering" von Dimitris Kechaidis (1993), "Die Bacchen" von Euripides (1993), "Die Frösche" von Aristophanes (1994), "Herakles 5" von Heiner Müller (1995), "Die Wolken" von Aristophanes (1995), "Wie neugeboren" von Dimitris Kechaidis in dt. Erstaufführung (1996), "Timon von Athen" von William Shakespeare (1997), "Die Komödie der Fliege" von Vassilis Ziogas in dt. Erstaufführung (1998), "Prometheus" von Aischylos nach Übersetzung von Heiner Müller (1999), "Die Acharner" von Aristophanes (2000), "Ich sterbe als Land" von Dimitris Dimitriadis in dt. Erstaufführung (2001), "Manhattan Medea" von Dea Loher (2002), "To Tavli" von Dimitris Kechaidis (2002), "Medea" von Euripides (2003), „Die Perser“ von Aischylos (2004), „König Ödipus“ von Sophokles (2005), „Migrantenchor“ von Kostas Papakostopoulos (2006), „Ödipus auf Kolonos“ von Sophokles (2006).

4. Ensemble des DGT:
Leiter - Regisseur : Kostas Papakostopoulos, Bühnenbildner: Zezo Dinekov, Musikkomponist: Herbert Mitschke, Dramaturg: Patrick Neveling, Öffentlichkeitsarbeit: Florian Meyer, Regieassistenz: Eleni Katsaouni-Zoch, Schauspieler: Thomas Franke, Tanja Gottschalk, Nikos Goudanakis, Stefan Kleinert, Tonia Adrianaki. Das Ensemble wird darüber hinaus für jede Inszenierung um weitere Schauspieler ergänzt.

Weitere Informationen zum Theater unter: www.dgt-koeln.de