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Geldgott - Chor der Empörten

  694 Wörter 2 Minuten
2017-04-23 2017-08-05 23.04.2017 255 × gelesen

Ein Lustspiel von Kostas Papakostopoulos nach PLUTOS von Aristophanes
Eine Uraufführung des Deutsch Griechischen Theaters in Koproduktion mit der Studiobühneköln.
Premiere: 19. Oktober (2012), Studiobühneköln

Plutos, altgr. Gott des Getreidevorrats,
dann des Reichtums, Sohn des Iasion
und der Demeter, meist als Knabe
mit Füllhorn dargestellt.
(Die Zeit -Das Lexikon, in 20 Bänden)

Wie viele Aspekte weist der Reichtum auf? Wie oft kann der Verschuldete entschuldigt werden?
Es war einmal der Chor der Migranten, mitten aus dem Leben von Papakostopoulos entliehen, dem Leben der „Integrierten“, ehemals „Migranten“, der heute ehrenwerten Bürger des deutschen Landes. Es war einmal ein „Plutos“ von Aristophanes, vom selben Regisseur (1990) inszeniert, der zwar avantgardistisch konzipiert, aber doch der alten Komödie treu, zumindest als solcher erkenntlich, geblieben. Der Migrantenchor war im Jahre 2006 ein Welterfolg, wagt man zu sagen, ein Lust- und Trauerspiel zugleich, ein halbes Jahrhundert nachdem die ersten Griechen ihre Heimat verließen, um im Zentrum Europas durch ihrer Hände Arbeit der Armut zu entgehen trachteten, und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu sichern. Heute haben sich die Zeiten geändert, und doch wiederholt sich dasselbe Theater. Nur dass das Trauerspiel noch heftiger, lauter und intensiver vorgetragen wird, und die Empörung nicht nur verbal, sondern tätig, ja fast gewalttätig zum Ausdruck gebracht wird.
Hier wandert Plutos (Anne Gehring), der Gott des Reichtums auf der Bühne hin und her, eine verarmte und verhärmte Figur in einem bodenlosen Eisenblechkübel, den er die ganze Zeit mit sich schleppt, manchmal auch darin sitzt und zuweilen gelangweilt, mit dem Kopf an den Kübelrand gelehnt, einschläft. Der Gott ist blind, er verteilt also seine Gaben blindlings. Chremylo(-witsch) (Thomas Franke) aber, ein gerechter und gutmütiger Mann sorgt dafür, dass Plutos wieder sehend wird, und er, Plutos, handelt, nachdem er feststellt, wessen Gönner er bis dahin gewesen war, ab dann genau umgekehrt: Er lässt die armen Gerechten im Überfluss schwimmen, während die ehemals Reichen, also die Verleumder und die alten Dirnen, die Priester und auch die Götter armselig nun und voller Entbehrungen geworden sind. Andererseits sitzen die wohlgenährten, ehrenwerten Bürger, d.h. Finanzexperten aus aller Welt, toll beschäftigt vor einer riesigen Weltkarte. Sie diskutieren,
führen Monologe, tippen auf Computern, mal schreien sie vor Begeisterung, mal schreien sie vor Entsetzen, ein Wirrwarr aus Wortfetzen in verschiedenen Sprachen, die Zuschauer schauen sich fragend an: Sind die es, welche unsere Geldgeschicke in den Händen halten und die Zukunft unserer Länder bestimmen sollen? Bis eine, die Botin (Tonia Adrianaki), aus dem Chor der Experten heraus, der sich inzwischen zum Chor der Empörten gewandelt hat, aufsteht, sich in den vorderen Teil der Bühne stellt und uns erklärt: „Männer des Volkes … „
Die Göttin Armut (Lisa Sophie Kusz) aber, die Penia, ein hässlicher, ungebetener Gast, tritt auch auf die Bühne und behauptet, unverschämter Weise, nur in Armut gebe es eine Chance für die Menschen, dass sie gut werden, denn Reichtum verderbe sie und mache sie zu Übeltätern. Doch wer wird schon so etwas gern hören wollen! Sie wird unter prügeln verscheucht und verlässt die Menschen. Der Chor der Empörten, ob er nun aus Schweizern, Italienern, Spaniern oder Griechinnen, Griechen und Deutschen besteht, darunter zwei Finanzexperten und eine Arbeiterin, schreit herum und in den unterschiedlichen Sprachen die eigenen Meinungen und Erfahrungen heraus, es entsteht ein neues Babylon, eine ironisch-lustige, komödiantische und zuweilen fast „tragische“ Atmosphäre, die uns Zuschauer sofort und massiv und äußerst peinlich in die Gegenwart versetzt. – Wir hatten das zwar schon geahnt, aber es ist was völlig anderes, mittendrin zu schwimmen und sich nicht nur vor der Kiste auf dem sicheren Sessel zu „empören“ als Überzeugter von der einen oder der anderen Seite der Geschichte. Und das ist die Kunst von Papakostopoulos: „Aus Alt mach Neu“, steck das Messer dahin, wo es am meisten schmerzt, vielleicht wirst du dann aufwachen und etwas nüchterner die Dinge betrachten. Doch nur „vielleicht“. Denn Lösungen bietet auch die Kunst nicht, die ersehnte „Katharsis“ will sich nicht einstellen, das entstandene Chaos kann keine Lösung sein, die Welt ist verurteilt, weiter darin zu wursteln. Und so endet das Stück, das, nach einer sekundenlangen Pause der Besinnung, vom Publikum mit Applaus überschüttet wird, der die Akteure - nunmehr „demaskiert“ und fast peinlich heutig - immer wieder auf die Bühne bestellt. Eine tolle Leistung!