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Das Linsenfest von Englouvi auf Lefkas

2017-04-05 2017-04-05 05.04.2017 315 × gelesen 2 Minuten

Am Südosthang des imposanten „Agios Ilias“ (1.036 m) liegt das Bauerndorf Englouvi in ca. 750 m Höhe wie ein Nest an die Felsen geschmiegt. Hier oben leben die Bauern vom Linsenanbau. Nicht nur: viele Bewohner sind heute in den größeren Orten der Umgebung oder im Tourismus an der Küste tätig. Dennoch ist die bäuerliche Arbeit fester Bestandteil des Lebens und Wirtschaftens. Englouvi ist der höchstgelegene Ort auf der Insel. Vor dem letzten Weltkrieg gab es hier noch eine Schule für 200 Kinder. Heute ist die Schule geschlossen. Aus dem Ortskern heraus führt eine schmale Strasse ca. 3 km weiter hinauf in eine steppenähnliche Hochebene zwischen „Agios Elias“ und dem höchsten Inselberg „Stavrota“ (1.157 m). Über Jahrhunderte hinweg haben die Bauern dort dem kargen Boden kleine Felder abgerungen.
Sie haben Parzellen eingeteilt und mit Bruchsteinen ummauert, kleine Steinhütten errichtet oder Felshöhlen als Ställe und Lager nutzbar gemacht, Zisternen gegraben und Dreschplätze angelegt.
Und hier bauen sie die besten Linsen Griechenlands an. In der extremen Lage werden die besonders aromatisch und kochen sämig - handverlesen werden sie zum Kauf angeboten. Nicht billig, das Kilo um die 6 Euro. Lohn für mühsame Handarbeit und harte Wochen der Aussaat, Pflege und Ernte. Die Landschaft ist übersät mit silbrig glänzendem Steinmauerwerk und inmitten dieser bäuerlichen Szene steht eine kleine Kirche, dem „Agios Donatos“ geweiht. Zu dessen jährlichem Namenstag im August feiern die Bauern ihre Kirchweih mit einem „Linsenfest“.
Wichtig ist der Gottesdienst. Aber im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen die großen kupfernen Linsenkessel auf den offenen Feuerstellen. Von den Männern aufgesetzt und von den Frauen betreut, brodeln die feinen Linsen darin, werden lange gerührt und gewürzt.
Dabei hüllen Rauchschwaden den ganzen Festplatz vor der Kirche in aromatischen Duft. Das Fest wird von vielen Bauern aus der Nachbarschaft und von einigen Fremden besucht. Alle erhalten kostenlos Linsensuppe mit „Rigani“ (Majoran), dazu Sardinen, Riganada - d.s. geröstete Brotscheiben mit Olivenöl und Rigani - und Wein. Wasser bringt man am besten selber mit, aus dem Supermarkt, in Plastikflaschen. Wimpelketten hängen zwischen den wenigen Bäumen um die Kirche herum, es gibt Musik, teils aus dem Player teils auch life auf Klarinetten geblasen. Man trifft sich hier. Man bespricht familiäre Ereignisse, Freudiges und Trauriges und lässt sich sehen.
Einige Bauern haben Linsen in Kilotüten abgepackt und bieten diese, auf ihren Pickups sitzend, zum Kauf an. Viele ältere Frauen tragen schwarze Röcke und Schürzen und dunkle Kopftücher, einige junge Frauen trauen sich auch in buntem Freizeitlook „unters Volk“, ernste und gegerbte Bauerngesichter, aber auch fröhliche Kindermienen - alles mischt sich hier in der hochsommerlichen Bergluft zu einem bezaubernden Fest. Und alle genießen die Abwechslung, die milde Brise, den weiten Blick über die karge Ebene zwischen den Berggipfeln.
Und wenn am späteren Nachmittag die Luft wieder klar wird, sieht man weit über das Meer und die kleinen Inseln des Archipels bis zu den Nachbarinseln Ithaka und Kefalonia, vielleicht sogar bis zum Peloponnes hinüber
Am Abend zu Besuch im Dorf. Ein dunkler steingemauerter Eingang, umweht von buntem Stoff. Dahinter die enge Wohnküche des alten Bauernpaars. Direkt auf dem Fußboden ein kleines gemauertes Podest, das den offenen Kamin trägt. Rauchig, hellblau abgesetzt von der gekalkten Wand. Das Gesims voller Andenken - ein Schokoladenweihnachtsmann darunter; die Zeit ist stehengeblieben hier. Unter dem vergilbten Hochzeitsfoto des Paars ein schief gehängtes Hufeisen aus Styropor mit Neujahrswünschen für ein längst vergangenes Jahr. Tsipouro wird eingeschenkt, das ist griechischer Grappa. Steht auf dem wackligen Holztisch auf einer Plastikdecke und duftet würzig. Ein warmer Abendwind dringt durch den Türvorhang. Dann ist es Zeit zu gehen.