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Modernes Griechenland - Armenier in Griechenland

2017-03-10 2017-08-02 10.03.2017 1.159 × gelesen 4 Minuten

An vielen Orten in Griechenland trifft man auf Zeugnisse eines lebendigen Nebeneinander und Miteinander verschiedener Kulturen, was dem Blick des modernen Besuchers oft entgeht. Umso wichtiger, dieser multikulturellen Gesellschaft in Griechenland einen Platz einzuräumen und Griechenland als multikulturelle Gesellschaft dem modernen Leser zu zeigen. Den Auftakt macht heute ein Beitrag über Armenier. Schon lange sind diese fester Bestandteil der griechischen Gesellschaft. Ihre Schulen, Gemeindehäuser und ihr kulturelles Engagement in vielen Städten ist auch immer darauf ausgerichtet, die eigene Geschichte und Identität zu bewahren und zu tradieren. Und so begegnet sie einem vielerorts.

Die antike Geschichte
Vieles, was die Geschichte Armeniens und seiner Bevölkerung betrifft, verliert sich in den frühen Ursprüngen der Geschichtsschreibung. Erstmals erwähnt wird der Name Armenien 521 v. Chr. auf einer dreisprachigen Inschrift aus Persien, auf der von Arminia (Armenien) gesprochen wird. Ungefähr zur selben Zeit wird auch in der griechischen Geschichtsschreibung ein Volk dieses Namens erwähnt. Herodot berichtet, dass ein Mann mit dem Namen Arame (Armenos) aus Phrygien einwanderte, und sich in an der Stelle des Königreichs Urartu niederließ. Der Name Jerewan /Eriwan (urartäisch Erebuni), der spätere Name der armenischen Hauptstadt, ist als Bezeichnung einer Siedlung seit 782 v. Chr. im Königreich Urartur nachweisbar. Das Reich, das in dieser frühen Zeit entstand und von dem verschiedene antike Quellen berichten, lag zwischen dem Van-See, dem Urmia-See und dem Sewansee und umfasste auch etwa die Hälfte des modernen Staates Armenien. Allerdings ist nicht genau feststellbar, wann die Armenier in das Gebiet um den Van-See einwanderten.
Die Geschichte des antiken Königreichs ist in der folgenden Zeit geprägt von großen Kriegen gegen die benachbarten Assyrer, die ein Ende nahmen, als der Landstrich unter persische Herrschaft geriet.
Über das weitere Schicksal Armeniens ist wenig bekannt, und gerade dies macht deutlich, dass das Land in jenen zwei Jahrhunderten gleichsam im Windschatten der Geschichte lag. Das Perserreich betrachtete Armenien als geopolitische Einheit in Form einer Provinz und, bevor das Land im Hellenismus als eigenständiges Königreich selbst Geschichte machte, ist kaum etwas bekannt über seine Bevölkerung, Sitten und Gebräuche.
334 v. Chr. begann Alexander der Große mit seinem Feldzug gegen die Perser und Armenien kam auch unter hellenistischen Einfluss, wurde jedoch selbst nicht erobert. Alexanders Nachfolger, die sog. Diadochen, teilten das riesige Reich unter sich auf. Und Armenien kam in den Interessenbereich der Seleukiden, benannt nach dem König Seleukos, die Armenien zwischenzeitlich (215–190 v. Chr.) auch beherrschten. Nach deren Niederlage gegen die Römer in der Schlacht von Magnesia im Jahr 188 v. Chr. rief sich Artaxias zum König von Armenien aus. Seine Nachkommen, die Dynastie der Artaxiden, festigten die weitere Unabhängigkeit des Großreichs Armenien als selbstständiges Königreich. Und von 95 bis 55 v. Chr. erreichte die Macht des Artaxidenstaates ihren politischen Höhepunkt. Tigranes der Gr. ließ sich zum König der Könige ausrufen und kontrollierte zeitweise sogar das ehemalige seleukidische Kernland Syrien. Sein Bündnis mit Mithridates von Pontos brachte ihn jedoch in Konflikt mit den Römern, die ihn zwangen, Syrien wieder aufzugeben und ihre Oberhoheit über seinen Staat anzuerkennen. Da Armenien geostrategisch zentral lag, wurde es bald zum Zankapfel zwischen Rom und den Parthern. Der Streit gipfelte in einer kriegerischen Auseinandersetzung unter Kaiser Trajan (114 n. Chr.), als der damalige Partherkönig versuchte, die Römer bei der Nachfolgeregelung in Armenien zu übergehen. Nach dem Sieg der Römer wurde Armenien nun als Provinz Armenia in das Römische Reich integriert, aber nach wenigen Jahren bereits wieder aufgegeben. Die Spuren verlieren sich, bis die Quellen dann zu berichten wissen, dass Armenien ab 301 unter Führung von Gregor dem Erleuchter zum Christentum übertrat, was einher ging mit der Gründung der Armenisch Apostolischen Kirche. Damit wurde Armenien der erste christliche Staat der Welt.
Nach dem Zerfall des Königreichs der Bagratiden im 11. Jahrhundert wanderten viele Armenier aus Ostanatolien nach Kilikien aus, wo sie das von 1080 bis 1375 gleichnamige Königreich errichteten. Später brachte sie ihre Wanderung nach Russland, Rumänien und Moldawien. Anlass waren Verfolgungen, die 1604 unter Abbas dem Großen zu einer Massendeportation von Armeniern führte.

Die Entstehung des armenischen Staates
Trotz aller Widrigkeiten kam es immer wieder zur Staatengründung und man kann Armenien seit dem 18. Jahrhundert in Ostarmenien (unter persischer, später russischer Herrschaft) und Westarmenien (unter osmanischer Herrschaft) aufteilen. Die Westarmenier wurden durch den Völkermord, den die Osmanen während des Ersten Weltkrieges verübten, in ihrem angestammten Siedlungsraum nahezu ausgelöscht. Etwa 1,5 Millionen fielen dem Völkermord zum Opfer. Eine Anzahl von Armeniern konnte fliehen und siedelte sich in Kaukasus-Armenien an. Nach den traumatisierenden Ereignissen im Zusammenhang mit dem Völkermord hatte der 1933 erschienene Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel eine identitätsstiftende Bedeutung für die Armenier und ihre Diaspora. Eine armenische Gedenkstätte erinnert mit einer Gedenktafel daran.
Der Großwesir des Osmanischen Reiches, Damat Ferid Pascha, räumte im Jahr 1919 eine Verfolgung an den Armeniern ein. Dennoch werden die systematische Vertreibung und der Genozid der Armenier bis heute von der türkischen Regierung – wie von allen vorherigen türkischen Regierungen – abgestritten.
Die Republik Armenien war die erste armenische Republik und existierte von 1918 bis 1921. Anschließend wurde das Land sowjetisiert; nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sie sich 1991 unabhängig.

Die Diaspora in Griechenland
In Ost-Armenien lösten russische Pogrome Ende des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle nach Europa aus. In diesem Zusammenhang kamen 1870 die ersten Armenier aus Sasun, Mush und Van nach Griechenland und siedelten vor allem in Nordgriechenland an. In Alexandroupolis, Komotini und Xanthi ließen sich zwischen 1875 - 1880 zahlreiche Familien nieder, die zuerst beim Bau der Bahnverbindung von Thessaloniki nach Konstantinopel Arbeit fanden und auch als Tagelöhner beim damals florierenden Tabakhandel in Xanthi und Kavala beschäftigt wurden. Sehr schnell machten sie sich selbstständig und eröffneten ihre eigenen kleinen Unternehmen. Viele davon gibt es heute noch.
1880 wurde dann auch die erste armenische Schule in Griechenland gegründet. Nach einer wechselvollen Geschichte, geprägt von Schulschließungen und Schulverboten, die vor allem von dem letzten osmanischen Reichsverwalter in Nordgriechenland angeordnet wurden, konnten schon in den 1920er Jahren, nach der Unabhängigkeit Thrakiens und der Anbindung an Griechenland, an etlichen Orten erneut Schulen gegründet werden. Heute gibt es in den Städten Komotini, Xanthi, Kavala und Thessaloniki Schulen, in denen wie damals die armenische Sprache und Geschichte an die jungen Mitglieder der Gemeinde vermittelt werden.
Einen weiteren Aspekt kultureller Identität vermittelte man schon in der Anfangsphase in den zahlreichen Vereinen, in denen Tanz gelehrt wurde, außerdem auch Theaterstücke einstudiert und aufgeführt wurden. 1882 wurde in Xanthi der erste armenische Kulturverein gegründet, der bis heute aktiv das kulturelle Leben der Gemeinde mit gestaltet.
Anfang des 20. Jahrhunderts lebten Armenier in nahezu allen kleineren und größeren Orten Nordgriechenlands.
Eine weitere große Flüchtlingswelle erreichte Griechenland in den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Armenier wie auch Griechen flohen vor den Massakern in der Türkei. Auf rund 1.500.000 wird die Zahl der Flüchtlinge geschätzt, die damals in Griechenland eine neue Heimat suchten, darunter waren auch etwa 80.000 Armenier. Alle, die dem Genozid entkommen konnten, fanden hier eine neue Heimat und wurden schnell integriert, so dass in den 30er Jahren die Flüchtlinge die griechische Staatsbürgerschaft erhielten.
1925 wurde in Folge der wachsenden Zahl an Armeniern, die dauerhaft in Griechenland ihre Heimat sahen und sich hier niederließen, das armenisch-katholische Ordinariat gegründet, das sich seit diesem Zeitpunkt um die Belange der Mitglieder kümmert. Die Kirche ist seitdem, wie an vielen Orten, für die Diaspora der wichtigste Anknüpfungspunkt um den sich das geistige und kulturelle wie das religiöse Leben entfaltet.
Erst durch die Folgen des 2. Weltkrieges und mit dem beginnenden Bürgerkrieg, der Hunger und Not brachte, verließen zahlreiche Armenier Griechenland wieder und gingen in den neugegründeten Staat Armenien, der Teil der UDSSR war. Andere wanderten nach Lateinamerika und Kanada aus. Rund 20.000 Armenier blieben und leben dauerhaft in Griechenland.