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Axiotika - Tanzend kommen sie auf die Welt - Die Burgfestspiele von Naxos

2017-03-08 2017-07-31 08.03.2017 278 × gelesen 4 Minuten

Dass ich Nikolaos Michail Laurent Karavias in Chora auf Naxos überhaupt getroffen habe, ist wieder einmal einer Häufung von Zufälligkeiten – das Wort Zufall benutze ich bewusst nicht, weil es ihn meiner Erfahrung nach nicht gibt – zu verdanken. Eigentlich wollte ich an diesem Herbstabend im frühen Oktober 2008 nur eine ganze Kleinigkeit essen und ein paar Schlücke vom guten Naxos-Wein zu mir nehmen. So trieb es mich zunächst in das Labyrinth des alten Marktes in Choras Altstadt zum Lukullus-Restaurant. Hier hatte ich immer dann, wenn meine Freundin Anastasia keine Lust hatte, mit mir auszugehen, meinen Lieblingsplatz, ein kleines Tischchen in einem mit offenen Ranken umwachsenen Gang und direktem Blick gleichermaßen auf die hell erleuchteten Gassen mit ihren schönen Geschäften wie auch auf die promenierenden vielfältigsten Menschen oder die ebenso verspielten wie hungrig bettelnden Katzen. Außerdem hatte ich im Lukullus –nomen est omen- das gerade sein 100-jähriges Bestehen feierte, den wunderbaren Salat Axiotiki entdeckt, eine naxiotische Spielart des Choriatiki, nur viel feiner, mit Kapern und einer Menge frischer, edler Kräuter, den üblichen Feta ausgetauscht gegen eine weiche, besonders schmackhafte Käsevariante der Insel. Dass mir schon sehr bald das Wort „Axiotika“ in einer ganz anderen und besonderen Art wieder begegnen sollte, davon hatte ich an diesem Abend vorerst nicht die leiseste Ahnung.

Es war einer jener begnadeten Frühherbsttage gewesen, an denen die Sonne herrlich wärmte, ohne wie im Juli oder August zu versengen, ein windstiller Tag mit sanftem lauwarmem Meerwasserbad, den man am besten zum Ausklingen bringt, indem man mit sich und der Welt zufrieden „den lieben Gott einen guten Mann sein lässt“. So schlenderte ich aus der Taverne mit einem leicht selbstvergessenen Glücksgefühl – und verlief mich prompt und erstmals im Gewirr der Gässchen des Altstadtlabyrinths. Ich wollte hinunter zum Hafen, doch gab es mit einem Mal nur noch Treppen, die steil bergauf wiesen und so führte mich mein Weg hinauf zur Burg. Hier verlief ich mich ein zweites Mal, bis ich hoch oben anlangte und von ein wenig unterhalb eine wunderschöne Musik hörte, von Menschen, die hierzu offenbar sangen und tanzten. Natürlich folgte ich dieser Spur und so stand ich mit einem Mal vor einem faszinierenden Anblick: Durch ein kleines offenes Tor konnte ich hineinsehen in einen Innenhof des Domus Della Rocca, Teil der großen venetianischen Burg oberhalb von Naxos-Stadt. Der Burghof war nur von Pechfackeln erleuchtet und um die riesige Palme in seiner Mitte waren einige Stuhlreihen errichtet. Vielleicht 60 oder 80 Menschen lauschten verzückt einem Konzert mit volkstümlicher griechischer Musik und Gesängen wie Laiko und Rebetiko und bewunderten die Tanzgruppen, die Xasapiko, Zebekiko und Syrtaki vorführten. In einer helleren Ecke dieses romantischen Burghofes war eine Tafel mit lokalem Wein und Erfrischungen aufgestellt. So lauschte auch ich, da das Konzert bereits weit fortgeschritten war, draußen vor dem Torbogen, bis mir ein gastfreundlicher Arm über die Schultern gelegt und ich freundlich mit einem Glas roten Weines hereingebeten wurde. In diesem Augenblick beschloss ich, Sie, liebe Leser/innen an diesem traumhaft schönen Erlebnis mit einer kleinen Reportage teilhaben zu lassen.

Es sollte dennoch ein paar Tage dauern, bis Nikolaos Michail Laurent Karavias Della Rocca-Barozzi, Initiator, Erfinder und heutiger Direktor des Castro Cultural Festival Domus Zeit für ein Interview mit mir haben sollte. Der ehemalige Zahnarzt, direkter Abstammung ebenso eines großen venetischem Adelsgeschlechtes als auch mit griechischem und russischem Blut in seinen Adern, erklärte mir dann, was ein richtiger Axiotika ist. „Axiotika bezeichnet in vielen Sprachen solche Leute von Naxos, die schon tanzend aus dem Körper ihrer Mutter geboren und denen Rhythmus und Musik bereits in die Gene gelegt wurde“. Da verwundert es dann kaum noch, dass Nikolaos´ Vater ein bekannter Operntenor und seine Mutter Solopianistin und Klavierlehrerin war. Axiotika entstammen beispielsweise den bekannten musikalischen Familien der Hadyopulos, Koularis oder Konitopoulos, heutige und traditionelle „Musik-Center“ sind die Dörfer Apiranthos, Koniaki, Koronos oder Kinidaros.

Der Beruf des Dentisten war für Nikolaos Karavias demnach auch nur eine Übergangsphase. Im Frühjahr 1999 beschloss er der Gemeinde, den Touristenbüros und zunächst interessierten Hotels vorzuschlagen, alljährlich auf dem Castro ein vielfältiges Kulturfestival zu initiieren. Dabei sollte zu allererst Folklore und Bouzouki-Musik mit bekannten griechischen Künstlern den Naxos-Besuchern Tradition und Lebensfreude der Inselbewohner nahe bringen und später das Festivalprogramm durch klassische Guitarre, Piano-, Violinen- und Flötenkonzerte internationaler Künstler bereichert und erweitert werden. Fast alle Organisatoren aber sprangen ab, Karavias fühlte sich nach eigenen Worten als „lonely Cowboy“ und dennoch startete er nun alleine durch. Einige wenige Veranstaltungen gab es sogleich im Frühjahr 1999, im Jahr 2000 waren es schon ein paar mehr und seit 2001 läuft jetzt ununterbrochen das „volle Programm“, etwa 200 Konzerte und kulturelle Events in jedem Zyklus von Anfang März bis etwa Ende Oktober.

„Wer kennt die Völker, nennt die Namen“, könnte man aus einer bekannten deutschen Ballade zitieren, denn die Liste der Künstler, die seither auf der Burg ihr Bestes gaben ist beinahe ebenso lang wie die Anzahl der Besucher. Russen, Griechen, Deutsche, Araber stellten hier Lieder und Lyrik vor, ein komplettes norwegisches Blasorchester war zu Gast, es gab Flamenco-Nächte, Jazzkonzerte mit Piano, Saxophon, Gitarre, Harmonika und bedeutsamen Sängern. Die einheimischen Gruppen spielen bis heute auf historischen Instrumenten wie dem schätzungsweise 2.000 Jahre alten Souvliari der Schafhirten, den Trommeln des Doubaki oder der seit 4.000 Jahren gebräuchlichen Lute auf und intonieren dabei die Jahrhunderte alten Tänze.

Werfen wir doch einmal einen Blick auf das Programm des nun abgelaufenen Jahres 2008 und schauen, wer alles hier im Innenhof des Castro Domus Della Rocca-Barozzi auftreten durfte, ein Spiegelbild zudem und Verweis auf das, was das internationale Publikum auch in diesem Jahr an Veranstaltungen erwartet. Da gab es die „Majestic Concert Night“ für Violine und Piano mit den russischen Fernsehstars Elena Kiseliova und Andreas Sarantidis-Dudnikoff, das „Jazz-Etnic Improvisations Projekt 37 mit Vassilis Tzavaras und Haris Lambrakis, der ganzjährig mit seinen Konzerten Gastspiele überall auf der Welt gibt. Der „Schubert-Pianist“ Mikhail Mordvinov gab seine Visitenkarte auf der Burg von Naxos ebenso ab wie der Klassik-Gitarrist Dimitris Kotronakis mit Kompositionen von Nikos Mamagakis. Der Armenier Ruben Satyan vom Yerevan State Conservatory begeisterte mit Jazz-Improvisationen sein Publikum ebenso wie die Deutsche Claudia Kohl mit Piano Recitals von Bach, Mozart, Bartok, Chopin oder Schumann. Immer wieder gab es auch die viel gelobten „Sonnenuntergangs-Konzerte“ mit griechischen Gesängen, Folklore und Tänzen, mit namhaften und weniger bekannten aber genauso begeisternden Interpreten. Alles in allem dürften 2008 wohl mehr als 1.000 Künstler auf der Burg aufgetreten sein.

All dies ist dem rührigen Nikolaos Karavias aber noch immer nicht genug. Nun plant er für den Winter „travelling festivals“ unter der Bezeichnung „Grüße aus Naxos“ in allen größeren griechischen Städten. Besonders am Herzen liegt ihm auch die Völkerverständigung. So möchte er in verschiedenen europäischen Ländern gemeinsame Konzerte mit Israelis und Arabern organisieren, nach seinen eigenen Worten „Frieden schaffen durch kulturellen Austausch mit Konzerten, Vorträgen und Gedichten“. Ein Völker verbindendes Museum steht derzeit als Letztes auf seiner Wunschliste. Auch hier hat der Duke bereits Erfahrungen gesammelt. Dem Sitz der Adelsfamilie auf der Burg ist schon heute das venetianische Museum angegliedert. Von seinem Arbeitsplatz dort am offenen Fensterschacht blickt Karavias hinab auf die Inselhauptstadt, auf den Hafen, die kleinen Boote und die großen Fähren. Das Museum selbst zeigt mit allen Einrichtungsgegenständen und Gebrauchsutensilien wie die vornehmen adeligen Geschlechter vom 17. Bis ins 19. Jahrhundert ihr Leben gestalteten. Die Barozzis, deren Name im Laufe der Jahrhunderte in „Della Rocca“ italienisiert wurde, siedelten sich bereits 1204 nach dem 4. Kreuzzug in Griechenland an. Santorini und Therasia bekamen sie als Lehen, später wurden sie Gouverneure von Heraklion auf Kreta. Othon de la Roche wurde erster Herzog von Athen und Theben. Seit dem 16. Jahrhundert und der Eroberung Kretas durch die Türken siedelt die Familie Barozzi auf Naxos.

Den vielen unbändigen Schönheiten von Naxos, die alle aufzuzählen der Platz hier nicht reicht, haben Nikolaos Michail Karavias und seine Vorfahren sicher manche Facette hinzugefügt. Ein Grund mehr die Kykladeninsel zu besuchen. Wer vorab noch Weiteres erfahren will, dem sei die Internetpräsentation unter www.naxosisland.gr/VenetianMuseum empfohlen. Direkter Kontakt zu Karavias und seinen vielfältigen Aktivitäten selbst kann unter der e-mail-Adresse encrypted---dmVuZXRpYW5AYWNuLmdy aufgenommen werden.

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