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Interview mit PAVLOS TZERMIAS, Professor & Schriftsteller

2017-03-02 2017-05-01 02.03.2017 597 × gelesen 8 Minuten

Pavlos Tzermias - Ein "eingezürcherter" Grieche
Das Interview mit Pavlos Tzermias - international angesehener Autor und Publizist, Historiker und Humanist – führte Renate Dülk

R. Dülk: Herr Tzermias, Ihre Eltern stammen aus Kreta, Sie selbst sind in Thessaloniki geboren worden. Seit mehr als fünfzig Jahren leben Sie in Zürich, doch Sie halten sich von Zeit zu Zeit auch in Athen auf. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit vor Ihrem Weggang? Weshalb verließen Sie damals Griechenland? Dachten Sie jemals daran, wieder ganz nach Griechenland zurückzukehren? Wo fühlen Sie sich heute zuhause und was bedeutet das Ihnen?
P. Tzermias: Ich lebe seit 1949 in Zürich. Ich kam damals in die Schweiz, um mich nach Abschluss meines Studiums an der Universität Athen weiteren Studien zu widmen. Das war und ist in Griechenland üblich. Meine damaligen Professoren in Athen bewogen mich dazu, nicht zuletzt weil ich das Studium an der dortigen Universität mit summa cum laude abschloss. Ihre Frage über die Erinnerungen möchte ich mit den Worten meines unvergesslichen Kollegen und Freundes Gunnar Hering beantworten: „In der Schweizer Oase des Friedens und der Sicherheit konnte er (Pavlos Tzermias) sich zum ersten Mal seit seinem fünfzehnten Lebensjahr weitab von den Schrecken des Krieges und des Bürgerkrieges in seine Bücher vertiefen, durfte darauf vertrauen, dass - um ein bekanntes Wort zu zitieren - der Mann, der morgens früh an der Haustür klingelte, nur der Milchmann sein konnte.“ Hering erfasste sehr zutreffend das Klima, in dem ich lebte, als ich nach Zürich kam. Für mich war die Schweiz damals eine Oase. Zur Vermeidung von Missverständnissen: Ich war kein Flüchtling, auch nicht ein bewusster Auswanderer. Aber in meinem Innersten „flirtete“ ich schon damals mit dem Gedanken, mich für immer in Zürich niederzulassen. Inzwischen bin ich, wie mich ein Journalist genannt hat, ein „eingezürcherter“ Grieche geworden. Ich fühle mich mit der Schweiz sehr verbunden - nicht nur wegen des Schweizer Passes und meines Doppelbürgerrechtes. Doch meiner griechischen Wurzeln bin ich mir stets bewusst. Dafür spricht eigentlich mein publizistisches Werk, nicht allein der Umstand, dass ich mich von Zeit zu Zeit in Athen (aber auch anderswo im griechischsprachigen Raum, z.B. in Nikosia) aufhalte.

R. Dülk: Welche Erlebnisse haben für Sie - jetzt im Rückblick gesehen - eine besondere Bedeutung für Ihren Lebenslauf gehabt oder sind einschneidend in Ihrem Leben gewesen?
P. Tzermias: Ich kann die Frage nicht abschließend beantworten. Aber sicher hatten und haben in meinem Leben folgende Perioden eine besondere Bedeutung: die Zeit der Nazi-Okkupation in Griechenland (1941-1944) und die Zeit der Athener Militärdiktatur (1967-1974). Als 16-Jähriger schloss ich mich im von den Nazis besetzten Athen einer Resistance Jugendorganisation an. Und in der Zeit der Athener Militärdiktatur nahm ich von Anfang an gegen die Diktatur Stellung. Schon am 21. April 1967 verurteilte ich in einer Schweizer Fernsehsendung die Putschisten. Meine Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung waren vom selben freiheitlichen Geist geprägt. Sie wurden deshalb oft von der griechischsprachigen Sendung der Deutschen Welle ganz oder teilweise übertragen.

R. Dülk: Sie haben Rechtswissenschaften studiert und waren von 1956 bis 1962 Mitarbeiter bei der Forschungsstelle für Rechtssprache, Rechtsarchäologie und Rechtliche Volkskunde beim Rechtswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich. 1961/1962 begannen Sie Ihre Tätigkeit als Sprachlehrer. Sie unterrichteten in Zürich Griechen in Deutsch und Schweizer in Neugriechisch, schließlich lehrten Sie Byzantinistik und Neogräzistik an den Universitäten Fribourg (1965-1995) und Zürich (1984-1992). Wie kam es zu dieser Zäsur in Ihrer beruflichen Laufbahn? Welche Schwerpunkte haben Sie bei Ihrer Lehrtätigkeit gesetzt?
P. Tzermias: Äußerlich gesehen war es in der Tat eine Zäsur. Bei näherem Hinsehen aber nicht. Schon als Jura-Student in Athen hatte ich in einem Zeitschriftenartikel meine Präferenz für die Rechtsphilosophie, die Rechtsgeschichte und die Rechtssoziologie klar geäußert. Eigentlich dachte ich nie im Ernst, ein praktizierender Rechtsanwalt zu werden. Meine Ambitionen waren von Anfang an wissenschaftlicher Natur. Als ich in die Schweiz kam, besuchte ich nebst den juristischen auch philosophische Vorlesungen, z.B. diejenigen von Karl Jaspers in Basel. Diese Tendenz wurde durch meine Aktivität an der Forschungsstelle für Rechtssprache, Rechtsarchäologie und Rechtliche Volkskunde nur noch verstärkt. Schon damals verfasste ich Arbeiten, die eigentlich jenseits der Juristerei im strengen Sinn dieses Wortes lagen. Ich erwähne z.B. eine Abhandlung über die Bedeutung des Wortes Symbolon im Laufe der Jahrtausende. Oder eine Abhandlung über die Gerechtigkeitslehre Platons. Als Hochschullehrer war ich bemüht, die Gräzistik oder Hellenistik sehr umfassend und diachronisch zu fördern. Ich darf hier auf mein im Universitätsverlag Freiburg Schweiz erschienenes Werk „Für eine Hellenistik mit Zukunft“ verweisen.

R. Dülk: Dieser Tage vermelden die Nachrichtenagenturen, dass immer mehr Menschen beruflich und privat per Mail miteinander kommunizieren. Wie beurteilen Sie die derzeitige Entwicklung der Sprache. Stichworte: Veramerikanisierung (ist das auch im Griechischen ein Problem?) und Rechtschreibreform.
P. Tzermias: Ich finde Ihre Frage sehr begründet. Sie gibt mir die willkommene Gelegenheit, mit allem Nachdruck zu unterstreichen, dass ich ein entschiedener Kritiker der negativen Seiten der berühmt-berüchtigten „Globalisierung“ bin, die nicht selten ein neues Wort für ein altes Phänomen ist, nämlich für den ökonomischen und kulturellen Imperialismus. Das hat nicht zuletzt auch auf dem Sektor der Sprache negative Auswirkungen. Zugespitzt formuliert: die Sprache wird „mcdonaldisiert“. Die negativen linguistischen Auswirkungen machen sich auch in Griechenland bemerkbar. Im vornehmen Athener Quartier Kolonaki wimmelt es von fremden Inschriften; selbst griechische Wörter werden nur mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Wir begegnen hybriden Wortbildungen. Angesehene Mitglieder der Athener Akademie, der höchsten kulturellen Institution Griechenlands, deren Korrespondierendes Mitglied zu sein ich die Ehre habe, haben zu Recht gegen diese Tendenz Stellung bezogen. Es geht hier nicht um ein Plädoyer für einen isolationistischen Sprachpurismus. Die Aufnahme fremder Elemente in eine Sprache ist nicht zu verurteilen. Sie kann sogar befruchtend sein. Aber die Sprache hat mit der Logik zu tun. Richtig sprechen heißt richtig denken. Sie erwähnten die deutsche Rechtschreibreform. Mir ist unverständlich, warum ich Philosophie (nicht Filosofie) und gleichzeitig Fotografie (nicht Photographie) schreiben soll.

R. Dülk: Sie waren jahrzehntelang Berichterstatter der Neuen Zürcher Zeitung und wirkten als Kommentator an Sendungen des Schweizer Rundfunks und Fernsehens mit. Auch in zahlreichen eigenen Publikationen, darunter Standardwerke auf den Gebieten der Politik und Landeskunde, Musik und Literatur, Sprache und Geschichte, haben Sie sich kontinuierlich zu aktuellen Fragen und Ereignissen Griechenlands und Zyperns geäußert - und damit einem großen Leser- und Hörerkreis Einblicke in die Realität eines Landes gegeben, das - von Großereignissen wie die Olympischen Spiele 2004 mal abgesehen - nicht im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit steht. Können Sie uns etwas über diese - meiner Meinung nach - sehr wichtige Arbeit berichten? Welche Auswirkungen hat sie auf das Griechenlandbild im deutschsprachigen Raum?
P. Tzermias: Mir ist die gespielte Bescheidenheit zuwider. Es wäre hypokritisch, wenn ich bei der Beantwortung Ihrer Frage so täte, wie wenn ich nicht wüsste, dass meine Jahrzehnte lange Arbeit positive Folgen zeitigte. Das gilt insbesondere für den deutschsprachigen Raum, wenn auch nicht ausschließlich, denn ich habe Schriften auch in anderen Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch) verfasst. Gunnar Hering schrieb seinerzeit in seiner Laudatio zu meinem 65. Geburtstag: „Wie kaum ein anderer Publizist hat der Jubilar das Bild von Griechenland im deutschen Sprachraum mitgestaltet.“ Nichtsdestoweniger bin ich mir dessen bewusst, dass es auf meinem wissenschaftlichen Gebiet noch vieles zu tun gibt. Leider machen der Humanismus (die Untersuchung der Dinge unter dem Aspekt der Menschenwürde) und die Griechenlandstudien auf der ganzen Welt (auch in Griechenland) eine Krise durch. Diese Krise habe ich in Büchern und Abhandlungen analysiert, und ich betrachte es als meine Hauptpflicht, dagegen zu kämpfen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten natürlich. Dabei gehe ich von einer holistischen (d.h. das Ganze umfassenden) Auffassung aus. Der verstorbene Gelehrte Emanuel A.Turczynski nannte mich mal einen „begabten Polyhistor“. In gewissem Sinne bin ich ein Polyhistor; aber dies innerhalb der Griechenlandstudien (innerhalb der Gräzistik oder Hellenistik). Anders ausgedrückt: Ich bin, was das Griechentum anlangt, ein spezialisierter Generalist. Deswegen befasse ich mich mit allen Aspekten der griechischen Geschichte und Kultur im Laufe der Jahrtausende (Sprache, Literatur, Politik, Recht, Gesellschaft, Wirtschaft usw.). Dabei habe ich den Vorteil, dass Griechisch meine Muttersprache ist. Nach meiner Überzeugung setzt eine den wissenschaftlichen Anforderungen genügende Gräzistik sehr gute Kenntnisse des Griechischen voraus. Wir sprachen vom deutschsprachigen Raum. Aber - das sei zur Vermeidung von Missverständnissen erwähnt - ein nicht geringer Teil meines Werkes liegt in griechischer Sprache vor.

R. Dülk: Manche Klischeevorstellungen über „die Griechen„, „die Deutschen„ oder „die Schweizer„ sind offenbar nicht aus der Welt zu schaffen. Stimmt Sie das manchmal mutlos? Wie kann Ihrer Meinung nach ein größeres Verständnis für die Situation oder die Probleme des anderen geweckt werden? Wie interessiert sind im Vergleich einerseits die Griechen an Deutschland und andererseits die Deutschen oder die Schweizer an Griechenland? Und zwar nicht nur als Urlaubsland?
P. Tzermias: Gegen die Klischees kämpfe ich seit Jahrzehnten. Die Überwindung dieser Klischees setzt eben die schon angesprochene Förderung und Vertiefung der Griechenlandstudien auf fundierter Basis voraus. Die Anwesenheit der griechischen Einwanderer (das Wort „Gastarbeiter“ vermeide ich, weil es die Situation beschönigt) und der Massentourismus nach Griechenland gaben in der Vergangenheit dem Interesse für das „Land der Griechen“ Auftrieb. Doch Hand in Hand damit ging ein „Philhellenismus“, der in den meisten Fällen nicht die Stufe des Syrtaki (im Duden bürgerte sich die Schreibweise Sirtaki ein) überstieg. Wie gesagt, es gibt noch vieles zu tun.

R. Dülk: Das Interesse am anderen mal vorausgesetzt, bleibt das Sprachproblem. Angesichts lediglich einer etwa Hand voll Bücher zeitgenössischer Autoren, die aus dem Griechischen pro Jahr ins Deutsche übersetzt werden, sind dem Kennen lernen zum Beispiel durch die Literatur Grenzen gesetzt. Wie sehen Sie das? Und warum gibt es nur so wenige Übersetzungen?
P. Tzermias: Gerade wegen des Sprachproblems, das Sie zutreffenderweise ansprechen, habe ich meine „Neugriechische Grammatik“ verfasst. Wer z.B. die Leistung des Lyrikers Odysseas Elytis ganz erfassen und richtig ermessen will, muss Griechisch können. Elytis selber sprach bei der Verleihung des Nobelpreises an ihn, wie ich in meinem Buch „Die neugriechische Literatur. Homers Erbe als Bürde und Chance“ erwähne, eindrucksvoll von den Sprachgrenzen. Er wies zwar auf das hohe Alter und die Kontinuität der hellenischen Sprache hin. Er betonte, dass Griechenland klein im Raum und endlos in der Zeit sei. Er beeilte sich indes hinzuzufügen, dass es für einen heutigen griechischen Dichter sehr schwierig sei, für seine liebsten Dinge dieselben Worte zu benutzen, die eine Sappho und ein Pindar verwendeten. Elytis war sich der Unübersetzbarkeit seiner Sprache bewusst. In einem seiner Gedichte begegnet man dem vielsagenden Passus: „...Und er denkt an ein verlorenes Imperium - um der Sprache willen, nicht aus einem anderen Grunde...“ All das heisst natürlich keineswegs, dass die Übersetzungen überflüssig seien. Es wäre sicherlich sehr zu begrüßen, wenn sich die ausländischen Verleger entschlössen, in viel höherem Ausmaß griechischsprachige Bücher (und dies betrifft nicht nur die Belletristik, sondern auch die Wissenschaft) zu übersetzen. Allerdings: Die Auswahl sollte nicht monokausal dem Gebot des Kommerzes entsprechen. Ich zitiere, was diesen eindimensionalen Ökonomismus betrifft, wiederum Odysseas Elytis: „Wir stellen jeden Tag fest, dass wir in einem moralischen Chaos leben.“ Ich sage es zur Vermeidung von Missverständnissen nochmals: Übersetzungen können sehr nützlich sein. Ich selber übersetzte seinerzeit eine Tragödie von Nikos Kazantzakis ins Deutsche.

R. Dülk: Sie haben viele Persönlichkeiten kennen gelernt und über Politiker auch Bücher geschrieben. Wer hat auf Sie besonders Eindruck gemacht?
P. Tzermias: Ich habe in der Tat viele griechische Persönlichkeiten gekannt. Zum Teil geht das darauf zurück, dass mein Vater Nikolaos Tzermias Politiker war. Er war Mitarbeiter des bekannten griechischen Staatsmanns Eleftherios Venizelos. Später war er Mitglied der Regierung des Alexandros Papanastasiou, Zum Teil geht meine Bekanntschaft mit griechischen Persönlichkeiten auf die Zeit der Athener Diktatur zurück. Damals lernte ich in Zürich z.B. Konstantinos Karamanlis und Andreas Papandreou kennen. Es wäre falsch, in wenigen Zeilen Persönlichkeiten des Geisteslebens oder der Politik zu „skizzieren“ bzw. zu beurteilen. Meine Bewertungen finden sich in meinen Büchern, Abhandlungen und Artikeln. Wissen Sie, ich neige als Wissenschaftler (und insbesondere als Historiker) zum Fragezeichen. Ich habe das Ausrufungszeichen nicht gerne. Wenn man meine Schriften liest, merkt man, dass ich nicht allzu schnell die Adjektive „groß“, „hervorragend“ usw. verwende. Ich erwähnte vorhin Konstantinos Karamanlis und Andreas Papandreou. Es handelte sich um grundverschiedene Gestalten. Jener war der „strenge Makedonier“, dieser der „feurige Animator der Seelen“. Beide beeindruckten - jeder auf seine Weise.

R. Dülk: Warum kam für Sie selbst eine politische Laufbahn nicht in Frage?
P. Tzermias: Meine Antwort auf Ihre vorherige Frage beantwortet im Grunde auch die Frage, warum für mich eine politische Laufbahn nicht in Frage kam. Ich bin politisch außerordentlich stark interessiert. Aber nicht parteipolitisch. Wenn man Mitglied einer Partei wird, gibt man als Denker einen Teil seiner Unabhängigkeit auf. Wie gesagt, neige ich zum Fragezeichen. Als Denker sehe ich stets auch die altera pars. Deswegen lehnte ich 1977 den Vorschlag von Konstantinos Karamanlis ab, mich als Parlamentarier wählen zu lassen und dann ein Ministerium zu übernehmen. Der Vorschlag des „strengen Makedoniers“ ehrte mich; aber ich musste ihn ablehnen, weil mein Naturell dagegen sprach. Ich bereute es nie.

R. Dülk: Jüngst wurden Sie zum Vizepräsidenten der Griechischen Kulturstiftung in Athen gewählt, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die griechische Sprache und Kultur im Ausland zu verbreiten. Welche Aufgaben sind mit Ihrem Amt verbunden?
P. Tzermias: Die Wahl, von der Sie sprechen und durch die ich selber überrascht wurde, ehrt mich. Ich verfolge seit Jahren die Arbeit der betreffenden Kulturstiftung in Griechenland und im Ausland. Ich kenne diese Arbeit sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten. Ich verweise auf das Gesagte über die Krise des Humanismus und der Griechenlandstudien. Im Moment, in dem dieses Interview gewährt wird, hat noch keine Sitzung des Verwaltungsrates stattgefunden. Deshalb wäre es verfrüht, von Aufgaben und Plänen zu sprechen.

R. Dülk: Sie konnten am 5. Mai Ihren 80. Geburtstag feiern. Glücklicherweise denken Sie ja noch nicht an Ruhestand, wie man ja auch an Ihren interessanten Beiträgen für neaFon sieht. Welche Ziele haben Sie noch? Mit welchen Vorhaben beschäftigen Sie sich derzeit? Arbeiten sie an einem neuen Buch?
P. Tzermias: Mein Hauptziel (eigentlich mein Lebensziel) ist die Förderung meines Faches vor allem durch schriftstellerische Arbeit. Mein jüngstes Werk trägt den Titel „Aspekte der griechischen Philosophie von der Antike bis heute“ und erscheint demnächst im Francke Verlag Tübingen (ISBN 3-7720-8111-8). Im Buch werden wichtige Aspekte der griechischen Philosophie in diachronischer Sicht behandelt. Gegenstand des Werkes ist demnach alt-, mittel- und neugriechisches Denken. Zwar weist die griechische Ideengeschichte Antinomien und Brüche auf. Schon das „Wunder“ der Kontinuität des Griechischen im Laufe der Jahrtausende zeigt jedoch, wie notwendig eine über die Antike hinausgehende Betrachtung der griechischen Philosophie ist. In meinem jüngsten Werk unterstreiche ich den im alten Hellas erfolgten Durchbruch zur offenen Gesellschaft. Ich lehne aber gleichzeitig jenen Pseudohumanismus ab, der bald verschleiert, bald sogar offen am Postulat der Menschenwürde vorbeigeht. Das Buch enthält daher vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, Ausführungen über die politische Philosophie sowie über die Rechtsphilosophie und Rechtsgeschichte. Es geht auf langjährige Vorarbeiten zurück. Nicht zuletzt offenbart sich in diesem Buch die Tatsache, dass ich meinem ursprünglichen juristischen Studium vieles verdanke. Auch unter diesem Gesichtspunkt zeigt sich, dass die Entwicklung von der Rechtswissenschaft zur Gräzistik harmonisch und sinnvoll erfolgte. Beim Verfassen der „Neugriechischen Grammatik“ kam mir nicht zuletzt die Rechtslogik zugute.

R. Dülk: Für Ihre Arbeit wurden Sie mit vielen Auszeichnungen geehrt. Erlauben Sie mir bitte abschließend eine persönliche Frage. Wie lautet Ihr persönliches Fazit Ihrer Arbeit und Ihres Lebens? Welche Wünsche haben Sie? Für Griechenland? Für sich selbst?
P. Tzermias: „Alles fließt“. Mit diesen Worten hat Platon die Lehre von Heraklit kurz umschrieben. Es gibt kein Ende des Denkens. Das gilt auch für mein Denken und für meine geistige Arbeit. So kann es auch kein Fazit geben. Es geht weiter. Es wird weitergehen. Für Griechenland (und mein geliebtes Zypern) wünsche ich alles Gute in einer von echtem Humanismus geprägten Welt. Und das ist auch der Wunsch für mich selbst. Damit es ganz klar wird, wie ich den echten Humanismus und damit auch meine Wünsche für Griechenland und die ganze Welt verstehe, möchte ich hier die Worte wiederholen, mit denen ich mein erwähntes Philosophie-Buch abschließe. Ich spreche dort von einem lebendigen Humanismus, der die im Buch hervorgehobene Quintessenz der altgriechischen Kultur ausmacht. Und ich füge hinzu: „Diese Quintessenz lässt sich im kategorischen Imperativ Kants oder aber im christlichen Gebot der Nächstenliebe ausdrücken. Und sie gilt jenseits metaphysischer Verflechtungen für alle Menschen: für Gläubige und Atheisten, für Christen und Nichtchristen, für ,Orthodoxe’ und ,Häretiker’".