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Mutter, ich fahre (wieder) nach Deutschland

  1.207 Wörter 4 Minuten
2017-02-03 2017-02-03 03.02.2017 308 × gelesen

Vor fünfzig Jahren wirkte dieser Satz wie ein Stich ins Herz zahlreicher griechischer Mütter, wenn sie ihren Kinder nachwinkten, die das zerstörte Nachkriegsgriechenland verließen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Nun beschäftigt sich der folgende Artikel allerdings nicht mit der Emigration der Arbeiter, die im Schweiße ihres Angesichts am Aufbau des „Wunders Deutschland“ mitgewirkt haben und die ihr Heimatland auf dem Balkan in den harten Nachkriegsjahren mit Überweisungen unterstützten. In diesem Artikel geht es um eine ganz andere Migration, die von den Zuständigen so nicht vorhergesehen und somit auch nicht aufgehalten werden konnte. Gemeint ist die unnötige (das wäre nicht so, wenn sie in unserer Musiklandschaft mehr geschätzt worden wären) Abwanderung junger griechischer Künstler aus dem Bereich der ernsten Musik. Das musikalische Talent von Solisten, Interpreten oder Kapellmeistern fließt unaufhaltsam in andere europäische Länder ab.

Dabei handelt es sich nicht um ein neuartiges Phänomen. Im Gegenteil: es ist so alt, dass man schon fast sagen könnte, es handle sich um Tradition. Deshalb achten wir auch peinlichst genau darauf, die Künstler fortwährend zu ehren! Zwangsläufig - denn nur die beiden und Agnes Baltsa kennen alle - erwähne ich die beiden bekanntesten, die während des Krieges „des Weges zogen“, um später lediglich als Gäste und mit Lorbeeren überhäuft in ihr Heimatland zurückzukehren: Mitropoulos und Callas. Heute ehren wir sie als Mumien im Mausoleum unserer kulturellen Scheinheiligkeit: an U-Bahnstationen blicken sie uns auf riesigen Plakaten entgegen, wir organisieren Wettbewerbe, verteilen Preise, benennen Hallen nach ihnen und planen Musikakademien, die ihren Namen tragen sollen! Warum nur schießen wir in der hiesigen Musikkultur ständig Eigentore? Generell lässt sich unbehelligt sagen, dass es einfach wäre, Erklärungen zu finden, indem man sich auf die Engstirnigkeit im ideologischen und kulturellen Bereich beruft, Fehllenkungen in der Geschichte zitiert oder unvorhergesehene Kapriolen der Wirtschaft und Entwicklungsprozesse innerhalb der Gesellschaft, die nicht zu Ende gebracht wurden und sich falsch verfestigt haben oder auch, indem man Kluften und Diskontinuitäten im öffentlichen Leben darlegt.

Doch so wie kein Torwart seine Fowls notiert, berührt auch niemand die unzähligen regelkonformen Verstöße zum persönlichen Nutzen und im Dienste lokaler Macht, hinter denen sich unzählige des Staates unwürdige Arrangements und vor allem der sprichwörtliche Mangel an Demokratie bei der Verteilung von Ausgaben und festgelegten Subventionen verbergen; eine Mangelwirtschaft, die wir im Kulturbereich wahrlich zu einer olympischen Sportart gemacht haben! Wobei wir die mangelnde Ausbildung der Obrigkeit außer Acht lassen wollen. ...

Fazit für das Potential der jungen Generation

Glücklicherweise fließt das Leben. Langsam zwar, aber es fließt. Lautlos steigen die Namen Dutzender junger griechischer Musiker wie neugeborene Sterne auf und prägen das sternenklare Firmament. Dank der nahezu offenen Grenzen innerhalb Europas, verfügen sie alle miteinander über eine deutlich bessere Ausbildung und sind besser informiert, auch wenn sie Künstlern aus anderen europäischen Ländern oft unterlegen sind. Dafür hat Gott ihnen ausreichend natürliches Rüstzeug mit auf den Weg gegeben. Auch wenn tausende gutausgebildete Interpreten und Solisten aus Asien und den ehemaligen Ostblockstaaten gleichzeitig in den Westen strömen, werden sich unsere jungen Künstler doch einen Namen machen. Einige sollen in diesem Artikel genannt werden. Ein Gesamtverzeichnis mögen andere erstellen!

Wer 1995 im Herodeion den talentierten Kapellmeister und Pianisten Constantinos Carydis das 1. Konzert von Bártok mit dem Symphonieorchester des griechischen Rundfunks unter der Leitung seines Onkels, Miltiadis Carydis (viele wissen welche Umstände zu seinem Tod beitrugen, aber niemand wagt es, sie öffentlich zu äußern), hat spielen hören, wird sich sicherlich an ihn erinnern. Vergeblich hat das gute Athener Staatsorchester ihn (heimlich versteht sich!) vor langer Zeit auf die Liste der unerwünschten Mitarbeiter gesetzt. Nach einer erfolgreichen vierjährigen Amtszeit als Kapellmeister am Münchner Gärtnerplatz-Theater, hält der dreißigjährige Carydis nunmehr die Position des fest angestellten Kapellmeisters an der Staatsoper Stuttgart inne. Ähnlich erging es dem gleichaltrigen Kapellmeister und Oboisten Vasilis Christopoulos. Er erhielt nationale und internationale Auszeichnungen und ist heute Chefdirigent der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz. Christopoulos zumindest wird gebeten, an der Griechischen Nationaloper zu dirigieren (Xerxis, Mainomenos Orlandos) oder das Staatliche Symphonieorchester von Athen und auch zahlreiche Produktionen in der Konzerthalle „Megaro Mousikis“ (Die Zauberflöte u.a.) zu leiten.

Außer an der Griechischen Nationaloper sang der Tenor Antonis Koroneos auch beim Rossini-Festival in Pesaro, an der Staatsoper Berlin oder an der Wiener Staatsoper an der Seite von Agnes Baltsa. Und auch wenn ihr Auftritt als Arsace in „Semiramis“ von Rossini in Pisa nicht so gut angekommen ist, so ist die Mezzosopranistin Marita Paparizou dennoch mit einer wunderbaren Stimme ausgestattet und immer öfter an den Opernhäusern des Mittelmeerraums zu hören. Die Coloratursopranistin Vasiliki Karagianni sang im Covent Garden die Olympia aus Hofmanns Erzählungen während die Mezzosopranistin Irini Karagianni aus dem selben Werk in der Mailänder Skala die Julia interpretierte! Die Oper von Düsseldorf kann vielleicht nicht als eines der „ersten“ Opernhäuser Europas bezeichnet werden (doch wie schön wäre es, wenn auch wir ein solches Haus hätten!), aber auch dort haben schon viele unserer Landsleute eine Spielzeit verbracht (Mata Katsouli, Antonis Koroneos, Tasis Christogiannopoulos, Christophoros Staboglis u.a.). Sie alle kehren in der Regel irgendwann einmal nach Griechenland zurück, um sich von dem phantasielosen und nicht immer zu ihren Stimmen passenden Repertoire der Griechischen Nationaloper beschränken zu lassen. Und trotzdem wir über so viele gute Solisten verfügen, besetzte das Konzerthaus vergangene Weihnachten beide Vorstellungen von Mozarts Zauberflöte mit mittelmäßigen (von Ausnahmen abgesehen) ausländischen Solisten. Die griechischen Interpreten befand man lediglich für fähig, sich in der Kinderversion des Werkes hervorzutun, was ihnen auch gelang.

An der Börse des Plattengeschäfts

Was gelten die jungen griechischen Musiker wohl in der Welt des Plattengeschäfts? Zumindest in letzter Zeit scheint es, als sei das Glück ihnen hold. Wobei wir natürlich wieder vom Ausland sprechen! Eine immer größer werdende Schar vorzüglicher Musiker nimmt seit nunmehr acht Jahren Werke von Skalkota bei der schwedischen Firma BIS auf (Christodoulou, Neo Elliniko Quartetto, Demertzis, Asteriadou, Kitsopoulou, Samaltanos, Papavasileiou u.a.). Angespornt durch ein unternehmerisch und künstlerisch gelungenes Projekt, widmet sich eine zweite, vielköpfige Gruppe von Spitzenmusikern (Nezi Katsouli, Paparizou, Karagianni, Baka, Magoulas, Koroneos u.a.) mit dem Pianisten und Kapellmeister Georgos Petrou an der Spitze, dem Barock. Zusammen kombinierten sie beim Festival von Altkorinth szenische Darstellungen mit Opernaufnahmen von Händel (Thyseas, Ariadne auf Kreta) für die deutsche Firma MDG, was zu einem wunderbaren künstlerischen Ergebnis und einem beeindruckenden kommerziellen Erfolg führte! Der talentierte Pianist Georgos Emmanuil Lazaridis nimmt in England bei Somm auf. Thodoros Kerkezos bleibt in diesem Jahr wieder der griechischen Fahne treu und spielt mit seinem Saxophon auf Naxos die dritte CD ein, sogar mit griechischen Werken. Begleitet wird er vom Nationalorchester von Thessaloniki. Im Ausland spielt er auf den besten Bühnen mit Spitzenorchestern wohingegen er in Griechenland vor allem gebeten wird, in den Freilichttheatern rund um Athen Weihnachtslieder und Recitals mit cross-over Repertoire zu spielen. Und das Staatliche Symphonieorchester übergeht ihn konsequent. Seit kurzem kursiert weitgehend unbemerkt eine neue Aufnahme von „Der Türke in Italien“ mit der Sopranistin Myrto Papathansiou, die wir schon an der Griechischen Nationaloper als wunderbare griechische Primadonna in Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“ haben genießen dürfen. All die oben genannten und noch viele mehr können wir hören, indem wir importierte CDs kaufen. Im Ausland spielen sie in der ersten Liga - in ihrer Heimat erwarten sie nur Brosamen.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in der Zeitschrift “highlights”, Heft 01, 2006. Wir bedanken uns bei Jiannis Svolos und bei der Zeitschrift “highlights” für die freundliche Genehmigung zum Abdruck dieser Erzählung. Dank gebührt auch Sawina Kordistos für die Übersetzung aus dem Griechischem.

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