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Träume werden wahr in Galaxidi - Estia Agios Nikolaos - Die erste deutsch-griechische Lebensgemeinschaft

2017-02-03 2017-02-03 03.02.2017 625 × gelesen 10 Minuten

Die Frage nach dem Zentrum der Welt hat bekanntlich auch die Götter beschäftigt. So hat eines Tages Zeus, der Vater der altgriechischen Götter, zwei große Adler vom Olymp aus in zwei entgegengesetzte Richtungen fliegen lassen. Den einen gen Osten, den anderen gen Westen. Beide trafen sich nach etlichen Tagen der Flugreise in Delphi. Ein Stein fiel aus dem Himmel und kennzeichnete den Ort, wo die zwei Adler sich trafen. Der heilige Stein symbolisiert bis heute den Nabel der Welt, worauf die antike Stätte Delphi mehr als stolz ist. Und damit das nicht vergessen wird, erzählen die Reiseführer es auch heute noch gerne den zigtausend Besuchern der sich in mystischer und uriger Umgebung befindenden Stätte.
Ein paar Kilometer Luftlinie von Delphi entfernt liegt das Fischerdorf Galaxidi. Die von Lokros 200 Jahre vor dem trojanischen Krieg erbaute Stadt Oianthi wurde im sechsten Jahrhundert von einem Erdbeben zerstört und an ihrer Stelle entstand das heutige Galaxidi. Berühmt und berüchtigt war die Stadt für ihre Marineinfanterie. Fast drei Jahrhunderte lang, bis zum Zerfall von Byzanz im Jahre 1821, erlebte Galaxidi seinen kulturellen und wirtschaftlichen Höhepunkt. Alte Herrenhäuser, der Fischerhafen, die Kirche und das Nautische Museum schmücken heute das vom Tourismus geprägte Bild der Stadt. Jachten und Kreuzfahrtschiffe steuern den Hafen an, um den Touristen angenehme und erholsame Stunden anzubieten. Seit den achtziger Jahren fördert die örtliche Politik in und um Galaxidi herum alles, was dem Tourismus lieb ist. Große Zuwachsraten versprach man sich und Freudentränen flossen, wenn Kreuzfahrtschiffe und Luxusliner im Meer ankerten und betuchte Touristen in Booten gen Hafen übersetzten. Früher hieß es: „Wenn Du gen Ithaka aufbrichst, wünsche dir eine lange Reise, gefüllt mit Abenteuer und Wissen“, doch die Touristen haben heute keine Zeit. Es muss alles schnell gehen. Tavernen, Bars, Pubs, Clubs, Discos waren gefragt, und all das veränderte das idyllische Galaxidi, den Ort, dessen Bild über Jahrhunderte die Jagd und die Fischerei geprägt hatte. Entweder war man jetzt für den Tourismus oder man war gegen Galaxidi.
Andere Entwicklungen oder alternative Existenzmöglichkeiten, eventuell unter Berücksichtigung der Schwächeren unter uns, auch in Galaxidi, war nicht erwünscht. Galaxidi putzte sich heraus, schmückte sich, baute den Hafen aus und die Geschäfte bereiteten sich auf die Touristen vor. Die Saison konnte beginnen. Jahr für Jahr. Und die Angebote für die Touristen mehrten sich. Eines Tages, im Jahre 1992, kam auch aus Deutschland ein Ehepaar nach Galaxidi, Doris und Hans Eisenmeier. Sie waren aber nicht das erste Mal in Griechenland. Ihr Leben ist schon seit der Grundschule über die Arbeits- und Schaffenszeit bis zum Alter eng mit dem Land der Hellenen, Alt und Neu, verbunden. Oder hat es vielleicht schon vorher angefangen?
Walter Duerbeck nämlich, Vater von Doris Eisenmeier, hatte vor dem Zweiten Weltkrieg in Chalkida eine Fabrik zur Produktion von Papiersäcken für die Zementindustrie betrieben. Diese Fabrik wurde im Krieg geschlossen. Doch Herr Duerbeck gab nicht auf. Im Jahre 1960 eröffnete er auf der Insel Euböa erneut eine Fabrik für Papiersäcke. Nach zwei Weltkriegen und einem Bürgerkrieg befand sich Griechenland im Wiederaufbau. Zement und Papiersäcke waren überall gefragt. Das Unternehmen und sein Kompagnon AJET entwickelten sich sehr gut. Und dann kam am 21.4.1967 die Diktatur. Die Junta untersagte den Finanztransfer ins Ausland, und das Geld blieb in Griechenland. Auch der Architekt und Schwiegersohn Hans Eisenmeier trug als Geschäftsführer über Jahrzehnte zum Erfolg dieses Unternehmens bei.
Doch Fragen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, seine Handlungen und den Umgang miteinander hinterfragen, beschäftigten das junge Ehepaar Eisenmeier. Der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens, zeitweise Branchenführer in Europa, sollte in sozialen Initiativen zur Geltung kommen und nicht Selbstzweck werden.
Im Jahre 1968 gründen die Eisenmeiers eine Dorfgemeinschaft nach den anthroposophischen Vorstellungen von Rudolf Steiner in Sassen bei Fulda. In den Dörfern Sassen und Richthof leben geistig behinderte Menschen im Familienverband mit nicht behinderten zusammen. Arbeit und Freizeit werden gemeinsam gestaltet. Schon sehr früh wird die Lebensgemeinschaft Sassen und Richthof vom Erfolg gekrönt. Über 250 geistig behinderte Menschen leben heute in den beiden Dörfern in rund dreißig Familienverbänden. Jeder Familienverband bewohnt wie eine Großfamilie ein eigenes Haus und sorgt für das tägliche Leben. Jeder geht seinen Verpflichtungen so gut er kann nach - alle, die arbeiten können, haben einen Arbeitsplatz und der Feierabend wird gemeinsam gestaltet. Das Wochenendprogramm wie auch die Teilnahme an Veranstaltungen bleibt den Familien überlassen. Malerei, Wandern, Schwimmen, Konzerte, Orchester, Chor, Eurythmie, Tanz, Vorträge und Gymnastik bilden u.a. das Angebot an Freizeitgestaltung. Die Familienhäuser werden versorgt mit Lebens- und Haushaltsmitteln, auch individuelle Wünsche der Mitglieder werden berücksichtigt. Die Großfamilien bestehen aus vier bis zehn Betreuten, je nach intellektueller Behinderung, den Hauseltern, gegebenenfalls auch ihren Kindern, sowie Praktikanten und Zivildienstleistenden. Haushaltshilfen unterstützen die Hausmütter bei den Hausarbeiten. Auch das Gründerehepaar Eisenmeier hat über zwanzig Jahre als Hauseltern in einer Großfamilie in Sassen mitgelebt. Bis dann eines Tages Griechenland wieder das Denken und Handeln des Ehepaars durchkreuzte.
Sie kannten sich nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im sozialen Sektor Griechenlands gut aus. So war ihnen unter anderem auch die Versorgungssituation von Behinderten nicht nur von der Berichterstattung in Deutschland bekannt. Auch die bereits gesammelten Erfahrungen in der Lebensgemeinschaft Sassen unterstützten die Motivation der beiden, die „Flügel zu spannen“ und gemeinsam nach Griechenland aufzubrechen. Sie verfehlten knapp den Nabel der Welt und landeten nach einem Irrflug über Nordgriechenland in Galaxidi.

Dr.Toula Nanakos aus Thessaloniki versuchte Anfang der 90er Jahre, eine Initiative für eine Lebensgemeinschaft auf die Beine zu stellen. Sie hatte bis dahin viele Vereine und Initiativen erfolgreich unterstützt, jedoch für die Eisenmeiers brachte ihr Engagement in Nordgriechenland nicht die erwünschten Ergebnisse.
Im Jahre 1992 begegnete das Ehepaar Eisenmeier Frau Elsa Wohlwendt, die einen Verein zur Förderung behinderter Menschen gegründet hatte, und brachte durch sie ein Grundstück für das bevorstehende Anliegen in Erfahrung. Auf diesem etwa 2,5 Hektar großen Grundstück, am Hang des Berges in Galaxidi, sollte nun nach dem Wunsch des Ehepaars Eisenmeier die erste deutsch-griechische Lebensgemeinschaft namens Estia Agios Nikolaos entstehen. Am 30. Mai 1992 wurde in Sassen die Stiftung Estia Agios Nikolaos Sassen/BRD gegründet, mit dem Zweck, die materielle, geistige und sittliche Förderung erzieherischer, berufsbildender und sozialer Initiativen, Einrichtungen und Tätigkeiten zu erwirken, die anthroposophischen Grundsätzen entsprechen. Diese Förderung sollte sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in Griechenland erfolgen.
Die Einrichtung eines Dorfes für geistig behinderte Menschen, nach dem Prototyp der Lebensgemeinschaft Sassen, war nun auch für Griechenland, mit der Estia Agios Nikolaos in Galaxidi, die erste völkerverbindende soziale Gemeinschaft dieser Art. Die Nachricht von der Entstehung einer Behinderteneinrichtung versetzte die Politiker, allen voran den Bürgermeister und die örtliche Tourismusbranche, in Aufruhr. Mit Galaxidi sollte man dolce vita, „Tourismus pur“ assoziieren und der Name der Stadt durfte keineswegs mit sozialen, ja Behinderten-Einrichtungen in Zusammenhang gebracht werden. „Sie sollen nach Leros“, beschimpften die Bewohner einen Tavernenbesitzer von Galaxidi, welcher sich von Anfang an zu den Sympathisanten der Estia bekannt hatte. Leros war die Insel, ja die Insel überhaupt, die das soziale Image Griechenlands in den neunziger Jahren weltweit weitgehend zerstörte. In unendlichen Reportagen wurde der asoziale Umgang mit den behinderten Menschen, die in Einrichtungen der Insel ihre Bleibe gefunden hatten, berichtet. Der Widerstand, vor allem der politische Widerstand in Galaxidi formierte sich gegen die Estia Agios Nikolaos. Für das Ehepaar Eisenmeier und die Zukunft der Estia keine einfache Angelegenheit. Auch die anthroposophischen Lebensansichten des Ehepaars, welche in dem Dorf verwirklicht werden sollten, sorgten für große Missverständnisse. Bekanntlich neigt vielleicht nicht nur das griechische Volk, sondern das Böse im menschlichen Wesen zu Wahnsinnsvorstellungen, wenn es um das einfachste aller Dinge geht: das Zusammenleben. Man versuchte, die Initiatoren der Estia in die Nähe von Sekten zu bringen und unterstellte ihnen, andere Ziele verfolgen zu wollen, erinnert sich Giorgos Lignos. Die Angriffe von außen stärkten jedoch den Kreis der Förderer der Estia. Die Arbeiten auf dem Grundstück kamen, auch durch eine wohlwollende und tatkräftige Unterstützung der Stiftung Reinhold Würth, zufriedenstellend voran. Mitte der neunziger Jahre standen auf dem Grundstück zwei im toskanischen Stil erbaute Wohnhäuser mit Meeresblick und eine Werkstatt. Es bedurfte nun besonderer Anstrengung, das Ziel umzusetzen, Menschen für die Estia zu gewinnen. Menschen, die bereit waren, der Estia ihre intellektuell geminderten Familienangehörigen anzuvertrauen, und auch Menschen zu finden, die bereit waren, in einem Familienverband wie in Sassen und Richthof zu leben. „Mit großer Freude begegne ich jedem einzelnen Griechen“, sagte mir bei unserem ersten Treffen in Sassen Herr Eisenmeier, „und bei jeder Begegnung erhoffe ich mir, dass auch für die Estia etwas herauskommt“. Mit großem Engagement brachten sich auch die griechischen Freunde der Eisenmeiers, Frau Rodoula Stathaki, Herr Giorgos Lignos und allen voran Frau Anastasia Gardeli ein. Letztere ergriff die Initiative, übernahm die Verantwortung und startete 1996 mit zwölf geistig behinderten Menschen das Leben der Estia Agios Nikolaos in Galaxidi. In diesen bis heute knapp zehn Jahren ist viel geschehen in Galaxidi, wenngleich die Erfolge von Sassen nicht erreicht werden konnten. An der Hauptstraße von Galaxidi nach Athen steht ein Hinweisschild „Estia Agios Nikolaos“: Ein paar hundert Meter den asphaltierten Weg hinauf und dann kommt eine Kreuzung. Der eine steinige Feldweg hoch zum Berg hinauf steht für die Strenge und Schwierigkeiten des Lebens und führt zur Estia. Vielleicht ist es diese Symbolik, hinweisend auf Herkules und den Weg der Arbeit und Anstrengung, aber auch der inneren Befriedung (? d??µ?? t?? a?et??), die die Gemeinde Galaxidi nahezu zwingt, den Weg zur Estia nicht zu teeren.
Drei Besonderheiten zeichnen die Estia aus: das Zusammenleben, die Arbeit und die geistige Förderung. Auch hier leben die geistig Behinderten, die Mitarbeiter und die Helfer mit den Hauseltern in Familien, und jeder trägt mit Verantwortung für das Zusammenleben und den anderen. Jeder unterstützt den anderen nach seiner Befähigung. Basierend auf den Erfahrungen des Gründer- Ehepaares in Sassen und Richthof, aber auch auf die der bekannten Camphill Communities schreibt diese Lebensphilosophie auch in Griechenland Tag für Tag, und Jahr für Jahr, neue Seiten für dieses griechische Experiment. Der tägliche Rhythmus in der Estia ist von immenser Bedeutung für alle Beteiligten. An den Vormittagen findet das Leben in den Werkstätten statt; eine Schreinerei, eine Keramikwerkstatt stehen den „Dörflern“ ebenso zur Verfügung wie biologischer Anbau oder Gartenarbeiten. Nachmittags findet die geistige Förderung statt: Eurythmie, Gymnastik, Malerei, Tanz und Musik gehören ebenso dazu wie Wanderungen, kleine Ausflüge oder Schwimmen in den Sommermonaten. Alles soll Hand in Hand arbeiten und aus der Liebe zum Menschen soll man die nötige Kraft schöpfen, das Alltagsleben zu bewältigen, denn „ohne die Liebe zum Menschen kann keine Wissenschaft Lösungen zu den sozialen Problemen herbeiführen“, erklärt Kurt Eisenmeier. So bemüht sich auch diese kleine Gemeinde, Lösungen für ihre alltäglichen Sorgen und Probleme zu finden. Manche liegen in der Natur der Zweisprachigkeit und manche in der Mentalität. Und einige in der sozialen und finanziellen Infrastruktur.
Da die Estia ein deutsch-griechisches Modell ist, werden dort auch zwei Sprachen gesprochen und das führt oft dazu, dass manche nicht wissen, was die anderen besprechen. Oft können da Missverständnisse entstehen. Und so lange sich nicht genügend Ehrenamtliche aus der griechischen Heimat der Estia für die sozialen Probleme der Menschen mit geistiger Behinderung finden lassen, so lange wird man auf die Hilfe der deutschen Heimat der Estia de facto angewiesen sein. Da könnte es etwas länger dauern, bis sich die Estia, dem Wunsch der Gründer entsprechend, von Deutschland abnabelt und in griechische Hand übergeht. Bis dahin muss das Zusammenleben gefördert werden. Und das braucht oft Zeit und Geduld bis etwas zusammenwächst. Doch der Wille muss da sein. Auch wenn es schwer ist in einer Zeit, wo der Schein das Sein weit überlagert; wo die Stärke zählt, die Muskeln, Figur und Verpackung, und nicht die inneren Werte. In Deutschland hat man sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Leben der Behinderten, auch aufgrund der unmenschlichen Grausamkeiten, welche die Nazis den Behinderten zufügten, auseinandergesetzt. Die griechische Gesellschaft weigert sich noch bis heute, das Thema anzugehen, sich dem realen Leben zu stellen und sich auf den Weg der Erziehung, mit dem Ziel des Zusammenlebens, zu machen. Eine Veranstaltung wie die Paralympics auszurichten, bedeutet noch keinen Erwerb eines Sozialscheins für eine Gesellschaft. Denn auch da geht es oft mehr um Profit als um eine Sensibilisierung für die Probleme und Bedürfnisse von Mitmenschen.
Und große, vorlaute Reden von Politikern über die musikalische Tonskala hinaus bewirken wenig und oft das Gegenteil von dem, was selbstverständlich ist: das Zusammenleben. Es sind oft kleine Gesten, die Fundamente für das Zusammenleben legen können und auch von den Betroffenen selbst als motivierend aufgenommen werden. „Er hat sich mit mir gerne unterhalten“, berichtete Kostas Pergialis voller Stolz über den Besuch des Bundespräsidenten im Blindenmuseum von Athen vergangenes Jahr und führte weiter aus, wie gut es ihm getan hat, sich mit dem Präsidenten, stellvertretend auch für die Anderen, fotografieren zu lassen. Die Politik kann dieses Zusammenleben stark beeinflussen und positiv fördern. Wenn aber Politiker über keine eigenen Erfahrungen im Leben mit Behinderten verfügen, so fehlt ihnen oft dieses einfühlsame und fördernde Element. Sie strapazieren die Hoffnungen und erschweren die Wege. Und weil die Politiker das gesellschaftliche Bild stark prägen, wird der Aufbau einer Kultur des Miteinanders verhindert. Die griechische Mentalität ist eben auch in diesem Bereich eine andere. Sie richtet sich nach den Angeboten für Stärkere und vernachlässigt die Bedürfnisse der Schwächeren.
Die Lebensgemeinschaft in Estia ist nur lebensfähig, wenn man es ernst meint mit der Verantwortung für andere und bereit ist, sein Leben mit geistig behinderten Menschen zu teilen oder besser gesagt zu ergänzen, oder sogar zu erfüllen. Lebensfähig durch Menschen, die diesem Lebenssinn nachgehen und mit anderen zusammen das Leben gestalten wollen. Die als Hauseltern oder Helfer die Arbeit und Freizeit menschwürdig gestalten wollen. Es werden normale Menschen angesprochen, die Humor, Geduld und auch hilfreiche Fähigkeiten besitzen. Menschen, die ein offenes Herz haben für behinderte Menschen und die deren Persönlichkeit und Besonderheit schätzen und vollkommen akzeptieren.
Die Estia Agios Nikolaos arbeitet stark daran, ihr Ziel zu erreichen. Nach der Konzeption sollen sieben Häuser, zwei Werkstätten und ein Kafenion entstehen.
Die Lebensgemeinschaft soll einen Dorfcharakter bekommen.
Die Estia braucht eine starke Gemeinschaft und eine solide Finanzierung. Sie braucht Ehrenamtliche, die sich fachgerecht, kompetent und verantwortlich für die Estia einsetzen. Und sie braucht finanzielle Mittel. Wenn andernorts üblich ist, dass die Eltern von Behinderten Mittel und Spenden für die Einrichtung freiwillig zur Verfügung stellen, so ist dies in Griechenland keine Selbstverständlichkeit. Die sozialen Einrichtungen fallen oft den staatlichen Sparmaßnahmen zum Opfer und als Folge wird deren weiteres Bestehen mehr als fraglich. So sind Spenden von allen Seiten, aus dem In- und Ausland, mehr als willkommen.
Eine geschätzte finanzielle Unterstützung erfährt die Estia von der Firma Würth in Künzelsau/Gaisbach und ihrer Niederlassung in Athen. Eine besondere Beziehung ist in den Jahren zwischen der Estia in Galaxidi und der Gattin des Firmenchefs Reinhold Würth gewachsen. Einmal im Jahr besucht Frau Carmen Würth, die den sozialen Gegenpol zum wirtschaftlich expansiven Geist des Unternehmens verkörpert, die Gemeinschaft und erkundigt sich vor Ort über die Belange der Estia. Mit ihrem Einsatz dient sie als Motor und Beispiel für die Umsetzung von organisatorisch schwierigen, aber dennoch sozial wichtigen und notwendigen Anliegen. Es ist Ihr Verdienst, dass die Athener Administration sich persönlich für den betrieblichen Ablauf weit über die Werkstätten hinaus kümmert. Auch in der Stiftung Agios Nikolaos in Sassen ist Frau Würth aktiv und wird niemals müde, die freudige Botschaft dieser Einrichtung über die nationalen Grenzen hinaus zu tragen.
Ein weiteres zukunftsweisendes Projekt konnte die „Sozialarchitektin“ Carmen Würth in Künzelsau verwirklichen: Mitten in der Stadt Künzelsau ließ sie das alte Polizeihaus in ein modernes Fachwerkhaus mit Hotel, Restaurant und Akademie umbauen und widmete es ihrer Enkelin Anne-Sophie. Das Anne-Sophie Haus ist ein normales und doch ein besonderes Haus. Darin arbeiten Hand in Hand Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Die hauseigene Akademie führt Kurse und Seminare für die Mitarbeiter durch, vor allem für Kunst und Gestaltung, und fördert so die innere Resistenz und den Sinn für die Ganzheitlichkeit des Hauses. Das Anne-Sophie Haus gehört, auch in seinem Kindesalter, zu den Attraktionen der Stadt. Es ist das Haus, wo das Selbstverständliche der Welt auch so empfunden wird: das Zusammenleben. Dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten oder als Gäste nebeneinander sitzen und ihren Kaffee oder ihr Menü auf der wunderschönen Terrasse oder in den gewölbten Innenräumen des architektonisch gelungenen Bauwerks genießen. Das Anne-Sophie Haus verändert täglich - zum Positiven hin - das soziale Bild der Stadt und der Region um Künzelsau, trägt zum Abbau von Vorurteilen bei und baut Berührungsängste ab. Es wäre zu wünschen, dass die Idee dieses Hauses auch über die Grenzen hinaus ginge, auch nach Griechenland. Vielleicht würde da ein weiterer Traum in Erfüllung gehen, wenn Frau Würth eines Tages ihren Kaffee in einem Athener „Anne-Sophie Haus“ mit ihren dortigen Freunden genießen würde. Eine Gruppe von sozial engagierten Griechinnen und Griechen verfolgt diese Idee intensiv und erhofft sich dadurch auch für die Estia in Galaxidi eine soziale Stabilität.
Vor einigen Jahren hat eine andere soziale Initiative namens „Aktina“ große Sympathien in der Hafenstadt Igoumenitsa gewonnen. „Aktina“ bedeutet Sonnenstrahl sowie Radius und impliziert das Wort Akt oder Aktion. Es sollte eine soziale Einrichtung entstehen, die auch Behinderten aus den europäischen Ländern die Möglichkeit eröffnet, zum Mittelmeer zu kommen. Vor allem junge Menschen, die sich für das Soziale interessieren, es als ihr Fachgebiet ansehen, die sich darin entwickeln und vertiefen wollen, wollte das Aktina Projekt in einem europäischen Netzwerk aufnehmen. Das soziale Engagement der Stadt Igoumenitsa war dabei überaus aufbauend und ehrlich. Mehrmals kam der Sozialbürgermeister der Stadt Athanassios Boussis nach Deutschland, um mit Schulen, Politikern und anderen Freunden des Aktina-Projekts zu sprechen und die Idee voranzubringen.
All diese erwähnten Bemühungen bündeln sich nun, und Kräfte erwachen in Deutschland und in Griechenland wieder oder schießen neu aus dem Boden, die die Estia unterstützen, wie die neu gegründete Europäische Gesellschaft für Politik, Kultur, Soziales e.V. Diaphania. Diese junge Vereinsinitiative besteht aus erfahrenen Mitgliedern, deren europäische Wurzeln tief im sozialen Bereich liegen und deren Engagement über die nationalen Grenzen hinweg geht.
Mit Freude und Hoffnung nehmen die Gründer der Estia diese Entwicklung und die positiven Berichte über die Zukunftsaussichten ihrer Behinderteneinrichtung in Galaxidi wahr.
Auch die innere Struktur und Organisation des Estia-Dorfes nimmt dank der hervorragenden Unterstützung und Begleitung durch die Psychologin Toula Sorokou in Zusammenarbeit mit Heimkoordinatorin Gerda Rohmer eine neue Gestalt an. Sie engagieren sich für einen reibungslosen Ablauf des täglichen Betriebslebens im Dorf und unternehmen mit Erfolg große Anstrengungen in der Öffentlichkeit, damit Menschen, für welche die Estia gedacht und geplant ist, auch zu ihr finden können und damit in der Öffentlichkeit die Vorurteile und die Berührungsängste abgebaut werden können. Der Bürgermeister von Galaxidi hat sich ebenfalls mit diesem sozialen Wandel angefreundet und stattete der Estia am Anfang des Jahres seinen ersten Besuch ab. Großes Lob und große Anerkennung erfuhr das Ehepaar Eisenmeier schließlich vom griechischen Sozialminister Konstantopoulos in seinem Amtszimmer in Athen. Er versprach, die Estia zu besuchen und unterstrich sein Interesse für die Bedeutung der sozialen Solidarität.
Die Eisenmeiers haben in Griechenland Sozialgeschichte geschrieben und nie nach Anerkennung und Lorbeeren getrachtet. Sie taten, was sie für richtig hielten: Ihr Leben für das Leben mit anderen einzusetzen und gemeinsam zu verbringen. Ein Leben mit Menschen mit geistiger Behinderung. Griechenland sollte sich stolz schätzen, solche Menschen als Freunde zu haben. Menschen mit Visionen, Menschen, die zusammenfügen, was andere oft auseinanderbringt. Menschen, die zum Menschen stehen, unabhängig von Behinderung. Ihnen gebührt großer Dank für ihr Lebenswerk, auch in Griechenland, im Namen der vielen Menschen, die bisher in der Estia gelebt haben und leben werden. Der Traum der Stifter Doris und Kurt Eisenmeier nimmt munter Gestalt an, auch wenn das Gründer-Ehepaar sich altersgemäß langsam aus der Organisation der Estia zurückzieht. Doch die Sorgen und die Hoffnung bleiben weiterhin in der Familie. Johannes Eisenmeier, Sohn des Gründer-Ehepaars, wird sich in Zukunft an dem deutsch-griechischen Dialog um die Estia beteiligen. Und auch der Junior Eisenmeier wünscht sich, dass sich die griechischen Freunde stärker für die Estia einbringen mögen. Johannes Eisenmeier ist selbst in einer Lebensgemeinschaft aufgewachsen und hat später mit seiner Freundin als Hauseltern in einem Haus in Sassen gelebt. Er ist offen und kann mit Rat dienen, doch sollte die Initiative und das Engagement verstärkt von griechischer Seite kommen, bekennt der virtuose Cellist Johannes Eisenmeier richtigerweise.
Erfüllt übergab die Gründerin Frau Doris Eisenmeier die Staffel an ihren Sohn und eröffnete die letzte unter ihrem Vorsitz stattfindende Jahreshauptversammlung des Kuratoriums der Stiftung am 7. Mai dieses Jahres mit den Worten :
„Es spricht der bleierne Saturn durch die Bäume des dunklen Waldes,
durch Tannen, Buchen und Zypressen:
O Mensch, fühle die Verantwortung für die Not deiner Zeit
Und der ganzen Menschheit.
Ergreife mit Innigkeit und Ernst die Aufgabe, die das Leben dir stellt.“
Sie hat es mehrfach bewiesen und sich dem Ernst des Lebens gestellt.
 „Und wenn ich heute sechzig Jahre alt wäre, würde ich gerne als Hausmutter zur Estia nach Galaxidi gehen“, bekannte die Stifterin.
Eines Tages könnte die griechische Antike um eine Sage um Zeus erweitert werden. Zwei Adler flogen vom Olymp los. Der eine gen Sassen, der andere gen Galaxidi. Und einmal im Jahr besuchten sie sich gegenseitig und erzählten sich alles, was seither geschehen war. Oft brachten sie auch Geschenke oder andere Kostbarkeiten mit.

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