Neueste | Meistgesehene
Neueste | Meistgelesene

Georgios Kasassoglou (1908-1984) - Ein inspirierter Komponist

2017-02-02 2017-02-02 02.02.2017 294 × gelesen 5 Minuten

Es bedarf keines vollständigen historischen Rückblickes, um das Erscheinungsbild der Musik im heutigen griechischen Raum zu zeichnen. Es genügt nur ein Bericht über die jüngste Vergangenheit und die Generation, die eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Diese Generation, die durch soviele Ruinen geformt wurde und durch die darauffolgenden gesellschaftspoli tischen Unruhen, welche die Kriege hinterließen, ging bis zur Manifestation ihrer Ethik und bis zurWiederanpassung der geistigen Problemstellungen mit vor Angst weit geöffneten Augen auf die Strassen, mit dem einzigem Wunsch, im Strudel des Krieges ihre Dienste anzubieten.
Dieser Generation der Musikschöpfer gehörte auch Georgios Kasassoglou an.

Georgios Kasassoglou wurde am 1. Dezember 1908 in Athen geboren. Sein aus der Region Smyrna in Kleinasien stammender Vater Wassilis war höherer Beamter. Seine Mutter Eleni war eine leidenschaftliche Musikliebhaberin. 1915 ist die Familie nach Edessa in Nordgriechenland umgezogen. Dort begann der kleine Georgios ohne das Wissen seines Vaters mit seinem ersten Geigenunterricht.1923 kehrte die Familie nach Athen zurück.
Mit 16 Jahren beendete er das Gymnasium und schrieb sich an der Universität Athen in Altphilologie ein.
18jährig meldete er sich vorzeitig zum Militär und parallel dazu setzte er seine musikalische Ausbildung fort.
Bei W. Skantzourakis nahm er Geigenunterricht und gleichzeitig an mehreren Musikakademien (Odeen) Theorie und Kompositionsunterricht: bei Lavrangas, Kontis, Varvoglis, Kalomiris Sofia Spanoudi, die damals als die hervorragenden musikalischen Persönlichkeiten galten.
Alle zusammen und jeder für sich waren stolz auf ihren von Natur aus begabten Schüler.
Sein unstillbarer Wissensdurst ist der Grund dafür, dass er sich im Anschluss an sein Studium an der Universität Athen und den Musikakademien an der Pantios Hochschule für Politische Wissenschaften immatrikulierte.
1934 heiratete er die Pianistin und Sängerin Flora Papachristofilou. Die Musik wurde der Mittelpunkt ihres Glücks.
Das antike griechische Theater zog ihn magisch an, und in enger Zusammenarbeit mit den Koryphäen seiner Zeit,
N. Poriotis, Kakridis, Karsis, Karantinos, Solomos, Ch. Ghikas, Tsarouchis schrieb er die Musik zu zahlreichen Tragödien und Komödien der griechischen Antike.
Für die Tanzgruppen von Rallou Manou, Manon Renieri u.a. komponierte er Ballettmusik.
Oft schrieb er Musikkritiken sowie kritische Abhandlungen über das musikalische Zeitgeschehen.
Er kämpfte jahrelang unermüdlich mit Willenskraft, Mut und Überzeugung dafür, dass in den Liturgien der griechisch-orthodoxen Kirche Instrumentalmusik eingeführt wird – leider ohne Erfolg.
Beharren und Mut führten ihn zum damaligen Patriarchen der orthodoxen Kirche Athinagoras. Das einzige Ergebnis allerdings war Enttäuschung.
Er kämpfte für die Verbreitung der Musikschulen, um so vielen talentierten und motivierten Jugendlichen wie möglich die Teilnahme an einem Musikunterricht zu ermöglichen.
Er kämpfte – und dieses Mal waren seine Bemühungen mit der Unterstützung des damaligen Bürgermeisters von Nea Smyrni zumindest anfänglich erfolgreich – für die Gründung eines gemischten Chores in Nea Smyrni (Stadtteil von Athen, wo er seit 1960 lebte).
Er kämpfte zusammen mit namhaften Mitstreitern für die Gründung von Kallitechnoupolis – Künstlerstadt – bei Pikermi. Sein Traum war, dass diese Siedlung ein Zentrum für kulturelle Veranstaltungen werden sollte.
1930 nahm er an den Delphischen Festspielen teil, indem er Chorgesänge von Psachos orchestrierte. Seine Bekanntschaft mit Dichter Angelos Sikelianos führte dazu, daß er dessen Gedicht “Oh ewigjungfräuliche Mutter” für Gesang und kleines Orchester vertonte.
1933 wurde er als Gymnasiallehrer im Fach Musik eingestellt, zuerst in Chania und danach in Rethymnon auf Kreta, später in Ägio und in Akrata im Peloponnes. Neben seiner Lehrtätigkeit an den Gymnasien bemühte er sich – wo auch immer er war – um die Schaffung musikalischen Lebens.
1938 versetzte ihn das Kultusministerium vom Schuldienst an den Athener Rundfunk. Dort schrieb er die Bühnenmusik zu dem Werk des Theaterschriftstellers Angelos Tersakis “ Das Kreuz und das Schwert”. Das Staatstheater erteilte ihm den Auftrag, die Bühnenmusik zu Heinrich von Kleists „Penthesilea” zu schreiben.
Von da an blieb er bis zum Kriegsausbruch in Athen. Während des Krieges diente er an der albanischen Front.
Nachdem er nach Athen zurückgekommen war, komponierte er die „Vier Präludien der Rückkehr von der Front“ für Orchester, die oft vom Staatsorchester aufgeführt wurden.
Das Werk von Kasassoglou erstreckt sich über alle Gattungen der Musik außer der Oper, die, wie er selbst sagt, ihn am wenigstens anzieht. Das Lied ist es, was ihn zum Schaffen anregt. Er hat ein Gefühl für Lyrik, und er gibt die Stimmung eines jeden Lyrikers wieder.
Er komponiert Musik zu Versen der bedeutendsten griechischen Lyriker, angefangen von D. Solomos und K. Palamas bis hin zu A. Sikelianos, Chr. Ewelpidis und Aghis Theros.
Das, was sein Werk kennzeichnet, ist eine jugendliche Spontaneität jedoch mit Willen und Überlegung. Es ist kühn, ohne wirr zu sein. Kasassoglou weiß, was er will. Er beschränkt sich auf das Wesentliche.
Er kopiert nicht den Stil der anderen. Er versucht sein Eigenes zu vervollkommnen, indem er nur aus sich selbst schöpft. Er glaubt an einen Nationalismus in der Musik, denn, so sagt er selbst “Jeder seriöse Intellektuelle kann nicht umhin, sich in den Rahmen seiner Nation zu stellen und dadurch in die Gesamtheit des universalen Lebens. Je wesentlicher und spontaner diese seelische Stellungnahme zusammen mit dem Wissen um seine Verpflichtung seinem Land gegenüber wird, desto mehr wird der Intellektuelle – unbewusst nun – der Träger der Kultur seiner Nation, wo er auch sein mag. Und so kann ich nur das Werk, das eine Heimat hat, als universal empfinden. Und ich glaube, daß damit die Samen der Freude, der Liebe, der seelischen Verbindungen zu erklären sind, die das geistig-künstlerische Werk allgemein und vor allem das musikalische Werk in die Seelen gießt”.
Kasassoglou beurteilt die Entwicklung der Musik in Griechenland optimistisch. Er zieht in diese Überlegung die bedeutende Arbeit ein, die in wenigen Jahren geleistet wurde, in denen keine Generation von den Schrecken des Krieges verschont geblieben war.
Beim Staatstheater beginnt eine Periode enger Zusammenarbeit mit den bedeutendsten Schriftstellern, Regisseuren, Bühnenautoren und Schauspielern der Zeit von 1945 bis 1955. Seine Musik, hauptsächlich für kleine instrumentale Gruppierungen geschrieben, wurden von den Kritikern höchst positiv beurteilt. Während dieser Zeit entstanden 36 Bühnenkompositionen.
1946 komponierte er nach den Versen von Kostis Palamas die “Olympische Hymne“, die in der Radsporthalle von Perama bei Piräus von einem aus 3000 Schülern der letzten Klassen aller Gymnasien von Piräus bestehenden Chor unter seiner Leitung uraufgeführt wurde. Über Jahre hinweg versuchte er, diese Hymne auf internationaler Ebene durchzusetzen. Aber immer wieder stieß sie auf die merkwürdigsten Hindernisse, antikünstlerische und antigriechische Rechtfertigungen, gegründet auf die verschiedensten Interessen. Sein Traum, dass nämlich die Olympischen Spiele mit der finanziellen Unterstützung aller teilnehmenden Länder ständig in Olympia und unter den Klängen griechischer Musik stattfinden, ließ sich weder damals noch heute verwirklichen.
Unter der Regie von Sokratis Karantinos und mit der Musik von G. Kasassoglou wurden an der Comedie Française die antike Komödie „Die Wolken“ von Aristophanes aufgeführt. Die Kritiken aus der französischen Hauptstadt waren sehr gut. Einer der bedeutendsten Augenblicke in seiner künstlerischen Laufbahn war sein Zusammentreffen und die Bekanntschaft mit Igor Strawinsky. Mit dem Satz “In ihrer Musik höre ich Griechenland, und in Ihrem Händedruck spüre ich Griechenland”, begann Strawinsky seine begeisterte Kritik zu der Musik der “ Wolken”.
Mit seiner Musik und unter der Regie von Pelos Katselis wurde im Sommer 1962 bei den Festspielen von Bad Hersfeld nach Einladung der Festspielleitung Sophokles’ “Antigone“ aufgeführt. Und auch hier wieder priesen die lokalen Kritiken die in jeder Hinsicht ausgezeichnete Aufführung, besonders aber die musikalische Komposition.
Eine besondere Stellung innerhalb seines musikalischen Werkes nehmen die über hundert Lieder ein. Sie werden bis heute von hervorragenden griechischen Künstlern gesungen. Sein Lied nach den Versen von Nikos Stassinopoulos „Die Träne des Regens” wurde 1976 bei dem internationalen Wettbewerb Lutese in Paris mit der Goldmedaille ansgezeichnet.
Im Dezember 1983 komponierte er die “ Melodie Pathetique” für Oboe und Klavier, die er dem vom ihm besonders geschätzten Künstler, dem Oboisten Evangelos Christopoulos,widmete.Wenig später arbeitete er die “ Melodie Pathetique“ für Violoncello und Klavier um und widmete sie seiner geliebten Schwiegertochter, der VioloncelIistin Mettilt Kasassoglou. Für sie komponierte er noch zwei weitere Werke für Solo-Violoncello.

Völlig unerwartet verletzte er sich bei einem Sturz im Keller seiner Wohnung in Nea Smyrni in dem Raum, in dem er Partituren und verschiedene Erinnerungsstücke aufbewahrte, so schwer, dass es für ihn, als er schließlich in die Klinik eingeliefert wurde, bereits zu spät war. Er verschied am 2. Juni 1984.
Der Bürgermeister und die Stadtverwaltung von Nea Smyrni stellten durch einstimmigen Beschluss auf dem Friedhof des Stadtteils eine dem Ehrenbürger der Stadt gebührende Grabstelle zur Verfügung.
Am Schluß dieses Nachrufs für den Komponisten, der wie wenige Griechenland und dessen Kultur ehrte,  möch te ich die bekannte Musikkritikerin der damaligen Zeit Avra S. Theodoropoulou zitieren:
“ Kasassoglou hat seine Wurzeln in der griechischen Erde, nicht dadurch, daß er Weisen und Rhythmen derVolksmusik deutlich und überlaut verwendet, sondern dadurch, daß er seinem Selbstverständnlich
 entsprechend seinen eigenen Ausdruck sucht, indem er sich als Grieche empfindet”.

Kasassoglous Lebensweise ist seine musikalische Welt, die er uns als Vermächtnis hinterließ. Ein genialer, kompromissloser Mensch, der seine Stärke aus dem Bedürfnis zur Kommunikation schöpfte. Sein kämpferisches Wesen leitete ihn, das Königreich der Menschen zu erobern. Er selbst wählte das Königreich der Sterne.

Um die Erinnerung an den griechischen Komponisten wachzuhalten, pflegen seine Nachkommen das Werk Kasassoglous mit einer eigenen Edition. Seit 1995 bemüht sich Jörg-Mark Kasassoglou, Enkel des Komponisten, unterstützt von seinem Vater Wassilis, die Musik des Großvaters zu erhalten, zu verlegen, CDs mit dessen Musik zu produzieren und sie einem größeren Hörerkreis zu erschließen. Im Internet ist der Verlag unter der Adresse www.jmk-verlag.de präsent.

Dank griechischer Sponsoren sind sehr viele Werke von Georgios Kasassoglou gedruckt erschienen und wurden zwei CDs mit seiner Musik produziert.
Die erste CD Vol.I erschien 2001 mit verschiedenen Kammermusikwerken bei: JMK Nr.172
Die zweite CD erschien im Oktober 2005 mit Werken für “ Violine und Klavier” bei: JMK Nr.241 mit Georgios Demertzis (Violine) und Thanassis Apostolopulos (Klavier).

Bestellungen der CDs:über e-mail:encrypted---aW5mb0BqbWstdmVybGFnLmRl
Für weitere Informationen über den Komponisten und sein Werk besuchen Sie die Internetseite www.kasassoglou.de