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War Konstantin der Große ein Grieche?

2017-01-28 2017-01-28 28.01.2017 444 × gelesen 4 Minuten

Das römische Imperium war ein Vielvölkerstaat, in dem Dutzende von Sprachen gesprochen wurden. Geschrieben wurden nur zwei: Latein im Militär und im Recht, Griechisch in der Kultur und im Handel. Die Kaiser kamen aus dem Militär, d. h. aus dem römischen Milieu. Der Vater Konstantins, Constantius Chlorus, stammt aus dem unteren Donauraum, seine Muttersprache war Latein. Helena, Konstantins Mutter, eine Stallmagd aus Bithynien, sprach vermutlich Griechisch. Auch Konstantin dürfte diese Sprache beherrscht haben. Sein Hofbischof und Biograph Eusebios von Caesarea sprach sicherlich nur Griechisch. Trotzdem verwendete der Kaiser beim Konzil von Nicaea 325 wohl aus Prestigegründen einen Dolmetscher. Denn Griechisch war damals noch überall die Sprache des christlichen Kultus.
Die Wiederkehr seines Herrschaftsantritts vor 1700 Jahren hat Konstantin wieder ins öffentliche Bewußtsein gerückt. Der Kaiser, der am 25. Juli 306 in York zum Imperator ausgerufen wurde und 307 in Trier den Rang eines Augustus erhielt, wurde europaweit zum Thema. Eine Reihe von Ausstellungen, Kongressen und Vortragsfolgen in mehreren Ländern haben sich mit der Gestalt und der Geschichte Konstantins beschäftigt. Vom 2. Juni bis zum 4. November 2007 findet in Trier eine große Landesausstellung über ihn statt. In drei Museen werden Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände seiner Zeit gezeigt, sowie Bilder der europäischen Kunstgeschichte, die seine Taten verherrlichen. Und das mit Grund. Kann er doch zu Recht für sich in Anspruch nehmen, die christliche Monarchie in Europa begründet zu haben, die das politische Fundament der europäischen Kultur darstellt. Zwischen Augustus und Karl dem Großen ist Konstantin die markanteste und einflussreichste Persönlichkeit in der Staatengeschichte Europas.
Als glänzender Feldherr von seiner Sendung erfüllt, hat er äußere Feinde und innere Gegner niedergeworfen, bis er im Jahre 324 die Alleinherrschaft besaß. Schon Zeitgenossen haben ihn „den Großen“ genannt. Stets dem Monotheismus zugeneigt, bekannte er sich nach dem Sieg 312 an der Milvischen Brücke über seinen Rivalen Maxentius zum Christentum. Nach der Überlieferung bot sich ihm Christus in einer Vision („In diesem Zeichen wirst du siegen“) als Schlachtenhelfer an. Die Christen waren freilich in mehrere Richtungen gespalten, daher suchte der Kaiser die Einheit des Glaubens im ersten ökumenischen Konzil in Nicaea zu sichern. Die Glaubensformel wird ihm persönlich zugeschrieben. Konstantin befestigte die Grenzen und hinterließ nach seiner Taufe auf dem Totenbett 337 das Reich seinen drei Söhnen. Mit der Gründung von Konstantinopel schuf er die Basis für das Byzantinische Reich. Die Stadt lag im griechischen Sprachgebiet; im 6. Jahrhundert wurde Griechisch Amtssprache.
Trotz seiner glänzenden Erfolge war und ist der Charakter dieses Mannes undurchsichtig und das Urteil über seine Wirkung umstritten, und dies schon seit dem 16. Jahrhundert. Eine unübersehbare Literatur hat nicht zu einer definitiven Lösung der konstantinischen Frage geführt. Sie hat drei Aspekte. Der erste gilt den Motiven des Kaisers: Liegt seiner Hinwendung zum Christentum ein persönliches religiöses Bekenntnis zugrunde, so wie er dies in seinen Schriften glauben macht, oder nutzte der Kaiser nur eine vorgegebene Denkströmung zur Festigung seiner Macht und zur inneren Einigung des Reiches? Wie steht es um die Frömmigkeit eines Kaisers, auf dessen Weg zur Alleinherrschaft neun Familienmitglieder sterben mußten? Es begann mit dem Schwiegervater Maximian, es folgten Schwager Maxentius mit Frau und zweitem Sohn, sodann Schwager Bassianus und Schwager Licinius mit Sohn und zuletzt 326 der eigene älteste Sohn Crispus und die Ehefrau Fausta. Aus Kummer darüber soll seine fromme Mutter Helena, die freilich nie getauft wurde, ins Heilige Land gegangen sein, wo sie Kirchen hat, namentlich in Jerusalem und Bethlehem.
Der zweite Aspekt betrifft die Wirkung Konstantins auf das innere Gefüge der Kirche: Hat allein die staatliche Unterstützung und Förderung dem neuen Glauben zur Durchsetzung verholfen und damit seine befruchtende Wirkung auf das Geistesleben der Mit- und Nachwelt ermöglicht, oder wurde die Kirche durch die Verflechtung mit den weltlichen Interessen des Staates ihren eigentlichen geistigen Aufgaben entfremdet, so dass ein Konfliktpotential entstand, das sich bis auf unsere Tage auswirkt? Es scheint, als ob die vertiefte Beschäftigung mit dieser Problematik die Argumente für jede der eingenommenen Positionen vermehrt hätte, so dass die Bilanz noch immer keine definitive Entscheidung erlaubt.
Ein dritter Aspekt betrifft die von Konstantin ins Heer übernommenen Germanen. Sie haben weit über hundert Jahre die wesentliche Abwehr äußerer Feinde getragen, doch sind die germanischen Heermeister ihren Kaisern schließlich über den Kopf gewachsen, haben sie nach Belieben ein- und abgesetzt, bis 476 Odovacar mit dem Kaisertum in Rom endgültig Schluß machte. Auch hier bietet die Geschichte Konstantins Argumente für beide Seiten.
Unbestreitbar ist Konstantins Einfluß auf die Christianisierung des Imperiums und damit Europas. Das Christentum warb durch Monotheismus, Jenseitshoffnung und tätige Nächstenliebe. Es hatte schon vor Paulus in Rom Fuß gefaßt, wie wir aus der Bibel und von Tacitus wissen. Die Frohe Botschaft hat sich aus dem Osten in den Westen, von den Städten aufs Land, von einer intellektuellen Mittelschicht sowohl in die Bevölkerung als auch in die Führungsschicht verbreitet. Zwar ist völlig unklar, wie hoch der Anteil der Christen zur Zeit Konstantins an der Gesamtbevölkerung war. Doch ist unbestritten, daß keine der Aberdutzenden von Religionen und Erlösungskulten sich mit der Dynamik und der Widerstandskraft, mit der organisatorischen Vernetzung und der geistigen Brillanz des Christentums messen konnte. Das lehrt allein schon der Blick auf den Umfang und das Niveau der patristischen Literatur. Insofern hatte das Christentum als Weltreligion keinen wirklichen Konkurrenten unter den Religionen im Römischen Reich. Die Juden begriffen sich als Volk Gottes aus dem Samen Abrahams und pflegten ihre Exklusivität durch ihre Tabus; der Mithraskult verschloss sich den Frauen und besaß kein nennenswertes Schrifttum; der Manichäismus war durch seine unerbittliche Askese mit dem Staatsleben kaum verträglich.
Die wiederholten Verbote und Verfolgungen hatte der neue Glaube erfolgreich durchgestanden. Gallienus hat ihn im Jahre 260 förmlich zugelassen, und Aurelian hat 272 eine strittige Bischofswahl entschieden. Die letzte Verfolgung unter Diocletian war im Grunde ein Anachronismus. Constantius Chlorus hat sie im Westen nicht wirklich durchgeführt, Konstantin und sein Gegner Maxentius haben bereits 306 den Gottesdienst wieder zugelassen, ehe Galerius ihn 311 auch im Osten legalisierte. Wenn Maxentius und die übrigen Mitkaiser Maximinus Daia und Licinius in der Tradition als Feinde des Christentums erscheinen, so vornehmlich deswegen, weil sie Gegner Konstantins waren. Dieser glaubte sich immer in der Gunst des höchsten Gottes und hat sich nach seinem Einzug in Rom im Jahre 312 aktiv für die Kirche eingesetzt, allerdings ohne die Schwierigkeiten vorauszusehen, die aus seiner christenfreundlichen Religionspolitik folgen würden. Sie wurzelten in den inneren Spannungen unter den Gemeinden in der Frage der Kirchenzucht (das Problem des Donatismus) und der Frage der Göttlichkeit Christi (das Problem des Arianismus). Hier brachten auch die Konzilien von Arles 314 und Nicaea 325 keinen eindeutigen Erfolg.
Konstantin hat sich in der Religionspolitik gegen Diocletian gestellt, im übrigen aber dessen administrative, finanzielle und militärische Reformen fortgeführt und damit dem Imperium Romanum vor den Stürmen der Völkerwanderung nochmals eine stabile Phase verschafft. Dies gilt sogar für Diocletians System des legalen Mehrkaisertums, auf das Konstantin in seinem Testament zurückgekommen ist. Die von ihm vorgesehene Teilung der Zuständigkeit erinnert auffällig an die Tetrarchie. Faktisch war das Mehrkaisertum fortan die Regel. Die Gründung Konstantinopels als zweite Hauptstadt neben Rom orientierte sich gleichfalls an Diocletian, der seine Residenz in Nikomedien aufgeschlagen hatte. Dies zeigt bereits die sich anbahnende Schwerpunktverlagerung des Römischen Reiches in den griechischen Osten. Konstantin hat zwar den Boden des heutigen Griechenland niemals betreten, doch ist er durch die Gründung von Byzanz und die Förderung des Christentum so fest in der griechischen Tradition verwurzelt, daß elf weitere byzantinische Kaiser und noch der letzte griechische König seinen Namen trugen.

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