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Griechenland und Europa - Der diachrone Beitrag Griechenlands zur Bildung des europäischen Bewusstseins

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2020-08-06 2020-08-07 06.08.2020

1. Einleitende Bemerkungen
Der Zerfall der Sowjetunion sowie die Realisierung der Wiedervereinigung Deutschlands haben zahlreiche intellektuelle Aktivitäten ausgelöst, die vornehmlich auf die Probleme der osteuropäischen Erweiterung der NATO und der Europäischen Union, auf den angeblichen Religionskrieg im ehemaligen Jugoslawien und auf eine vermeintlich kulturelle Kluft zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil Europas fokussiert wurden. Der polyzentrische Wandlungsprozess, den die Zerstörung des ideologischen Machtblock-Dualismus auslöste, hat überdies zur Folge, dass nunmehr das während des Ost-West-Gegensatzes latent vorhandene nationalstaatliche Prinzip ungetarnt die Morphologie der politischen Landkarte Europas zu bestimmen beginnt, weil politische Zielsetzungen und Interaktionsabläufe nicht mehr in erster Linie durch bündnisbezogene Zweckmäßigkeit sondern vielmehr durch nationale Interessen und Vorteile definiert werden. Die Determinanten dieser veränderten Konstellation führten außerdem dazu, dass das zweifelsohne wichtigste Ordnungsmodell in der Geschichte Westeuropas nach 1945 – d.h. die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa – eine neue national-politische Semantik erhält und zum Inbegriff der nationalistischen Weltfrömmigkeit erhoben wurde. Für die innere Verfasstheit der EU wird seitdem als künftiges Ordnungsmodell von der deutschen Regierung unverhüllt der sog. „harte Kern“ favorisiert, während die französische Regierung „konzentrische Kreise“ zeichnet und das britische Kabinett ein europäisches Menü lieber „à la carte“ bevorzugt.1
Diese scheinbar integrationsfördernden, abstrakten Überlegungen werden als Gegensteuerungsmechanismen präsentiert, deren vermeintliches Ziel es sein soll, einer möglichen Spaltung der EU durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Integrationsprozesses entgegenzuwirken. Bei einer genauen Analyse der potentiellen Auswirkungen, die Realisierung eines dieser Europa-Modelle sowohl auf die demokratischen Strukturen als auch auf die gemeinschaftliche Entscheidungsfindung – und somit auch auf die alltagspolitische Praxis in der EU – haben kann, führt zu dem Ergebnis, dass die ins Zentrum der Europa-Diskussion gerückten ideologischen Variationen der „Europa-Idee“ das Ziel verfolgen, die national-politischen und hegemonialen Bestrebungen bzw. Ansprüche der großen EU-Staaten durch die allmähliche Einführung einer ersatzfähigen Begrifflichkeit konnotativ legitimieren und durch die sprachliche Einübung leichter durchsetzen zu können – mit anderen Worten: die post-kommunistische Ära zur Verwässerung der Europa-Semantik auszunutzen. Diese Realitäten schaffende Vorgehensweise hat sich bewährt: damals in Jalta feierte die ideologische Spaltung Europas ihre Premiere, indem das messianisch-eschatologische und kabbalistisch-imperialistische Sinnbild eines polit-ökonomischen Modell-Platonismus in eine universale Ideologie umgewandelt und für die Grenzregulierung eines Kontinents instrumentalisiert wurde. Der Auflösung des Ostblocks folgte also nicht nur eine triumphale Erleichterung, sondern auch die Sorge um den Verlust der ideologisch verbrämten sozio-politischen Identität, das altgewohnte und vertraute Revierverhalten war gefährdet, und die Trennung Europas sollte mit anderen Mitteln fortgesetzt werden. Um den – nach der Auflösung des Ost-West-Gegensatzes – erwarteten soziopolitischen Wertewandel zu steuern und dem befürchteten Verlust jener Werte entgegenzutreten, die die gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen in Westeuropa garantieren, sind national-konservative Entscheidungsträger aus Politik, Wissenschaft und Kirche dazu übergegangen, eine spätvergilische Ideologie zu weben, die aus zwei wesentlichen Komponenten besteht: zum einen aus der Restauration des zwar zum Fossil gewordenen, aber – wie es scheint – nicht überwundenen Gegensatzes zwischen Rom und Byzanz, zum anderen aus dem verklärten Bild eines guten, d.h. des mit einer katholischen Firnis versehenen angelsächsischen Kulturvolkes, das den „würdigen“ Europäer repräsentiert.2
Das Interesse in diesem Zusammenhang ist jedoch der Umstand, dass das deutsch-französisch-britische Triumvirat (das nach politischer Opportunität gelegentlich auch durch Italien und Spanien vergrößert werden darf) verkappt den machtpolitischen Standpunkt vertritt, dass die Festlegung der Entscheidungskriterien darüber, wer ein „guter“ und wer ein „schlechter“ Europäer ist, Aufgaben- und Kompetenzbereich fällt. Damit verfügen die führenden europäischen Mächte über ein politisches Steuerungselement, mit dem sie ihre national-politischen Zielsetzungen und kulturhegemonialen Ansprüche effizienter realisieren. Denn der architektonische Entwurf des post-kommunistischen Europas ist eindeutig auf das Telos eines ideologisch definierten anti-russischen bzw. eines anti-orthodoxen Affekts fokussiert sowie an der Verfolgung nationalstaatlicher Zwecke orientiert¸ die wohltemperierten und zudem schein-rationalisierten Szenarien über ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ oder über ein „Europa der variablen Geometrie“ entsprechen weder der Europa-Vision von Robert Schuman und Jean Monnet noch den Konstruktions-Vorstellungen eines Jacques Delors. Vor diesem Hintergrund erhebt sich die Frage, wie stark die zunehmend offen propagierte Nationalisierung des europäischen Kontinents und die durch sie bedingte nationale Interessenverlagerung des Zentrums des strukturellen Aufbaus der EU und damit die Zielsetzung und Entscheidungsfindung der Gemeinschaftsorgane beeinflusst, mit der erneuten Infragestellung der Grenzen und der Integrationstypologie Europas wird die EU auf eine Finalität gelenkt, die mit den Inhalten der „Europa-Idee“ der Gründungsjahre nichts Gemeinsames mehr hat.

2. Die kulturelle Bestimmung des „Europäischen“ und die post-kommunistische Europa-Ideologie
Zweifelsohne kann es auf die Frage nach dem neuen Europa, auf die Frage nach den Grundgedanken bei der europäischen Integration, keine einfache Antwort geben. Wer die intellektuellen Dispute und die teilweise sich widersprechenden Integrationsbemühungen aufmerksam verfolgt, dem kann nicht entgangen sein, dass dringende Orientierungshinweise zu dieser Fragestellung benötigt werden. Dabei richtet sich der Blick vornehmlich auf die geistigen, kulturellen und politischen Inhalte, auf die grundlegenden Triebkräfte und Hindernisse, die den architektonischen Entwurf einer europäischen politischen Union beeinflussen.
Deshalb werden heute viel häufiger die Fundamente des post-kommunistischen europäischen Domizils inspiziert und dabei gewichtige und tiefgründige Fragen gestellt: Was ist die Idee und die Kultur, was ist das Bild und wo sind die Grenzen, was ist das politische Ziel und welche sind die politischen Ordnungsprinzipien Europas? Gilt heute noch der Hinweis von Heinrich Mann, wonach „das übernationale Gemeinschaftsgefühl der Europäer eine reine Erfindung der Dichter ist, die nur von jenen aufrechterhalten und bewahrt wird“3? Oder trifft jener Ausruf Rolf Sternbergers zu, nach dem es „eine Idee, die Europa heißt, gar nicht gibt“4? Oder könnte die Einheit Europas doch „ein Traum von wenigen, die eine Hoffnung für viele wurde und deshalb eine Notwendigkeit für uns alle“ sein5, wie Konrad Adenauer im Jahre 1954 bemerkte? Oder spiegelt die epigrammatische Definition von Karl Jaspers die europäische Realität wider, wonach „Europa die Bibel und die Antike6“ ist?
Viel zu oft wird argumentiert, dass die europäische Identität, die Herkunft Europas, aus gemeinsamer Geschichte ist7. Das würde bedeuten, dass das Herkunftsbewusstsein als konstituierendes Element von Identität angesehen werden kann, weil die europäische Gegenwartskultur eine von historischem Bewusstsein geprägt ist. Zugleich signalisiert die affektive Zuwendung der Europäer zu ihrer Geschichte in den letzten Jahren die destabilisierenden Auswirkungen des heutigen Wandels, der im historischen Bewusstsein den Vertrautheitsschwund der Gegenwart kompensieren möchte8. Ebenfalls häufig wird darauf hingewiesen, dass die europäische Identität sich auch aus der Erfahrung der Gegenwart konstituiert, und dass sich die „west-europäische Festung“, d.h. expressis verbis die Abschottung Westeuropas vom nord-, ost-, mittel- und südosteuropäischen Raum, nur begrenzte Zeit durchhalten lässt9. Für die Vertreter einer Argumentation, die sich vom Denken in historischen Dimensionen losgelöst haben, kann das Lernziel in Europa nach dem Abriss der Mauern nicht anders lauten als: Einübung in eine vergessene Tradition, Einübung in das lange vernachlässigte, europäische Denken10.
Mit dem Zielprojekt einer politischen Union als dem Telos der europäischen Ordnungsstruktur werden Hoffnungshorizonte oder Untergangsvisionen mit beschwörenden Appellen vermischt und zu einer bizarren europäischen Wirklichkeit verwoben. Der Grund hierfür liegt möglicherweise in dem Umstand, dass die Europäer in der Regel eine Vorliebe für die pathetischen Klänge großer Formulierungen verraten, so dass Europa stets weihevolle Girlanden für das Selbstbildnis finden konnte. Europa als universeller Kunstspender, Europa als nie versiegender Ideenborn, Europa als anthropozentrisches Schatzhaus der Ideale.
Dieses Pathos, dieser rhetorische Schmuck, wird zudem durch die spartanische und deshalb auch anspruchslose Sachlichkeit in der Konstruktion einer „Einheit in der Vielfalt“ ergänzt, da diese emotional vordergründig entlastende, pauschale Erklärung immer wieder über Einwände und Widersprüche hinweghelfen kann. Trotz der erworbenen Salonfähigkeit konnte diese neu erfundene, aber schwermütig gebliebene Dialektik dennoch keinen Erkenntnisfortschritt hervorbringen, weil sie brauchbare und pragmatische Antworten auf eminent wichtige, die Europäische Union betreffende Fragen bis heute schuldig geblieben ist. Denn nach dem neuen europäischen Umbruch und vor allem nach der Beseitigung der Trennung Europas sollte nicht nach geographischen Grenzen, sondern nur nach der geistigen, kulturellen und verfassungspolitischen Gestalt Europas gefragt werden.
 Die mit dem eingetretenen ordnungspolitischen Wandel aufgelösten, herkömmlichen Interpretationsmuster haben zur Folge, dass ein dringender Bedarf der Europäer an einer neuen ideologischen Konzeption, an neuen europäischen Strukturen und an zeitgemäßen weltpolitischen Orientierungspunkten entstanden ist, weil sowohl die Ordnungsrahmen für die eingehenden Informationen als auch das Instrument zur Lokalisierung sozialer Objekte verwischt wurden. Deshalb können Identitätsdefekte zu individuellen und kollektiven pathologischen sozialen Prozessen führen, die in der Form eines aggressiven oder auch verkappten Nationalismus nicht nur den politischen Einigungsprozess in Europa, sondern auch die vorherrschenden liberal-demokratischen Grundlagen der europäischen Kultur zerstören können.
Diese Gefahr kann überdies durch den Umstand potenziert werden, dass im postkommunistischen Zeitalter besonders hohe Anforderungen an die orientierungsstiftenden nationalen und transnationalen Institutionen gestellt werden, so dass auch die individuellen und kollektiven Identifikationsmöglichkeiten bei zunehmender Mobilität, Pluralität und Differenzierung irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Angesichts dieses strukturellen Wandlungsprozesses in den europäischen Gesellschaften ist es mehr als verständlich, dass gerade der Topos „Europa“ mit besonderem Nachdruck erneut zum identitätsstiftenden Bezugssystem erhoben wird.
Das Europa, dessen gemeinsame Identität die Bürger dieses Kontinents seit dem Zerfall eines der politisch und ideologisch getrennten Lager stärker empfinden als zu früheren Zeiten, ist kein Naturprodukt der Geographie. Die gemeinsame europäische Identität ist vielmehr das Resultat einer kulturellen Entwicklung von der Antike bis heute. Diese Gemeinsamkeit Europas umfasst aber keineswegs nur das sogenannte Westeuropa, sondern es impliziert auch die nordeuropäische, mitteleuropäische, südeuropäische und osteuropäische Region des Kontinents. Aus diesem kultur-historisch definierten Europa sind die Grundzüge der modernen Welt mit ihrer institutionellen Vielfalt und ihrer zunehmenden Dynamik, mit ihren wissenschaftlichen und technischen Leistungen, mit ihrer utopischen Selbstüberhebung und den ihr entspringenden Gefahren entstanden.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind die alten, ideologisch geprägten Zuordnungs- und Zugehörigkeitssymbole obsolet geworden. Die Hoffnung auf eine nunmehr greifbar gewordene Einheit Europas wird mit der nicht zu unterschätzenden Gefahr konfrontiert, durch die historische Amnesie von Journalisten, Historikern, kirchlichen Würdenträgern, und Politikern begraben zu werden, die – vom eigenen intellektuellen Pathos entzückt – in der Erfindung der Vergangenheit eine abermalige ideologische Trennung Europas zu konzeptualisieren versuchen11; denn im post-kommunistischen Europa und allen voran im wiedervereinigten Deutschland glaubt man heute zu wissen, dass die europäische Geschichte neu erfunden und geschrieben werden müsse, um die diplomatisch elegant getarnten, nationalen Interessen und Zielsetzungen durch die Rekrutierung des „Wissenschaftlichkeit“ vortäuschenden Historizismus zusätzlich ideo-logisch zu legitimieren.
Heute darf in dem liberal-demokratisch gesinnten Europa keinesfalls die Tatsache marginalisiert werden, dass mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Abschied von dem klassischen Ost-West-Gegensatz als Folge des Kalten Krieges emotionsträchtige Ersatz-Feindbilder salonfähig geworden sind. Als Konstrukteure und Akquisiteure dieser neuen Stigmatisierungs- und Dämonisierungskampagne fungieren (wie so oft in der Vergangenheit, Print- und Massenmedien, Journalisten und Wissenschaftler, Politiker und Kleriker aus den sogenannten rational-aufgeklärten Kreisen des europäischen Kontinents, die überraschenderweise mit wiederholtem Nachdruck verkünden, die Ursache des sowjetischen und jugoslawischen Übels in der orthodoxen Kirche12 vor allem in dem okzidentalen Kulturellen System und den in ihm vorherrschenden Werten gefunden zu haben13.
Ob die zunehmende Verbreitung dieser Ideologie jene Finalität im europäischen Integrationsprozess langfristig gefährden kann, die auf die Überwindung der Nationalstaaten zugunsten einer föderalen europäischen Union abzielt, kann weiterhin kontrovers diskutiert werden, dass diese post-kommunistische Ideologie eine neue Form des Rassismus darstellt und dass sie deshalb weder durch wissenschaftliche Diskurse noch durch die Informationspolitik demokratischer Print- und Massenmedien reproduziert werden dürfte, müsste hingegen in jenen europäischen (und gelegentlich auch amerikanischen) Kreisen, die die Demokratie und ihre Feinde ernst nehmen, eigentlich unbestritten sein. Vor allem in einer liberal-demokratisch präformierten politischen Kultur sollte die Tatsache einsichtig sein, dass jeder verspätete Versuch, die Weber´sche, „protestantische Ethik“ durch die Implikation der katholischen Regionen Europas zu erweitern sowie die Errichtung des Rechtsstaates und der Demokratie in der westlichen Welt ausschließlich mit diesen beiden christlichen Gemeinschaften zu verbinden, nicht nur wissenschaftlicher Unsinn ist, sondern auch in höchstem Maße ideologischer Obskurantismus, weil u.a. Faktum verschweigt bzw. verdrängt, dass z.B. das Übel des Faschismus in vorwiegend katholischen Ländern gewütet hat und dass der menschenverachtende Imperialismus in den vornehmlich kalvinistisch- protestantischen Ländern entstanden ist. Dennoch ist bis heute kein seriöser Wissenschaftler, Journalist, Politiker oder Kleriker auf die Idee gekommen, diese beiden Abarten des menschlichen Geistes und der westeuropäischen Kultur mit diesen Konfessionen in Zusammenhang zu bringen.
Der Grund für die verbreitete Doktrin einer verklärten „angelsächsischen“ Kultur-Hegemonie liegt vor allem in dem Umstand, dass die Wiederbelebungsversuche des europäischen Historizismus sowie die subtile Verbreitung der neo-rassistischen Ideologie und deren Instrumentalisierung im Dienste der Verfolgung rationaler und verkappt nationalistischer Interessen stehen, die u.a. das Ziel haben, die Neu-Ordnung Europas im Sinne eines modifizierten und der Moderne angepassten Geistes aus der Zeit des „Wiener Kongresses“ zu gestalten. Bei dieser neuen „Europa-Semantik“ handelt es sich konkret um das politische Szenario von interdisziplinär zusammengesetzten, restaurativen Kreisen, die mit Hilfe eines cäsaro-papistischen Manierismus die künftige architektonische Struktur des „Europäischen Hauses“ auf den „Fundamenten der weströmischen Kirche“14 errichten wollen, indem sie den europäischen Neubau mittels eines ausgegrabenen und reaktivierten Konfessionalismus an einen historisch-utopischen Idealismus anzubinden versuchen.
Nach diesem Konzept soll eine neue aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien bestehende „Pentarchie… die Architektur des Europäischen Hauses“15 bestimmen, aus der nicht nur die Türkei wegen des Islam, sondern auch Zypern, Rumänien, Bulgarien sowie Russland, Weißrussland und die Ukraine wegen der dort vorherrschenden orthodoxen Konfession auszuschließen seien16, mit dem Ziel, die Grenzen des künftigen Europas eindeutig und unmissverständlich innerhalb des Einflussbereichs „des römischen Rechtsdenkens einschließlich des Kirchenrechts, aber auch anderer bedeutender Kulturleistungen der west-römischen Kirche“17 , festzusetzen. Im Diskus eines aus der Mottenkiste der Geschichte geholten Kultur-Chauvinismus wird hiermit ein architektonisch separates Gebäude innerhalb des befreiten Europas sophistisch errichtet, mit dem vermeintlich normativ begründeten Ziel, bestimmte gemeinsame zivilisatorische Erfahrungen stilvoll miteinander zu integrieren, um sie sodann, mit dem alten politischen Kampfbegriff „Abendland“ definiert, für die jeweiligen national-politischen Interessen zu instrumentalisieren.
Abendland, d.h. das „Abendländische“, soll der neuen, ideologisch bedingten Spaltung Europas die dazu benötigte mentale Legitimation liefern und eine affektive regionale Identifikation ermöglichen. Mit den sich immer wieder bewährenden obskurantistischen Vorgehensmustern und mit bemerkenswerter Beharrlichkeit wird dabei völlig ignoriert, dass der Begriff „West-Europa“ durch die im Rahmen dieser neuen Ideologie künstlich erstellten Definitionsmerkmale eines europäischen Abendlandes geradezu entleert wird – eines europäischen Abendlandes nämlich, das sich ausschließlich durch die gemeinsamen Erfahrungen aus dem lateinischen Christentum, der Renaissance, der Reformation, dem Absolutismus, der Aufklärung, der bürgerlichen und der industriellen Revolution konstituieren soll18.
Die Fragen jedoch, ob Europa ein Kontinent ist, der aufgrund seiner Geschichte für immer zweigeteilt sein müsse, und ob aus historischen und kulturellen Gründen eine Einigung Europas deshalb nur dort möglich sei, wo sie schon während des ideologischen Ost-West-Gegensatzes weit vorangeschritten war, in Westeuropa also, lassen sich außerhalb einer ideologischen Betrachtungsweise nicht beantworten. In diesem Sinne ist auch in Deutschland eine Diskussion darüber entstanden, die ehrgeizig an große Namen und Gegensätze anknüpft. Es gäbe, heißt es, ein vom west-römischen Reich geprägtes Europa, das lateinischen Wesens sei, überwiegend katholisch und seit jeher der Hort freiheitlicher Zivilisation. Und es gäbe die Hinterlassenschaft Ost-Roms, den von der byzantinischen Kultur, vom griechisch-orthodoxen Christentum beherrschten Raum, der – wenn überhaupt – ganz andere Begriffe von Recht, Sittlichkeit und Freiheit hervorgebracht habe19.
Hier ist erneut der empirische Beweis erbracht, wie nach altbewährten Denkstrukturen – aber auch nach bester ideologischer Eindimensionalität und mit Hilfe der historischen Verfälschung – noch in der Gegenwart Grenzen erdacht und schließlich auch errichtet werden. Die kultur-chauvinistische und national-konservative Feder, mit der eine revidierte Geschichtsschreibung dem ideologischen Imperativ dieser Kreise angepasst werden soll, lässt beispielsweise die neuen Grenzen Europas mitten durch den Balkan verlaufen, mit der Begründung, man könne heute ja sehen, wie Kroaten, Serben und Bosniaken diesseits und jenseits der uralten Grenze, d.h. jenes Limes, der die geographische Ausdehnung West-Roms markierte, miteinander umgingen. Das ist gegenwärtig eines der ideologieträchtigsten Argumente20.
Wie willfährig derartige, ideologisch gefärbte Argumente sind und welchen erkenntnisbezogenen Stellenwert sie besitzen, wird besonders deutlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass noch vor 50 Jahren die Unvereinbarkeit von welscher und germanischer Kultur mit demselben Pathos behauptet wurde. Was damals Unfug war, ist auf andere Gegenden Europas übertragen auch heute noch blanker Unsinn. Der Verdacht liegt deshalb nahe, dass die neue Beschwörung des alten Gegensatzes Rom – Byzanz sowie die in den letzten Jahren verstärkten Bemühungen eine Neuauflage der Glaubenskriege vorzubereiten, eigentlich eine kultur-historisch verbrämte Strategie zur Sicherung eines Wirtschaftsraumes verfolgt, dem die meisten Westeuropäer einige Jahrzehnte bequemen Wohlstands verdanken. Zumindest diese Bequemlichkeit ist jetzt gefährdet, und Westeuropa beginnt, sich mit hochtrabenden Worten und Geschichtsklitterung erneut von den eigenen Traditionen abzuschotten. Im Interesse der Europäischen Union wird es dennoch weiterhin töricht bleiben, den europäischen Einigungsprozess so zu betreiben, dass neben den stets reproduzierenden nationalen Egoismen auch noch ein engstirniger Kontinentalismus und eine kurzsichtige, auf Abgrenzung eines halben Kontinents bedachte Mentalität tritt.
Dabei wird die Tatsache verdrängt, dass die unglückliche Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert – mit den katastrophalen Folgen im 20. – eindeutig zeigt, dass es immer zu verheerenden Resultaten geführt hat, wenn Ideologie die kulturelle Legitimation der Einheit in einem von wissenschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten Verbund schaffen will. Und genau das geschieht in dem gegenwärtigen Versuch, das Wesen des „Europäischen“ zu bestimmen, weil die behauptete Besonderheit eines west-römisch, lateinisch geprägten Europas den Maßstab für das realpolitisch sanktionierte Vereinigungsstreben abgeben soll.
Ein Europa aber, das diesen Namen verdient, ist unteilbar. Es ist im Osten wie im Westen auch und vor allem durch die Ideen und die Begriffe der antiken Ordnung griechisch geprägt, an die die Renaissance und der Humanismus im Westen wie im Osten immer wieder anknüpfen konnten, denn der universelle Geist des Griechentums stellt jenseits jeder Romantik die geistig-kulturelle Wurzel Europas dar, weil sich in ihm Latinität und Islam, die Romanier und die Ostkirche begegnen. Bei den künftigen Politiken in und von Europa kann es sich deshalb nicht um neue Gegensätze handeln, sondern vielmehr darum, mit dem ungewohnt Gewordenen wieder vertraut zu werden.
Diese Notwendigkeit wird allerdings von vielen Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten in Europa deshalb nicht erkannt, weil die aktualisierte Ideologie des postmodernen Kulturchauvinismus die Gleichwertigkeit der Vielfalt bekämpft und z.B. Fragen wie „Gehört Griechenland zu Europa?“ für legitim hält. Der Grund für die Wiederbelebung des altbekannten Kulturimperialismus abendländischer Prägung liegt primär in dem Umstand, dass in dem heutigen Europa die Vertreter dieser Ideologie glauben, die europäische Geschichte müsse neu erfunden und geschrieben werden, um endlich diese von der klassischen Philologie und Bildung angeblich tradierte, romantische Griechenland-Schwärmerei zu korrigieren und durch die erneut modisch gewordenen, west-römisch-lateinischen Vorstellungen zu ersetzen.
Bei dem Versuch jedoch, die Wesensmerkmale und somit auch die Bestandteile des „Europäischen“ zu lokalisieren, sollte nicht übersehen werden, dass die Entscheidung darüber, ob Griechenland zu Westeuropa gehört, nicht in London, Paris und schon gar nicht in Berlin, sondern nur in Griechenland selbst getroffen werden kann. Die Tatsache also, dass Hellas sich keineswegs als Gast im europäischen Haus versteht, drängt diese kultur-chauvinistischen und nationalistischen ‚Einstellungen in ihr reaktionäres Herkunftslager zurück und verleiht der legitimen Frage nach dem europäischen Beitrag Griechenlands und somit nach der Beziehung zwischen Griechenland und Europa eine zusätzliche Aktualität.

3. Der europäische Beitrag Griechenlands in seiner historischen Diachronität
Wenn alljährlich die Stadt Aachen an Persönlichkeiten, die sich um die europäische Einigung besondere Verdienste erworben haben, den Karlspreis verleiht und dem Preisträger eine Medaille mit dem Bild Kaiser Karls des Großen überreicht, muss man sich unter Bezug auf die Geschichte des Fränkischen Reiches die Frage stellen, ob hier nicht eine Europavorstellung gepflegt wird, die den größten Teil des Kontinents außer Acht lässt. Das mit Karl dem Großen aufkeimende Europabild bedeutet zweifelsohne eine Verengung des Europabegriffes, denn er schließt nicht nur die klassische Epoche, nicht nur den Balkan, Russland und Skandinavien, sondern auch das ost-römische Reich aus, das tief in den westlichen und den östlichen Teil des europäischen Kontinents ragte und die politische und kulturelle Tradition des römischen Imperiums fortsetzte.
Mit dem Versuch die europäische Identität auf eine ideologisch verbrämte und deshalb auch eindimensionale Begrifflichkeit zu reduzieren, entsteht zwangsläufig ein „schwarzes Loch“ in der Geschichte dieses Kontinents, dessen Folge eine willkürliche und verfälschte Historiographie ist, die verschweigt, dass die geistigen Wurzeln Europas nicht allein innerhalb des karolingischen Einflussbereiches auf dem Kontinent, sondern auch und vor allem im Mittelmeerraum liegen.
Mit der Objektivierung und Universalisierung der Geschichte aber wird der europäische Beitrag Griechenlands evident. Denn es ist der hellenische Geist, der dem genuin „Europäisch“ eines seiner konstituierenden Merkmale gegeben hat – namentlich den Anspruch auf Universalität des Denkens und der Lebenseinstellung, und damit jenen Anspruch, Ideen und Vorbilder zu entwerfen, die für alle gültig sein können. Einen geistig-kulturellen Limes haben die Hellenen nicht errichtet, obwohl die Topoi, d.h. die expliziten Orte der griechischen Kultur, wie z.B. Athen, Korinth oder Ionia, eindeutig identifizierbar sind.
Einen zweiten grundlegenden Beitrag zur Entwicklung der europäischen Identität hat Griechenland auch für die inhaltliche Ausprägung jener politischen Kultur geliefert, die auch heute noch als die Basis und die Voraussetzung für die Gestaltung und Bewahrung des Wertsystems liberal-demokratischer Gesellschaften gilt, die Poliskonstruktion ist nichts anderes als die Urform der „civic culture“ und des freien Bürgers schlechthin, während ihre strukturelle Organisation als das Paradigma für die Ordnung einer menschenwürdigen Gesellschaft aufgefasst werden kann.
Innerhalb dieser politischen Ordnung konnte sich sodann ein drittes Charakteristikum hellenischer politischer Kultur konstituieren, nämlich die aristotelische Begrifflichkeit der „Handlung“ und des „Handelns“. Diese Begrifflichkeit erschließt die Komponente der durch Willensentscheidung bestimmten Zielgerichtetheit ein, so dass „Handeln“ als rational determiniertes Tätig sein zum Spezifikum des Menschen im Gegensatz zu anderen Lebewesen wird, das mit dem „Logos“ eine zentrale Kategorie europäischer Aufklärung bildet.
Solange Historiographie keine Selbstverständlichkeit ist und Geschichte kein bloßes Datum bedeutet, muss gerade in dem Gegensatz zwischen Asien und Europa nicht nur ein basales Merkmal europäischer Identität, sondern auch der grundlegende Unterschied zwischen zwei politischen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Werten lokalisiert werden. Hier handelt es sich, mit anderen Worten, um den Gegensatz zwischen der partizipatorischen Politik Griechenlands, deren Ursymbol, die „Agora“, bis heute die liberal-demokratische politische Ordnung Europas definiert, und der despotischen Hierarchie des orientalischen Systems, das von der „mastix“, d.h. von der Peitsche, regiert wird. Diese Bewertung ist uns bereits aus einem Gespräch des verbannten Spartanerkönigs Demaratos mit Xerxes überliefert, in dem der Nomos des Orients als die zwingende Gewalt der Peitsche definiert wird21. Ist also der Nomos des Orients der Despotismus, so ist derjenige der Griechen die Freiheit, die zur Erfüllung, der frei erkannten Pflicht führt. Es ist folglich der Beitrag des griechischen Geistes, der jene Bürgerkultur entstehen ließ, die die bürgerliche Isonomie, die Redefreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz zu einem zentralen europäischen Wertsystem erhoben hat. Der hellenische Geist schuf also jene kulturell-politischen Werte, mit denen das abendländische zu prahlen pflegt.
Demnach sollte heute das geistige Substrat einer offenen europäischen Gemeinschaft die Infinitive Aufgabe haben, die seit der klassischen Epoche unvollendet gebliebene Aufklärung voranzutreiben, um die zeitgenössisch amputierte ‚Darstellung der historischen Entwicklung Europas und deren Doxologie des lateinischen Mittelalters zu beenden, so dass diese ideologisch geprägte Interpretation des „Europäischen“ durch die historische Objektivität des Faktischen korrigiert wird.
Denn erst durch die utopische Rekonstruktion einer abendländischen Einfriedung wird deutlich, dass die aus national-politischen, national-ökonomischen und kirchlich klerikalen Zweckmäßigkeit erwachsende Ideologie des „Imperium Europeum“ (im Sinne eines römisch-katholischen Abendlandes) uneingeschränkt im Dienste des Wiederbelebungsversuches einer „karolingischen Internationale“ auf der Basis des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ steht. Und nur als Lösungsalternative zur Sicherung einer kulturellen sowie einer politischen Hegemonie wird gelegentlich (jedoch immer nach aktueller politischer Räson) der Versuch unternommen, das deutsch-französische Europa und zwischendurch auch das Modell „Latinite“ und „Gallikanismus“ im Sinne von „translatio imperi ad Gallos“ anzubieten.
Mit dieser selektiven Darbietung europäischer Geschichte wird allerdings auch das Ziel verfolgt, den europäischen Beitrag Griechenlands willkürlich auf die klassische Epoche zu reduzieren, die überdies für längst tot und allenfalls den musealen Gebrauch tauglich erklärt wird. In dieser Argumentation fungiert das Hellenische wie eine riesige antike Truhe, in der ein vertrockneter Zeitgeist in seiner argen Bedrängnis auf der Suche nach neuen, längst fälligen Antworten auf die großen, offenen und existenziellen Fragen der Menschheit wühlen und elektrisch den einen oder den anderen benötigten Wertinhalt herauspicken kann, der sodann, mit einem abendländisch-lateinischen Etikett versehen, der post-materialistischen westeuropäischen Öffentlichkeit als eine ausschließlich west-römische Errungenschaft präsentiert wird.
Die ideologisch geprägte Rekonstruktion einer scheinbar objektiven historischen Vergangenheit ignoriert allerdings die Tatsache, dass z.B. auch das lateinische Mittelalter eine von griechischer Kultur und von hellenischem Geist durchdrungene Epoche war: zum einen, weil die griechischen Studien des Humanismus viel origineller und bahnbrechender als die lateinischen waren, und zum anderen, weil gerade der Humanismus das geistige Überleben der Griechen nach dem Untergang ihrer Kaiserstadt Konstantinopel im Jahre 1453 ermöglichte. Denn die Humanisten in Westeuropa nahmen die griechischen Gelehrten nach dem Niedergang des byzantinischen Reiches mit offenen Armen auf, und in den Schulen und Universitäten Westeuropas wurden die Inhalte der griechisch-byzantinischen Philosophie, Wissenschaft und Kultur (nach dem Aussterben der byzantinischen Emigrantengeneration) weitergegeben22.
Die eindimensionale Fokussierung des Europäischen auf das Lateinische in der heutigen Diskussion und die vergeblichen Versuche von Historikern, das Griechisch Orthodoxe (wie es dort pejorativ heißt) aus dem europäischen Kulturkreis zu verbannen, zwingen geradezu zum Verschweigen von unbestreitbaren historischen Fakten: so z.B., dass das Griechische während des Mittelalters in einem bemerkenswert hohen Ansehen stand, unter anderem wohl deshalb, weil nur über das Griechische der Zugang zu den Anfängen des Christentums möglich ist, oder beispielsweise, dass zunächst die Iren im Frühmittelalter und dann die Engländer im 12., 13. und 14. Jahrhundert (beispielsweise Andreas von St. Victor, Robert Grosseteste, Roger Bacon oder Symeon Atumanos) auf den Spuren von Hieronymus wandelten, oder dass selbst Erasmus von Rotterdam und Johannes Reuchlin vom griechischen Mittelalter, d.h. vom byzantinischen Griechentum, beeinflusst waren. Im Sinne einer von nationalen und kultur-hegemonialen Zweckmäßigkeit gelenkten Historiographie wird schließlich ignoriert, dass die griechischen Schriften des Dionysos Areopagites das Mittelalter, und zwar von Gregor dem Großen bis hin zu Dante, maßgeblich beeinflussten23.
Eine Historiographie zugunsten einer Verklärung West-Roms muss selbstverständlich auch die griechisch-byzantinische Epoche des Papsttums in Italien verschweigen, z.B. dass Rom unter den Nachfolgern Gregors des Großen (590-604) durch den Einfluss der dort gegründeten griechischen Klöster byzantinischer als je zuvor wurde, oder dass bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts viele Griechen und griechisch sprechende Sizilianer (z.B. Theodor I., Konon, Sergius I., Johannes VI., Johannes VII., Sisinnius, Konstantin I.) die „cathedra Petri“ bestiegen24.
Um das Bild der europäischen Wirkungsgeschichte Griechenlands im Mittelalter abzurunden, muss noch erwähnt werden, dass die kulturelle Präsenz Griechenlands außer in Italien, Irland und England auch in Gallien festzustellen ist, und dort am ausgeprägtesten in Trier, Bordeaux, Toulouse, Narbonne und Marseille, wie die Schriften z.B. von Genadius, von Caesarius von Aries (502-542) oder des Bischofs Germanus von Paris (555-576) dokumentieren. Aber auch die karolingische Hofkultur wird ein Jahrhundert lang vornehmlich durch das Griechische beeinflusst – nämlich unter Karl dem Großen, seinem Nachfolger Ludwig „dem Frommen“ sowie unter dem westfränkischen Karolinger Karl II. („dem Kahlen“)25.
Dass der europäische Beitrag Griechenlands während der Epochen des griechisch-byzantinischen Mittelalters größer war, als man heute einzuräumen bereit ist, und dass der griechisch-byzantinische Einfluss tiefer in die westeuropäischen Entwicklungsstrukturen verankert ist, als es die Ideologie des politischen Kampfbegriffes „Abendland“ erlaubt, ist also historisch zweifelsohne leicht nachweisbar26. Denn alles das, was die sog. Abendländer jahrhundertelang als „Byzantinisch“ bewunderten, sollte durch die spätere römisch-imperiale Ideologie des „Roma aeterna“ und des politischen Messianismus in der Gestalt einer „Neovergilischen Reichsapokalyptik“ als verabscheuungswürdig und anti-europäisch gebrandmarkt werden.
Die Ideologie des „Roma aeterna“ ist auch die Hauptursache dafür, dass man heute kaum bereit ist, die Frage zu stellen, was die abendländische Kunst ohne den Einfluss der byzantinischen Ikonographie wäre, die sich von Russland über den Balkan bis in den Orient und von Griechenland bis nach Venedig ausgebreitet hat und für deren Einfluss sogar auf die Kunst der Gegenwart beispielsweise die Werke Marc Chagalls und Serge Poliakoffs bürgen. Und gefragt wird ebenfalls nicht danach, was die abendländische Musik ohne die Orgel wäre, die der byzantinische Gesandte dem Frankenkönig im 8. Jahrhundert überbrachte, oder auch, wie das Abendland die Zeit ohne die in Byzanz entwickelte wasserbetriebene Uhr messen würde27.
Die gemeinsame europäische Identität also ist zweifelsfrei das Resultat einer kulturellen Entwicklung von der Antike bis in die Gegenwart. Mit anderen Worten: die gemeinsame Identität Europas bezieht sich auf einen Kontinent, dessen Christentum nicht nur von Byzanz, sondern auch vom lateinischen Mittelalter geprägt und in dem sich antikes Erbe und christliche Neugestaltung schöpferisch vermischen, so dass eine nicht gerade geringe Zahl von Strukturelementen, die heute noch die geistige, kulturelle, politische und soziale Morphologie der europäischen Identität determinieren, unmittelbar auf den Einfluss des griechisch-byzantinischen Mittelalters zurückzuführen sind28.
Und in der Tat: Mit der Eroberung Konstantinopels zerbricht nach über tausend Jahren ununterbrochener Staatsexistenz das byzantinische Reich, das sich vom Atlantik bis zum Kaukasus, von der Krim bis zur Halbinsel Sinai und von der Donau bis zur Sahara erstreckte und sich mit Nachdruck behauptete, das „christlichere“ Rom zu sein. Die gesamte byzantinische Kultur war vom christlichen Glauben durchdrungen, so dass sie das römische Staatswesen mit der griechisch-hellenistischen und der christlichen Tradition zu verbinden vermochte.
Als Vermittler des geistigen Erbes der Antike hat das byzantinische Reich die kulturelle religiöse Entwicklung Europas nachhaltig geprägt. Wie das Symbol von Byzanz, der zweiköpfige Adler, nach rechts und nach links blickt, so hat sich auch die byzantinische Kultur nach West und nach Ost gewandt und konnte deshalb (in der Antike verwurzelt und zur Moderne orientiert) eine Brücke zwischen zwei Welten schlagen. Byzantinische Regierungsformen, byzantinische Gesetze und religiöse Konzepte gehören ebenso zum kulturellen Erbe Europas, wie das Hofzeremoniell in Konstantinopel. Die von Kaiser Konstantin VII. verliehenen Titel „Exzellenz“ und „Magnifizenz“ unterstreichen noch als verbale Girlanden die Würde katholischer Bischöfe, Diplomaten und Hochschulrektoren.
Als führendes Kulturzentrum des christlichen Mittelalters übte Byzanz im Bereich der Kunst einen bedeutenden Einfluss nicht nur auf Slawen, Syrer, Armenier und Georgier aus, sondern auch auf Venedig, auf das normannische Sizilien und auf Südfrankreich. Als Beispiele hierfür können sowohl die byzantinische Sakralarchitektur, die als Vorbild (Agios Johannes in Ephesus) für die Markuskirche in Venedig, oder für die Mosaiken in Ravenna diente, als auch die byzantinische Musik angeführt werden, die sich auf die Kultur Ost- und Westeuropas ausgewirkt hat. Während die Russen bei ihrer Christianisierung im 10. Jahrhundert auch die ins Slawische übersetzten byzantinischen Gesänge übernahmen, wurden die ins Lateinische übertragenen griechischen Gesänge in die Liturgie der Westkirche aufgenommen. Auch die Lehre von den zwölf Tonarten sowie die Choralnotation hat der Westen von Byzanz übernommen.
Gewiss. Die Verschiebung des kultur-politischen Machtzentrums von Rom nach Konstantinopel hatte auch rein pragmatische Gründe. Das wirtschaftliche Schwergewicht des Mittelmeerraums lag in jener Zeit eindeutig im Osten, denn das Westreich, von immer neuen germanischen Völkerwanderungswellen überrollt, konnte kaum noch verteidigt werden. Die Folge daraus war, dass die Barbaren kamen, siegten und die Macht im westlichen Reich übernahmen. Während also Ost- und Westgoten, Vandalen, Franken, Alemannen und Langobarden im Laufe ihrer kriegerischen Züge eine Schneise der Zerstörung hinterließen und ein Teil Europas in seine dunkelste historische Periode versank, konnte in Byzanz der europäische kulturelle und zivilisatorische Entwicklungsprozess fortgesetzt werden. Und während das einst stolze „erste Rom“ zu dörflicher Mittelmäßigkeit schrumpfte, entwickelte sich Konstantinopel zu einer kosmopolitischen Stadt, die zusammen mit Antiochia und Alexandria die christianisierte hellenische Kultur im griechischen Sprachraum verbreitete.
In der verklärten Überlieferung hat sich jedoch bis heute eine einseitige Position verselbständigt, die den Standpunkt vertritt, der Westen Europas sei das direkte kulturelle Erbe der Antike. Diese Position, die die tiefverwurzelten Vorurteile und Ressentiments des Westens gegenüber dem christlichen Osten widerspiegelt, widerspricht eindeutig den historischen Daten und der modernen Historiographie. Während der erste weströmische Kaiser, Karl der Große, nur mit Mühe seinen Namen schreiben konnte und im Westen nur die Klostermönche ein Gelehrtendasein führten, hatte sich in Byzanz ein gebildetes Bürgertum entwickelt.
In der Synthese von Christentum und hellenischer Bildung blieb die griechische Tradition die eigentliche Grundlage der byzantinischen Kultur. Anders als im westlichen frühen Mittelalter stand Byzanz dem antiken Erbe nicht als einer zwar hochrangigen, doch im Grunde fremden Kultur gegenüber, die von gebildeten Geistlichen verarbeitet und interpretiert werden musste – die antike Kultur war in Byzanz einfach ein selbstverständlicher Teil der Vergangenheit.
Geht man davon aus, dass das Kulturniveau einer Gesellschaft sich nicht zuletzt durch jene Mechanismen bewerten lässt, die sie zur Lösung sozialer Konflikte einsetzt, dann hat das byzantinische sozio-politische System zweifelsohne eine Reihe solcher Steuerungsmechanismen entwickelt: Während im Westen Europas die eine ganze Sippe auslöschende Blutrache bis weit ins Mittelalter nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht war und das Gottesurteil (etwa durch die Feuerprobe) über Schuld oder Unschuld eines Verdächtigen entschied, führten die Byzantiner die Kodifizierung des gesamten älteren römischen Rechts durch, bauten öffentliche Bäder, Kanalisationen und Straßenbeleuchtungen, führten eine medizinische Versorgung ein und stellten einen professionellen Polizeiapparat auf. Um soziale Konflikte zu entschärfen, wurden in Byzanz Kranken-, Armen- und Waisenhäuser errichtet, eine Beamtenschaft kontrollierte im Handel Maße und Gewichte, Preise und Qualität der Waren und bestrafte konsequent jede Art von Steuerhinterziehung. Auch das Bankwesen war im byzantinischen Reich hochentwickelt: es kannte die Funktion von Dokumenten genauso gut wie die Geldüberweisung und die streng überwachte Rechnungsprüfung, die später den italienischen Städten als Vorbild dienten.
Der kultur-hegemonialen Ideologie des „Abendlandes“ ist es, mit anderen Worten, zu verdanken, dass das byzantinische Reich heute noch häufig als „dekadent“ stigmatisiert und die byzantinische Gesellschaft als „orientalisch“ apostrophiert wird, der es an „Originalität und Schöpferkraft“ mangelte29, obwohl die staatlichen Organisationsstrukturen des byzantinischen Reiches dem heutigen strukturellen Aufbau westeuropäischer Staaten weit näher standen als die feudalen Staatsformen im Westen Europas und deshalb viele in der italienischen Renaissance verwirklichte Konzepte ihre Wurzeln in Byzanz hatten.
Dieser Dominanzideologie ist aber auch die historische Amnesie zuzuschreiben, mit deren Hilfe nicht nur verschwiegen wird, dass die Eroberung Konstantinopels durch die Ritter des vierten Kreuzzuges auf ihrem Weg nach Jerusalem im Jahre 1204 den Prozess des Untergangs des byzantinischen Reiches eingeleitet haben, sondern dass sie auch die Kunstschätze der Hauptstadt plünderten und ganze Bibliotheken verbrannten. Die geraubten Kulturschätze, die seitdem Paris, Turin oder Venedig schmücken, werden genauso als „abendländische“ Kunst perzipiert, wie auch die aus Konstantinopel geraubte „Bronze-Quadriga“, die heute noch das Hauptportal von San Marco in Venedig krönt30.
Ebenfalls diesem Kulturchauvinismus im Westen Europas ist es zu verdanken, dass heute noch übersehen wird, dass Byzanz wie das römische Reich zuvor – ein zwar multikulturelles und multinationales Imperium war, aber dennoch eindeutig unter dem geistig-kulturellen Einfluss des Griechischen stand. Deshalb konnte in Byzanz auch das Ordnungsprinzip der „Polis“ weiter bestehen, während im übrigen Westeuropa (außer Italien) die antike Stadt-Kultur unterging. Dass zwischen dem Imperium Romanum und dem Byzantinischen Reich eine historische Kontinuität besteht, ist längst unbestritten. Denn die weitgehend strukturelle Identität zwischen West-Rom und Byzanz kann in deren geistigen kulturellen und soziopolitischen Systemen nachgewiesen werden.
So waren die Rechtsprinzipien bzw. das Rechtssystem West-Roms beispielsweise mit dem des byzantinischen identisch. Der Kodex Justinianus, der auf der gemeinsamen römischen Rechtstradition basierte, wurde von Byzanz übernommen, erweitert und ins Griechische übersetzt, er bildete somit jene normative Grundlage, auf der sich dann das Rechtssystem des lateinischen Mittelalters weiterentwickeln konnte. Die diachrone Kontinuität dieses Einflusses wurde nicht nur durch das Faktum ermöglicht, dass ab dem 11. Jahrhundert der Kodex Justinianus von der Rechtsschule Bologniens nach byzantinischen Kommentaren rezipiert wurde, sondern er wurde sogar gesichert und fortgesetzt, indem sich der napoleonische Kodex auf das römische Recht in justinianisch-byzantinischer Kodifizierung stützte.
Zur Wahrung dieser Kontinuität hat außerdem beigetragen, dass die griechisch-byzantinische Version des Kodex Justinianus eine der wichtigsten Grundlagen für die Konzipierung des „ius canonicum“ der katholischen Kirche im 8. Jahrhundert war. Der griechisch-byzantinische strukturelle Einfluss auf das lateinische Mittelalter ist allerdings nicht nur im Bereich der Kirche evident (denn ohne Byzanz ist die gesamte Papstideologie West-Roms historisch überhaupt nicht denkbar), sondern er ist auch innerhalb der Konzeptualisierung politischer Ordnungsstrukturen feststellbar. Als bestes Beispiel hierfür kann die Reichsidee Karls des Großen eingeführt werden, die eindeutig die byzantinische Reichsstruktur widerspiegelt31.
Mit den ideologischen Inhalten einer konservativen Utopie des „Abendlandes“ geradezu kompatibel ist das Verschweigen des griechisch-byzantinischen Einflusses auch für jene kulturelle Bewegung in Europa, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit eingeleitet hat. Denn die Renaissance in Italien (Florenz und Venedig), die vor allem durch die Rückbesinnung auf Werte und Formen der griechisch-römischen Antike in Literatur, Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Architektur gekennzeichnet ist, wurde zweifelsohne auch durch das intensive Wirken der griechisch-byzantinischen Gelehrten und Intellektuellen (wie beispielsweise Gemistos Plython, Bessarion, Chalkokondiles, Chrisoloras, Argyropoulos) ausgelöst32.
Trotz dieser historischen Tatsachen ist seit dem 19. Jahrhundert eine Kooperation von Historikern, Rechtshistorikern, Kirchenhistorikern, Intellektuellen, Journalisten und Politikern entstanden, die immer wieder den Versuch unternimmt, die gewonnenen historischen Erkenntnisse zu deregulieren und umzuwidmen, um dadurch der europäischen Identität das gewünschte ideologische Profil zu geben. Bis zu diesem Zeitpunkt war man sowohl im Mittelalter und in der humanistischen Epoche als auch in der Zeit des Barock und unmittelbar danach nicht nur von der Einheit der griechischen Kultur, sondern auch von einem ununterbrochenen europäischen Beitrag Griechenlands und der Griechen überzeugt. Historisch unbestritten, obwohl heute vor allem in den protestantischen Kreisen geflissentlich übersehen, ist die Tatsache, dass für die Reformatoren die Sprache des Christentums Griechisch und die byzantinischen Griechen „reinere Christen“ als die Papisten waren.
Die bis heute immer wieder vertretene Auffassung, dass der europäische Beitrag Griechenlands spätestens mit dem Zerfall der Antike endete, hatte demnach einen instrumentellen Stellenwert innerhalb einer reanimierten Europa-Ideologie, die dem geistigen Standort des vergangenen Jahrhunderts entstammt – eine Ideologie, die sich vor allem im Zusammenhang mit der Blockbildung nach dem Zweiten Weltkrieg ausbreitete und die im Zuge des post-modernen Obskurantismus und der zunehmenden kulturellen Dekadenz Byzanz mit dem russischen Reich und dem Ostblock gleichsetzte.
Diesem geistigen Standpunkt und seinen dürftigen Begründungsversuchen steht ein griechischer Beitrag gegenüber, der in Europa von der Antike bis heute in seiner historischen Kontinuität rekonstruierbar ist und der die griechisch-byzantinische Epoche als einen unbestreitbaren Bestandteil europäischer Geschichte erweist.
Im Gegensatz zum Westen wurden in Byzanz die christlich-römischen administrativen Strukturen übernommen (wie beispielsweise der europäische Feudalismus, der in Byzanz vor allem in seiner modernen italienischen Variante Wurzeln fassen konnte, oder der Aufbau einer rationalen Bürokratie mit einer loyalen Beamtenschaft) und zu Formen weiterentwickelt, die später unabdingbare Voraussetzungen für die Entstehung des modernen Kapitalismus wurden.
Der frühmoderne, straff zentralisierte und finanzkräftige Beamtenstaat ohne feudale Zwischengewalten, von Friedrich II. (1212-1250) in Sizilien eingeführt, hatte jenes Byzanz zum Vorbild, in dem die Befreiung vom feudalen Recht nach der Rezeption des griechisch-byzantinischen Rechts bereits ab dem 11. Jahrhundert eingesetzt hatte.
Im Gegensatz zum westeuropäischen Absolutismus wurde Byzanz nicht von einem tyrannischen System beherrscht, denn die kaiserliche Macht war durch die städtische Selbstverwaltung erfolgreich eingeschränkt. Deshalb war Byzanz und nicht nur Florenz Schauplatz der ersten frühkapitalistischen sozialen Bewegung Europas, nämlich der Volksaufstände der sogenannten „Zeloten“ im 14. Jahrhundert.
Im Gegensatz zum Augsburger Religionsfrieden von 1555 und seinem Grundsatz des „cuius regio“ bestimmte in Byzanz der Kaiser nicht die Konfession der Byzantiner. Das Byzantinische Reich, in dem die Juden (im Gegensatz zum Westen) vollwertige Bürger waren und das Moscheen für die islamischen Kaufleute baute, war in religiösen Angelegenheiten wesentlich toleranter als West-Rom. Diese religiöse Toleranz hatte außerdem wesentlichen Einfluss auf die politische Kultur des Landes, so dass Nationalismus und Rassismus als gesellschaftspolitische Phänomene in Byzanz fremd waren33.
In Byzanz konnte das Mönchtum politisch nie die Rolle spielen, die es im Westen hatte. Verglichen mit der politischen Macht des Vatikans war die politische Funktion des Patriarchen in Konstantinopel sehr gering, weil die nationalen Kirchen im orthodoxen Teil Europas autokephal waren und auch heute noch jede ihr eigenes Oberhaupt hat. Aus diesem Grund konnte die Orthodoxie niemals eine transnational übergeordnete und straff zentralistische Kirchenorganisation entwickeln, so dass das ökumenische Patriarchat in Istanbul in funktional-hierarchischer Sicht keinesfalls mit dem Vatikan verglichen werden kann. Bei der politischen Entmachtung der orthodoxen Kirche spielte außerdem das Faktum eine nicht unerhebliche Rolle, dass die Westpolitik der Byzantiner zwar durch das Verhältnis der byzantinischen zur römischen Kirche belastet war, der Konflikt jedoch weniger durch dogmatische bzw. liturgische Unterschiede beider Kirchen als vielmehr durch den außenpolitischen Kampf um den machtpolitischen Einfluss auf dem Balkan bestimmt war. Deshalb ist die von Gibbon (1737-1794) bis heute tradierte Version eines durch die monastische Bewegung theokratisch strukturierten Byzanz, die dem britischen Weltbild des 18. Jahrhunderts entstammt, wissenschaftlich kaum haltbar.
Die im Vergleich zum Westen eher laizistisch geprägten soziopolitischen Strukturen in Byzanz führten überdies dazu, dass sich der Säkularisierungsprozess in Griechenland früher und radikaler als im Westen vollzog, so dass dort – im Gegensatz beispielsweise zu Deutschland, Frankreich oder Holland – Konfessionsschulen vollkommen unbekannt sind. Ebenfalls als Produkt des früh einsetzenden Säkularisierungsprozesses entstand in Byzanz bereits Mitte des 9. Jahrhunderts (also früher als im Westen) die Bewegung der Aufklärung mit Hilfe der dort tätigen Humanisten und Enzyklopädisten (wie z.B. Photios, Porphyrogennetos, Pselos, Bryennios, Attaliates) mit der Folge, dass sich Mitte des 11. Jahrhunderts eine neue, im Mittelalter noch unbekannte, weltliche Geschichtsschreibung durchsetzen konnte.
Die kontinuierliche Verflechtung hellenischer mit europäischer historischer Diachronität und die damit zusammenhängende, gegenseitige geistig-kulturelle Beeinflussung ließ die Bindung der Griechen an den europäischen Westen auch nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels keinesfalls abbrechen. Den besten historischen Beweis für diese Verbindung liefert nicht nur der Briefwechsel der Griechen mit dem spanischen König Karl V., sondern auch die mit dem spanischen Königshaus bis hinein in die Zeit des 30jährigen Krieges gepflegten Kontakte für die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Besatzung. Die europäische Bindung Griechenlands an die geistigen, kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften Europas wurde während der Phase der osmanischen Besatzung auch und vor allem durch die Griechen in der europäischen Diaspora aufrechterhalten, die die Ideen und Wertinhalte der französischen Revolution, der Aufklärung und der liberalen Bewegung nach Griechenland transferierten, wie dies die zahlreichen liberalen Verfassungen der Nationalversammlungen während der Phase des Befreiungskrieges von der osmanischen Besatzung (1821-1833), das wiederholte Bekenntnis der griechischen Gesellschaft zur republikanischen Verfassungsform oder auch die bürgerliche Revolution von 1910 eindrucksvoll dokumentieren.

Griechenland gehört also historisch, politisch, zivilisatorisch und kulturell dem westeuropäischen Raum an. Wer dies heute noch oder wieder in Zweifel zieht, leugnet wissentlich europäische Zeitgeschichte, indem eine Reihe von Fakten ignoriert wird, die eindeutig die traditionell begründete geistig-kulturelle Verbundenheit dieses Landes mit den basalen europäischen Werten dokumentieren.

  • So z.B. die Tatsache, dass Griechenland schon im 19. Jh. und unmittelbar nach seiner Befreiung von der osmanischen Besatzung eines der fortschrittlichsten konstitutionellen Systeme in Kontinentaleuropa entwickelt hat;
  • So z.B. das Faktum, dass Griechenland sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg – im Gegensatz zu Österreich, und Deutschland – für die westeuropäischen Werte und Prinzipien gekämpft hat;
  • So z.B. die Tatsache, dass Griechenland länger Widerstand gegen die angreifenden Wehrmachtsverbände geleistet hat, als es beispielsweise Frankreich entgegenzusetzen vermochte, und dass der erste Sieg über die Achsenmächte während des Zweiten Weltkriegs weder von den Briten, Franzosen, Polen oder den Sowjets, sondern von den Griechen errungen wurde;
  • So z.B. die Tatsache, dass die Synode der griechisch-orthodoxen Kirche unter der Leitung des damaligen Erzbischofs von Athen, Chrysostomos, als einzige christliche Institution in Europa, mit einer Enzyklika am 23. März 1943 – also während der deutschen Besatzung Griechenlands – offiziell gegen die Deportation und Vernichtung der Juden protestiert hat.
  • So z.B. das Faktum, dass Griechenland als einziges westeuropäisches Land erfolgreich gegen den Kommunismus gekämpft hat, ohne dabei und im Gegensatz zu Spanien seine demokratisch-parlamentarische Grundordnung zu verlieren.

Wenn die Grundgedanken bei der Europäischen Integration ernsthaft und kritisch erörtert werden, dann kommen auch die westeuropäischen Eliten und die westeuropäische Öffentlichkeit nicht umhin, die historische Tatsache sowohl konnotativ als auch kognitiv zu akzeptieren, dass das „Europäische“, also Europa, sowohl die Orthodoxie, den Katholizismus und den Protestantismus als auch den Balkan und Skandinavien, die Iberische Halbinsel und das Baltikum sowie Süd-, West-, Mittel- und Osteuropa einschließt. Die Versuche hingegen, einen neuen Limes durch Europa und durch das „Europäische“ zu ziehen und neue Mauern zu errichten (nachdem die alten gefallen sind), sind nicht nur Ausdruck einer abendländischen Ideologie im Sinne eines „Werkzeugs der Erlösung“, sondern auch zugleich der Hinweis auf eine immer wieder aufflackernde Geisteshaltung eines Vorwärts in die Vergangenheit, die den liberaldemokratischen Grundprinzipien sowie dem aufklärerischen und evolutionären Entwicklungsdrang Europas eindeutig widersprechen. Denn die Identität der Wertgemeinschaft der Europäischen Union basiert auf der unmissverständlichen Ablehnung jeder Form von Nationalismus und Faschismus, so dass der neuerdings propagierte Europäismus des gotischen Neo-Rassismus, dessen Vorstellungen über eine neue „abendländische Herrenrasse“ mit jenen Visionen der Nationalsozialisten und Faschisten identisch sind, entschieden bekämpft werden muss.

Anmerkungen zu Text über Griechenland und Europa

  1. Vgl. hierzu die Berichterstattung in den deutschen, französischen und britischen Tageszeitungen seit 1994; außerdem vgl. u.a. Läufer, Th., 22 Fragen zu Europa. Die Europäische Union und ihr Parlament, Bonn 1994; Weidenfeld, W. (Hrsg.), Europa´96. Reformprogramm für die Europäische Union, Gütersloh 1994; Borchert, J./Brok, E./Piepenschneider, M., Europäische Integration als deutsches Interesse, Sankt Augustin 1994.
  2. Zu diesem Problem vgl. u.a. Jopp, M. (ed.), The implications oft he Yugoslav crisis for Western Europe´s foreign relations, Paris 1994; Leggewie, K., Europa beginnt in Sarajewo, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 42, 1994, S. 24-33; Weidenfeld, W., Ernstfall Europa, in: Internationale Politik 5, 1995, S. 17-22; Weidenfeld, W./Janning, J., Europe in Global Change, Gütersloh 1995.
  3. Zitiert in, EG-Magazin, Heft 8, Bonn 1983, S. 11
  4. Vgl. Sternberger, D., Komponenten der geistigen Gestalt Europas, in: Merkur, Zeitschrift für europäisches Denken, 34. Jg. Baden-Baden 1980, S. 237.
  5. Zitiert in: Süddeutsche Zeitung vom 16.10.93, S. 4.
  6. Vgl. Jaspers, K., Vom europäischen Geist, München 1947, S. 9.
  7. Vgl. Löwenthal, R., Die Gemeinsamkeiten des geteilten Europas, in: Weidenfeld, W. (Hrsg.), Die Identität Europas, München-Wien 1985; Bondy, F., Selbstbesinnung, Selbstbestimmung: Kultur und Integration, in: Weidenfeld, W., Die Identität Europas, a.a.O.
  8. Vgl. Weidenfeld, W., Einführung, in: Ders., Die Identität Europas, a.a.O., S. 10
  9.  Vgl. Frei, D., Integrationsprozesse, in: Weidenfeld, W., Die Identität Europas, a.a.O., S. 113 ff; Rovan, J., Nation und Europa, in: Weidenfeld, a.a.O., S. 219 ff; Kohlhase, N., Strategie der Europapolitik, in: Weidenfeld a.a.O., S. 255 ff.
  10. Vgl. hierzu u.a. Jaspers, K., Drei Gründer des Philosophierens, Plato – Augustin – Kant, München 1957; Clagett, M./Post, G./Reynolds, R. (eds.), Twelfth-Century Europe and the Foundations of Modern Society, Madison 21966; Tarn, W., Hellenistic Civilisation, London 31959.
  11. Als exemplarische Beispiele dieser Tendenz vgl. u.a. das sog. „Schäuble-Papier“ zu „Kerneuropa“, in: CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag (Hrsg.), Überlegungen zur europäischen Politik, Bonn 1994; außerdem vgl. das „Konzept der differenzierten Integration“ von Prof. Dr. Werner Weidenfeld, das er anlässlich der Tagung des Internationalen Bertelsmann Forums (20.-21.1.96 in Bonn) vorgelegt hat.
  12. Vgl. u.a. in den „Evangelischen Kommentaren“ (Januar 1997) den Beitrag des früheren EU-Administrators von Mostar, Hans Koschnik, in dem er der serbisch-orthodoxen Kirche vorwirft, der geistige Anstifter für viele Gräueltaten in Bosnien zu sein, zit. nach dem Bericht im Schwäbischen Tagblatt vom 17.1.1997.
  13.  Vgl. hierzu den Vortrag des Direktors des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte und Frankfurter Universitätsprofessors Michael Stolleis, der im Rahmen der Siemens-Stiftung in München gehalten und auszugsweise in der Süddeutschen Zeitung vom 6./7.2.1993 (S. 10) abgedruckt wurde. Weiterhin vgl. Huntington, S., The Clash of Civilisation?, in: Foreign Affairs, Summer 1993; außerdem vgl. Süddeutsche Zeitung vom 25.1.1994 („Kirchenhistoriker warnt Orthodoxe“) S. 2; Le Monde – débats – vom 8.4.1994 („Punir Milosevic“) oder vom 7.5.94 („L.Éurope sans le Sud“) S. 1 sowie die seit zwei Jahren sprunghaft angestiegenen gefärbten Publikationen in den französischen, britischen, deutschen und US-amerikanischen Printmedien.
  14. Vgl. den Vortrag von Stolleis, M., in: Süddeutsche Zeitung, a.a.O.
  15. Ebenda.
  16. Ebenda.
  17. Ebenda.
  18. Zu den Apologeten des neuen ideologischen Obskurantismus in Deutschland gehören (ähnlich wie in Frankreich, Großbritannien oder in den USA) auch Sozialwissenschaftler, die allzu leicht den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt durch die „neo-rassistische“ Ideologie eines Kultur-Chauvinismus ersetzen. Vgl. u.a. Weidenfeld, W. (Hrsg.), Die Identität Europas, a.a.O., S. 16 ff und passim; Axt, H.-J., Die Befreiung der Kulturen. Europas Kulturkreise nach dem „Ende der Systeme“, in: Südosteuropa Mitteilungen, 33. Jg., H. I. München 1993
  19. Vgl. hierzu u.a. Ratzinger, J., Europa – verpflichtendes Erbe für die Christen, in: König, F./Rahner, K., Europa, Horizonte der Hoffnung, Graz 1983, S. 61 ff; Kannlah, W., Christentum und Geschichtlichkeit, Stuttgart 1951.
  20. Vgl. darüber ‚Axt, H.-J., Kampf der Kulturen? Europa nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, in: Europäische Rundschau, Nr. 1, Wien 1994, S. 95 ff; Koydl, W., Gehört Griechenland zu Europa?, in: Süddeutsche Zeitung vom 8.7.93, S. 4; Willms, J., Alte Frontlinien, neue Bruchstellen. Auf der Suche nach einem neuen Begriff für einen alten Kontinent, in Süddeutsche Zeitung vom 6.-7.2.93, S. 13.
  21. Vgl. darüber u.a. Weber-Schäfer, P., Einführung in die antike politische Theorie, 2 Bde., Darmstadt 1976; Gadamer, H.-G., Gesammelte Werke, hier: Griechische Philosophie, Bd. 5 und Bd. 6, Tübingen 1985.
  22. Vgl. hierzu z.B. Haussig, H.-W., Kulturgeschichte von Byzanz, Stuttgart 1966; Setton, K.M., The Byzantine Background to he Italien Renaissance, in: Proceedings to the American Philosophical Society, Vol. 100, Philadelphia 1956; Runciman, S., The Last Byzantine Renaissance, Cambridge 1970.
  23. Im Zusammenhang mit dem europäischen Beitrag Griechenlands während der byzantinischen Epoche vgl. Berschin, W., Griechisch-Lateinisches Mittelalter, Bern-München 1980; Stephens, G.R., The Knowledge of Greek in England in the Middle Ages, Philadelphia 1933; Stokes, G.T., The Knowledge of Greek in Ireland Between A.D. 500 and 900, in: Proceedings oft he Irish Academy, ser. III 2, Dublin 1891-1893; Soyter, G., Die byzantinischen Einflüsse auf die Kultur des mittelalterlichen Deutschland, in: Vierteljahresschrift für Südosteuropa, Jg. 5, München 1941; Kabane, H./Kabane, R., Abendland und Byzanz, in: Reallexikon der Byzantinistik, t. I. col. 345-498, Amsterdam 1970-1972; Weiss, R., Medieval and Humanist Greek, Padua 1977.
  24. Vgl. u.a. Berschin, W., Griechisch-Lateinisches Mittelalter a.a.O., passim.
  25. Ebenda, passim.
  26. Über die ideologische kultur-chauvinistische und rassistische Instrumentalisierung des Begriffes „Abendland“ vor allem in Deutschland und Frankreich vgl. auch Faber, R., Abendland. Ein „politischer Kampfbegriff“, Hildesheim 1979.
  27. Vgl. Goubert, G., L´Espagne Byzantine. Influences Byzantines sur l´Espagne Wisigothique, in: Revue des Étude Byzantines, Nr. 4, Bucuresti 1946; Jammers, E., Musik in Byzanz, im päpstlichen Rom und in Frankreich, Heidelberg 1962; Huglo M., Relations musicales entre Byzance et l´Occident, in Proceedings of the XIIIth International Congress of Byzantine Studies Oxford 1966, London 1967.
  28. Vgl. u.a. Sherrard, Ph., The Greek East and the Latin West, London 1959; Pertusi, A., Cultura grecobizantina nel trado medioeco nelle Venezie e suoi echi in Dante, in: Atti del Convegno di Studi „Dante e la cultura Veneta“, Firenze 1966; Ohnsorge, W., Abendland und Byzanz, Darmstadt 1958.
  29. Vgl. Toynbee, A.J., Constantine Porphyrogenitus and his World, London 1973.
  30. Vgl. Runciman, St., The last Byzantine Renaissance, Cambridge 1970. Ders., History of he sades, 3 vols., Cambridge 1951-1955.
  31.  Vgl. Troje, H.E., Europa und griechisches Recht, Frankfurt a.M. 1971; Ders., Graeca leguntur, Köln-Wien 1971; Pringsheim, F., Griechischer Einfluss auf das römische Recht, in: Bolletino dell´Institutao di Diritto Romano, Vol. 63, Milano 1960; Haskins, CH.H., Studies in the History of Mediaeval Science, Cambridge (Mass.) 1972.
  32. Vgl. Döllinger, I. v., Einfluss der griechischen Literatur und Kultur auf die abendländische Welt. Akademische Vorträge, t.I., Nördlingen 1888; Egger, E., L´hellénisme en France, Paris 1869; Ebersolt, J., Orient et Occident, Paris 21954.
  33. Vgl. hierzu u.a. Sharf, A., Byzantine Jewry, London 1971.
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Nikolaos Wentouris (21. Oktober 1936 Sifnos - 22. Januar 2001 Regensburg), war Professor für Politik-Wissenschaft an der Universität Tübingen. Nikolaos Venturis (October 21, 1936 Sifnos - January 22, 2001 Regensburg), was Professor of Political Science at the University of Tübingen. Ο Νικόλαος Βεντούρης (21 Οκτωβρίου 1936 Σίφνος - 22 Ιανουαρίου 2001 Ρέγκενσμπουργκ), ήταν καθηγητής πολιτικών επιστημών στο Πανεπιστήμιο του Τούμπινγκεν. Dimitrios Pergialis
Nikolaos Wentouris (21. Oktober 1936 Sifnos - 22. Januar 2001 Regensburg), war Professor für Politik-Wissenschaft an der Universität Tübingen. Nikolaos Venturis (October 21, 1936 Sifnos - January 22, 2001 Regensburg), was Professor of Political Science at the University of Tübingen. Ο Νικόλαος Βεντούρης (21 Οκτωβρίου 1936 Σίφνος - 22 Ιανουαρίου 2001 Ρέγκενσμπουργκ), ήταν καθηγητής πολιτικών επιστημών στο Πανεπιστήμιο του Τούμπινγκεν. Dimitrios Pergialis
Nikolaos Wentouris (21. Oktober 1936 Sifnos - 22. Januar 2001 Regensburg), war Professor für Politik-Wissenschaft an der Universität Tübingen. Nikolaos Venturis (October 21, 1936 Sifnos - January 22, 2001 Regensburg), was Professor of Political Science at the University of Tübingen. Ο Νικόλαος Βεντούρης (21 Οκτωβρίου 1936 Σίφνος - 22 Ιανουαρίου 2001 Ρέγκενσμπουργκ), ήταν καθηγητής πολιτικών επιστημών στο Πανεπιστήμιο του Τούμπινγκεν. Dimitrios Pergialis