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Der Schießstand von Kaisariani

  525 Wörter 2 Minuten
2019-01-07 2019-01-07 07.01.2019 107 × gelesen

Die Gemeinde Kaisarianí liegt drei Kilometer östlich vom Zentrum Athens, nordwestlich der Abhänge des Berges Hymettós. Kaisarianí wurde nach dem kleinasiatischem Krieg von 1922 von Flüchtlingen aus Smírna und Umgebung besiedelt.

Von Ende Mai 1942 bis Oktober 1944 diente der Schießstand von Kaisariani (Σκοπευτήριο της Καισαριανής) der deutschen Besatzungsmacht als Hinrichtungsstätte. Rund 700 griechische Widerstandskämpfer wurden hier von den Deutschen hingerichtet. Die meisten davon wurden vor ihrer Hinrichtung im Konzentrationslager Chaidári gefangen gehalten.

Am 27. April 1944 wurde bei Moláoi (Peloponnés) der Generalleutnant Franz Krech und drei seiner Begleiter von griechischen Widerstandskämpfern umgebracht. Dies war für die deutsche Wehrmacht der Anlass für die Hinrichtung von 200 kommunistischen Häftlingen am 1. Mai 1944 am Schießstand von Kaisarianí. Vom militärischen Befehlshaber Griechenlands wurde folgende Bekanntmachung in Athener Zeitungen veröffentlicht:

BEKANNTMACHUNG
Am 27.4.1944 ermordeten kommunistische Banden bei Moláoi nach einem hinterhältigen Angriff feige einen deutschen General und drei seiner Begleiter. Viele deutsche Soldaten wurden verwundet. Als Vergeltungsmaßnahmen werden ausgeführt:
1. Die Erschießung von 200 Kommunisten am 1.5.1944
2. Die Erschießung aller Männer, die den deutschen Heereseinheiten auf der Straße von Moláoi nach Spárta außerhalb der Dörfer begegnen werden.
Unter dem Eindruck dieses Verbrechens haben griechische Freiwillige aus eigenem Willen 100 andere Kommunisten ermordet.
Der Militärbefehlshaber Griechenlands 

Einer der 200 Kommunisten im KZ Chaidári, die auf der Hinrichtungsliste standen, war Napoléon Soukatzídis. 1909 in Bursa (Prousa) in Kleinasien geboren, verbrachte er seine Jugend in Arkalochóri auf Kreta. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) und als Gewerkschaftler aktiv. Während der Diktatur von Ioánnis Metaxás wurde er verhaftet und auf die Gefängnisinsel Ai Stráti verbannt. Von dort kam er von April 1937 bis April 1941 in die Gefängnisse von Akronafplía. Während der deutschen Besatzung war er in den Gefängnissen von Tríkala und Lárisa und ab September 1943 im KZ Chaidári inhaftiert. Da er mehrere Sprachen beherrschte, wurde er in Chaidári als Dolmetscher eingesetzt. Zeugenaussagen zufolge soll der Kommandant des KZ Chaidári, SS-Führer Karl Fischer, Napoléon Soukatzídis angeboten haben, ihn von der Hinrichtung zu verschonen. Napoléon Soukatzídis habe dies aber abgelehnt, da dann ein anderer seiner Mitgefangenen an seiner Stelle hingerichtet worden wäre.

Am Morgen der Hinrichtung, am 1. Mai 1944, hatten sich tausende Menschen in der Nähe der Hinrichtungsstätte in Kaisarianí versammelt. Während der gesamten Dauer der Hinrichtung ertönte Trauergeläute durch die Kirchen von Kaisarianí. In Gruppen zu jeweils 20 Mann an die Wand gestellt, wurden die 200 politischen Gefangenen durch Maschinengewehrsalven hingerichtet.

Vorher, auf dem Weg vom KZ Chaidári zum Schießstand von Kaisarianí, war es einigen der politischen Gefangenen noch gelungen, letzte Mitteilungen, die von der Bevölkerung aufgesammelt wurden, an ihre Familien zu hinterlassen:
„1. Mai. Lebt wohl. Wir gehen alle in den Kampf“ (Kóstas Tsírkas)
„Wenn der Mensch sein Leben für höhere Ideale gibt, stirbt er nie“ (Dimítrios Rempoútsikas)
„Besser man stirbt im Kampf für die Freiheit statt als Sklave zu leben“ (Nikólaos Mariakákis)

Griechische Dichter und Komponisten haben sich in ihren Werken mit den Hinrichtungen in Kaisarianí beschäftigt, z.B. Fótis Angoulés, Kóstas Várnalis, Νótis Pergiális, Jannis Rítsos und Míkis Theodorákis.

Die Geschichte von Napoléon Soukatzídis wurde 2017 vom griechischen Regisseur Pantelís Voúlgaris verfilmt. Der knapp zweistündige Film trägt den Titel „Το Τελευταίο Σημείωμα“ (Die letzte Bemerkung).

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