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Interview mit CHRISTOPH U. SCHMINCK-GUSTAVUS

2018-07-30 2018-07-30 30.07.2018 54 × gelesen 6 Minuten

Griechische Tragödien - Alles vergessen?

Nach Kalavryta kamen schon kurz nach Kriegsende Schmetterlingssammler aus Süddeutschland. Vom furchtbaren Kriegsgeschehen vor Ort wussten sie nichts. Später reiste der Percussionist Günter Baby Sommer aus Sachsen zu einer Jazzsession nach Kommeno. Als er erfuhr, wohin es ihn verschlagen hatte, war sein Erschrecken so groß, dass er gleich wieder wegfahren wollte. Anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Volos am 15.5.2013 räumte Martin Walser ein, er sei bis dato nicht über das Ausmaß der Wehrmachtsverbrechen in Griechenland unterrichtet gewesen. - Was führte bei Ihnen dazu, dass Sie sich dieses Themas angenommen haben?

Mir ist es ganz ähnlich gegangen wie den deutschen  Schmetterlingssammlern in Kalavryta: auch ich wusste nichts über deutsche Kriegsverbrechen auf dem Balkan. Genau so war es vor Zeiten auch schon Hagen Fleischer ergangen, dem heute besten Kenner dieser Thematik. Als er in den 60er Jahren seinem Doktorvater erklärte, er wolle über die deutsche Besatzung in Griechenland promovieren, erhielt er die Antwort: "Was, auch da sind wir gewesen?"

Unkenntnis und Verdrängung der Kriegsereignisse bestimmten damals das Bild der öffentlichen Meinung: im Fieber des Wirtschaftswunders wollten viele  nichts mehr von deutschen Kriegsverbrechen hören. Die "Entnazifizierung" des öffentlichen Bewusstseins galt als abgeschlossen. Auch waren in den Nachkriegsjahren zahllose Mitläufer und Mittäter in ihre früheren Positionen zurückgekehrt, und Stammtisch-Politiker erklärten, jetzt müsse der Blick "nach vorne" gerichtet werden. Wenn es daher um Kriegsopfer ging, waren häufig nur die deutschen Kriegsopfer gemeint.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch ich als Student der Rechtswissenschaften (1962-66) fast ausschließlich von Professoren unterrichtet wurde, die ihre Karriere bereits vor 1945 begonnen hatten. Nach dem "Zusammenbruch" von 1945, den sie keineswegs als Befreiung erlebt hatten, waren sie an die Universitäten zurückgekehrt. So hat auch keiner meiner Jura-Professoren die Studenten aufgefordert, den damals in Frankfurt geführten Auschwitz-Prozess zu besuchen. Nach 1974 an die Reformuniversität Bremen berufen, hatte sich das Klima aber bereits gewandelt: durch die Studentenbewegung war – ebenso wie für viele meiner Kollegen und Freunde – das Thema der niemals erfolgten "Bewältigung" der NS-Vergangenheit auf die persönliche Agenda gesetzt worden. 

Da ich seit Beginn meiner Tätigkeit als Hochschullehrer immer viel mit ausländischen Studierenden zu tun hatte, bemühte ich mich, ihnen bei der Bewältigung ihrer Studienleistungen zur Seite zu stehen. Manche von ihnen hatten sprachliche Probleme, denn sie waren hier nicht aufgewachsen und zur Schule gegangen. Damals lernte ich auch einen jungen Griechen kennen, dem ich bei der schriftlichen Ausarbeitung seiner Diplomarbeit  half. Um sich für diesen Einsatz zu bedanken, lud er mich im Sommer 1978 in sein Dorf im Epirus ein. 

Dies war für mich der erste Anlass, nach Griechenland zu reisen, um ihn in seiner Heimat zu besuchen. In den Jahren davor, solange das Land noch von der Obristen-Diktatur beherrscht war, hatte ich es ausgeschlossen, nach Griechenland zu reisen. Diese erste Reise in das mir unbekannte Land war aufregend, denn ich beherrschte damals noch nicht die Sprache; immerhin konnte ich – nach 7 Jahren Altgriechisch in der Schule – wenigstens die Straßenschilder entziffern. Jenen ersten Besuch habe ich in der Einleitung zu meinem Buch "Feuerrauch" ausführlich beschrieben. Die Reise bedeutete für mich aber nicht nur eine ganz neue Erfahrung, sondern auch eine Lebenswende. Im Dorf des Freundes hörte ich erschütternde Zeugnisse alter Leute, die mir von Krieg und deutscher Besatzung erzählten, was mir der Freund übersetzte. Ich beschloss also, Neugriechisch zu lernen, um diese Erinnerungen aufzuzeichnen und so zu bewahren. 

Nachdem ich in den folgenden Jahren jeden Abend die vom Bayrischen Rundfunk gesendete "Gastarbeiter-Sendung" für Griechen gehört hatte und mich leidlich verständigen konnte, nahm ich 1989 mein Projekt in Angriff: anlässlich eines Forschungssemesters beantragte ich eine insgesamt dreijährige Beurlaubung. Mein Antrag trug damals den für manche Kollegen befremdlichen Titel "Περιμένονταςτους Βαρβάρους - Die Barbaren erwartend"– Zitat eines in Griechenland berühmten Gedichts von Konstantinos Kavafis. Es ging mir also um die Sammlung von Zeugnissen über die deutsch-italienischen Besatzungsschrecken im Epirus.

Schließlich wurde ich von meiner Universität beurlaubt, zwei Jahre lang ohne Bezüge, was angesichts der unglaublichen Gastfreundschaft der Griechen, die damals noch nicht unter der Schuldenkeule der Troika litten, problemlos möglich war. Da ich in den Jahren des Studiums auch lange in Italien gelebt hatte und daher auch Italienisch sprach, hatte ich die drei Sprachen der Beteiligten – Deutsch, Italienisch, Griechisch – im Gepäck, um mein Projekt der oral history zu verfolgen. 

Die erzählte Geschichte, also die Darstellung der Ereignisse aus der Perspektive einfacher Leute, die früher nie von Fachhistorikern angehört worden waren, galt zum damaligen Zeitpunkt als "unwissenschaftlich" und wurde auch lange später noch von arroganten Unihistorikern belächelt oder als "Geschichte aus der Froschperspektive" verspottet. 

Das hat mich freilich nicht angefochten, meine Nachforschungen zu den sogenannten "Sühnemaßnahmen" der Wehrmacht in Angriff zu nehmen. Als Jurist hatte ich gelernt, dass Zeugenaussagen als höchst unsicheres Beweismittel anzusehen sind, dass es also immer genauer archivarischer Überprüfung bedarf, um die Zuverlässigkeit der "erzählten Geschichte" zu kontrollieren. Ich habe mich daher nicht darauf beschränkt, die griechischen Zeugen anzuhören; vielmehr konfrontierte ich ihre Berichte – vor allem im Freiburger Militärarchiv – stets mit der Quellenüberlieferung. 

Vor dem Hintergrund meiner juristischen Ausbildung habe ich meine Nachforschungen auch noch auf die Justizskandale der 70er Jahre ausgeweitet. Seinerzeit endeten fast alle Ermittlungsverfahren deutscher Staatsanwaltschaften zu Kriegsverbrechen auf dem Balkan mit einer Verfahrenseinstellung, womit die Täter "außer Verfolgung gesetzt" wurden. Besonders skandalös war die Einstellung der Ermittlungen zur Judendeportation aus Joannina, die ein Staatsanwalt unterzeichnet hatte, der – wie viele seiner Kollegen – die Karriere an einem Nazi-Sondergericht begonnen hatte. So sind im Laufe der Jahre  meine insgesamt fünf Bücher zum Thema entstanden. Nach teilweise mühsamer Verlagssuche ("für Balkanthemen gibt es hier doch keinen Markt....") sind sie dann schließlich doch erschienen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Griechenland und in Italien. 

Fast alle meiner damaligen Zeugen leben heute nicht mehr. Sie selber wären aber auch nie auf die Idee gekommen, ihre Erinnerungen an die Kriegserlebnisse aufzuschreiben. Ich habe daher meine Bücher ihrem ehrenden Andenken gewidmet.

Da auch achtzehn Jahre nach Kriegsende sein Vater noch immer als vermisst galt, begab sich der in Brüssel als Unternehmer tätige Hermann Frank Meyer 1963 nach Makrokomi. Dort war dessen Pioniereinheit stationiert gewesen, die die am 26. November 1942 in die Luft gesprengte Gorgopotamos-Eisenbahnbrücke wieder herzurichten hatte. Es stellte sich heraus, dass der Vater im April 1943 von Partisanen erschossen worden war. Das Buch, in dem der Sohn über seine Nachforschungen berichtet, ist zum einen Nachruf auf den getöteten Offizier, im eigentlichen jedoch Würdigung des griechischen Freiheitskampfes 1941-1944. Frank Meyers folgende Bücher dokumentieren die Verbrechen der Wehrmacht. Welche Rolle hat in Ihren Gesprächen mit Hermann Frank Meyer das Thema „saubere Wehrmacht“ gespielt?

Frank Meyer, der durch einen tragischen Unfall Ostern 2009 ums Leben gekommen ist, war ein enger Freund. Das Schicksal seines Vaters hat ihn nie losgelassen, und so hatte er sich auf die Suche gemacht. Er war ein sehr erfolgreicher Unternehmer gewesen, hat aber seinen Betrieb verkauft und sich der Aufklärung des Schicksals seines Vaters gewidmet. Daran anschließend hat er jahrelang Nachforschungen über deutsche Kriegsverbrechen vor allem in Griechenland betrieben. Seine Bücher über Kommeno,  Kalavryta und schließlich sein opus magnum: "Blutiges Edelweiß. Die 1. Gebirgsdivision im 2. Weltkrieg" sind Standardwerke geworden. Sie stellen die Ergebnisse unendlicher Archivrecherchen dar, die er in Deutschland, Griechenland, Amerika, Australien und England durchgeführt hatte. 

Anders als so mancher universitäre Fachhistoriker war Frank Meyer auch ein außerordentlich großzügiger Wissenschaftler. Das von ihm gefundene Archivmaterial gab er bereitwillig weiter, weil es ihm darum ging, dass die Untaten bekannt würden und nicht vergessen werden. Es genügte bei ihm, irgendein Thema anzusprechen, zu dem er Material besaß, sofort reichte er alles, was er dazu gefunden hatte, zur Verwendung anderer weiter. Wenn man dieses Verhalten vergleicht mit dem so mancher Universitätsforscher, die auf ihrem Material "sitzen" als wäre es ihr persönliches Eigentum, weiß man es zu schätzen, dass es ihm um die Sache und nicht um die Karriere ging. In diesem Sinne ist auch sein umfangreiches Archiv inzwischen ans Münchner Institut für Zeitgeschichte abgegeben worden, wo es weiterhin der Forschung zur Verfügung steht.  

Dass die Legende von der "sauberen Wehrmacht" auch für Frank keine Geltung besaß, liegt bei der Betrachtung seiner Werke auf der Hand. Die Tatsache, dass sein Vater einem verbrecherischen Regime gedient und sein Leben in einem Vernichtungskrieg verloren hatte, war für ihn Mahnung und Auftrag zugleich. Da er die griechische Ausgabe seines Buches "Blutiges Edelweiß" auf der Buchmesse in Thessaloniki 2009 nicht mehr selber vorstellen konnte, weil er kurz zuvor durch jenen tragischen Unfall zu Tode gekommen war, hatte ich die Ehre, ihn in Begleitung seiner Witwe und seines Sohnes dort vertreten zu dürfen. Ich habe das Buch anschließend auch in Bremen vorgestellt.

Anlässlich unserer letzten Begegnung in Franks Heimatdorf Dorfmark bei Hannover besuchten wir auch die Mahnstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Wir waren bei dieser Gelegenheit auch in der Gedenkkapelle auf dem Lagergelände. Frank stand dort lange vor einem Steinaltar, auf dem Zettel mit den Gedanken jugendlicher Besucher ausgelegt waren. Er hat diese Zettel genau studiert, und ich habe verstanden, wie wichtig es ihm war, dass die Erinnerung an die Späteren weitergegeben wird, denn die Lügen über die "saubere Wehrmacht" waren ihm ein Gräuel. 

Ein lange hinausgezögertes Schuldeingeständnis gegenüber Griechenland hat die Bundesrepublik erst unlängst bekundet, aber noch immer wird eine Begleichung der Kriegsschulden verweigert. Sehen Sie einen Weg, wie diese empörende Schizophrenie überwunden werden kann, die schon einst beim "Größten Griechenlandverehrer aller Zeiten" dazu geführt hat, dass er sich täglich eines Essbestecks mit eingravierten Parthenon-Motiven bediente und gleichzeitig als oberster Kriegsherr verheerende Erschießungsbefehle gegen griechische Zivilisten erließ?

Dass Hitler Essbestecke mit Parthenon-Motiven benutzte, war mir unbekannt, aber es wundert nicht, wenn man an die Wahnideen dieses Mannes denkt, die Millionen in den Tod gerissen haben. Nach seinen geisteskranken Vorstellungen gehörten ja auch die Griechen zur "arischen Rasse", und es wird noch heute die Legende kolportiert, er habe mit den Einnahmen aus "Mein Kampf" die archäologischen Ausgrabungen von Olympia mitfinanziert. 

Aber offen gestanden interessieren mich die Wahnvorstellungen dieses Mannes weniger als die Frage, warum Millionen Deutsche ihm "Gefolgschaft" geleistet haben. Der verbrecherische Charakter dieses Regimes war schon früh erkennbar gewesen, und die brutale Unterdrückung jeden Widerstandes hätte jeden einigermaßen klar denkenden Menschen unterrichten müssen. Dass das Terror-Regime Stalins keine Alternative sein konnte, gehört zu den tragischen Ausweglosigkeiten des vergangenen Jahrhunderts.  

Dass nach Kriegsende und dem Zusammenbruch des Naziregimes im Klima des beginnenden kalten Krieges so viele "Mitläufer" und Mittäter des Terrors ungeschoren davongekommen sind, ja dass so viele von ihnen nach der sogenannten "Entnazifizierung" im Klima des beginnenden Wirtschaftswunders wieder in ihre Ämter und früheren Funktionen zurückkehren konnten, stellt eine weitere Tragödie der jüngsten deutschen Geschichte dar. 

Die "Unfähigkeit zu trauern"  veranlasste die Generation unserer Eltern, obwohl sie die Schrecken des Krieges doch miterlebt hatten, nur noch "nach vorne" zu schauen. Carl Jaspers, der bis zum Mai 1945 mit zwei Zyankali-Kapseln für sich und seine Frau die Ankunft der Gestapo zum Abtransport in die Vernichtung erwartet hatte, überlebte das Chaos der letzten Kriegstage. Als er wieder in sein Amt als Professor an der Universität Heidelberg eingesetzt worden war, hat er das damalige Klima in seiner Antrittsrede von 1946 "Zur Schuldfrage" wie folgt beschrieben: „Es herrscht eine Stimmung im Lande, als ob man nach furchtbarem Leid gleichsam belohnt, jedenfalls getröstet werden müsse, aber nicht etwa mit Schuld und Reue beladen werden dürfe.“

Es bedurfte eines Generationenwechsels, um von den Strategien der Verdrängung Abschied zu nehmen. Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Regierung dieses Landes auch ihrer Verantwortung für die in deutschem Namen begangenen Verbrechen stellen wird und endlich auch gegenüber Griechenland seine völkerrechtlich begründeten Schulden für Besatzungsverbrechen und nie geleistete Reparationen erfüllen wird. Sie sind nicht mehr gestundet und auch nicht verjährt.  

Die Trilogie ΜνήμεςΚατοχής erstmals veröffentlicht in Griechenland: τομ. I: Τα παιδιά του δάσους των Ασπραγγέλων και ένας Ιταλός χαμένος στα Τσουμέρκα (εκδ.Ισνάφι, Ιωάννινα 2007), τομ.ΙΙ: Ιταλοί και Γερμανοί στα Γιάννενα και η καταστροφή της εβραϊκής κοινότητας. Επίμετρο Ρένα Μόλχο (2008), τομ. IΙΙ: ΑιΛυγκιάδες στις φλόγες (2011); der 2. Band ist auf Deutsch erschienen als Winter in Griechenland. Krieg-Besatzung-Shoah. 1940-1944 (Wallstein Verlag 2012) und erscheint jetzt in italienischer Übersetzung als Inverno in Grecia. Guerra-Occupazione-Shoah 1940-1944 (ed. Golem 2015); der dritte Band ist auf Deutsch erschienen als Feuerrauch. Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades am 3.Oktober 1943 (Dietz Verlag 2013). 

Bundespräsident Gauck am 7. 3. 2014 in Lyngiades:"Wir sind ja nicht nur die, die wir heute sind, sondern auch die Nachfahren derer, die im Zweiten Weltkrieg eine Spur der Verwüstung in Europa gelegt haben, unter anderem in Griechenland, worüber wir beschämend lange wenig wussten. Es ist richtig, wenn ein geschichtsbewusstes Land wie unseres auslotet, welche Möglichkeiten von Wiedergutmachung es geben könnte.“