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Kalavryta - Keine Frage der Anschauung, sondern des Gewissens (Kalavrita)

2018-07-30 2018-07-30 30.07.2018 30 × gelesen 6 Minuten

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sind in Griechenland anders als in Deutschland. Wer erinnertin Deutschland die Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung? Dabei wissen wir: Geschichte, die nicht erinnert wird, holt uns ein (Alexander Mitscherlich). Das kann anstrengend sein und manchmal auch heikel. Denn als deutscher Staatsangehöriger hat der Zweite Weltkrieg mehrere Gesichter: neben dem des eigenen Erleidens, vor allem das der Schuld und der fortlaufenden Verantwortung. Wie Joachim Gauck einmal sagte: „Wir sind ja nicht nur die, die wir heute sind, sondern wir sind auch die Nachfahren derer, die eine Spur der Verwüstung durch Europa legten.“1 Und immer noch treten neue Aspekte zutage – ein langer Schatten Vergangenheit, der auch die Gegenwart beeinflusst. In der Traumaforschung wird gezeigt, wie sehr gerade auch die bösen Erinnerungen über Generationen weitergegeben werden und alte Traumata noch bei den Enkeln fortleben. Mich selbst berührt dies als Sohn eines deutschen Vaters und einer griechischen Mutter, wobei ichemotional während der polarisierenden Diskussionen zur Eurokrise dann doch etwas auf die griechische Seite gerutscht bin. Schließlich kommen meine Mutter und ihre Familie aus einer Gegend auf der griechischen Peleponnes, wo die deutsche Wehrmacht ganz besonders gewütet hat: aus Bouboukas, nur wenige Kilometer von Kalavrita. 

Einiges haben auch sie miterlebt, kamen jedoch weitestgehend ungeschoren davon, als Deutsche nicht zum Urlaub, sondern als Besatzer in Griechenland waren. Griechische Partisanen leisteten Widerstand.

Oktober 1943: Ein Aufklärungstrupp von fast 90 Mann bewegt sich Richtung Kalavrita. Mit dabei der zweiundzwanzigjährige Roger Walter; ursprünglich wollte er katholischer Priester werden und hatte sechs Jahre lang altgriechisch gelernt. Nun ist er in der 117. Jägerdivision, nahm mit dieser die Balkanroute über Serbien bis nach Griechenland. Mit seinem Altgriechisch ist er bei Übersetzungsarbeiten gleich zur Stelle. Doch das Marschieren ist ihm ungewohnt. Bisher war er im Transportwesen eingesetzt. Naja, und er hatte sich auch einiges zuverdient, schwunghaften Schwarzhandel betrieben. Dem Historiker Hermann Frank Meyer, dessen Vater von griechischen Partisanen erschossen wurde,2 schilderte er fast 60 Jahre später seine Erlebnisse:

„Wir marschierten am Ende der Kolonne. Wir schwitzen mit all den Dingen, die wir schleppen mussten, so dass wir unseren Stahlhelm abgesetzt hatten. Meinen trug ich am Koppel. Es ging langsam voran. Meine Freunde gingen rechts und links neben mir, und um die Langeweile totzuschlagen, kloppten wir im Marschieren Karten. Mein umgedrehter Stahlhelm diente dabei als Spielkartenablage.“3
Während Roger Walter erzählt, kommt ihm immer wieder ein Kloß in den Hals. „Das Gelände war schwierig. Und da auch ein paar Kameraden dabei waren, die Malaria hatten, nahmen wir einem Bauern kurzerhand den Esel weg, der nun die Gewehre tragen sollte.“ 

Auf der anderen Seite stand bereits eine Einheit der Widerstandskämpfer von ELAS, unabhängiges Bataillon Kalavryta, junge Männer, die meisten um die 20, entschlossen den Einmarsch der Deutschen in ihre Stadt Kalavrita zu verhindern. Dass diese Deutschen nur an einem Aufklärungsunternehmen beteiligt waren und nicht die Absicht hatten, Kalavrita zu besetzen, war ihnen nicht bekannt. Plötzlicher Beschuss, Roger Walter und die ganze Kompanie werden gefangen genommen, um sie gegen die gleiche Anzahl festgesetzter Partisanen auszutauschen. Drei deutsche Soldaten verlieren beim Gefecht ihr Leben.

Als der kommandierende General von LeSuire von dieser „Schmach“ hört, befiehlt er sofortige Maßnahme zur Sühne der Getöteten. Diese sogenannten „Banditen“ genießen ihm viel zu sehr Rückhalt in der Bevölkerung. Eine Operation soll flächendeckend die Dorf- und Stadtbewohner der Gegend einschüchtern und bestrafen. Ende November bewegt sich so ein Verband von etwa 1000 Mann zangenförmig auf Kalavrita zu.

Was jetzt geschieht, lässt sich chronologisch nur schwer nachverfolgen. In jedem Dorf, das die deutschen Truppen durchqueren, wird geplündert und wahllos gemordet, anschließend systematisch Feuer gelegt. Im Kloster Mega Spileon stürzen sie die Mönche die Felsen hinunter. Im Kloster Agia Lavra, dem griechischen Wahrzeichen des nationalen Widerstands gegen die Türken, wird ebenfalls Brand gelegt. Die wertvolle Bibliothek mit 500 Bücher und Manuskripten aus dem 16. Jahrhundert verbrennt, unermessliche Kulturschätze, für immer verloren. Auch die Partisanen verlieren die Nerven: Die gefangenen Deutschen werden an einer Schlucht die Felsen hinuntergeschossen. Wie durch ein Wunder überlebt Roger Walter und bleibt mit mehreren Brüchen und Wunden in einer Baumkrone hängen, später finden ihn die deutschen Truppen.
Was dann am 12. und 13. Dezember in Kalavrita geschah, schrieb eine junge Deutschlehrerin später auf. 

Als die deutschen Truppen nach Kalavrita kamen, durfte kein Einwohner die Stadt verlassen. Zugleich gab der deutsche Kommandeur sein Ehrenwort, dass nichts gegen die Bevölkerung unternommen werde. Daraufhin kehrten einige Bewohner zurück, die vor den Deutschen in die Berge geflohen waren.

Als die Kirchenglocken morgens in aller Früh läuteten, sollten sich die Bewohner auf dem Marktplatz versammeln, dort wurde verkündet: ein Arbeitseinsatz steht bevor. Frauen und Männer wurden getrennt. Alle Jungs über 14 Jahren wurden zu den Männern sortiert. Frauen und Kinder wurden in die Schule des Ortes eingesperrt. Plötzlich waren Schüsse zu hören. Die Ermordung der Männer hatte begonnen, was die Frauen zu diesem Zeitpunkt nicht wussten.Eine der Frauen kletterte im Schulhaus auf den Dachboden, um durch ein Fenster zu sehen, was draußen vorging. Vor dem Gebäude stand ein Soldat. Sie fragte ihn, werden sie uns im Haus verbrennen? Da nickte er und weinte. Unter den eingesperrten Frauen brach Panik aus. Mit aller Gewalt brachen sie Türen und Schlösser. Der Soldat, der sie im Schulhaus bewachen sollte, lief weg. Alle aus dem Schulgebäude stürzten ins Freie. Sie liefen auf die Felder, drehten sich um und sahen, wie Kalavrita lichterloh brannte.4 Drei Generationen, mindestens 676 an der Zahl,5 kamen an diesem Tag ums Leben. Historisch kann aber nicht einwandfrei nachgewiesen werden, ob die Frauen und Kinder in dem Gebäude verbrennen sollten.  

Wie die Frauen ihre Männer und Kinder später finden, schildert der Augenzeugenbericht von Franzeska Nika: „Ich gehe zu dem großen Leichenhaufen. Suche! Suche! […] Es kommen noch andere Frauen. Viele. Jede, die die Toten sieht, fasst ihren Kopf. Da ist auch meine Tante. Sie nähert sich mir. Oh weh, ihre Augen! Wie wild sie schauen. Ich kann sie nicht sehen. Das sage ich ihr. […] Sanft nimmt sie mich bei der Hand. Rings um uns ist die Hölle los. Jede Frau, die heraufkommt, sucht wie wild in dem Haufen der Getöteten nach ihren Angehörigen. Findet ihren Vater, ihren Bruder, ihren Mann, ihren Sohn. […]Ich fühle, dass meine Augen zornig werden, wie ich die Frauen ringsum sehe, die die Leichen nach ihren Angehörigen durchwühlen und, sobald sie sie gefunden haben, ruhig werden. Wie sie mit ihnen sprechen, sie streicheln. Wie sie die versprengten Hirnwindungen einsammeln und zurück in die Schädel legen. Wie sie versuchen, die zerstückelten Leichen aufzusammeln und ihnen eine menschliche Form zu geben.“6

Die Erinnerung sollte keine Frage der Anschauung sein, sondern eine des Gewissens. Das Vergeben müssen wir Gott anheimstellen, wir kommen da an unsere Grenzen (Psalm 106,24). Es gibt aber auch eine billige, weltliche Gnade. Kalavrita war nur eines von gut 100 Massakern an der griechischen Zivilbevölkerung. In manchen Dörfern wurden auch die Kinder, Säuglinge, Frauen und Greise erschossen. Selbst nach damaligen Kriegsrecht müssen die Erschießungen als unverhältnismäßig und völkerrechtswidrig beurteilt werden, dies ist inzwischen auch von deutscher Seite offiziell anerkannt. Die damaligen Entscheidungsträger handelten nicht so, weil sie nach einem vorher festgelegten Schlüssel vorgingen, sondern sie handelten impulsiv und aus der momentanen Gemütslage heraus. Man könnte sagen: Sie spielten Gott. Und doch ist bei den Nürnberger Prozessen in 392 Verfahren gegen Angehörige der Wehrmacht, der Waffen-SS und Polizei kein einziger aufgrund der Kriegsverbrechen in Griechenland verurteilt worden.Argumentiert wurde von der Staatsanwaltschaft, dass die Angeklagten nur ausdrücklich auf Befehl gehandelt hätten. Außerdem konnte ihnen nicht nachgewiesen werden, dass sie den verbrecherischen Charakter ihrer Taten erkannt hätten. 

Der Krieg damals brachte über Griechenland viel Unheil: Während der deutschen Besatzungszeit starben auch infolge der maßlosen Plünderungen über 100.000 Menschen an Hunger,8 gut 60.000 griechische Jüdinnen und Juden von über 70.000 wurden – mit wohl nicht geringer Unterstützung auch griechischer Kollaborateure – ermordet bei einer Vernichtungsquote von weit über 80 %.9 Der deutsche Staat zahlte deshalb Anfang der 60er Jahre auch 115 Millionen D-Mark Entschädigungen an Griechenland, diese waren jedoch ausdrücklich nur für die jüdischen Hinterbliebenen bestimmt.Zwischen 2000 und 3000 D-Mark pro Ermordeten sind dann aber doch an die betroffenen Familien aus Kalavrita geflossen, nicht weil sie dafür bestimmt waren, sondern weil der damalige Staatschef Karamanlis dem innenpolitischen Druck nachgab.10 Bis heute ist die Frage nach Entschädigung und Reparationen sowie die Rückzahlung eines Zwangskredits von 1942 im Wert von heute bis zu 11 Milliarden Euro immer wieder strittig. 

Man kann es kaum glauben: Aber vor allem diese Streitfragen führten dazu, dass sich bis heute in keinem einzigen deutschen Schulbuch etwas über die Kriegsverbrechen in Griechenland findet. Als „Sauvolk“ der „Schieber, Nichtstuer und Korrupteure“ bezeichnete General von LeSuire die Griechen,11 eben genau jener General, der auch das Massaker in Kalavrita angeordnet hatte. Diese Stereotypen wurden von Teilen der deutschen Medien mal subtiler, mal unverhohlener während der Eurokrise aufgegriffen. Bedenklich daran ist natürlich nicht, dass sie Korruption benannten, der Filz gehört aufgeklärt. Offenbar arglos machte die Berichterstattung in vielen Fällen aber aus den griechischen Staatsschulden eine moralische Schuld des griechischen Volkes, ohne dabei Hintergründe und Ursachen adäquat darzustellen. Am meisten leiden die Griechinnen und Griechen selbst unter der Korruption und dem Missstand. Und was in Deutschland kaum jemand wahrhaben will:zu dengrößtenKorruptionsskandalenin Griechenland zählen die Bestechungen deutscher Industrie- und Rüstungsunternehmen.12 Einige griechische Zeitungen wiederum instrumentalisierten das Bild des Nazi-Deutschen und warnten vor einer wirtschaftlichen Germanisierung Europas, dem Vierten Reich.13 In diesem Zuge entstanden auch die unseligen Bilder von Merkel und Schäuble in Naziuniform, die in Deutschland viele entrüsteten und kränkten.  

Und doch wurden auch in der jüngsten Zeit Wege der Versöhnung gegangen.14 Im letzten Jahr, 2014, hat Bundespräsident Joachim Gauck als erster deutscher Regierungsvertreter ausdrücklich um Verzeihung gebeten. In Lyngiades sagte er:
„Wir Nachgeborenen tragen persönlich keine Schuld. Und doch fühle ich an Ortenwie diesem tiefes Erschrecken und eine doppelte Scham. Ich schäme mich, dassMenschen, die einst in deutscher Kultur aufgewachsen sind, zu Mördern wurden.Und ich schäme mich, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schrittfür Schritt die Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüberden Griechen wusste und lernte. […] Und so möchte ich heute aussprechen, was Täter und viele politisch Verantwortliche der Nachkriegszeit nichtaussprechen konnten oder wollten: Das, was geschehen ist, war brutales Unrecht.“15 

Was an diesen Beispielen deutlich wird: Ohne gemeinsames Erinnern reißt die Gegenwart Wunden wieder auf, die fast verheilt erschienen. Europa ist nicht nur ein gemeinsamer Boden, sondern eine Aufgabe – ein brüchiges Haus, an dem wir jetzt, wo die Wände marode werden, weiter bauen müssen. 

Franzeska Nika, die Autorin des Augenzeugenberichts, schildert ein Erlebnis aus dem Jahr 1976: Da saßen plötzlich fünfzig junge Deutsche mitten auf dem Boden vorm Springbrunnen in Kalavrita und sangen Lieder mit ihrer Gitarre. Irgendwie hatten sie von Kalavrita gehört, sie weiß selbst nicht wie, und kamen. Nika schreibt: „Wir alle befürchteten Zwischenfälle. Es ist schwer zu vergessen… Und doch, als ich sie sah, hatte ich begriffen, dass diese Deutschen nicht schuld waren. Schuld war der Faschismus, der Nationalsozialismus, der Krieg, der die Menschen hart und unbarmherzig gemacht hatte. Wie unvorstellbar, dass sie deren Kinder sind.“16

Dr. Constantin Gröhn

 

1. Zitiert nach Horst Möller, Griechische Tragödien – alles vergessen? Ein Gespräch mit Prof. Christoph Schminck-Gustavus, in:neaFoni Juni 2015, 58-63, S. 63.

2. Vgl. ebd., S. 61. 

3. Hermann Frank Meyer, Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland, Mannheim 2002 (Peleus; 12), S. 187 ff.

4. Diese Schilderung orientiert sich an einem Augenzeugenbericht, der zitiert wird in dem Artikel von Johanna Kypke-Holzapfel, Ulrich Kypke, Mittags blieb die Kirchenuhr stehen, in: FREITAG vom 16.04.2015

5. Vgl. EuGH weist Klage wegen Wehrmachtsmassaker ab; FAZ.NET, 15.02.2007.

6. Franzeska Nika, Kalavrita 1943. Augenzeugenbericht. Aus dem Griechischen von Constanze Lasson, Köln 21999, S. 25ff.

7. Vgl. Meyer, Von Wien nach Kalavryta, S. 470. 

8. Vgl. Hagen Fleischer, Schuld und Schulden – Der Fall Griechenland „final“ geklärt?, Südosteuropa Mitteilungen 02/2015 (April 2015), 46-63, S. 51.

9. Vgl. Odette Varon-Vassard, Der Genozid an den griechischen Juden. Zeugnisse des Überlebens und Geschichtsschreibung seit 1948, in: Chryssoula Kambas u.a. [Hgg.], Die Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Griechische und deutsche Erinnerungskultur, Köln u.a. 2015, 85-114, S. 85.

10. Vgl. Hagen Fleischer / Despina Konstantinakou, Ad calendas graecas? Griechenland und die deutsche Wiedergutmachung, in: Hockerts, Hans Gunter u.a. [Hgg.], Grenzen der Wiedergutmachung. Die Entschädigung für NS Verfolgte in West- und Osteuropa 1945-2000, Göttingen 2006, S. 375-457.

11. Vgl. Hagen Fleischer, Die „Viehmenschen“ und das „Sauvolk“. Feindbilder einer dreifachen Okkupation, in: Wolfang Benz u.a. [Hgg.], Kultur – Propaganda – Öffentlichkeit. Intentionen deutscher Besatzungslogik, Berlin 1998, S. 135-169.

12. Vgl. z.B. Winfried Wolf, Erpressung pur. Griechenland, deutsche Verantwortung und der Tod eines Siemens-Ehrenmannes, in: LunaPark 21-29/2015, 6f., S. 7.

13. Vgl. Hagen Fleischer, Vergangenheitspolitik und Erinnerung. Die deutsche Okkupation im Gedächtnis beider Länder, in: Kambas u.a., Die Okkupation Griechenlands, S. 31-54.

14. Unerwähnt bleibt in diesem Artikel das besondere Engagement von Ehrengard Schramm, die in den 50er Jahren jungen Kalavritanern eine Ausbildung in der Bundesrepublik ermöglichte.

15. Bundespräsident Joachim Gauck während seines Staatsbesuchs in der Hellenischen Republik anlässlich der Kranzniederlegung am Mahnmal Lingiades am 7. März 2014, abgedruckt in: Argyris Sfountouris, Trauer um Deutschland. Reden und Aufsätze eines Überlebenden. Herausgegeben von Gerhard Oberlin, Würzburg 2015, 149-151, S. 149f.

16. Vgl. Franzeska Nika, Kalavrita 1943, S. 7f.