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Die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht auf Kreta

  1.178 Wörter 4 Minuten
2018-01-05 2018-01-05 05.01.2018 1.855 × gelesen

Alljährlich verbringen Zehntausende Touristen, viele davon aus Deutschland, ihren Urlaub auf Kreta und genießen die griechische Gastfreundschaft. Mancher von ihnen hat vielleicht auch ein Buch von Erhart Kästner im Reisegepäck mit der Absicht, sich über seine Urlaubsinsel zu informieren. Erhart Kästner hatte sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet und war freigestellt worden, um für die kämpfende Truppe Bücher über Griechenland zu verfassen. Von dem, was sich auf Kreta damals wirklich ereignet hat, erfahren seine Leser jedoch nichts.

Schon vor einigen Jahren hatte ich gelesen, dass unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzákis in amtlichem Auftrag auf Kreta unterwegs gewesen sein soll, um die Verbrechen der deutschen Wehrmacht auf seiner Heimatinsel zu dokumentieren. Doch war es mir damals nicht gelungen, nähere Angaben darüber oder gar seinen Bericht darüber ausfindig zu machen. Doch dann stieß ich 2005 zufällig im Internet auf den damals verfassten Bericht, der im Jahr 1983 von der Gemeinde Heráklion erstmals veröffentlicht wurde.

Vom 29. Juni bis zum 6. August 1945 war auf Kreta eine Kommission unterwegs, die von der griechischen Regierung unter Pétros Voúlgaris den Auftrag erhalten hatte, die Gräueltaten der deutschen und italienischen Besatzungsmacht auf Kreta während des Zweiten Weltkriegs zu dokumentieren. Die Kommission bestand aus dem griechischen Schriftsteller Níkos Kazantzákis, den Professoren Ioánnis Kakridís und Ioánnis Kalitsounákis sowie dem Fotografen Kóstas Koutoulákis. 

Der „Bericht der zentralen Kommission zur Feststellung der Gräueltaten auf Kreta“ wurde anschließend dem griechischen Außenministerium übergeben. Was aus ihm wurde, ist unbekannt. Nachforschungen der Stadt Heraklion beim griechischen Außenministerium ergaben nichts; der Bericht war dort nicht mehr auffindbar. Glücklicherweise hatte Nikos Kazantzákis seinem Freund Pandelís Prevelákis eine Abschrift des Berichts zukommen lassen; Prevelákis wiederum übergab sein Exemplar später dem Historischen Museum in Heraklion, wo sich das Archiv von Níkos Kazantzákis befindet.

So konnte die Stadt Heraklion im Jahr 1983 den Bericht der Kommission veröffentlichen, versehen mit einem Vorwort des damaligen Bürgermeisters Manolis Karéllis und ausgestattet mit beeindruckenden Fotografien von K. Koutoulákis (1897-1975).

Der Bericht gliedert sich wie folgt:
Vorwort
Einführung
Kapitel A: Die Besetzung: vom Beginn des Angriffs der Deutschen bis zum 14. September 1941
Kapitel B: Die Besatzung: von Mitte September 1941 bis Mitte August 1944
Kapitel C: Der Abzug: von Mitte August 1944 und später
Kapitel D: Der Verwaltungsbezirk Lasíthi
Anhang 1. Zerstörungen unbefestiger Städte, öffentlicher Gebäude, Schulen, Kirchen usw.
Anhang 2. Zerstörungen archäologischer Denkmäler, Diebstahl archäologischer Funde, illegale Ausgrabungen usw.
Anhang 3. Vergewaltigungen und Entehrungen von Frauen
Anhang 4. Kriegsverbrecher
Nachwort
Ortsregister
Fotografien 

105 Städte und Gemeinden sind im Ortsregister aufgeführt; das zeigt, wieviele Orte von den grausamen Gräueltaten der deutschen Wehrmacht und der italienischen Besatzungsmacht, die im Verwaltungsbezirk Lasíthi das Sagen hatte, betroffen waren. So lesen wir z.B. für den Ort Kefalovrisi:
„Auch hier hatten die Einwohner vergeblich versucht, die Raserei der Deutschen zu besänftigen, indem sie ihnen entgegengingen, vorneweg der Ortsvorsteher, und Raki und Essen mitbrachten.  Die Deutschen verhafteten alle Männer, die sich dort befanden, und nachdem sie Frauen und Kinder fortgejagt hatten, erschossen sie die Männer neben der Schule, 33 insgesamt, von denen 3 überlebten. Außerdem ermordeten sie den uralten Em. G. Kontákis in seinem Bett mit dem Bajonett. Der Pfarrer und Lehrer des Dorfes, M. Jialadákis, verlor an jenem Tag seinen Bruder, seinen Sohn, seinen Schwiegersohn und seinen Schwager. Die Deutschen plünderten das Dorf und zogen ab.“

Schlimme Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung hatte auch die Entführung des deutschen Generals Kreipe. Diese Aktion, deren militärischer Nutzen fraglich war, wurde von Patrick Leigh Fermor und William Stanley Moss, Angehörige der britischen Sondereinheit „Special Operations Executive (SOE)“ durchgeführt. Im Bericht der Kommission lesen wir dazu:
„Am 23. April 1944 geschah die Entführung des militärischen Befehlshabers von Heráklion, General Kreipe, auf der Landstraße zwischen dem Städtchen Archánes und Heráklion durch Engländer mit Unterstützung von Griechen. Nach der Ermordung seines Fahrers wurde der General gefesselt und auf dem Boden des Wagens untergebracht. Die Entführer in deutschen Uniformen hatten anschließend den Mut, ganz Heráklion zu durchqueren; sie verließen das Auto an einer Stelle der Straße nach Réthymnon (Jení Kaawé) und führten den Kriegsgefangenen in die Berge, wo sie sich mehrere Wochen aufhielten, bis es möglich war, an der Südküste der Insel an Bord eines englischen Kriegsschiffes zu gehen und nach Ägypten zu gelangen.

Diese Entführung mussten der Reihe nach alle Dörfer bitter bezahlen, an denen der Begleittrupp von Kreipe vorbeikam. Zuallererst wurden sofort die Dörfer Kamáres, Magarikáki der Eparchie Kainouríou (Bezirk Heráklion), Lochriá und Sachtoúria des Bezirks Réthymnon bestraft.

Das Dorf Kamáres wurde am 3.5.1944 umzingelt, alle Männer wurden verhaftet und in das Städtchen Moíres gebracht, während die Frauen und Kinder in der Dorfkirche eingeschlossen wurden. Nach zwei Tagen, am 5.5., wurde den Frauen erlaubt, aus ihren Häusern mitzunehmen, was sie konnten. Wiederum wurde der Trick angewendet, ihnen zu sagen, es sei ratsam, alle Wertsachen, die sie nicht mitnehmen konnten, in der Kirche zu deponieren, die angeblich nicht ausgeraubt würde. So fanden die Deutschen nach der nachfolgenden Verwüstung die Beute gesammelt vor ohne sich zu bemühen. Anschließend zerstörten sie das Dorf mit Dynamit und Feuer. Auch die Schule wurde zerstört, während die Kirche vollkommen geplündert wurde, sogar die Dachziegel, so dass nur noch die vier Wände übrigblieben. Von den in Moíres eingesperrten Männern wurden 30 umgebracht; bis heute ist ungeklärt, auf welche Weise sie getötet wurden; die übrigen wurden freigelassen unter der Auflage, nicht in ihr Dorf zurückzukehren.“

Während der Besatzung kam es auch zu Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten:
„So drangen im Mai 1942 im Dorf Drapaniás bei Chaniá zwei deutsche Soldaten in ein Haus ein und versuchten, ein Mädchen zu vergewaltigen; der zufällig anwesende Bruder des Mädchens leistete Widerstand und konnte während des Kampfes einem Soldaten die Pistole entreißen und fliehen. Daraufhin führten die Soldaten das Mädchen unter dem Vorwand, sie zu ihrem Hauptmann zum Verhör wegen des Bruders zu bringen, aus dem Dorf und vergewaltigten sie“.

Ein anderes Beispiel für die Grausamkeit der deutschen Soldaten ereignete sich im Dorf Psychró Lasithíou:
„Die Ehefrau von Nik. Kleisarcháki hörte plötzlich Glockengeläute und um den Grund dafür zu erfahren, trat sie vor die Tür mit ihrem 5jährigen Sohn Emmanuel auf dem Arm, obwohl zu dieser Zeit schon die Ausgangssperre galt. Ein zufällig vorbeikommender deutscher Soldat schoss und ermordete das Kind“.

Wer wissen will, was sich auf Kreta im Zweiten Weltkrieg ereignet hat, kann kein besseres Quellenmaterial finden als diesen Bericht. Allerdings hat der Bericht außerhalb von Griechenland bisher kein großes Interesse gefunden, was womöglich damit zu tun hat, dass er viele Jahre lang nur in griechischer Sprache zugänglich war (http://www.neatv.gr/cms_files/files/Εκθεσις Ομωτητων.pdf)

Im Jahre 2017 - 72 Jahre nachdem der Bericht verfasst worden ist - ist nun endlich eine deutsche Übersetzung erschienen, die von der Gesellschaft für Kretische Historische Studien (EKIM) als Band 8 der Reihe „Martyries“ (Zeugnisse) herausgegeben wurde. Erhältlich ist der Band über den Museumsladen des Historischen Museums Kreta (http://www.historical-museum.gr/store/) zum Preis von 8 EUR.

Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung der Gräueltaten auf Kreta / Μετάφραση: Markus List ; Επιμέλεια: Κλαίρη Μιτσοτάκη
Έκθεσις της Κεντρικής Επιτροπής Διαπιστώσεως Ωμοτήτων εν Κρήτη
Σειρά ΜΑΡΤΥΡΙΕΣ 8 ΕΚΙΜ 2017 (έκδοση στη γερμανική γλώσσα)
150 Seiten
ISBN 978-960-9480-39-0 

Aktualisierte Fassung eines Beitrags aus dem “Bulletin“ der Hellasfreunde Bern, 2015-3 (Dez. 2015)

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Die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht auf Kreta - Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung der Gräueltaten auf Kreta. Εκθεσις της κεντρικς Επιτροπς Διαπιστσεως Ωμοττων εν Κρτη, 1983. K. Koutoulakis
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Nikos Kazantzakis sammelt Informationen für den Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung der Gräueltaten auf Kreta. Die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht auf Kreta. Εκθεσις της κεντρικς Επιτροπς Διαπιστσεως Ωμοττων εν Κρτη, 1983. K. Koutoulakis
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