Neueste | Meistgesehene
Neueste | Meistgelesene

Der Tod des Hauptmanns auf Karpathos

2017-11-24 2017-11-24 24.11.2017 207 × gelesen 3 Minuten

Das tragische Ende eines Kommando-Unternehmens im Zweiten Weltkrieg auf der Insel Karpathos

Karpathos im Jahr 1944. Seit Anfang September 1943 befinden sich rund 800 deutsche Soldaten auf der zwischen Kreta und Rhodos gelegenen Dodekanes-Insel, um nach der Kapitulation Italiens am 9. September 1943 die Herrschaft über die Insel von den Italienern zu übernehmen. Ein Jahr später, am 4. Oktober 1944 verlassen die letzten deutschen Soldaten Karpathos in Richtung Rhodos. Am Tag darauf entwaffnen aufständische Karpathioten im Dorf Menetés die verbliebenen Italiener und befreien Karpathos von der Fremdherrschaft.

Nur sechs Wochen vor dem Abzug der Deutschen, in der Nacht vom 24. zum 25. August 1944, nähert sich das britische Boot HDML 1381 der Westküste der Insel Karpathos. An Bord befinden sich britische Soldaten der Special Boat Squadron (SBS) und fünf Griechen. Die Griechen sind Angehörige des Ierós Lóchos, der Heiligen Schar oder Heiligen Kompanie, einer griechischen militärischen Spezialeinheit, die gemeinsam mit der SBS für die Befreiung der Dodekanes-Inseln kämpft. Ihre Sabotage-Aktionen richten sich gegen abgelegene feindliche Wachposten, Funk- und Telegraphenstationen, Hafenanlagen und Treibstoffdepots.

Zwei Stunden nach Mitternacht gehen die fünf Griechen in der Bucht von Proní unterhalb des Ortes Pylés an Land. Die Briten sollen den Kommandotrupp drei Tage später am gleichen Ort wieder abholen.

Doch es kommt anders. Während sich das Boot HDML 1381 bereits wieder von der Küste entfernt, ertönt eine laute Explosion; kurz darauf wird auf der Insel das vereinbarte Signal zur Abholung gegeben. Die Briten kehren an die Küste zurück und müssen dort feststellen, dass der Kommandotrupp in ein Minenfeld geraten ist. Der zwanzigjährige Obergefreite Konstantinos Psillís von der Insel Chios kommt dabei ums Leben, drei andere Griechen werden verwundet. Einige Tage später wird Konstantinos Psillís auf dem Friedhof von Pylés beigesetzt.

Noch lange Jahre nach seinem Tod haben die Dorfbewohner am Nationalfeiertag des Soldaten, der für ihre Freiheit gestorben ist, gedacht und für seine Seelenruhe gebetet. Die Schulkinder trugen Gedichte vor und sangen ein ihm gewidmetes Lied:

Ο Θάνατος του λοχαγού
Der Tod des Hauptmanns

Σαν πεθάνω μες τη μάχη,
Wenn ich sterbe in dem Kampfe
στου πολέμου τη φωτιά
in des Krieges Flammenmeer
θάψετέ με φανταράκια
sollt ihr, Soldaten, mich begraben
του 4ου λόχου τα παιδιά.
ihr Jungs der vierten Kompanie.

Βάλετε μου για σεντόνι
Gebet mir als Leinentuch
μια σημαία γαλανή,
eine himmelblaue Fahne
μες το αίμα βουτηγμένη
mit Blut getränket soll sie sein
όπως είναι η Ελληνική.
so wie die Fahne Griechenlands.

Βάλετε μου για σημάδι
Setzet mir zum Zeichen dann
ένα πέτρινο σταυρό,
noch ein Kreuz aus Stein
μ’ άσπρα γράμματα γραμμένο
mit weißen Buchstaben geschrieben
για την πίστη, για το λοχαγό.
für den Glauben, für den Hauptmann.

Της μανούλας μου να πείτε
Meiner Mutter sollt ihr sagen
πως κοιμούμαι μοναχό,
dass ich schlafe ganz allein
ν’ άρχετε να με θυμιάζει
damit sie mit dem Weihrauch kommt
να φύλα και το σταυρό.
und das Kreuz behütet.

Οπου δεις δυο κυπαρίσσια
Wo du die zwei Zypressen siehst
και στη μέση δυο μυρτιές,
und dazwischen die zwei Myrten
εκεί είμαι θαμμένος
inmitten dort bin ich begraben
κι έλα μάνα να με κλαις.
Mutter komm, beweine mich.

Dieses Lied ist zugleich eine schöne Bestätigung der Aussage des deutschen Archäologen Ludwig Ross aus seinen „Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres“ (Band 3, S. 120) aus dem Jahr 1845: „Es ist ein charakteristischer schöner Zug in der griechischen Volksdichtung, daß die Gedanken des Sohnes, so oft er sich in Noth und Bedrängniß findet, immer vorzugsweise auf die Mutter sich richten; der Mutter klagt er sein Leid, die Mutter ruft er um Hülfe an, und wenn es irgendwo eine Trauerkunde zu melden giebt, da darf sie der Mutter nur schonend, verhüllt, unter Gleichnissen verborgen beigebracht werden“.

Die Gefangennahme der Besatzung von HDML 1381

Durch das tragische Ereignis und die daraus entstandene Verzögerung war es HDML 1381 nicht mehr möglich, gefahrlos an Rhodos vorbei zur türkischen Küste zurückzukehren. So wurde beschlossen, den folgenden Tag bis zum Einbruch der Nacht bei der kleinen Insel Syrna (auch Syrina genannt) 20 Meilen südlich von Astypalea zu verbringen. Das Boot wurde zur Tarnung mit einem Tarnnetz versehen. Zwei deutsche Sturmboote der Küstenjäger-Abteilung Brandenburg, die unter dem Kommando von Oberleutnant Bertermann den Auftrag hatten, die britischen und griechischen Kommandotruppen auf den ägäischen Inseln aufzuspüren, entdeckten am 26. August 1944 das getarnte Boot und eröffneten das Feuer. Den 14 britischen und vier griechischen Kommando-Soldaten an Bord von HDML 1381 blieb keine andere Wahl als sich zu ergeben. Die Kriegsgefangenen kamen über Leros nach Athen und dann in das Kriegsgefangenenlager Kaisersteinbruch (Burgenland). Auf dem Transport dorthin soll drei Griechen der Heiligen Schar und einem SBS-Angehörigebn die Flucht gelungen sein. Das Boot HDML 1381 wurde von den „Brandenburgern“ übernommen und war dann bis Mai 1945 unter dem Namen KJ 25 im Dodekanes im Einsatz. Der letzte Einsatz von KJ 25 im Dienste der Deutschen war am 9. Mai 1945 die Beförderung des Kommandanten Ostägäis, Generalmajor Otto Wagener, nach Symi – zur Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde. Danach ging KJ 25 wieder als HDML 1381 in den Besitz der Special Boat Squadron über.

Der Artikel wurde zuerst im "Bulletin" der Hellasfreunde Bern 2012-3 (Dezember 2012) veröffentlicht.