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Mit Schneckentempo aus der Krise

  1.437 Wörter 5 Minuten
2017-11-20 2017-11-20 20.11.2017 188 × gelesen

An einem sonnigen, trockenen Wintertag mache ich mich auf den Weg nach Korinth. Seit Ewigkeiten ist das archäologisch weltberühmte kleine Städtchen mit dem legendären Kanal am gleichnamigen „Golf von Korinth“ bei Touristen sehr beliebt. Neuerdings wird es auch für Gourmets interessant. 

An der Ausfahrt „Archaia Korinthos“ verlasse ich die Autobahn. 

„Unsere Firma liegt etwas außerhalb der Stadt im Industriegebiet, nahe am Meer“, hatte mir Maria am Telefon erklärt. Nach einigem Suchen, zwischen verfallenen Gebäuden und an brachliegenden Feldern entlang, stehe ich schließlich vor dem Portal von „Fereikos Helix“. Langsam und fast lautlos öffnet sich das Schiebetor und Herr Vlachos kommt mir bereits herzlich entgegen. Nach einer freundlichen Begrüßung stellt er mir seine Töchter Panajota und Maria vor. Die zwei Schwestern hatten schon vor der Finanzkrise die Geschäftsidee, die den Griechen jetzt sinnbildlich Hoffnung gibt. Es war der innovative Unternehmergeist, der sie antrieb, und 2007 legten sie ihren gut durchdachten Businessplan vor. Sodann machten sie sich ehrgeizig an die Arbeit. „Seit 2008 besteht nun die Firma Fereikos“, sagt Maria, sichtlich stolz auf das, was sie in der kurzen Zeit auf die Beine gestellt haben. Oder besser gesagt, auf den Schleim. Denn die geschäftstüchtigen jungen Frauen züchten Schnecken! 

„Komm, wir gehen erstmal in mein Büro“, sagt Maria und führt mich in die erste Etage, wo sich die Verwaltungsbüros befinden. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Verkaufsvitrine vorbei, auf der die Produkte der Firma ausgestellt sind: Frische küchenfertige Schnecken im Netz, eingelegte Schnecken in Konserven ohne Haus, eingemachte Schnecken mit Haus in Tomatensoße im Glas usw… 

In Marias Büro hängen Schneckenbilder an der Wand, stehen echte Schneckenhäuser und solche aus Porzellan im Regal, und selbst die Türknäufe der Büromöbel sind bronzefarbene Schneckenimitationen. Alles dreht sich hier um die kleinen Kriechtiere.

Maria erklärt mir bei griechischem Kaffee das Prinzip von Fereikos: Im Franchise-System werden Lizenzen für ökologisch betriebene Schneckenfarmen vergeben. Die Geschwister Vlachou kümmern sich um alles Organisatorische. Von der Schulung der angehenden Farmer, bis hin zur Qualitätsprüfung und der internationalen Vermarktung der Endprodukte. Dabei haben sich die Schwestern geschickt die Zuständigkeiten aufgeteilt. Jede verantwortet als Geschäftsführerin einen eigenen Bereich. Panajota, die jüngere, ist zuständig für alle Fragen rund ums Franchise- und Lizenzvergabeverfahren und Maria, die ältere, ist für die Vermarktung verantwortlich. Eine umfangreiche Produktlinie, basierend auf den Schnecken aus den „Fereikos“-Farmen, hat sie entwickelt. Die ältere Schwester, die viele Jahre im Ausland studiert und gelebt hat, ist prädestiniert für diesen Geschäftszweig. In der Schweiz entstand dann auch die Idee für das Geschäftsmodell. Die sympathische 32-Jährige lächelt und erzählt: „Ich saß gerade in einem französischem Restaurant in Zürich, als mich meine Schwester auf dem Handy anrief. Sie wollte wissen, was ich so mache, und als ich ihr sagte, dass ich gerade Schnecken, die Portion für umgerechnet 32 € esse, mussten wir lachen. Bei uns zu Hause laufen sie frei rum. Und so dachten wir, vielleicht lässt sich ja damit Geld verdienen.“ 

So entstand mit viel Leidenschaft für die Tierchen und mit reichlich Mut, eines der lebendigsten Beispiele eines aufstrebenden jungen griechischen Unternehmens. Die Schwestern Vlachou haben sich akribisch in sämtliche Details der Schneckenzucht eingearbeitet und stehen heute ihren Vertragszüchtern jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Inzwischen gibt es 168 lizenzierte Farmen in ganz Griechenland und eine in der Nähe von Hannover. In ihnen werden die Schnecken für die unterschiedlichen Produkte der Firma gezüchtet. 

„Derzeit bereiten wir eine völlig neue Produktlinie vor, die wir dann auch in Deutschland anbieten wollen“, sagt Maria. Bis dahin soll die Produktpalette optimiert und umbenannt werden. Die Konserven, Gläser und Netze mit Schnecken, die ich bereits bewundern durfte, tragen bislang das Firmenemblem und den für Nichtgriechen so schwierig auszusprechenden Markennamen „Fereikos Gefsis“. Maria sagt, wohl nicht ganz zu Unrecht: „Im Ausland kann doch niemand „Fereikos Gefsis“ aussprechen.“ Dabei hat es einen so bedeutungsvollen Klang. Fereikos kommt vom altgriechischen Wort für Schnecke. „Φερεοίκος“, die die ihr Haus mitbringt. Und „Gefsis“ ist der Plural für das griechische Wort für Geschmack. 

Schnecken zu Essen hat nicht nur in Griechenland eine lange Tradition. Mit der Ausdehnung des Römischen Reiches fand die Weinbergschnecke breite Aufmerksamkeit auf den Tischen und in den Töpfen der Europäer. Es wurden berühmte Schneckenfarmen gegründet, so zum Beispiel im Schwabenland. Zwischen Ulm und Wien entstand in der Folge ein reger Handel, der bis ins 18. Jahrhundert prächtig gedieh. Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Schnecke in Frankreich ebenso wie in Süddeutschland und in vielen anderen – insbesondere katholischen Ländern – als vorzügliche Fastenspeise. Seinerzeit noch ein Alltagsessen, das sich alle Menschen leisten konnten, wurden Schnecken allmählich zu einer Rarität, die fast nur noch in Delikatessenläden und Gourmetrestaurants zu finden war. Doch die Renaissance der Schnecke scheint eingeleitet. 

Viele köstliche Rezepte gibt es für die Zubereitung der Weinbergschnecken. Nach längerem Regen kann man die wildlebenden in vielen Gegenden, auch außerhalb Griechenlands, leicht und zahlreich einsammeln. Oder aber, man greift gleich zu den Produkten von „Fereikos“. Diese sind bereits küchenfertig vorbereitet und traditionelle, aber auch moderne Rezepte aktueller Starköche werden gleich mitgeliefert. Mit Reis und Schnecken gefüllte Weinblätter, Tagliatelle mit Schnecken, Kapern, Oliven und Tomaten, oder frittierte Schnecken machen Appetit sich gleich einmal selber als Schneckenkoch auszuprobieren.

„In unseren Farmen wird die bei Feinschmeckern ganz besonders beliebte Sorte Helix Aspersa Müller gezüchtet“, sagt Maria. Die so genannte „kleine Graue“ ist eine mittelgroße Art, die nicht nur besonders schmackhaft, sondern auch noch außerordentlich gesund ist. Helix Aspersa Müller wiegt 12 bis 16 Gramm und ihr Haus hat eine durchschnittliche Größe von 28 bis 39 mm. Die leckeren Tierchen enthalten reichlich Proteine, außerdem weniger Fett als Fisch und sogar die Dermatologen haben die heilende Wirkung ihres Schleims für sich entdeckt. Cremes aus diesem werden, wenn man zahlreichen Berichten glauben darf, erfolgreich gegen Akne eingesetzt. 

Die langsamen Tierchen werden, je länger man sich mit ihnen beschäftigt, immer interessanter. Gerade die vielen positiven Eigenschaften der Schnecken sind es, die die Vlachou-Schwestern nutzen, um ganz gezielt auch Schulklassen anzusprechen. Sie kommen gerne und zahlreich nach Korinth, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

„Wir haben dafür extra eine kleine Minifarm im Hof eingerichtet“, erzählt Maria voller Leidenschaft. „Komm, ich zeig’s dir!“ Hinter der Kühl- und Lagerhalle der Firma zeigt mir Maria das etwa 25 x 25 Meter große Areal. Unter den gleichen Bedingungen wie in den echten Produktionsstätten, aber deutlich kleiner, werden hier Helix Aspersa Müller gezüchtet. Und hierhin führen sie die Schulkinder um ihnen einen Überblick über die Aufzucht dieser uralten Traditionstierchen zu geben. Der Andrang ist riesig. Wöchentlich sind Schulklassen zu Besuch, oftmals mehrere pro Woche. Auf schmalen Wegen können die Kinder an den mit saftigen Gemüse bepflanzten Zuchtflächen entlanglaufen und die Schnecken beobachten. Damit diese nicht entwischen, sind feine Netze an den Maschendrahtzäunen gespannt, und eine regelmäßige Berieselung sorgt dafür, dass sich die Zuchttiere pudelwohl fühlen. 

„Nach einem Jahr sind die Schnecken geschlechtsreif. Jedes Tier legt etwa 120 Eier.“ Maria hält mir ein zierliches Babyschneckchen vor die Nase. „Schnecken sind Zwitter“, sagt sie und ergänzt: „Sie bekommen alle Babys!“ Sie vermehren sich schnell und nach einem Jahr sind sie geschlechtsreif. Bis zu zwanzig Jahre alt kann eine Zuchtschnecke werden. Leicht verdientes Geld kann Maria den angehenden Züchtern dennoch nicht versprechen. Es gäbe reichlich zu tun und die Farmer sollten sich mit voller Hingabe dem Job widmen und sich in der Landwirtschaft wohlfühlen. Damit die potentiellen Schneckenzüchter nicht unvorbereitet an ihre neuen Aufgaben gehen, bietet „Fereikos“ auch Vorbereitungsseminare für Interessierte an. 

Als ich mit Maria wieder in ihr Büro schlendere, deutet sie auf ihre Schwester, die hinter einer Glastür im Konferenzraum mit einer kleinen Gruppe angehender Schneckenfarmer diskutiert. Die überwiegend jungen Neubauern schauen gebannt zu Panajota, die ihnen anschaulich mit einem großen Modell einer Schneckenzucht, das vor ihnen auf dem Tisch aufgebaut ist, den komplexen Ablauf bis ins Detail erläutert. Ich sehe in frohe, glückliche Gesichter. Angesichts der schweren Finanzkrise scheinen die Schnecken einen Silberstreif der Hoffnung an den Himmel zu projizieren. Und die Vlachou-Schwestern haben vorgemacht, wie innovative Ideen perfekt umgesetzt, zum Erfolg führen können. 

Beim Abschied von Maria hatte ich mir einen Beutel mit frischen Schnecken mitgeben lassen. Als ich diese meiner guten Freundin Eleni in Toló präsentierte, war sie begeistert von den Prachtexemplare aus Korinth. Eleni kochte uns ein Schnecken-Stifado, das einfach und fantastisch zugleich war. Es würde mich nicht wundern, wenn dieses Gericht eines Tages wie selbstverständlich auf fast jeder Wirtshauskarte im Schwabenländle zwischen Schnitzel und Spätzle zu finden wäre. 

Im alten Christentum galt die Weinbergschnecke übrigens als Symbol für die Auferstehung. Aus der Krise zur Renaissance der Schneckenkost! Auf den Internetseiten von Fereikos findet sich frei übersetzt unter dem Stichwort Visionen Folgendes: „In einer Welt des kontinuierlichen Wandels wollen wir vorangehen und dabei (wie die Schnecke) unser Haus vorwärts tragen.“

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