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Vinum - Genuss für Geist und Gaumen in Patras

  756 Wörter 3 Minuten
2016-08-15 2017-04-24 15.08.2016 2.203 × gelesen

„Wo ist Schönheit?“ Diese Frage haben die Macher des Magazins der Süddeutschen Zeitung in der Ausgabe vom 7. Oktober gestellt - sich selbst, aber auch namhaften Berufsästhetikern wie Graphikern, Photographen, Designern, Illustratoren u. a. Deren Antworten waren überaus mannigfaltig, mal mehr - mal weniger überzeugend, stets subjektiv und bewegten sich geographisch zwischen Konstanz und Kopenhagen, Glasgow und Manila, Dubai und Hanoi, verteilten sich also über den ganzen Globus.
Reduziert man radikal den Maßstab und macht sich etwa in der griechischen Hafenmetropole Patras - immerhin die nächstjährige Kulturhauptstadt Europas - auf der Suche nach der Ästhetik, hat man es logischerweise schwerer, fündig zu werden. Die schändliche Nachkriegsarchitektur, die der griechischen Urbanität ihren hässlichen Stempel aufgedrückt hat, das nicht enden wollende Antennenmeer, der überbordende Autoverkehr, die geradezu erstickende Enge - diese Freveltaten haben sich auch in Patras Bann gebrochen und machen es Schöngeistern und Genießern wahrlich schwer, des Erhabenen habhaft zu werden. Doch die Schönheit hat auch hier ihre festen Adressen. Eine davon ist seit nunmehr anderthalb Jahren die Oinothiki (Vinothek) „Vinum“ auf der belebten Karaiskaki-Straße im Zentrum der Stadt.

Das „Vinum“ ist zu hundert Prozent handgemacht. Die Innenausstattung des kleinen Weinlokals erfolgte ausschließlich nach künstlerischen Gesichtspunkten und trägt die Handschrift des sehr talentierten, mittlerweile in Berlin lebenden und wirkenden griechischen Künstlers Kleomenis Kostopoulos. Jedes gestaltende Element fügt sich in idealer Weise zum anderen: das matte Smaragdgrün des selbstredend ebenfalls in mühevoller Handarbeit gefertigten Mobiliars etwa zu den terrakottarot bemalten Wänden, auf denen diskret Motive Leonardo da Vincis hindurchschimmern. Das zentrale Leitmotiv der Betreiber, deren ausgesprochener Sinn für Ästhetik sich mitunter intensiv zugebrachten theologisch-philosophischen Lehrjahren verdankt und den Besucher schon während des Eintretens in diesen kleinen Tempel der Sinnlichkeit fesselt, besteht darin, Menschen anzulocken, die sich für Wein „bloß“ interessieren, um sie dann unter dem geradezu intriganten Einsatz aller denkbaren Versuchungen für Gaumen, Augen, Seele und Geist in leidenschaftliche Liebhaber des köstlichen Traubensaftes zu verwandeln. Das ambitionierte Ziel des Unternehmens „Vinum“ ist nichts Geringeres, als seinen Gästen die Möglichkeit zu bieten, Weine von den interessantesten Anbaugebieten der ganzen Welt kennen zu lernen, mit anderen Worten: sie auf die Reise zu jenem fiktiven Ort mitzunehmen, an welchem selbst die Zeit bereit ist, zugunsten des Genusses stehen zu bleiben.

Dabei lassen sich die am Projekt „Vinum“ Beteiligten ihr Weinsortiment nicht vom Markt diktieren; zu ihrer Firmenphilosophie gehört es vielmehr, ihr Angebot nach selbst bestimmten Auswahlkriterien zusammenzustellen. Die Wahl des Herkunftslandes, des jeweiligen Anbaugebietes und des je konkreten Weingutes orientiert sich ausschließlich am Kriterium des Verhältnisses zwischen Preis und Qualität. Die Institution „Vinum“ fußt nicht zuletzt auf der demokratischen Überzeugung, dass ansprechender Qualitätswein von allen Menschen gleichermaßen getrunken werden sollte. Dieses hehre Ziel ist im „Vinum“ umgesetzt worden, da man zusätzlichen Aufwand und Mühe nicht scheute und einen Bogen um den Zwischenhandel direkt zu den Produzenten spannen konnte.

Der Wein hat in erster Linie mit Genuss zu tun, und Genuss stützt sich auf Wissen. Der Wein ist das Produkt mit der weltweit größten Bandbreite und Vielfalt. Es gibt tausende und abertausende von Weinen, die nur darauf warten, uns zu verführen, hunderte von Rebsorten und Weingütern wollen von uns entdeckt werden, dutzende von Aromen und Farbnuancen entfalten sich in unserem Weinglas und warten darauf, von uns erforscht und richtig eingeschätzt zu werden. Die Welt des Weines ist voll von bewegenden Momenten, voll Offenbarungen, sie kennt keine Grenzen. Hierin verbirgt sich schließlich auch ihr Reiz …

An den Vormittagen fungiert das „Vinum“ als Weinladen, wo der Kunde, der hier immer als Gast gesehen wird, die Möglichkeit hat, entspannt durch das reichhaltige Sortiment zu flanieren, die Anbaugebiete der klassischen, aber auch der neuen Weinländer kennen zu lernen und jeden einzelnen Wein selbst zu probieren. Selbstverständlich bietet das „Vinum“ einen guten Querschnitt aus der Produktpalette der vielen, kleinen und überaus ambitionierten griechischen Weingüter, die in den letzten Jahren mit hervorragenden Weinen aufwarten und die internationale Fachwelt eins ums andere Mal überraschen konnten. Abends verwandelt sich das „Vinum“ in ein gemütliches Lokal, wo man sich in anregender Atmosphäre und netter Runde bei geschmackvoll zubereiteten Häppchen den einen oder anderen edlen Tropfen zu Gemüte führen kann. Für die gerade angebrochene Saison ist zudem eine Reihe von Veranstaltungen literarischer und philosophischer Art geplant, wo der Reflexion über den Wein als Kulturgut viel Platz eingeräumt werden soll.

Wo ist Schönheit? Auch in Patras lassen sich auf diese Frage viele und sehr unterschiedliche Antworten finden; ganz sicher ist die Schönheit aber in jenem faszinierenden Ort namens „Vinum“ zu Hause, in der Karaiskaki-Straße 146. Wer künftig über den Hafen von Patras nach Griechenland einreist, sollte sich unbedingt Zeit für einen Besuch nehmen. Es wird sich lohnen.