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LÄUFER - Der startende Läufer in Olympia und der Waffenläufer in Tübingen

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2019-02-23 2019-02-23 23.02.2019

Zwei Bronzestatuetten aus der Jahrhundertwende vom 6. zum 5. Jh. v. Chr. Der startende Läufer in Olympia und der Waffenläufer in Tübingen* - Zwei bemerkenswerte Bronzestatuetten des Übergangs von der archaischen zur frühklassischen Epoche des antiken Griechenland sind im Museum in Olympia und im Museum der Universität auf dem  Schloss Hohentübingen ausgestellt. Die eine Bronzestatuette, der sog. startende Läufer, mißt etwa 10 cm und kam bei den Grabungen im Zeusheiligtum in Olympia zutage, die andere,der sog. Tübinger Waffenläufer, wurde bereits 1798 der Universität Tübingen durch den Regierungsbeamten Carl Sigmund Tux (1715-1798) vererbt, der sie wiederum von seinem Vater geerbt hatte, und stammt höchstwahrscheinlich von der Athener Akropolis. 

Beide Bronzestatuetten markieren jede auf ihre Weise die Zeit der frühklassischen Kunst oder des Strengen Stils, also die Jahre um 500/490 bis 460/450 v. Chr., in denen die statuarische Kunst den Weg zur „Daseinsform“ fand, wie es der Archäologe Werner Fuchs (1927-2016) ausdrückt: „Alle Skulptur ist immer Auseinandersetzung von Körper und Raum oder, abstrakter gesprochen, von Masse und Leere. Jedes plastische Gebilde nimmt einen Bezug zum umgebenden Raum auf, selbst da, wo dieser Bezug absichtlich negiert wird oder auch da, wo er noch nicht als künstlerisches Problem besteht. Mit der Ausbildung der Form wird die Masse des ursprünglichen Materials  - Ton, Holz, Elfenbein, Stein, Marmor, Bronze oder anderes Metall - infolge des Zeitprozesses zur Gestalt verarbeitet. Die griechische Entwicklung strebt, und das ist schon früh angelegt und bereits im Geometrischen erkennbar, zur Erfassung der Gestalt in der Funktionaliät der Formen. Dies erreicht jedoch erst die klassische Kunst im 5. Jahrhundert, die sich damit über die gesamte auf der archaischen Stufe verharrenden Kunst der Mittelmeerwelt sowie Asiens und Europas erhebt. Die frühe Klassik tritt in ihrer ersten Phase, dem sogenannten Strengen Stil, durchaus als alle Formen revolutionierende Bewegung auf:  Klassik selbst ist bei ihrem Auftreten das Gegenteil von dem, was reaktionär-klassizistische Kunstgesinnung aus ihr gemacht hat. Wohl kann man sagen, dass im klassischen Menschenbilde die latenten Bewegungsmöglichkeiten, die im archaischen Kuros als Typus liegen, aktualisiert worden sind unter Einbezug des Zeitmomentes. Aber diese Aktualisierung der starren archaischen Form ist zugleich ihre Revolutionierung:  ein Flüssig- und Beweglichmachen des bis dahin objektiv Festen.“ ¹

Bronzestatuette eines startenden Läufers in Olympia

Die nordwestlich des Stadions gefundene Bronzestatuette im Museum von Olympia ² zeigt einen nackten Athleten auf einer Basis, dessen Kopf „im feinziselierten Haar noch spätarchaisches Erbe bewahrt“, wie Werner Fuchs zu Recht betont. Die Kurzhaarfrisur mit dem „am Hinterkopf eingerolltem Haar“ ist in der Tat sorgsam gestaltet und umspielt das Haupt. Darin können die Archäologen noch ein archaisches Erbe erkennen, denn die Frisur erinnert noch durchaus an die Frisur der Bronzestatuette des Herakles aus Arkadien im New Yorker Metropolitan Museum ³ der Jahre um 530 v. Chr., dessen feinziseliertes Haar gleichfalls den bärtigen Kopf umrahmt. Ein Vergleich dieser spätarchaischen Bronzestatuette mit der Bronzestatuette in Olympia zeigt an, dass die olympische Statuette in die Übergangsphase des sog. Strengen Stils zu datieren ist, nach Meinung von Werner Fuchs in die Jahre „zwischen 500 und 490 v. Chr.“. Sie spiegelt das Bemühen des Meisters, die Figur in ihre neue „Daseinsform“ zu überführen, ihr also ein natürliches menschliches Aussehen zu geben – im Körperaufbau ebenso wie im Bewegungsablauf. Die Bronzestatuette des Läufers in Olympia ist nicht mehr im Kurosschema gestaltet, deutet vielmehr den Bewegungsablauf im Moment des Startens genau an. Gerade hierin wird die zögerliche Anspannung des gesamten Körpers deutlich: der nach vorn gerichtete Oberkörper mit dem mächtigen Hals und dem wie zart wirkenden Kopf, darin die ganze Anspannung des Läufer zutage tritt; dann die nach vorn geführten, weit in den Raum greifenden Arme und die insgesamt angespannte rechte Körperhälfte, deren Fuß noch fest auf der Erde - in diesem Fall: auf der Basis - aufsteht, wohingegen das linke Bein sich bereits im Absprung befindet, zumindest diesen andeutet, indem schon die Ferse leicht angehoben ist. Für Werner Fuchs und andere Archäologen ist diese Haltung der Statuette aussagekräftig: „Das linke Bein ist leicht vorgesetzt, die Ferse des linken Fußes dabei angehoben. Zwar öffnet sich die Bewegung nur zögernd dem Startsprung, aber durch das Heben der linken Ferse wird deutlich, dass der Läufer nicht mehr in ein vorgeprägtes Schema eingezwängt ist, sondern schon sich selbst zu regen und zu bewegen beginnt“ ⁴ Und nicht zuletzt die bewusst gezeigte Blickrichtung des Läufers, der das ferne Ziel sozusagen bereits im Blick hat und im Moment der Konzentration auf den Start erfasst ist. Also ist insgesamt ein Bewegungsschema erkennbar, dass  - wie Werner Fuchs es formuliert -  „schon selbst sich zu regen und zu bewegen beginnt“ und somit das Startmotiv dieses Läufers darlegt. Dieses ist zwar nur zaghaft angedeutet, gibt aber dennoch den Startsprung deutlich zu erkennen. Interessant ist des Weiteren, dass die kleine Bronzestatuette eine Weihung an Zeus, den Herrn des Heiligtums in Oympia, inschriftlich besitzt, die besagt: "Ich gehöre Zeus" ("ΤΟ ΔΙΟΣ ΙΜΙ" = wörtlich: Des Zeus bin ich) ⁵. Damit ist klar, dass die Statuette dem Herrn des Heiligtums geweiht war und im Rahmen der Wettkämpfe zu Ehren des Zeus zu sehen ist, darin „vier Läufe über drei Distanzen sowie in Waffen“ an dritten Tag der über vier Tage dauernden Wettkampfveranstaltungen ⁶ eine wichtige Rolle spielten. Darüber hinaus verraten die Buchstabenformen dieser Inschrift auf dem rechten Oberschenkel der Bronzestatuette eindeutig einen argivischen Einfluss, was zur Folge hat, dass wir in dieser Statuette durchaus die Arbeit eines argivischen Künstlers der Jahre um 490 v. Chr. sehen dürfen, der „sich noch nicht wirklich zur frühklassischen Daseinsgebärde im frühen Strengen Stil durchgerungen hat“ (W. Fuchs), jedoch auf dem besten Weg dorthin ist und somit sein ganzes künstlerische Vermögen unter Beweis stellte. Ein gelungenes kleines Meisterwerk!  

Der Tübinger Waffenläufer

Die zweite Bronzestatuette, die wir im Rahmen dieser Untersuchung kurz betrachten wollen, befindet sich in der Archäologischen Sammlung der Universität Tübingen im Schloss Hohentübingen und ist der berühmte Tübinger Waffenläufer ⁷. Eine Statuette „aus massiver Zinnbronze, die einen unbekleideten Mann mit Helm in leichter Schrittstellung zeigt,“ ⁸ und ein lang bekanntes Meisterwerk des Strengen Stils ist. Einstmals war die Statuette Bestandteil der Privatsammlung des Regierungsrates, Lehens- und Wechselgerichtssekretärs Carl Sigmund Tux (1715-1798) und gelangte nach dessen Tod in die Sammlung der Universtät Tübingen. Erst in den 20er Jahren des 19. Jhs. erkannte der Münchner Hofrat Friedrich Thiersch, ein bedeutender Philologe, den wahren Wert dieser Bronzefigur, als ihm „die Ähnlichkeit (…) mit den fast lebensgroßen Giebelskulpturen aus Marmor des Aphaia-Tempels auf Ägina (auffiel), die damals gerade in München angekommen waren, ergänzt und rekonstruiert durch den Bildhauer Bertel Thorvaldsen in Rom“ ⁹. Seither ist die Bronzestatuette immer wieder Gegenstand archäologischer Forschung und Diskussion.

Der damalige Ordinarius für Klassische Archäologie der Universität Tübingen Professor Ulrich Hausmann (1917-1996) widmete dem Tübinger Waffenläufer anlässlich des 500jährigen Bestehens der Eberhard-Karls-Universität Tübingen im Rahmen der >Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte< eine ausführliche Studie, daran sich mehrere namhafte Forscher mit unterschiedlichen Beiträgen beteiligten. Neuerdings hat Kathrin B. Zimmer eine ausführliche Studie über dieses Bronzewerk vorgelegt ¹⁰. Sinn und Zweck der von U. Hausmann herausgegebenen Untersuchung war es, die Statuette unter möglichst vielen wissenschaftlichen Aspekten zu umschreiben, einzuordnen und zu bewerten. Dabei spielten immer wieder auch Röntgenaufnahmen, Materialanalysen und „aktuelle Untersuchungen der Oberfläche mittels ortsaufgelöster μ-Röntgenfluoreszenz und μ-Röntgendiffraktometrie“ eine Rolle und brachten neue Erkenntnisse wie z. B. die Tatsache, dass die Statuette ein „Vollguss nach dem Wachsausschmelzverfahren“ darstellt und ihre  Basis „aus 88 Prozent Kupfer, 11 Prozent Zinn und 0,4 Prozent Eisen“ besteht. Neuere Untersuchungen „lassen deutlich eine etwas andere Legierung von Figur und Standplatte erkennen und weisen darauf hin, dass Figur und Standplatte wohl erst in der Neuzeit zusammengefügt wurden“. Diese technischen Details sind die eine Seite der Forschungsmedaille, die andere sind die archäologischen Untersuchungen der Statuette, ihre zeitliche Einordnung und ihre landschaftiche Zuweisung. Dazu gehört auch die Erkenntnis des Archäologen und Privatgelehrten Friedrich Hauser (1859-1917), dass es sich bei der Tübinger Bronzestatuette aufgrund der Haltung der Figur nur um einen „Waffenläufer in Startposition“ handeln könne. Eine Erkenntnis, die eigentlich bis heute unbestritten ist. Wegen der Nacktheit der Figur kann es sich bei dieser Bronzestatuette nur um einen Waffenläufer im sportlichen Wettkampf handeln und nicht um einen Krieger. Zu Recht bezeichnete der Basler Archäologieprofessor Karl Schefold (1905-1999)¹¹ die Statuette als „Lehrstück der Kunstgeschichte“, wie zahlreiche Vergleichsbeispiele in der Vasenmalerei und der Münzprägung inzwischen belegen. Beide Bemerkungen  - die Erkenntnis Friedrich Hausers ebenso wie die Einschätzung Karl Schefolds -  lassen sich ohne Weiteres sowohl durch schriftliche Quellen als auch durch die bildliche Überlieferung bestätigen und belegen „die Sonderstellung des Waffenlaufs“, wie Kathrin B. Zimmer formuliert:  eine „Disziplin, die in der griechischen Antike in Siegerlisten und Sportinschriften als ’hoplites’ (der Schwerbewaffnete) oder ’hoplites dromos’ (Lauf in schwerer Rüstung) bezeichnet wurde“ und „als Agon der Männer (…) in der 65. Olympiade, also 520 v. Chr., in Olympia erstmals durchgeführt (wurde)“. Außerdem können wir den antiken Quellen entnehmen, dass „der berühmteste Austragungsort für den Waffenlauf aber (…) Plataiai (war), der Ort, an dem 479 v. Chr. die Perser durch die Athener vernichtend geschlagen worden waren“. Darüber hinaus stellt Kathrin B. Zimmer fest, dass „allein in Plataiai (…) der Waffenlauf über ganze 15 Stadien (= 2700 Meter) ausgetragen (wurde), weswegen dessen Sieger auch als ’bester der Griechen’ gerühmt wurde“. 

Allein aus dieser Quellenüberlieferung lässt sich ablesen, dass die Tübinger Bronzestatuette genau diesen Typus des Waffenläufers vertritt und demzufolge „als Votiv eines siegreichen Athleten“ angesprochen werden darf. Betrachten wir nun die Bronzestatuette ¹² genauer, so fällt sofort „die in einem großen Bogen gespannt(e)“ Haltung des muskulösen Oberkörpers auf, dazu die weit nach vorn geführte und ausgestreckte rechte Hand, wohingegen die linke Hand ein wenig angewinkelt ist, gleichsam bereit zum Halten des Schildes, den wir hier der „Bohrung in der linken Faust“ zufolge wohl ergänzen müssen. Also ist zweifelsfrei ein sog. Hoplitodrom, ein „Waffenläufer im Augenblick des Starts“, gemeint. Die Figur ist unbekleidet und bärtig, wobei nach Claude Rolley „sein Bart (an)zeigt, dass er an dem Lauf in der Gruppe der Erwachsenen teilnahm“. Außerdem ist der französische Archäologe Claude Rolley (1933-2007) der Meinung, dass die Bronzefigur „von vorn gesehen werden (sollte), unter Verzicht auf die sich heute ergebende so reizvolle Profillinie“. Wie der Archäologe Werner Fuchs betont, ist „der Körper (…) jetzt wirklich in einem großen Bogen gespannt, aus dem der nächste Schritt, der Startsprung, hervorbrechen wird“. Dazu passt auch, dass „der linke Fuss leicht nach vorne gestellt ist und der rechte Arm mit offener Hand horizontal nach vorne gestreckt wird“, wie bereits gesagt, und die Figur „mittels zweier runder Zapfen an den Fußsohlen (…) mit ihrer flachen bronzenen Standplatte fest verbunden (ist)“. Diese Anspannung lässt deutlich erkennen, dass sich der Waffenläufer im Moment des Absprungs befindet. Wie W. Fuchs sagt, ist „das Zeitmoment ganz im Körper konzentriert“, weswegen die Figur vor allem im Vergleich mit den Kriegern „des jüngeren Ostgiebels von Aegina“ in die Jahre um 490 v. Chr., „kurz vor oder nach der Marathonschlacht“, zu datieren ist, also in die Zeit des Strengen Stils. Dabei fügt Fuchs hier die Bemerkung an: „Die wirkliche Wende zum Strengen Stil wird dem Gesagten gemäß kaum vor 490 erreicht. Die Jahre zwischen 510 und 490 sind noch die Krisenjahre, in denen am festgefügten System der spätarchaischen Seinsform gerüttelt wird, aber die neue strenge Daseinsform noch nicht wirklich gefunden ist.“ Es ist demnach die Zeit des Übergangs, aber auch die Zeit der Auseinandersetzungen mit den Persern und schließlich des Sieges der Griechen über die Perser, weswegen K. B. Zimmer ihrer neueren Untersuchung des Waffenläufers von 2015 den Untertitel >Ein griechisches Meisterwerk aus der Zeit der Perserkriege< gab. Ein Vergleich des Tübinger Waffenläufers mit der berühmten Bronzestatuette des Zeus von Dodona in den Staatlichen Museen Berlin ¹³ aus den Jahren um 460 v. Chr. zeigt indes die Weiterentwicklung des Bewegungsmotivs. Gleichzeitig wird die Nähe dieser Bronzen zum sog. Poseidon aus dem Meer bei Kap Artemision im Athener Nationalmuseum ¹⁴ spürbar, den wir als ein großartiges Meisterwerk in die Jahre um 470/460 v. Chr. einordnen dürfen und dessen darstellerische Kraft ganz „im Moment des Zielens“ dieses Gottes und „in der Gebärde seiner momentanen Aktion“ zu sehen ist, wie es der Archäologe Werner Fuchs einst so treffend beschrieb. Diese Beispiele mögen zur Dokumentation des Strengen Stils genügen und belegen die Entwicklung der plastischen Darstellung  von der spätarchaischen Epoche Griechenlands bis in die frühklassische Kunst der Jahre um 460 v. Chr., als die Daseinsform zur vollen Entfaltung in der plastischen Kunst kam. 

Ist die Datierung des Waffenläufers einigermaßen gesichert, so bleibt noch die Frage der landschaftlichen Zuordnung dieser Figur zu klären. Argos, Korinth, Aigina, Attika  - das sind einige Landschaften, die in die Diskussion um die landschaftliche Zuordnung dieser Bronzefigur geworfen wurden, wobei unbestritten ist, dass die Figur in der Antike als Weihgabe auf die Athener Akropolis gelangt und dort aufgestellt war, bevor sie in die Privatsammlung Tux gelangte und nach dessen Tod in die Tübinger Antikensammlung. Will man sich dem Phänomen der landschaftlichen Zuordnung nähern, sollte man m. E. den Kopf des Waffenläufers näher betrachten. Vorder- und Seitenansicht bestätigen das fein ausgearbeitete Antlitz des Sportlers, dessen spitz zulaufendes Kinn von einem fein gearbeiteten Bart umrahmt ist. Augen, überhöht angegebene Augenbrauen und die geradlinige Nase bestimmen das Antlitz dieser Bronzestatuette, dazu Oberlippen- und Backenbart und das in mehreren Reihen aus dem Helm heraustretende Haar, das die Stirn in mehren Lockenreihen umfängt. Dies ist durchaus noch eine Gesichtsbildung, die nahtlos an die spätarchaischen Formen anknüpft, wohingegen der gesamte Körperaufbau die Weiterentwicklung der Statuette verrät. Das Verharren in der spätarchaischen Form gerade im Bereich des Kopfes einerseits und die Fortführung des Bewegungsansatzes vor allem in der körperlichen Ausgestaltung der Figur andererseits sind wichtige Momente, die die Zeitstellung dieser Statuette umreißen, gleichzeitig aber auch Hinweise für deren landschaftliche Zuordnung ¹⁵ liefern. Also ist aufgrund von Vergleichen mit anderen gleichwertigen Werken nach stilistischen Merkmalen zu suchen, die eine landschaftliche Zuordnung einigermaßen gesichert erlauben. Dabei ist gleichfalls das Phänomen der Wanderkünstler oder Wanderwerkstätten zu berücksichtigen, weswegen der Archäologe Heinrich Brunn (1822-1894) einen engeren Bezug zum Werk des Pythagoras von Rhegion herzustellen versuchte. Von diesem Künstler gibt es offensichtlich „neben einer Reihe von Athletenbildern (…) auch eine Waffenläuferstatue (…) in Olympia, sodass „man sicher davon ausgehen darf, dass der Wanderkünstler nicht nur die Kunst Großgriechenlands, sondern auch die des Mutterlandes in der Zeit des strengen Stiles beeinflusst hat, wie es seine weitgespannte Tätigkeit im gesamten griechischen Raum und seine Berühmtheit in der Antike (…) belegen“ ¹⁶. Allerdings blieb dieser Vorschlag bislang der einzige, sodass wir diesen bedeutenden Künstler zwar getrost aus unserer Liste der möglichen Landschaftszuordnung streichen können, ihn aber dennoch als einen wichtigen Meister dieser Zeit beachten müssen, dem wir wichtige Differenzierungen ¹⁷ in der plastischen Körperwiedergabe verdanken. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, werfen wir unser Augenmerk zunächst auf Aigina, obwohl wir „nur sehr wenig über die Anfänge der aiginetischen Plastik wissen“. Ausschlaggebend hierfür ist in erster Linie die Ähnlichkeit des Tübinger Waffenläufers mit den Giebelfiguren des Aphaiatempels auf Aigina in München, obwohl zu berücksichtigen ist, dass es sich hierbei um Marmorwerke und nicht um „die für die aiginetische Schule so berühmten Erzwerke“ handelt. Trotzdem ist „von der plastischen Körperstruktur her (…) die Statuette mit drei Torsen des Ostgiebels (zu) vergleichen:  mit denjenigen des rechten Vorkämpfers O II, des Zurücksinkenden O III (…) und des Helfers O IV“ ¹⁸. Wenngleich die Übereinstimmungen zwischen dem Tübinger Waffenläufer und den genannten aiginetischen Objekten zunächst marginal erscheinen mögen, so sind sie doch bemerkenswert und verdienen einer genauen fachlichen Beurteilung. Dabei fallen z.B. vor allem zahlreiche Ähnlichkeiten bzw. Übereinstimmungen im Bereich der Köpfe auf, Übereinstimmungen in der Gestaltung des Backenbartes ebenso wie in jener des Oberlippenbartes, auch in der leichten Mundöffnung und der Hervorhebung der Backenknochen und sogar in „der Anlage von Augen und Nase“. Übereinstimmungen, auf die der Archäologe und langjährige Leiter der Münchener Glyptothek und Antikensammlungen Dieter Ohly (1911-1979) bereits hingewiesen hat. Bemerkenswert ist des Weiteren die Übereinstimmung mit dem Bronzekopf im Athener Nationalmuseum 6446 ¹⁹, der auf der Akropolis von Athen gefunden wurde und von K. Schefold „mit dem Werk des Kalon in Zusammenhang gebracht (wurde)“. Bei dem Athener Bronzekopf war die Schädelkalotte von einem eigens gearbeiteten Helm verdeckt, dessen Befestigungsspuren noch am Kopf erkennbar sind. Wichtiger jedoch sind „die straffen Flächen des Antlitzes“, die „durch die kantigen Begrenzungslinien gesteigert (werden)“, wie der Archäologe José Dörig in seinem Beitrag hervorhebt. Beachtenswert ist bei diesem Vergleich zwischen  dem Tübinger Waffenläufer und dem Bronzekopf von der Akropolis „die knappe, energische Formulierung“ beider Werke, die wohl eher „dem Gesichtstypus der Aigineten“ entspricht, wie ich ausdrücklich betonen möchte. Damit erscheint mir die Zuweisung des Tübinger Waffenläufers in eine aiginetische Werkstatt am wahrscheinlichsten, wenngleich damit die Diskussion um die landschaftliche Zuordnung dieser meisterhaften Bronzestatuette keineswegs abgeschlossen sein wird. 

 

Anmerkungen

 * Der startende Läufer. Bronzestatuette. H.: 10,2 cm. Olympia, Museum Inv.B 26. „Die Statuette ist mitsamt der Basis gegossen“. Waffenläufer. Bronzestatuette. H.: 16,35 cm. Tübingen, Museum der Universität im Schloss Hohentübingen. 

  1. W. Fuchs, Die Skulptur der Griechen, München 1969, 8.
  2. W. Fuchs, a. O., 62 f. Abb. 51. Olympia-Bericht I, 1937, 20 Abb. 12 f. (A. v. Gerkan),77 ff. Abb. 41 f. Taf.  23 f. (R. Hampe – U. Jantzen).  G. M. A. Richter, A Handbook of Greek Art, 1963, Abb. 274. W. Fuchs, Kleinplastik, in: A. Mallwitz/H.-V. Herrmann (Hrsg.), Die Funde aus Olympia. Ergebnisse hundertjähriger Ausgrabungstätigkeit, Athen 1980, 156 f. Taf. 107, 1. (mit weiterer Lit.).
  3. Bronzestatuette des Herakles aus Arkadien. New York, Metropolitan Museum Inv. 28.77(Fletcher Fund, 1928). 4. V. 6. Jh. v. Chr.  Höhe: 12,8 cm. Wohl in Arkadien gearbeitet. Angeblich aus Mantinea. W. Fuchs, a. O., 40 ff. Abb. 24.  E. Langlotz, Frühgriechische Bildhauerschulen, 1927, Nr. 26 Taf. 27 b.  G. M. A. Richter, a. O., Abb. 267.  Dies., A Bronze Statuetteof Herakles, in:  Bulletin of the Matropolitan Museum of Art, 23 (11), 266-268 Abb. 1-3. https://www.metmuseum.org/art/collection/search/252975 (mit Abb. und weiterer Lit.).
  4. W. Fuchs, in: A. Mallwitz/H.-V. Herrmann (Hrsg.), a. O., Athen 1980, 156.
  5. Inschrift: "Ich gehöre Zeus.":  http://kunstundfilm.de/2012/11/mythos-olympia/2/ (Abb. Foto Berliner Festspiele, Martin-Gropius-Bau).  
  6. Die über vier Tage gehenden Wettkampfveranstaltungen in Olympia begannen am Vormittag des 1. Tages im Hippodrom mit den Pferderennen, während nachmittags „im Stadion  die Disziplinen des Fünfkampfs“ stattfanden („Diskus- und Speerwurf, Weitsprung, 190-Meter-Stadion-Lauf und Ringen“). Ritueller Höhepunkt des Wettkampffestes war dann der zweite Tag, das Fest zu Ehren des Göttervaters Zeus mit der Opferung der hundert Stiere, wohingegen am dritten Tag die Wettkämpfe mit „vier Läufen über drei Distanzen sowie in Waffen“ sowie mit Ringen, Boxen und Pankration fortgesetzt wurden. Der vierte Tag der Veranstaltung in Olympia war dann für die Siegerehrung reserviert, wobei die Sieger in den Wettkämpfen nur einen Olivenkranz erhielten. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass der Ansehen der Sieger in den Wettkämpfen in Olympia sehr hoch war und sie gerade in ihren Heimatgemeinden heroisiert wurden und meist einen hohen materiellen Gewinn davontrugen. Vor allem aber durften sie den Göttern zum Dank Weihgeschenke darbringen, meist aus kostbaren Materialien, die dann in den jeweiligen Schatzhäusern in Olympia aufbewahrt wurden. Unsere Bronzestatuette eines Siegers scheint ein derartiges Weihgeschenk gewesen zu sein und wurde bei Grabungen nordwestlich des Stadions gefunden.  
  7. https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/museum-im-schloss/museum-alte-kulturen.html.
  8. Schwäbisches Tagblatt vom 5. 1. 2016 >Kleiner Athlet als Meisterwerk: Schatz des Monats Januar:  Der Waffenläufer ist ein altbekanntes Tübinger Highlight< von Kathrin B. Zimmermann. https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Schatz-des-Monats-Januar-Der-Waffenlaeufer-ist-ein-altbekanntes-Tuebinger-Highlight-271841.html.  
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%BCbinger_Waffenl%C3%A4ufer.
  10. U. Hausmann (Hrsg.),Der Tübinger Waffenläufer. Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte, hrsg. von U. Hausmann und K. Schwager. Bd. 4, Tübingen 1977. K. B. Zimmer, Der Tübinger Waffenläufer. Ein griechisches Meisterwerk aus der Zeit der Perserkriege, Tübingen 2015 (= Kleine Monographien des MUT Bd. 2, hrsg. von E. Seidl und F. Dürr).
  11. K. Schefold, Meisterwerke griechischer Kunst. Ausst. Basel 1960,36,63 f., 221 f. Kat. Nr. V 253.
  12. W. Fuchs, Die Skulptur der Griechen, München 1969, 63 f. Abb. 52 (mit Lit.). Cl. Rolley, Die griechischen Bronzen, München 1984, 98 f. Abb. 76 f. 
  13. W. Fuchs, a. O., 71 f. Abb. 63 (mit Lit.). 
  14. Athen, NM 15161. Bronzestatue.  H.: 2,09 m. W. Fuchs, a. O., 68 ff. Abb. 61 f. (mit Lit.). https://photopedia.info/?page=Antike&article=1211|poseidon-der-gott-aus-dem-meer-bei-kap-artemision-bronzestatue-athen-nm-15161. Stichwort "Meisterwerke der Antike"/H. J. Gloskiewicz (mit weiterer Lit.). 
  15. Begriffe wie >Landschaftsstil< oder >Kunstzentrum< sind in der archäologischen Forschung zwar nicht unumstritten, helfen aber bei der landschaftlichen Zuordnung einigermaßen weiter. So hat schon Ernst Langlotz „überzeugende Ergebnisse“ zumindest „für einige Zentren“ geliefert, die ausbaufähig zu sein scheinen:  E. Langlotz, Frühgriechische Bildhauerschulen, 1927.  Ders., Die Kunst der Westgriechen in Sizilien und Unteritalien, München 1963. Weitere gute Forschungsergebnisse gab es auch für folgende Bereiche: lakonische und korinthische Werke der archaischen Zeit, archaische Bildhauerzentren Ostioniens (z. B. Samos)und der Inseln (Kykladen), aber auch im Bereich der korinthischen, sikyonischen, argivischen und attischen Kleinbronzen sind die Ergebnisse gerade im Übergang von der archaischen Periode zum Strengen Stil beachtenswert, besonders bei den weiblichen Peplosfiguren. Allerdings muss auch gesagt werden, dass diese Zuweisungen in der Regel mit großen wissenschaftlichen Kontroversen verbunden sind, obwohl „in sehr geschlossenen Kunstzentren bestimmte Formkonstanten, gewiss begrenzte Zeit hindurch, bewahrt bleiben“. Vgl. hierzu:  U. Hausmann (Hrsg.), a. O., 113 f. bes. Anm. 1 ff.  
  16. U. Hausmann (Hrsg.), a. O., 115 Anm. 10-13.
  17. So weist Plinius darauf hin,dass Pythagoras von Rhegion als erster „Nerven, Venen und Haar“ wiedergegeben habe (Plin. Nat. hist. 34, 59), wohingegen Dio. Laert. 8, 47 als wictigste Errungenschaften dieses Künstlers „Rhythmus und Symmetrie“ nennt. Zur Definition von Rhythmus und Symmetrie bei Pythagoras von Rhegion:  A. De Franciscis, Klearchos 2, 1960, 45 ff.  Ch. Hoffkes-Brukker, BABesch 39, 1964, 107 ff.  U. Knigge,Bewegte Figuren der Großplastik im Strengen Stil. Diss. München 1963, 1965, 18 ff. U. Hausmann (Hrsg.), a. O., 115 Anm. 16.  
  18. U. Hausmann (Hrsg.), a. O., 119 Taf. 19, 1.  D. Ohly, AA 1971, Taf. 14 u. S. 32, Abb. 30; Taf. 19 u. S. 44, Abb. 37; Taf. 26.
  19. Bärtiger Bronzekopf von der Akropolis, Athen NM 6446. H.: ca. 25 cm.  Um 480 v. Chr. J. Boardman/J. Dörig/W. Fuchs/M. Hirmer, Die griechische Kunst, München 1984, 125 Abb. 152. U. Hausmann (Hrsg.), a. O., 120 Taf. 17, 2 und 18, 2. K. Schefold, AntKunst 16, 1973, 90 f.
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