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04. Heroenorakel - Das Trophoniosorakel in Livadia

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2017-08-26 2017-08-26 26.08.2017 347 × gelesen

Neben den Orakelstätten, die dem Göttervater Zeus geweiht waren, ferner denjenigen, die Apollon als Schirmherr der meisten Orakelstätten besaß, gab es auch noch andere Orakel olympischer Götter im antiken Griechenland. Doch von den Orakelstätten der Hera Akraia in Perachora (Strabo 8, 380), der Demeter in Patras (Paus. 7,21,11), des Dionysos in Amphikleia am Parnass (Paus. 10,33) oder des Hermes in Pharai auf der Peloponnes (Paus, 7,22) ist heute leider nichts archäologisch Identifizierbares mehr vorhanden. Orakel der älteren Göttergeneration wie solche der Gaia oder der Themis wurden öfter, wie in Delphi, von später erscheinenden Göttern übernommen und am Rande des Heiligtums weiter verehrt, so dass das – ebenfalls nicht mehr erhaltene – Orakel der Gaia Eurysternos in Aigeira (Paus. 7, 25) eher ein seltenerer Fall gewesen sein dürfte. 

Eine der ältesten Gottheiten schließlich, die insbesondere für die orphische Theogonie wichtige Nyx (gr. Nacht), besaß ein Heiligtum in Megara (Paus. 1,40), das wahrscheinlich als Traumorakel diente. Pindar und Plutarch zufolge habe Nyx aber auch in Delphis Frühzeit eine Rolle gespielt, was sie wiederum in die Nähe von Gaia und Themis rückt. Bei all dem ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass die Archäologie noch das eine oder andere Orakel zutage fördert. So etwa im Falle des Apollonorakels von Athen, das erst kürzlich entdeckt wurde, als man im Gebiet des Kerameikos-Friedhofes einen engen vertikalen Schacht erkundete und dort eine Inschrift fand, die auf Apollon als Orakelgeber hinwies. Inzwischen sind dort eine ganze Reihe originaler Tonscherben geborgen worden, auf denen die damaligen Anfragen dokumentiert sind.

Neben den Orakeln, die von Göttern gegeben oder beschirmt wurden, gab es im antiken Griechenland aber auch noch mehrere weithin berühmte Heiligtümer, die Halbgöttern (Heroen) zugeordnet waren. Als der Lyderkönig Kroisos seine Sendboten zu den bedeutendsten griechischen Orakelstätten aussandte, standen neben den Apollonheiligtümern von Delphi, Abai und Didyma das Amphiaraiosorakel von Oropos und das Trophoniosheiligtum von Livadia auf der Liste der zuverlässigsten Auskunftgeber. Streng genommen gehören die Heroenorakel eigentlich zur Gruppe der Totenorakel, wo Verstorbene den Ratsuchenden Auskunft erteilen; bei den Heroenorakeln sind es jedoch einzelne herausragende Persönlichkeiten, denen das jeweilige Heiligtum geweiht ist. 

Obwohl es Pausanias zufolge (9, 24) auch ein Orakel des Herakles in Hyettos in Böotien gab, ferner eines in Bura (7,25), waren Halbgötter anscheinend nicht als solche zum Erteilen von Orakeln prädestiniert. Wie bei Herakles, der den Höllenhund Kerberos bezwang und somit ins Reich der Toten und wieder zurück gelangt war, mussten es besondere Schicksalsereigneisse sein, die einen Halbgott auch zum Orakelgeber werden ließen.

Die Herkunft des Trophonios von Livadia ist nicht eindeutig geklärt. Nach der einen Version war er ein Sohn des Apollon und der Iokaste, somit ein (Halb)Bruder des Oidipus, nach der anderen ein Sohn des Minyerkönigs Erginos, welcher zu den Argonauten gehört und zeitweilig Theben unterworfen haben soll. Erginos habe in hohem Alter auf den Rat des Delphischen Orakels eine junge Frau geheiratet, die ihm Trophonios und Agamedes geschenkt haben soll. Wie in der Vorgeschichte der eleusinischen Mysterien soll Demeter die Amme des Trophonios gewesen sein, und nichts kann mehr die halbgöttliche Natur des Trophonios bezeugen, als dass ihn Demeter wie ihren eigenen Sohn genährt haben soll.

Beide Brüder gelten traditionell als Baumeister des Tempels von Delphi, und das Orakel soll ihnen nach dessen Fertigstellung prophezeit haben, sie würden nach einer Woche des ausgiebigsten Genusses ihre tiefste Sehnsucht erfüllt finden, woraufhin sie Apollon beizeiten entschlafen ließ. Die bei Pausanias (9, 37) berichtete Legende, nach der sich die beiden Architekten durch einen eigens dafür gebauten Geheimgang der Weihegeschenke eines Schatzhauses bemächtigt haben sollen, und Trophonios auf der Flucht in einer Höhle bei Livadia verschwunden sei, scheint dagegen durch Vermischung mit einer in Scholien zu Aristophanes (FHG III 637 fr. 6) festgehaltenen Legende entstanden zu sein, nach welcher Agamedes ein Sohn des Arkaderkönigs Stymphalos gewesen sei und mit seinem Stiefsohn Trophonios den architektonischen Betrug begangen haben soll. Solche Varianten entstanden im Laufe von Jahrhunderten, und sind oft durch lokale Einflüsse so verändert, dass der historische Kern der Legenden zumeist kaum noch zu ermitteln ist.

Wo genau die Orakelstätte (das eigentliche manteion) von Livadia gelegen hat, konnte bislang ebenfalls nicht geklärt werden. Denn die heute noch sichtbaren Reste antiker Weihenischen am unteren Ende der Herkynaschlucht (Abb. 1) werden zwar sicher zum Kultort gehört haben, wahrscheinlich sogar am Eingang zum heiligen Bezirk, aber die dort noch sichtbare künstliche Höhlung (die sogenannte «Bankettgrotte») stimmt nicht mit der Beschreibung des manteions durch Pausanias (9,37 und 39) überein, der das Orakel immerhin selbst konsultiert hat. Genaueres findet sich bei Philostrat (Ap. 4,24,8 / 19-20), dem zufolge die Orakelstätte auf dem Weg von Theben nach Delphi auf einem Hügel oberhalb der Stadt zu sehen gewesen sein soll. 

Die bereits im 19. Jahrhundert von Lolling angenommene und heute nach vielen Kontroversen wieder favorisierte Position neben dem unvollendeten Tempel des Zeus Basileus auf einer Anhöhe westlich der Stadt (Abb. 2) kommt dieser Fernsicht jedoch nicht wirklich nahe, denn der Bau wäre zum einen teilweise hinter dem Tempel verschwunden, zum anderen auch nicht mehr der Beschreibung bei Euripides (Ion 300-2, 392-4, 403-9) entsprechend, der von einem eigens umfriedeten Bezirk (shkoi) spricht. Abgesehen davon wäre für die ausgesprochen abgeschiedenen Vorbereitungen und die Erfahrungen ein solcher Standort direkt neben einem viel besuchten Tempel eindeutig zu wenig abgeschieden. 

Wenn der künstlich errichtete Bau, wie Pausanias’ Bericht es nahelegt, an einem Weg gelegen hat, der von der Herkyna-Schlucht herauf zum Zeustempel führte, wäre sein völliges Verschwinden im Laufe der christlichen Jahrhunderte auch keineswegs verwunderlich. So kann hier – wie beim Athener Apollonorakel – vielleicht noch etwas entdeckt werden, das zumindest einen Anhaltspunkt liefert. Auch die ursprüngliche Lage des Hippodroms von Delphi ist erst vor wenigen Jahren in den Ölbaumhainen nordwestlich von Itea (wieder)entdeckt worden. 

Wer zu Trophonios ging, um etwas über die Zukunft zu erfahren, hatte es nicht so leicht wie bei anderen Orakelstätten, wo man nur seine Frage zu stellen oder aufzuschreiben brauchte, und dann auf diese oder andere Weise die Antwort des Gottes erhielt, sondern musste sich einer längeren Prozedur unterziehen. Er verbrachte mehrere Tage in einem eigens dafür bestimmten Haus bei der Schlucht, vollzog genau vorgeschriebene Reinigungsriten, durfte nur im Herkynafluss baden, und nahm an Opfern teil, bei denen die Priester wie in Delphi zu ermitteln hatten, ob die Situation für eine Befragung günstig war. Dann trank er von der «Quelle des Vergessens», betete ein nur für die Besucher bestimmtes Kultbild an und ging schließlich – wahrscheinlich nachts – relativ leicht bekleidet zur Orakelstätte hinauf.

Pausanias, der das Orakel selber konsultiert hat, beschreibt es als ein kreisförmiges architektonisches Gebilde mit einem Durchmesser von wenigen Metern und einer Höhe von weniger als einem Meter, das von Gitterstäben mit einer Tür dazwischen umgeben ist. Im Zentrum dieser Anlage befand sich eine Öffnung, die in eine künstlich gemauerte Höhlung hinabführte, so dass man das Gebilde mit einem [von oben zu beschickenden] Ofen vergleichen könne. Mit Hilfe einer schmalen Leiter stieg der Ratsuchende etwa zwei bis drei Meter in die Höhlung hinab, deren Boden natürlich war, und legte sich dort flach auf den Rücken, indem er seine Beine bis über die Knie in eine bodennahe Öffnung in der Wand steckte und wartete. 

Pausanias beschreibt den darauf folgenden Vorgang so: «Der übrige Körper wird dann sofort ergriffen und folgt den Knien nach, wie der größte und reißendste Fluss einen vom Strudel erfassten Menschen verschlingt. Von da an ist für die, die in das Allerheiligste gelangt sind, die Art und Weise, wie sie die Zukunft erfahren, nicht ein und dieselbe, sondern der eine sieht, der andere hört etwas.» (9, 39)

Nicht nur der Prozess des Aufgenommenwerdens, sondern auch das, was dann erfolgte, ist für heutige Leser nur mit existentiellen (Schock-)Erlebnissen vergleichbar. So setzte schon Aristophanes in seinen «Wolken» (506-8) den Gang zu Trophonios mit dem Erleiden großer Furcht in Eins. Nach unterschiedlich langer Zeit kam der Ratsuchende dann auf ähnlich Weise wieder aus der Höhle hervor und wurde von Priestern aufgenommen, die ihn nach verschiedenen Prozeduren über das Geschehene befragten, da der Ratsuchende anscheinend noch eine Zeit lang nicht ganz bei sich war. Wie tiefgreifend ein Hinabstieg zu Trophonios – und das bedeutete immer zugleich ein Gang zum «Eingang der Unterwelt» (Lukian, Nekyomantia 22) – gewesen sein muss, lässt sich aus der sprichwörtlichen Wendung schließen, dass derjenige, der Trophonios besucht habe, nicht – oder zumindest lange Zeit nicht – wieder lachen könne. Pausanias berichtet freilich in einem Nebensatz, dass das Lachen schon auch wieder käme, und er musste es wissen.

Während Pausanias in seinen Beschreibungen nichts über seine eigene Frage und seine Erlebnisse im Heiligtum berichtet, gibt es dennoch einen in seiner Art einmaligen Bericht eines gewissen Timarchos, den Plutarch in seine Schrift über den Schutzgeist des Sokrates eingeflochten hat. Plutarch, selber Priester am Apollonheiligtum in Delphi und Verfasser vieler Schriften über das Orakel und andere Themen, hatte selber eine – wie so viele Texte der antiken Literatur – verlorengegangene Schrift über das Trophoniosorakel verfasst. Dieser Timarchos war ein Zeitgenosse des Sokrates und wollte in Livadia etwas über das «Daimonion» erfahren, von dem Sokrates zuweilen wie von einer inneren Stimme gesprochen hatte. Auch er hatte alle notwendigen Prozeduren vollzogen, als er nach dem Hinabstieg auf dem Boden des Heiligtums im Dunkeln lag und wartete. 

In der Folge heißt es bei Plutarch: «Dann habe er gebetet und lange Zeit dagelegen, ohne sich recht im Klaren zu sein, ob er wache oder träume. Dann sei es ihm so gewesen, als erhielte er unter starkem Getöse einen Schlag auf den Kopf, seine Nähte sprangen und ließen seine Seele heraus. Nachdem sie emporgestiegen und sich wohlig mit der durchsichtigen, reinen Luft vermischt hatte, sei ihm gewesen, als habe sie nun lange Zeit aufgeatmet, indem sie sich dehnte und größer wurde als vorher, gleich einem sich entfaltenden Segel, und darauf habe er undeutlich ein Rauschen über seinem Kopf hingehen hören, das einen lieblichen Klang ertönen ließ. Aufblickend habe er die Erde nirgends mehr gesehen, sondern Inseln, leuchtend in einem sanften Feuer und von Zeit zu Zeit ihre Farben wie einen Anstrich miteinander tauschend …» 

Nachdem Timarchos’ vom Körper gelöste Seele lange über diese Erscheinungen gestaunt hatte, hörte er eine Stimme, die ihn danach fragte, was er zu wissen begehre. Timarchos, wahrscheinlich durch das Erlebte überwältigt, stellte jedoch seine vorbereitete Frage nicht, sondern wollte mehr über seine Umgebung wissen, worauf die Stimme ihn durch das unbekannte Reich führte und ihm verschiedene Dinge erklärte, die sich dort abspielten, insbesondere das nachtodliche Leben der verschiedenen Menschenseelen, die je nach ihrem Naturell und ihren Taten während des Lebens verschiedene Schicksale durchzumachen hatten. 

Dieser Bericht erinnert in einigen Zügen an das, was über die Erfahrungen in den griechischen Mysterien berichtet wurde, und so ist das Trophoniosorakel in der neueren Forschung auch als ein Heiligtum an der Grenze zwischen Orakel und Mysterienstätte bezeichnet worden (Pierre Bonnechere bei Michael Cosmopoulos 2003). Zum anderen erinnern die Erlebnisse des Timarchos – über alle kulturellen und religiösen Grenzen hinweg – auffällig an Motive aus der frühmittelalterlichen Visionsliteratur, in welcher sich ebenfalls Ausblicke in das Reich der Seelen nach dem Tode und deren Schicksale finden. 

Obwohl Plutarch von diesem Bericht eines Zeitgenossen des Sokrates immerhin mehrere Jahrhunderte trennten, verwies er ihn keineswegs ins Reich der Fabel, und wenn er selbst eine Schrift über das Trophoniosorakel verfasst haben soll, wird er vielleicht auch selbst den Weg an die Grenze zur Unterwelt unternommen haben. Ein weiterer Besucher des Orakels, der legendäre Wundermann Apollonios von Tyana, soll ohne Rücksicht auf die Gepflogenheiten im Philosophenmantel zu Trophonios hinabgestiegen sein und mit ihm Gespräche über die wahre Philosophie geführt haben; dies ist jedoch vielleicht schon eine Legende, die eher in das Gebiet der Heiligenverehrung fallen könnte. 

Das Heiligtum war trotz der geschilderten schwierigen Umstände einer Befragung offenbar recht langlebig; noch im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde es aufgesucht, als viele andere Orakel in Böotien bereits verstummt waren. Gleichwohl zeugen von dem einstigen Kultort nur noch die leeren Weihenischen und die kleine künstliche «Bankett-»Grotte am Beginn der Herkynaschlucht. Ein Ort dennoch, der mit seinen Fluten kristallklarsten Quellwassers, dem zuweilen tiefschwarz glänzenden Felsgestein und der eindrucksvollen Topographie der Schlucht (Abb. 3) heute immer noch den Besuch wert ist.