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03. Apollonorakel im antiken Griechenland

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2017-08-26 2017-08-26 26.08.2017 318 × gelesen

Das Orakel im Apollonheiligtum von Delphi war spätestens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. das prominenteste Orakel der Hellenen. Der Omphalos (gr. Nabel) im heiligen Bezirk sollte nicht nur räumlich den Mittelpunkt der griechischen Welt markieren; auch die Bedeutung Delphis im geschichtlichen und gesellschaftlichen Leben war zentral und lässt sich kaum überschätzen. Herodot, der „Erfinder“ der Geschichtsschreibung, überliefert nicht nur mit Abstand die meisten der Orakelsprüche bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts, er dokumentiert darüber hinaus, inwiefern der delphische Apollon schon seit den frühesten Zeiten weit über das griechische Mutterland hinaus bekannt war und hohes Ansehen genoss. Wenn es dort heißt, daß Midas, der König von Phrygien, sogar seinen Königsthron nach Delphi gestiftet haben soll (I,14), ohne daß der Grund hierfür genannt würde, mag man zumindest schließen, daß er sich dem Apollonorakel nicht nur ganz am Rande verpflichtet gefühlt haben muß.

Delphi war aber aus der Wahrnehmung entfernter Völker nicht das einzige griechische Orakel, an das man sich wenden konnte, um von den Göttern Auskunft über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erhalten. So schildert Herodot gleich zu Beginn seiner längeren Erzählungen über den Aufstieg, das Schicksal und den Niedergang des sagenhaft reichen Lyderkönigs Kroisos, wie dieser sich angesichts der möglichen Bedrohung durch die aufstrebenden Perser gleich an mehrere griechische Orakelstätten gewendet haben soll. Allerdings nicht in gutem Glauben, sondern mit der Absicht, vor der eigentlichen Befragung erst einmal die Zuverlässigkeit der Orakel zu prüfen. Erst als der Delphische Apollon präzise Auskunft darüber geben konnte, was Kroisos am selben Tage in Lydien gerade tut, schien ihm die Orakelstätte vertrauenswürdig genug, auf die Frage zu antworten, ob er gegen die Perser in den Krieg ziehen soll. Die Antwort aus Delphi, er würde dann ein großes Heer zerstören, gehört zu den bekanntesten der zweideutigen Orakelsprüche, und Kroisos Fehldeutung gehört zu den bekanntesten Beispielen mangelnder Selbsterkenntnis.

Weniger bekannt sind aus heutiger Sicht die anderen Orakelstätten, an die sich Kroisos im 6. Jahrhundert v. Chr. gewandt haben soll, unter ihnen drei weitere Apollonorakel, zwei davon im heutigen Griechenland. Neben dem Orakel der „Branchiden“ – gemeint ist das Apollonorakel von Didyma an der Westküste der heutigen Türkei – waren es das Apollonorakel in Abai, etwa 50 km nordöstlich von Delphi, sowie das Apollonorakel im Ptoiongebirge, 30 km nördlich von Theben. Aber auch diese waren bei weitem nicht alles, was das antike Griechenland an Apollonorakeln zu bieten hatte. Nachrichten über solche gibt es reichlich, wenn auch der Baubefund bei vielen unsicher oder gänzlich ungeklärt ist. So fehlt bei den in der antiken Literatur genannten Apollonorakeln von Delos, von Eutresis bei Platäa, von Hysiai, von Korope, von Pagasai, von Rhodos, von Tegyra, von Telphousa und von Theben (Apollon Spodios) bis heute jeder Anhaltspunkt für eine konkrete Lokalisierung. Im damaligen griechischen Osten, der heutigen Türkei, sind es außer Didyma noch das Apollon Manteios Orakel in Ephesos, das Apollon Kareios Orakel in Hierapolis, das Apollon Orakel in Klaros und das von Sura, die hinreichend genau lokalisiert werden können, während fast ein Dutzend weiterer Apollonorakel (Adrasteia, Aigai, Chryse, Gryneion, Kalchedon, Kyaneia, Patara, Sagalassos, Seleukia und Telmessos) bislang allein in der Literatur gefunden werden.

Versteht man die Bezeichnung Apollonorakel nicht als Terminus für eine spezifischen Orakeltechnik, sondern als Ausdruck für eine Orakelstätte, an der man Apollon als göttlichen Schirmherrn verehrte, ohne daß es sich immer auch um dieselbe Methode der Orakelgebung handelte, kann zumindest ein Stück weit verständlicher werden, warum es so viele Apollonorakel in relativ nahe beieinander liegenden Städten gab. Auch im Falle von Delphi erzählen die Legenden ja, daß Apollon ein bereits am Ort vorhandenes Orakel der Gäa bzw. der Themis übernommen haben soll, in manchen Versionen der Legende gewaltsam, in anderen durch freiwillige Übergabe.

Im heutigen Griechenland sind es also trotz einstiger Fülle außer Delphi immerhin noch vier einstige  Apollonheiligtümer, die im Laufe der Jahrhunderts nicht restlos verschwunden sind, sondern noch heute aufgesucht werden können: neben Abai und dem Apollonorakel im Ptoiongebirge das Apollon Ismenios-Orakel in Theben und das Orakel des Apollon Deiradiotes in Argos. Obgleich zum Teil an oder sogar in Städten gelegen, sind alle vier noch heute einen Besuch wert, wenn man bereit ist, von den ausgefahrenen Touristenrouten abzuweichen und sich auf den Weg zu machen. Mit Hilfe der bei Wikipedia zumeist einigermaßen genau angegebenen Koordinaten lassen sich die Orte inzwischen relativ mühelos finden; die beiden außerhalb der Städte gelegenen Orakel von Abai und dem Ptoiongebirge erfordern keine beschwerlichen Wanderungen, sondern bieten Ausblicke in sehenswerte Landschaften.

Das Apollonorakel im Ptoion-Gebirge

Das Ptoiongebirge liegt im Nordosten Böotiens und erstreckt sich bis zu Höhen zwischen 700 und 800 Meter  zwischen Akraiphia (Ausfahrt der E 75) und dem Golf von Euböa. Wer heute von Westen über die Ausfahrt der E 75 oder von Norden her kommt, wird bereits auf dem Wege wundervolle Ausblicke auf die dortige Küstenlandschaft genießen können. Der etwas umständliche Name rührt daher, daß das Heiligtum nie mit einer Ansiedlung verbunden war und deren Namen trug, sondern frei in der Landschaft zugänglich ist. In mancher Beziehung, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, ist der Ort durchaus dem des Delphischen Orakels vergleichbar. Auch hier schien Apollon die leicht gebirgige Lage außerhalb größerer Ansiedlungen zu mögen, auf halber Höhe eines steilen, quellenreichen Hanges, von wo aus man zum einen eine Übersicht bekommen kann, die bis zum Golf eines Meeres reicht, zugleich aber noch Höheres an Felsen im Blick hat. Die Anlage erstreckt sich heute über drei Ebenen und ist im Laufe der Zeit gewissermaßen von oben nach unten gewachsen. 

Ursprünglich das Orakel eines lokalen Heros namens Ptoios, nach Pindar ein Sohn des Apollon und der Euxippe, nach anderen der des Athamas und der Themisto, wurde das Orakel später von Apollon übernommen, der daraufhin den Beinamen Ptoios erhielt, während der Heros, der der Legende nach dem Gebirge seinen Namen gegeben hatte, in einem kleineren Heiligtum etwa 1 km westlich weiter verehrte werden konnte. Über die Art der Orakelgebung ist nichts Genaues bekannt. Der einzige Text, der einen Einblick gewährt, ist der Bericht Herodots (VIII, 135) über einen gewissen Mys aus Europos, der während der Perserkriege im Namen des Feldherrn Mardonios möglichst viele Orakel einholen sollte: 

Besonders merkwürdig aber klingt mir folgende Erzählung der Thebaner: Dieser Mys aus Europos soll auf seiner Wanderung zu allen Orakelstätten auch zum Heiligtum des Apollon Ptoos gekommen sein, das Ptoon heißt und den Thebanern gehört. Es liegt über dem Kopaissee am Fuß eines Berges nahe der Stadt Akraiphia. Als dieser Mys in Begleitung von drei ihm von der Gemeinde beigegebener Männer, die den Götterspruch aufzeichnen sollten, den heiligen Bezirk betrat, verkündete der Oberpriester des Gottes sogleich den Spruch in einer fremder Sprache. Die anwesenden Thebaner wunderten sich, dass sie eine fremde Sprache hörten, und wussten nicht, was sie davon halten sollten. Mys aber nahm ihnen die Tafeln aus der Hand, die sie mitgebracht hatten, und trug den Spruch des Priesters darauf ein. Er erklärte, der Priester habe das Orakel in karischer Sprache gegeben. Nach der Niederschrift zog er weiter nach Thessalien.

Aus diesem Bericht geht nur hervor, daß das Orakel wie in Delphi in Form eines Spruches gegeben wurde, den Apollon durch den Mund eines Propheten erteilt (so auch neben Inschriften bei Plutarch, Über den Untergang der Orakel 5,8).  Pausanias berichtet, daß das Heiligtum zu Zeiten Alexanders des Großen an Bedeutung verlor; in römischer Zeit wurden die einstigen musischen Wettbewerbe offenbar noch eine Zeit lang fortgesetzt. Auf der oberen der drei Terrassen fanden sich Reste eines geometrischen oder archaischen Tempels, der im 4. Jahrhundert durch einen Neubau ersetzt wurde. Östlich davon findet sich noch heute eine  kleine, zum Teil künstlich in den Felsen getriebene Grotte, deren Boden im Frühling einige Zentimeter tief mit Quellwasser bedeckt ist, und die in etwa genügend Raum für einen sitzenden Menschen bietet. Da es sonst keinerlei Hinweise auf einen Ort gibt, an dem das Orakel empfange wurde, liegt der Gedanke nahe, daß es sich bei der kleinen Höhlung um den Ort gehandelt haben könnte, an dem sich das Medium während der Inspiration befand.

Die Ähnlichkeit des Heiligtums mit dem von Delphi kann aber nicht nur Perspektive für die Deutung der erhaltenen Anlagen des Ptoion-Heiligtums geben, sondern auch umgekehrt einen zentralen Aspekt Delphis beleuchten. Denn inzwischen darf es als erwiesen gelten, daß es dort niemals eine „Felsspalte“ mit „aufsteigendem Rauch“ oder Dampf gab, sondern lediglich eine Öffnung über einer Erdhöhlung, denn der anstehende Fels liegt fast 3 Meter unter dem Tempelboden (Roux). Diese Erdhöhlung wurde durch das Wasser der örtlichen Quellen durchfeuchtet, und was dort aufstieg, müsste man daher eher als eine Art Dunst bezeichnen. Für die Griechen war die Inspiration durch das Wasserelement schon durch die Legenden von der Inspiration durch die Musen bekannt, die Hesiod an einer Quelle im Helikon-Gebirge zuteil ward. So wird auch das Musental westlich von Askra von unzähligen murmelnden Quellen, Bächlein und Feuchtgebieten durchzogen Das Wasser allein reichte jedoch nicht; es mussten immer noch bestimmte, nicht planbare Fakten hinzukommen, daß man von der Anwesenheit eines Gottes sprechen konnte (Plutarch).

Das Apollonorakel von Abai

Ganz anders beim Apollonheiligtum von Abai östlich des heutigen Kalapodi. Diese Stätte liegt ohne sogleich erkennbare geologischen Faktoren an einem sanft abfallenden Südhang, dem Ausläufer einer Hochebene, inmitten einer weich – man kann fast sagen elegant – geschwungenen Hügellandschaft. Erst vor einigen Jahren haben die dortigen Ausgrabungen Fahrt aufgenommen und zeichnen sich gegenüber anderen vergleichbaren Unternehmungen dadurch aus, daß man hier die ganze Geschichte eines solchen bedeutenden Heiligtums über mehrere Jahrhunderte hinweg zu rekonstruieren fähig ist. Noch sind die Arbeiten jedoch nicht so weit abgeschlossen, daß an eine öffentliche Zugänglichkeit gedacht werden kann (Abb. 5).

Der Überlieferung zufolge soll das Orakel von Abai älter als Delphi gewesen sein, und zu Zeiten Herodots mit reichen Schätzen bestückt ebenso bedeutend wie dieses, so daß es nicht nur von Gesandten des Lyderkönigs, sondern auch von dem erwähnten Kundschafter des Perserkönigs besucht wurde. Es stand wie das Ptoion-Heiligtum im Einflußbereich von Theben und erlebte zu Pausanias Zeiten offenbar einen letzten Aufschwung. Über die Orakelmethode ist leider nichts bekannt; die gegenüber Delphi und dem Ptoion-Gebirge ganz andersartige Umgebung deutet allerdings darauf hin, daß es dementsprechend auch in anderer Art als dort erfolgte.

Das Apollon-Ismenios-Orakel in Theben  

Eine solche andere Art der Orakelbefragung fand im Apollon-Ismenios-Orakel von Theben statt, wo es in antiker Zeit mit dem Orakel des Apollon Spodios sogar noch ein zweites Apollonorakel gab. Während das heutige Thivai aufgrund der einstigen Zerstörung durch Alexander den Großen nicht gerade mit Resten der antiken Kultur gesegnet ist, bildet die Stätte des einstigen Apollonorakels auf der unbebauten Kuppe eines Hügels oberhalb des Flusses Ismenios östlich des Stadtzentrums eine überraschende und angenehme Ausnahme. Dort finden sich außer den Resten des Apollontempels nur einige Kiefern und im Frühling hohes Gras, das im September golden leuchtet; vor allem am Spätnachmittag ein unerwarteter Ort der Ruhe und Besinnung auf einem Hügel inmitten des engen und zuweilen recht trubeligen Städtchens. Hier ist es nicht die Fülle des Materials, sondern der konzentrierte Eindruck der mächtigen wenigen, noch vor Ort liegenden Säulentrommeln und Kapitelle, der den Besucher ergreifen und bewegen kann. Auch dies ein ehemals heiliger und geheimnisvoller Ort abseits der inzwischen ausgetretenen Pfade des Massentourismus, wo man ohne Ticket und zumeist allein, die Wirkmacht und Präsenz der Antike bisweilen noch stärker erleben kann als an den bekannten Orten.

Von Thebens Orakelstätten hatte offenbar nur das des Apollon Ismenios überregionale Bedeutung. Überliefert ist, daß der Lyderkönig Kroisos dem Orakel einen goldenen Kessel geweiht haben soll (Hdt. I, 92), wahrscheinlich wie in Delphi mit den für Kroisos typischen Ausmaßen. Pindar, von dem wir eine Fülle an Gesängen über Delphi, seine Mythen und die Sieger der dortigen Spiele besitzen, und dessen eiserner Thron im Inneren des Apollontempels gestanden haben soll, nannte das Orakel in Theben immerhin „den wahren Sitz der Wahrsagerei“ (P 11, 4-5). Er ist es auch, der einen männlichen Priester und eine Quelle erwähnt, die angeblich im Tempel entsprungen sein soll. Die Orakelgebung erfolgte hier jedoch allem Anschein nach nicht im Zusammenhang mit Wasser, sondern – Sophokles zufolge – durch das Feuer, wahrscheinlich durch Beobachtung von signifikanten Veränderungen einer heiligen Flamme unter bestimmten rituellen Bedingungen. 

Gleichwohl dürfte die Quelle sicher eine wichtige Voraussetzung für ein Heiligtum gewesen sein, insbesondere für eines unter Apollons Schutz. Leider erwähnt Pausanias, von dem wir die ausführlichste Beschreibung des Heiligtums besitzen, den Ablauf der Orakelbefragung nicht, sondern nur, daß Teneros und Ismenios die Söhne des Apollon und der Melia gewesen seien, und der dortige Fluß von Ismenios seinen Namen erhalten habe, während Teneros von seinem Vater Apollon die Gabe der Weissagung erhalten habe (IX, 10, 7). Neben allem übrigen zeugt nicht zuletzt das künstlerische Format der zu Pausanias Zeiten noch vorhandenen Kunstwerke – ein Hermes von Phidias und eine Athena von Skopas – vom hohen Rang der einstigen Orakelstätte.  

Das Apollon-Deiradiotes-Orakel bei Argos

In einer Senke zwischen dem heutigen Argos und der weitthin sichtbaren Burg befindet sich am Westhang des Aspsis, der „zweiten Akropolis“ von Argos, auf vier Terrassen des Deiras-Hügels neben dem einstigen Heiligtum der Athena Oxyderkes die Stätte des antiken Apollonorakels. Obwohl der Ort inzwischen archäologisch gut erschlossen ist, fanden sich eindeutige Hinweise auf eine kultische Nutzung als Orakelstätte erst aufgrund von Funden aus dem 4. und 3. Jahrhundert. So dokumentiert eine Kalksteinstele aus dieser Zeit die Versetzung und Vergrößerung des Altars, die Aufstellung eines Omphalos für die Erdmutter Ge, die Reparatur eines Brunnens sowie die Arbeit an einer abschließbaren Tür im Inneren eines so genannten Manteions – so der damals gebräuchliche Ausdruck für das innerste Heiligtum einer Orakelstätte. Weiter ist die Rede von einer Statue des Apollon Smintheus, von dem es damals sogar ein eigenes Heiligtum in Chryse an der Küste der Ägäis (in der heutigen Türkei) gab. Dieser merkwürdige Beiname – Apollon als Herr der Mäuse – deutet auf seinen Status als Bringer und Befreier von Seuchen hin, wie man spätestens seit den Homerischen Gesängen über den Trojanischen Krieg wusste. So hielt man in Chryse, nicht sehr weit vom antiken Ilion, einst die kleinen Nager als heilige Tiere, wie es sogar noch heute an manchen Orten in Indien der Fall ist.

Vor diesen Umbauarbeiten scheint es im Orakelheiligtum von Argos nur eine eher kleine Anlage gegeben zu haben, zu der ein Orakelgebäude, ein Brunnen und eine kultische Grube, ein sogenannter bothros gehört hat. Wieder einmal ist es Pausanias, der wichtige Informationen liefert, indem er berichtet, daß das dortige Orakel von einer Priesterin erteilt wurde, die einmal im Monat in der Nacht weissagte, nachdem sie vom Blut eines Opfertieres getrunken hatte und daraufhin vom Gott ergriffen war. Es wäre also durchaus möglich, daß diese Grube der Ort war, in den das Blut des Opfertieres geflossen ist, bevor die Priesterin davon trank. 

Diese Methode scheint im Vergleich mit Delphi zunächst so fremd, daß erneut darauf hingewiesen werden muß, daß es sich auch hier wahrscheinlich um eine Form der Weissagung gehandelt haben könnte, die sich zunächst wie in Delphi der Erdmutter Ge und den gleichsam „von unten“, aus dem Dunkel der Trieb- und Wachstumskräfte heraufsteigenden Inspirationen verpflichtet gefühlt hatte, bevor Apollon, der Herr der Klarheit, des Maßes und der Ordnung, den Ort mit seinem Kult ergriffen hat und dabei zu seinem Schutzherren wurde. Die antiken Autoren, vor allem der philosophisch gebildete Apollonpriester Plutarch, hatten in Bezug auf die Vorgänge bei der Weissagung viel differenziertere Vorstellungen als manche heutige Forscher, denn er unterscheidet grundlegend zwischen den Vorgängen, die nötig sein können, um die Seele der weissagenden Priesterin in einen außergewöhnlichen Zustand zu versetzen, und den Vorgängen, die sich danach zwischen der ekstatisch gewordenen Seele des Mediums und dem anwesenden Gott abspielen. In Bezug auf das Trinken von Opferblut dürfte es sich nach dieser Auffassung lediglich um eine physiologisch-psychologische Form der Vorbereitung für den ekstatischen Zustand gehandelt haben, nicht um einen Prozess der Weissagung „aus“ dem Blut.

Inschriften erwähnen darüber hinaus zwei Sekretäre und zwei weitere Wahrsager (promantis), möglicherweise wie in Delphi diejenigen, die die Kundgebungen des Mediums in die verständliche Mitteilung an den Befrager zu übersetzen hatten und somit eine Art Mittelstellung innehatten. Daneben gab es offenbar einen Priester des Apollon Pythios, und auch die Bepflanzung des Geländes mit Lorbeer deuten auf eine gewisse Beziehung zu der in Delphi verehrten Seite Apollons hin. Von allen vier Orten der Apollonorakel ist der in Argos mit seiner Position zwischen zwei Hügeln der am wenigsten hervorgehobene. Gleichwohl ist er noch heute einen Besuch wert, solange der Ort nicht wie im Herbst durch Gesträuch überwuchert ist. Zu dieser Zeit sollte man sich auch vor Zecken im hohen Farn hüten, will man nicht selber zum Blutlieferanten werden.

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