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RHAMNOUS - Die antike Stadt Attikas und das Heiligtum der Nemesis

  989 Wörter 4 Minuten
2017-01-08 2017-01-17 08.01.2017 634 × gelesen

Bevor die Perser 490 v. Chr. nach Marathon kamen, plünderten sie ein Heiligtum der Göttin Nemesis. Um die Perser zu strafen und um auf die Einhaltung der Kampfregeln zu achten, griff die Göttin der Vergeltung in die Schlacht bei Marathon ein und führte die Niederlage der Perser herbei. Da die Perser sich ihres Sieges und ihrer Einnahme von Athen sicher waren, hatten sie einen großen parischen Marmorblock dabei, aus dem sie ihr Siegesdenkmal meißeln wollten. Aus eben diesem Marmorblock schufen die Griechen schließlich die Statue der Nemesis, als Strafe für die Überheblichkeit und Eitelkeit der Perser. So heißt es jedenfalls in einer Legende. Tatsächlich wurde der Tempel der Nemesis in Rhamnous zwischen 436 und 432 v. Chr. errichtet. Es handelt sich dabei um einen dorischen Kalksteinbau mit einem Säulenkranz von 6x12 Säulen. Jedoch gibt es viele Indizien, wie nicht vollständig bearbeitete Säulen und rau belassene Flächen, die für die Nichtvollendung des Tempels sprechen. Die Herkunft der 4,40 Meter hohen Nemesisstatue mit Sockel ist nicht gänzlich bekannt. Geschaffen wurde sie wahrscheinlich von Agorakritos von Paros, einem hochgelobten Schüler des Phidias, den größten Meister der griechischen Plastik in der Antike. Es heißt, dass die Statue bei einem Wettstreit entstand, bei dem ein Standbild der Aphrodite geschaffen werden sollte. Agorakritos verlor diesen Wettstreit, da die Athener für einen ihrer Mitbürger stimmten. Dennoch verkaufte Agorakritos seine Statue, jedoch unter der Einschränkung, dass sie nicht in Athen aufgestellt werden sollte. Fortan nannte er sie Nemesis und ließ sie in Rhamnous aufstellen. Mittlerweile ist die Statue nur noch in Fragmenten erhalten, eines davon, ein Teil des Kopfes, befindet sich im Britischen Museum in London. Direkt neben dem Nemesisheiligtum befindet sich ein weiterer Tempel, der Göttin Themis geweiht. Von diesem Tempel, der im 6. Jh. v. Chr. als hölzerner Tempel entstanden ist, ist nur das Tondach erhalten geblieben. Allerdings wurde er im 6. Jahrhundert durch einen Steinbau ersetzt.

Doch diese beiden antiken Tempel sind nicht das einzige das Rhamnous zu bieten hat. Neben den wundervollen Grüntönen der Bäume und dem tiefen Blau des Meeres wächst überall der Kreuzdorn (Rhamnous), von welchem die Grenzfestung Rhamnous auch ihren Namen erhalten hat. Den eben das war Rhamnous in der Antike, eine Grenzfestung Attikas und eine kleine Stadt zugleich. Es muss ein atemberaubender Moment gewesen sein, wenn man die Möglichkeit hatte, von Rhamnous über das Meer zum nur wenige Kilometer entfernten Euböa zu blicken. Doch auch die Stadt an sich muss ein wahrer Augenschmaus gewesen sein. Kam man über das Land von Marathon her, so lief man zuerst an einer Gräberstraße entlang, an der auch die beiden Tempel lagen. Zur Rechten und Linken waren beeindruckende Grabbezirke der Bürgerfamilien. So wurde z.B. auch das Grab des Diogleiton und Antiphon, einem hervorragenden und auch Platon bekannten Rhetoriker, hier gefunden. Folgte man der Straße weiter, so kam man neben weiteren Gräbern auch an einem weiteren Tempel und anderen Heiligtümern vorbei. Etwa 400 Meter von den beiden Tempeln der Göttinnen entfernt stiegen damals die mächtigen Mauern der Stadt aus dem Boden. Diese Mauern sind teilweise noch gut erkennbar, wie viele weitere Gebäude und Konstruktionen in der Stadt selbst. Allerdings sind viele Ausgrabungen noch immer nicht abgeschlossen, und so ist es dem Besucher leider nicht gestattet, Rhamnous zu betreten.

In der Stadt selbst sind mittlerweile meist nur noch Grundmauern der Gebäude zu erkennen. So finden sich hier die Überreste einer Akropolis, eines Gymnasiums, eines Gebäudes mit einem Turm, der Hafenanlage und, für eine Grenzfestung eher ungewöhnlich, eines Theaters. Des Weiteren werden auch viele Wohnhäuser, Speicher und ähnliche Anlagen noch immer ausgegraben. Nimmt man diese Informationen als Basis, so kann man sich gut vorstellen, was für eine wundervolle Szenerie sich in der antiken Zeit in Rhamnous abgespielt haben muss. Die Priesterinnen zogen an den Gräbern vorbei, zu den mit Fackeln beleuchteten Heiligtümern ihrer Göttinnen, opferten und huldigten ihnen. Sprachen oder sangen ihre Gebete, während das breitgefächerte Publikum ihnen zusah. Wie der Nemesis-Kult genau vor sich ging, ist leider nicht überliefert, und so gehört er zu denen Kulten, die erst wenig erforscht sind. Bekannt ist, dass der Kult unter anderem die Menschen zum Nachdenken über den Kult und über die Göttinnen anregte. Dass die Schicksalsgöttin Nemesis hierzu wie geschaffen ist, liegt auf der Hand. Sie wurde mit Beinamen wie „leidbringende Tochter der Nacht“, „Schwester des Jammers und des Tadels“, „Schwester des Alters und des Todes“ und „Schwester der Liebeslust“ geschmückt. Immer wieder werden diese Eigenschaften der Nemesis auch in antiken Dramen aufgegriffen, in denen sie oft eine Position als Rächerin einnimmt.

Dass dieses mysteriöse und unheimliche Geschehen seine Vorzüge hatte und haben musste, erkannten auch viele andere Personen im Lauf der Geschichte. So gab es z. B. den Sophisten Herodes Atticus, der Rhamnous zu seinem beliebtesten Erholungsort machte und auch ein Standbild seiner Tochter aufstellte. Ein weiterer wichtiger Besucher war der griechische Historiker Pausanias, welcher im 2. Jahrhundert lebte. Er gehört unter anderem zu denjenigen Personen, die die Nemesisstatue beschrieben.

Wie es bei so vielen antiken Ruinen üblich ist, muss der Besucher auch hier mit seiner Kreativität spielen. Erst im Kopf kann er die vielen Bausteine verknüpfen und sich sein eigenes Bild der Antike erstellen. So denke man hier zuerst an ein kleines, am Meer gelegenes Plateau und baue sich seine antike Festung dazu. Es ist kaum möglich, die Schönheit, die man dadurch „erfassen“ kann, in Worte zu kleiden und so sollte auch jeder die Möglichkeit haben, sein eigenes Bild zu formen. Als Beispiel kann man hier die Statue der Nemesis nennen. Zwar wurde ein Fragment des Kopfes gefunden, doch wie sie genau ausgesehen hat, ist nie wirklich sicher gewesen. Um eine Beschreibung von Pausanias zu zitieren: „Auf dem Haupte trägt sie einen Kranz, auf dem Hirsche und kleine Nikebilder eingearbeitet sind. In der Linken trägt sie einen Apfelquittenzweig, in edr Rechten ein Schale...“ Offen bleibt, ob sie jung oder alt war. Offen bleiben viele Fragen, die man sich selbst beantworten muss. Doch mit Sicherheit bildet sich dadurch eine antike Welt, die niemand anderes besser beschreiben könnte.