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KLEOBIS UND BITON - Delphi, Museum

  1.477 Wörter 5 Minuten
2018-11-12 2018-11-12 12.11.2018 43 × gelesen

Delphi, Museum Inv. 467 und 1524 (Statuen) sowie Inv. 980 und 4672 (Plinthen)
Maße: H. mit Plinthe, jedoch ohne Basis 2,16 m bzw. 2,18 m

Die beiden Statuen, die sich heute im Archäologischen Museum in Delphi befinden, wurden bei den dortigen Grabungen 1893 und 1894 gefunden, die eine, Statue A, „1893 nordwestlich des Schatzhauses der Athener“, die andere, Statue B, „1894 ungefähr 10 m westlich von A“. 2 Alsbald schon war klar, bei den Statuen A und B handele es sich um Kleobis und Biton 1, also um jene „Doppelgruppe (…), die Polymedes von Argos um die Wende vom 7. zum 6. Jahrhundert für Delphi“ (M. Wegner) gearbeitet hatte. Das war die damalige Annahme vieler Archäologen aufgrund der Interpretation bzw. der Ergänzung der vorhandenen, jedoch unvollständigen Inschriften.

Zweifelsohne sind Kleobis und Biton „zwei mythische Gestalten, die von Herodot, Cicero und Pausanias (…) erwähnt werden“ 3, wie der Archäologe Wolfgang Hautumm schreibt, und als mythische Figuren aufs engste mit dem Heraheiligtum in Argos auf der Peloponnes verbunden waren. Wie der Mythos berichtet, waren die beiden Brüder Söhne der Herapriesterin Kydippe von Argos, zwei Burschen „mit einer immensen Körperkraft“ (ῥώμη σώματος), die deswegen bereits zahlreiche Preise bei Kampfspielen errungen hatten. Außerdem war bekannt, dass die beiden Brüder ihrer Mutter gegenüber immer pflichtbewusst und unbedingt gehorsam waren. Als dann ihre Mutter Kydippe eines Tages in ihrem von Rindern gezogenen Wagen feierlich ins Heraheiligtum fahren wollte, die Tiere jedoch noch bei der Feldarbeit waren, sprangen kurzerhand die beiden Söhne ein und zogen den Wagen der Herapriesterin würdevoll und pünktlich ins Heiligtum. Der Weg dorthin betrug 45 Stadien. Daraufhin wurde die Mutter von allen Anwesenden wegen der Leistung ihrer Söhne gelobt. Kydippe aber betete zu Hera, „ihren Söhnen als Lohn für diese Tat das Schönste zu schenken, was Menschen zu erlangen möglich sei“, und „noch in derselben Nacht“ starben Kleobis und Biton „im Schlaf nach dem Fest im Heiligtum“. Daraufhin weihten die Argiver - so Herodot I 31 - „in Delphi Statuen, dem Bruderpaar zu Ehren und zum bleibenden Gedächtnis“.  Soweit der Mythos!

Eine etwas merkwürdige, ja märchenhaft klingende Geschichte fürwahr, aber auch eine Geschichte, die von den antiken Menschen geglaubt wurde und deren mitwirkende Personen deshalb wie historische Persönlichkeiten gehandelt wurden. Entsprechend hoch war in der Antike die Aussagekraft dieses Brüderpaars in Form der ins berühmte panhellenische Apollonheiligtum von Delphi geweihten Statuen, welche die Geschichte von Kleobis und Biton bildlich dokumentieren und an sie für immer erinnern sollte.  Sie sind als junge nackte Männer komponiert, deren lange Haare in exakt gelegten Locken die Stirn umrunden und über ihre Schultern nach vorn herabfallen. Die beiden Statuen des Brüderpaares sehen einander sehr ähnlich, stehen zwar „nicht auf gleicher Basis“, bilden dafür aber „ein Paar, ein Gespann im gleichen Schritt“, wie der Archäologieprofessor Werner Fuchs formuliert. Sie stellen somit eine Gruppenbildung der früharchaischen Zeit dar, der Jahre „um oder bald nach 600 v. Chr.“, deren Grundlage „der additive parataktische Aufbau der Seinsform“ (W. Fuchs) ist. Wichtig ist überdies, dass beide Figuren „als Kuroi mit leicht vorgesetztem linken Fuß und zur Faust geballten, an den Oberschenkeln anliegenden Händen gebildet (sind)“, dadurch dieses frühe Gruppenbild prägen und als Kuroi das Idealbild junger Männer wiedergeben. Mit anderen Worten: „Der Stil der archaischen Zeit prägt die Darstellung mit seiner Konzentration auf die Eigenschaften des Menschen, die man für wesentlich hielt: Gesundheit, Kraft und Schönheit. Dieses Ideal sah man in aristokratischen Jugendlichen verwirklicht.“ Deswegen ist, wie Werner Fuchs schreibt, „die Körperwucht der peloponnesischen Gestalten, die aus dem Bau der menschlichen Gestalt, dem δέμος, hervorgeht“, so gewaltig, wobei „die Knie, Leistenfugen, Schultern und Ellbogen (…) wiederum bezeichnende, den additiven Bau der archaischen Seinsform betonende Stellen“ darstellen. Auf diese Weise schuf der Bildhauer - wahrscheinlich Polymedes aus Argos 4- ein Gruppenbild, das zwar dem Zeitgeist der früharchaischen Zeit voll und ganz entsprach, aber dennoch ein wenig zeitlos wirkte, weil sich der Meister auf das Figurenbild von Kleobis und Biton konzentrierte, ohne im Einzelnen den Wagen miteinzubeziehen, mit dem sie ihre Mutter ins argivische Heraheiligtum gezogen hatten. Er stellte also das Menschenbild in den Vordergrund seiner Gruppenkomposition, um so ihr Idealbild besser präsentieren zu können. Durch ihre Weihung nach Delphi erhielt diese Gruppenkomposition obendrein einen besonderen Wert und war Ausdruck ihrer Wertschätzung bei den antiken Menschen.

Bald nach ihrer Auffindung im Apollonheiligtum in Delphi und ihrer Zusammensetzung als Gruppe wurde das Statuenpaar „mit der Erzählung von den Brüdern Kleobis und Biton in der Kroisos legende (Herodot I 31) verbunden“, wie der Archäologe Michael Maass in seinem Buch über Delphi betont: „Darin erklärt Solon einen glücklichen Tod als das größte Glück und den höchsten Lohn, den die Menschen von den Göttern erlangen könnten. Als Beispiel bringt er die Geschichte von beiden Brüdern in Argos. Diese hatten, da die Zugtiere ausgeblieben waren, den Prozessionswagen mit ihrer Mutter, der Herapriesterin, ins Heiligtum gebracht; auf deren Bitten um göttlichen Lohn schliefen sie dann für immer im Heiligtum ein. Herodot berichtet weiter:  ’Die Argeier ließen Standbilder von ihnen machen und stellten sie in Delphi auf als Bilder edler und wackerer Männer’.“ 5 Leider sind die erhaltenen Inschriften nicht vollständig, teilweise auch undeutlich, sodass es im Laufe der Jahre zu unterschiedlichen Interpretationen dieser Statuengruppe kam und sie in der archäologischen Wissenschaft auch anders interpretiert worden sind. Einige Archäologen wollen die Statuengruppe in Delphi weniger als Kleobis und Biton sehen, als sie vielmehr mit den Dioskuren in Verbindung bringen, also mit den Διόσκουροι, den „Söhnen des Zeus“, darunter die griechische Mythologie 6 „die Halb- und Zwillingsbrüder Kastor und Polydeukes (altgriechisch Κάστορ und Πολυδεύκης)“ versteht und die bildende Kunst sie „als Jünglinge mit ihren Rossen auf griechischen Vasen und Reliefs“ darstellte - Beispiele sind die Metopenreliefs am Schatzhaus der Sikyonier in Delphi aus den Jahren um 570 v. Chr. oder die Amphora des Exekias in den Sammlungen des Vatikan aus den Jahren um 530 v. Chr. Ob dies allerdings mit unserer Statuengruppe zu verbinden ist, mag zu Recht bezweifelt werden und soll deshalb als mögliche, aber nicht bewiesene Arbeitsthese genannt sein 7.  

Wichtig ist indes allein die Tatsache, dass die Statuengruppe von Kleobis und Biton im Museum in Delphi „zu den frühesten großen Skulpturen (gehören), die im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. in Delphi geweiht wurden“ und somit das Besondere dieser delphischen Weihungen unterstreichen. Diese Weihungen spiegeln die politische Bedeutung des panhellenischen Apollonheiligtums von Delphi und unterstreichen zugleich die Wertschätzung der Bewohner von Argos diesem Apollonheiligtum gegenüber, weil sie diese Weihestatuen bewusst nach Delphi stifteten. Damit trugen sie im Verein mit den übrigen unzähligen Weihungen in Delphi, von denen beispielsweise der Reiseschriftsteller Pausanias 8 im 2. Jh. n. Chr. berichtet, zum Ruhm dieses bedeutenden Heiligtums der Griechen bei, das weit über die Grenzen Griechenlands auch bei Nichtgriechen beliebt und geachtet war.  

Anmerkungen

  1. M. Wegner, Meisterwerke der Griechen, Stuttgart 1960, 25 Abb. 16.  W. Fuchs, Die Skulptur der Griechen, München 1969, 327 ff. Abb. 364 (mit Lit.).  W. Hautumm, Die griechische Skulptur, Köln 1987, 54-57 Abb. 24.  http://viamus.uni-goettingen.de/fr/e/schule/ue/06_b/01. M. Maass, Das antike Delphi. Orakel, Schätze und Monumente. Den Kollegen und Freunden am Parnaß und von der anderen Seite des Rheins, Darmstadt 1993, 186 f. Abb. 84 Anm. 3-5.
  2. Zur Fundsituation:  H. der vollständigeren Figur: 1,97 m (von Fuß bis Scheitel). Die Figuren wurden nordwestlich des Schatzhauses der Athener gefunden, ein Basisfragment war alerdings im römischen Bad nahe dem Eingang ins Heiligtum verbaut gewesen.  G. M. A. Richter, Kouroi. Archaic Greek Youths, 1960, Nr. 12 Abb. 78-83. 92. P. Faure, Le Dioscures à Delphes, AntCl 56, 1985, 56-65. A. Hermary, LIMC III1, 1986, 572 f. s. v. Dioskouroi, Nr. 56; vgl. P. E. Arias, ebd. 119 f. s. v. Biton et Kleobis, Nr. 10. Guide de Delphes, Le musèe 33 ff., Abb. 2a/b. M. Maass, a. O., 186 Anm. 3.
  3. W. Hautumm, a. O., 54 Anm. 43 f.  Herodot, Historien I, 31.  Cicero, Tusc. 1, 131.  Pausanias II, 20,3. Kommentar zu dieser Stelle in Bd. II, 578 s. v. 124,6. 
  4. Ob die Statuengruppe des Kleobis und Biton von Polymedes aus Argos geschaffen wurde, muss offen bleiben. Nach Michael Maass ist die Statuengruppe aufgrund von „Inschriftenresten auf der Basisoberseite das Werk von zwei Bildhauern aus Argos“.  
  5. M. Maass, a. O., 186 Anm. 4.
  6. Brockhaus Enzyklopädie Bd. 5, Mannheim 1988¹⁹, 523 s. v. Dioskuren. K. Kerényi, Die Mythologie der Griechen. Die Götter- und Menschheitsgeschichten, München 1992. R. von Ranke-Graves, Griechische Mythologie, Hamburg 2003.  K. Dickhaut, Kastor und Polydeukes, in: M. Moog-Grünewald (Hrsg.), Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart (= Der Neue Pauly. Supplemente. Bd. 5), Stuttgart/Weimar 2008, 385-387.
  7. Vgl. auch: H. Kyrieleis, Kleobis und Biton und die Anfänge der griechischen Großplastik, in: Colloque École française d’Athènes 17.-20. 9. 1992 <>.
  8. Es ist indes interessant, dass Pausanias diese Statuengruppe bei seinem Rundgang entweder „nicht gesehen oder beachtet hat, (…) dagegen von einem Relief in Argos mit der Darstellung der Brüder (berichtet), wie sie den Wagen ziehen“ (Paus 2, 20,3).  M. Maass, a. O., 186 Anm. 4. 
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Marmorstandbilder des Kleobis und Biton, ca. 580 v. Chr. - Das Archäologische Museum in Delphi zeigt Ausgrabungsfunde aus dem antiken Delphi, der Orakelstätte, den Tempeln und Schatzkammern. Oover life-size marble statues of Kleobis and Biton, around 580 BC - The Archaeological Museum in Delphi is one of the most important museums in Greece and shows excavation finds from ancient Delphi. Το Αρχαιολογικό Μουσείο των Δελφών, φιλοξενεί αρχιτεκτονικά γλυπτά, αριστουργήματα μικροτεχνίας, αγάλματα και αφιερώματα των πιστών στο μαντείο των Δελφών από όλη την περίοδο της λειτουργίας του. Dimitrios Pergialis
Marmorstandbilder des Kleobis und Biton, ca. 580 v. Chr. - Das Archäologische Museum in Delphi zeigt Ausgrabungsfunde aus dem antiken Delphi, der Orakelstätte, den Tempeln und Schatzkammern. Over life-size marble statues of Kleobis and Biton, around 580 BC - The Archaeological Museum in Delphi is one of the most important museums in Greece and shows excavation finds from ancient Delphi. Το Αρχαιολογικό Μουσείο των Δελφών, φιλοξενεί αρχιτεκτονικά γλυπτά, αριστουργήματα μικροτεχνίας, αγάλματα και αφιερώματα των πιστών στο μαντείο των Δελφών από όλη την περίοδο της λειτουργίας του. Dimitrios Pergialis