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KROISOS - Grabstatue eines Jünglings aus Anavyssos

  804 Wörter 3 Minuten
2018-11-08 2018-11-12 08.11.2018 38 × gelesen

In die spätarchaische Zeit der Jahre ab 540 v. Chr. datiert der sog. Kroisos 1 im Athener Nationalmuseum, eine Grabstatue aus Anavyssos, einer Nekropole in Attika, wo die Marmorstatue aus parischem Marmor bei illegalen Grabungen 1937 gefunden worden war. Die Statue war zunächst in zwei Teile zersägt und nach Paris geschmuggelt worden, wurde dann aber ein Jahr später wieder an Griechenland zurückgegeben. Seitdem befindet sich der Kuros im Athener Nationalmuseum unter der Inventarnummer NM 3851. Der zusammengefügte Kuros ist insgesamt sehr gut erhalten und erreicht eine stattliche Höhe von immerhin 1,94 m. Er ist als Grabstatue eines jungen Mannes, wahrscheinlich eines Adligen, anzusprechen und wird - einer erhaltenen Inschrift in Epigrammform auf der mittleren Stufe seines Sockels zufolge - als „Kroisos“ bezeichnet. Dieser Kroisos war ein junger Adliger und wohl Mitglied in der berühmten Alkmeonidenfamilie, der auch „Kleisthenes, der Schöpfer der attischen Demokratie, und später - mütterlicherseits - Perikles entstammt“, wie der Archäologe Werner Fuchs 2 anmerkt und fortfährt: „Die Alkmeoniden standen in Gegensatz zu Peisistratos und seinen Söhnen Hippias und Hipparchos, die als Tyrannen die Geschicke Athens von etwa 560 bis 510 bestimmten. Als hochadelige Familie werden die Alkmeoniden in Freundschaftsbeziehung zu König Kroisos von Lydien gestanden und ihm zu Ehren den Sohn benannt haben, auf dessen Grab die Statue stand. Das Epigramm sagt, dass Kroisos in der Schlacht unter den Vorkämpfern vom wütenden Ares, dem Kriegsgott, vernichtet wurde und wendet sich an den Vorübergehenden, dass er stehenbleibe und den toten Kroisos beklage:  

Στῆϑι καὶ οἴκτιρον Κροίσου παρὰ σῆμα ϑανόντος,
Ηόν ποτ’ ἐνὶ προμάχοις ὢλεσε ϑοῦρος  Ἂρης
„Bleibe stehen und trauere beim Male des toten Kroisos,
den einst unter den Vorkämpfern fällte der wütende Ares.“

Auffallend ist indes, dass die Grabstatue des Kroisos „durch nichts (…) als Krieger, als Hoplit oder Ritter“ gekennzeichnet ist, wie Werner Fuchs bemerkt, vielmehr als „ein nackter Jüngling in voller Blüte und Kraft mit mächtigen Gliedern, strahlendem Antlitz und reich gearbeitetem Haar, das kunstvoll auf die Schultern fällt“, wiedergegeben ist. Auffallend ist weiterhin, dass die Arme jetzt frei und locker am Körper herabhängen, ohne ihn zu berühren, und auch nicht, wie früher üblich, durch Stege mit dem Körper verbunden sind, sodass „die ausgesparte Fläche zwischen Körper und Arm (…) den geschwungenen Umrissen von Leib und Arm (folgt)“, wie Werner Fuchs betont. Dadurch ist ein neues Körpergefühl ausgedrückt, indem jetzt alle Teile des Körpers freiplastisch gestaltet sind. Nach Meinung vieler Archäologen ist mit der Grabstatue des Kroisos „die Stufe der spätarchaischen Kunst“ der Jahre um 530/525 v. Chr. erreicht, wo die neue klassische Gesinnung schon ganz nahe ist“ und die Stufe des Strengen Stils der Jahre um 500/490 v. Chr. beginnen kann.

Anders als der attische Grabkuros im Metropolitan Museum of Art in New York 3, der ebenfalls in Anavyssos zutage gekommen ist, ist unsere Grabstatue „ein treffliches Sinnbild der Lebenseinstellungen und Normen der Reichen und Mächtigen und verbildlicht einmal mehr die Ideale des griechischen Adels“, wie es der Archäologe Michael Siebler formuliert und fortsetzt: „Der nackte, wohlgeformte und durchtrainierte Körper dokumentiert die physische Leistungsfähigkeit des Dargestellten, egal ob sie ihm im wirklichen Leben tatsächlich gegeben war oder nicht – es ging ja um die Abbildung eines abstrakten Ideals. Die Nacktheit unterschied in der Kunst den Griechen vom (bekleideten) Barbaren, besonders von den als verweichlicht geltenden Persern, gegen die der körperlich starke Grieche siegreich gewesen war. Die geradezu artifiziell gestalteten, sorgfältig mit einem Haarband oder einer Kappe gebändigten Langhaarfrisuren wiesen den Dargestellten als Angehörigen einer sozialen Oberschicht aus, zu deren Lebensstil die aufwendige Pflege von Körper und Haaren gehörte - jener Lebensform, bei der sich der Einzelne frei von jeder körperlichen Arbeit im sportlichen und geistigen Wettkampf mit seinesgleichen maß, konnte nur der Adel frönen. Die Adelsfamilien waren es auch, die über die finanziellen Mittel zur Aufstellung solcher ’Kouroi’ verfügten. Bewegungsfähigkeit also war der Schlüsselbegriff bei der Darstellung des nackten Mannes - egal ob im realen oder abstrakten Sinne.“

Das waren gleichsam die gesellschaftspolitischen Veränderungen in der attischen Gesellschaft dieser Jahrzehnte im ausgehenden 6. Jh. v. Chr., die auch zu dieser grundlegenden Veränderung der Skulptur der Griechen führten oder zumindest dazu beitrugen. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass die Bildhauer noch nicht die Körper „naturalistisch bewegt“ komponierten, es vielmehr noch eine Weile dauerte, bis sie das immer noch strenge Gefüge der archaischen Körpergestaltung allmählich lockerten und „die Knie nicht mehr fest durchgedrückt, sondern leicht nachgebend“ gestalteten, darüber hinaus den Kopf leicht geneigt sich dem Betrachter zugewendet zeigten, sodass sich ein neues Menschenbild herausbilden konnte, das wir mit dem Begriff des Strengen Stils benennen.  

Anmerkungen

  1. Athen, NM 3851.  Grabstatue aus Anavyssos. Marmor. Um 540/530 v. Chr.  H.: 1,94 m. http://viamus.uni-goettingen.de/fr/sammlung/ab_rundgang/q/02/02. http://sammlungen.uni-frankfurt.de/objekt/63/kuros-aus-anavyssos-grabstatue-des-kroisos (Yannic Jäckel):  gelblich eingefärbter Gipsabguss nach dem Original (Goethe-Universität Frankfurt/Main, Abgusssammlung Inv. Nr. A 193). 
  2. W. Fuchs, Die Skulptur der Griechen, München 1969, 34 ff. Abb. 20 f.
  3. M. Siebler, Griechische Kunst, Köln 2007, 42 f. mit Abb.